Nazar

von Rejanja
GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P16
05.05.2016
11.01.2019
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Dieses Kapitel
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Elrond starrte mit versteinerter Miene auf die Tischplatte seines kleinen Schreibtisches und wartete. Nichts war von Dauer, und oft genug verhielten sich Dinge absolut nicht so, wie es zuerst den Anschein hatte. Dies war so eine einfache Weisheit, dass er nicht geglaubt hatte, dass die Valar gerade ihn daran erinnern wollten. Doch offensichtlich war genau dies gerade passiert. Zumindest kam dem Peredhel nichts in den Sinn, wie er den heutigen Tag sonst hätte deuten sollen.

Es war ein guter Vormittag gewesen. Seine Nacht war zwar noch recht anstrengend verlaufen, doch nachdem er mit Theredel die neue Erfindung Côleredhs so erfolgreich ausprobiert hatte, hatte auch der Herr von Imladris sich endlich, und diesmal voller Zuversicht, zur Ruhe legen können. Gerne hätte er sich morgens in der Frühe erhoben, um die Versuche weiterzuführen, doch war er zu erschöpft gewesen, und so war es Elrohir gewesen, der ihn schließlich am späten Morgen geweckt hatte. Einen kurzen Moment war Elrond daher angespannt gewesen, doch sein Sohn hatte ihn schnell beruhigen können. Er hatte die Erfindung Côleredhs mittlerweile an einigen Menschen ausprobiert und sie wirkte sehr gut. Sie hatten damit also tatsächlich ein wirksames Mittel im Kampf gegen die Seuche gefunden, das ihnen tatsächlich sehr viel Arbeit abnahm. Allerdings war der Vorrat an Bergsalz gänzlich erschöpft, und so hatten die Heiler sehnsüchtig auf die Ankunft Meister Theredels vom Marktplatz gewartet, um mehr der stärkenden Flüssigkeit zubereiten zu können.
Den Valar sei Dank hatte dieser dann auch um die Mittagsstunde herum mit einer guten Ladung des kostbaren Salzes das Tor der Heilerschaft passiert, sodass Elrond zu diesem Zeitpunkt davon ausgegangen war, dass der heutige Tag einen großen Durchbruch im Kampf gegen die Krankheit bedeutete.
Als er dann noch erfahren hatte, dass Côleredh auf dem Markt auf das südländische Heilbier gestoßen war, von dem er einst einige Flaschen aus dem südlichen Gondor nach Imladris gebracht hatte, hatte Elrond geglaubt, dass diesen Tag nichts mehr hätte trüben können. Doch es sollte sogar noch besser kommen, denn Côleredh hatte ihm kurzerhand das Geheimnis der Heilkraft des Bieres verraten, und damit einmal mehr bewiesen, was für eine außergewöhnliche Bereicherung seine Anwesenheit in Elronds Heilerstab darstellte.
„Das Geheimnis liegt in der Lagerung und der Aufbereitung der Hirse, Herr“, hatte der ehemalige Sklave aus Mordor seinem Herrn geantwortet, als dieser seine Gedanken um die Heilkraft beim Begutachten der Hirsebeutel laut ausgesprochen hatte. „In Khand lagern die Menschen ihre Hirse in Vorratsgruben im Erdboden. Es muss etwas Besonderes in der Erde Khands sein, was Heilkraft besitzt. Diese entfaltet sich beim Gären der Hirse.“
Elrond war ehrlich erstaunt über das Wissen seines Zöglings gewesen, doch auf seine kurze Frage, woher er dies erworben hatte, hatten sich die Augen des großen Sinda sofort ein wenig getrübt. „Meine vorletzte Herrin …“, hatte er stockend geantwortet. „Ich lauschte zwei Händlern in einem Gespräch, und gemeinsam mit einem Schriftstück, welches ich von dort entwendet hatte …“ Schnell hatte der Elb sich tief vor ihm verneigt. „Meine Herrin benötigte das Bier um zu überleben“, hatte er dann kurz erklärt. „Das Wissen um dessen Herstellung versetzte sie in die Lage, Unmengen dieses Getränkes für wenig Geld zu erwerben …“ Dabei war Côleredh tatsächlich rot geworden. „Nur darum habe ich das Schriftstück entwendet …“
Elrond hatte seinen Zögling nur schmunzelnd auf die Schulter geklopft. Warum sollte es ihn kümmern, wen sein Zögling und warum vor Jahrhunderten beklaut hatte?
Er fand es lediglich äußerst interessant, wie dieses Heilbier tatsächlich hergestellt wurde, denn das Wissen darum würde sicherlich auch ihnen zu einer beträchtlichen Menge verhelfen, die sie für wenig Geld erwerben konnten. Immerhin war der Händler noch vor Ort und Elrond nahm sich fest vor, ihm am nächsten Morgen einen Besuch abzustatten.
So fand dieser Morgen einen guten Abschluss, lediglich die Laune des obersten Heilers schien gedämpft zu sein. Dies hatte Elrond schon bemerkt, als die drei vom Markt gekommen waren, denn Meister Theredel war ungewöhnlich wortkarg gewesen. Auch schien es, als konnte er so gar nicht mit der guten Stimmung des Herrn von Imladris mitgehen, denn mit verdunkelter Miene hatte er die Säcke schnell abladen lassen und war gleich darauf zu einigen anwesenden Heilern seines Stabes gegangen, um diese bei der Herstellung der stärkenden Flüssigkeit anzuweisen.
Elrond hatte Theredels Verhalten zwar zur Kenntnis genommen, doch war er mit dem neuen Heilbier so beschäftigt gewesen, dass er dem nicht weiter nachgegangen war.
Doch kaum hatte er wieder seine kleine Stube betreten, um einige der notwendigen Planungen für die darauffolgenden Tage anzugehen, war der oberste Heiler Thranduils zu ihm gekommen, und hatte um ein Gespräch gebeten.
„Deine Stimmung ist nicht die beste, das habe ich schon bemerkt“, hatte Elrond ihn schlicht begrüßt, als dieser sich schwer auf dem Stuhl vor seinen Arbeitstisch gesetzt hatte. „Wie kann ich helfen?“
Dabei hatte Elrond nicht im Entferntesten damit gerechnet, was nun kommen sollte. Theredel hatte nur die Stirn gerunzelt, um dann deutlich zu machen, dass er die jetzigen Ereignisse aufs Äußerste begrüße, in Zukunft aber jeglichen Kontakt zu Côleredh Hâdhlainíon strikt ablehne.
Auf Elronds erstaunte Nachfrage nach dem Grund, hatte der Nando ungewöhnlich aufgebracht über die jüngsten Ereignisse auf dem Marktplatz berichtet, sowie einen Vorfall vor einigen Tagen angeführt, bei dem sich sein Zögling ihm gegenüber äußerst respektlos verhalten hatte. „Ich will nicht bestreiten, dass er bei dieser Unternehmung von großem Nutzen ist“, hatte Theredel dennoch eingeräumt. „Auch will ich seine Leistungen gerne würdigen. Doch mich nimmt dieser Elb nicht ernst, Herr Elrond, und das kann ich unmöglich billigen.“
Elronds anfängliche Überraschung, die schon nach einigen Minuten während Theredels Rede in Bestürzung übergegangen war, hatte sich da schon in echte Entrüstung und Wut gewandelt.
Natürlich konnte er Theredels Ansinnen nach diesen Vorfällen nachvollziehen. Ja, er fand seinen Entschluss, der keine Forderung nach einer Strafe oder Genugtuung enthielt, sogar durchaus gütig. Dennoch könnte er hier unmöglich Milde walten lassen, ganz gleich, wie sehr er es sich wünschte und wie sicher er war, dass Theredel einlenken würde. Immerhin war dieser der oberste Heiler des Königs des Waldlandreichs, ja sein ureigener Leibheiler, und bekleidete damit einen Rang kurz unterhalb des Königs. Hier Nachsicht walten zu lassen, könnte Thranduil als einen Angriff auf seine eigene Integrität deuten, und Elrond hatte wenig Lust auf einen Krieg gegen das Waldlandreich. In Zeiten wie diesen, in denen die Dunkelheit in Mittelerde zunehmend wuchs, war es wichtiger denn je, bestehende Bündnisse zu festigen, als sie durch nicht durchdachte Reaktionen zu gefährden.
Daher hatte Elrond dem obersten Heiler des Waldlandreichs seinen Respekt zugesichert und ihn aufrichtig um Vergebung gebeten, eher er nach Côleredh gerufen hatte. Theredel hatte sich anschließend erhoben, doch hatte Elrond ihn gebeten, zu bleiben. „Wenn du es noch einen kurzen Moment ertragen kannst, würde ich es begrüßen, wenn auch du der Anhörung beiwohnst, Theredel“, hatte er sich dann mit einer respektvollen Verneigung an den Heiler gewandt. „Côleredh soll sich zu den Vorwürfen äußern, und wenn du es zulässt, auch um Vergebung bitten dürfen. Mir zumindest wäre das wichtig.“
Einen kurzen Augenblick hatte der oberste Heiler nachdenklich auf die Tischplatte vor sich gestarrt, und auch, wenn Theredel nicht viel von Politik verstand, hatte es den Anschein, als hätte der oberste Heiler Thranduils eine ungefähre Ahnung, welches Schauspiel folgen würde und vor allen Dingen, wem es dienen sollte.
Dabei ging es weniger um ihn, und auch Elrond hatte sicherlich keinen unmittelbaren Nutzen davon. Denn neben der Tatsache, dass nicht nur im Waldlandreich, sondern auch in Imladris jeder Elb ein Recht darauf hatte, im Falle derartiger Vorwürfe angehört zu werden und seine Strafe durch Erklärungen oder angemessenes Verhalten gegenüber dem Geschädigten abzumildern, so ging es vor allen Dingen um das Gefühl, was Theredel unbewusst ausstrahlen würde, wenn er seinem eigenen Herrn, Thranduil Oropheríon, begegnen würde.
Denn ein Gefühl mangelnder Wertschätzung oder ungesühnter Verfehlungen gegenüber seinen Elben, insbesondere in so hoher Stellung, würde der König niemals unbeantwortet lassen. Der Zorn des Elbenkönigs Rhovanions aber war in ganz Mittelerde gefürchtet, denn Thranduil hatte selten Lust auf Diplomatie. Wenn er sich beleidigt fühlte, brach er schon einmal für einige Jahrhunderte den Kontakt zu anderen Elben ab, vollkommen unabhängig davon, ob dies einen Krieg nach sich ziehen würde oder Mittelerde im Kampf gegen das Böse dringend Bündnisse brauchte. Genau diesen Konflikt aber fürchtete Elrond, und eben darum hatte Elrond Theredel so eindringlich gebeten, beim nachfolgenden Gespräch dabei zu sein.

Theredel hatte schließlich bestätigend genickt. „Doch nicht allzu lange, Herr Elrond“, hatte er seinem Nicken dabei hinzugefügt. „Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Elben noch ertrage.“ Elrond hatte nur erleichtert den Kopf geneigt, froh über diese Zusage, und seitdem warteten sie, beide schweigend und ihren Gedanken nachhängend, auf die Ankunft Côleredhs.

Schließlich klopfte es an der Tür, und nach einem kurzen Zuruf Meister Theredels trat der Krieger Amarth zögerlich in den Raum. „Er steht draußen, Herr“, informierte er seinen Herrn unaufgefordert. „Soll ich ihn hineinbitten?“. Augenblicklich verhärtete sich die Miene des Herrn von Imladris. „Nein“, antwortete er nur schroff und zeigte auf die Peitsche, die locker an der linken Seite von Amarths Gürtel hang. Der Krieger runzelte die Stirn, doch gehorchte er sofort und reichte seinem Herrn die Waffe. Elrond wog die Peitsche nachdenklich in der Hand, bevor er sie fest auf seine Tischplatte legte. „Die Strafe wird der Tat angemessen sein, das verspreche ich“, sagte er dann mit zusammengekniffenem Mund, dabei die Peitsche begutachtend, ehe er zu Theredel aufblickte. Dieser hatte ebenfalls mittlerweile die Stirn gerunzelt, schwieg aber und beobachtete den sich sofort wandelnde Ausdruck auf Meister Elronds Gesicht, als dieser sich ihm zuwandte.
„Ich kann nur nochmals um Vergebung bitten“, bat der Herr von Imladris nun mit so ergebenen Blick, dass Theredel unwillkürlich errötete. „Ich kann mir meine eigene Fehleinschätzung kaum erklären, und sie ist mir unendlich peinlich. Doch ich war wirklich davon ausgegangen, dass sich Côleredh dir gegenüber achtsamer und auch gehorsamer verhalten würde. Natürlich wird er dich nicht mehr belästigen.“ Wieder wandte der Herr von Imladris seinen Blick kurz zu der Peitsche auf seinem Tisch. „Ich weiß, wie dieses Verhalten in Waldlandreich geahndet wird, und selbstverständlich wird Imladris dem nicht nachstehen. Ich werde die Bestrafung selbst vornehmen, schon alleine aus Respekt vor dir und deinem Rang …“ Theredel räusperte sich laut, sodass Elrond im Satz innehielt und Blickkontakt mit dem obersten Heiler Thranduils aufsuchte, denn auf keinen Fall wollte er seine Bitte um Vergebung durch Respektlosigkeit schmälern. Theredel hingegen schüttelte nur den Kopf und machte eine abwehrende Geste. „Ich möchte keine Körperstrafe, Meister Elrond“, sagte er fast ein wenig entsetzt. „Ihr wisst, wie ich dazu stehe. Es gibt andere und wesentlich lehrreichere Möglichkeiten der Bestrafung, das habe ich bei Euch in Imladris gelernt. Wenn es irgendwie geht, möchte ich allerdings von diesem Elben bis auf weiteres verschont bleiben, alles andere überlasse ich Euch und Eurem gerechten Urteil.“
Entgegen Theredels Erwartungen, der wusste, dass auch den Herr von Imladris wenig von Körperstrafen hielt, zeigte dieser keine Erleichterung. Es schien Theredel fast, als wäre Meister Elrond mittlerweile so wütend, dass er in diesem Fall eine derartige Bestrafung nicht nur als Notwendigkeit sehen, sondern nahezu begrüßen würde, denn mit versteinertem Gesicht und blitzenden Augen starrte dieser weiter auf die Peitsche. Doch schließlich klärte sich der Blick des Peredhel, und er nickte Theredel nur kurz zu. „Alles, was du wünschst, soll dir in diesem Fall gewährt werden, Theredel“, antwortete er schließlich tonlos. „Alles, solange es die Beschämung, die dir zuteilwurde, schmälern kann.“

Auf Forderung eines recht beklommenen Amarths, betrat Côleredh im höchsten Maße angespannt die kleine Stube seines Herrn. Nur flüchtig nahm er die Peitsche auf dem Tisch wahr, mit dessen ledernen Knauf sein Herr mit verdunkelter Miene eher unbewusst immer wieder spielte. Seine Aufmerksamkeit war auf die Stimmung seines Herrn und auf den grimmigen Gesichtsausdruck des obersten Heiler gerichtet, welche nichts Gutes erahnen ließen. Vorsichtig und mit dem nötigen Respekt verneigte sich der große Sinda in den Raum hinein und blieb so stehen, bis sein Herr ihn mit einer schroffen Geste zu sich befahl. „Wen siehst du eigentlich, wenn du mich anblickst, Côleredh?“, fragte sein Herr nach einem Augenblick angespannter Stille, in der sich der Elb aus Mordor nicht zu rühren wagte. Augenblicklich senkte Côleredh den Kopf. „Ihr seid mein Herr“, flüsterte er dann mit trockener Kehle so leise, dass die beiden anderen Elben es kaum verstanden. „Der Herr von Imladris ist mein Herr.“
Elrond nickte mit grimmigem Blick. Mittlerweile hatte er sich erhoben und stütze seine Hände auf die Tischplatte, während er nahezu lauernd seinen Zögling betrachtete. „Soso“, antwortete er leise. „Dein Herr also?“ Côleredh schluckte angespannt, und nickte vorsichtig mit dem Kopf. Er spürte die Wut Meister Elronds nahezu körperlich. Sein Herr war so wütend, wie er es noch nie erlebt hatte, und Côleredh empfand eine Furcht, wie seit langem nicht mehr. „Einem Herrn, dessen Anweisung dir offensichtlich so wenig bedeutet, dass du sie einfach nicht ausführst“, fuhr Elrond zischend fort. „Oder hast du meinen Befehl zu Beginn eurer Unternehmung etwa vergessen?“
Côleredhs Knie wurden weich. Gerne wäre er stehen geblieben, doch der drohende Tonfall und die unendliche Scham, die er angesichts dieser Frage empfand, forderten ihren Tribut. Unmittelbar sackte der Elb auf die Knie und neigte sein Haupt tief dem Boden entgegen. „Ich habe ihn nicht vergessen, Herr. Das schwöre ich. Ich habe ihn nicht vergessen …“, flüsterte er beschämt, doch Elrond schnaufte nur verächtlich. „Dann wiederhole ihn!“, blaffte er seinen Zögling laut an. „Sofort!“
Côleredh sog zitternd die Luft ein. „Meister Theredel übernimmt die Leitung der Unternehmung, und ich habe ihm zu gehorchen“, antwortete er mit belegter Stimme. „Großartig“, stellte Elrond daraufhin zynisch fest. „Behalten und nicht angewandt, würde ich sagen.“ Dabei wandte er sich dem obersten Heiler zu. „Ein klarer Fall.“
Theredel nickte ruhig zurück. Das ganze Schauspiel bildete mittlerweile einen Art Anker in seinen durchaus widerstreitenden Gefühlen, denn es erinnerte ihn stark an jene Vorführungen, zu denen er sich bei klarem Ungehorsam in den Hallen der Heilung oft genug genötigt sah. Sie dienten dazu, dem Übeltäter punktgenau seine Verfehlungen vorzuführen. Mit einer gehörigen Portion Wut und Enttäuschung versehen, brannte sich diese demütigende Erfahrung so sehr in dem Elben ein, dass er sie nie wieder vergaß, und den Fehler demzufolge nicht mehr widerholte. Zusätzlich stellte sie die Rangordnung wieder her, die durch die Tat des rangniederen Elben Risse erhalten hatte. Die Strafe selbst wurde nur in den seltensten Fällen erlassen, doch konnte sie so oftmals, auch für aran Thranduil annehmbar, abgemildert werden.
„Wie lautet die Strafe im Waldlandreich für einen derartigen Ungehorsam, Theredel?“ Theredel rollte innerlich mit den Augen. Auch diese Prozedur gehörte zu dem Schauspiel, das wusste er genau, dennoch fiel es ihm unendlich schwer, für diese eine Verfehlung ein gerechtes Urteil zu finden, insbesondere, da die Abneigung, die er angesichts dieses Elben spürte umso größer wurde je länger dieser sich so direkt neben ihm aufhielt. Und plötzlich wusste der oberste Heiler, welches Problem er mit Côleredh eigentlich hatte, denn er spürte es so genau, dass es ihm kurz den Atem verschlug.
Er spürte Mordor. Dieses widerwärtige Land ergoss sich mit jedem Atemzug des großen Sinda in den Raum und verdarb jegliche Luft. Theredel spürte nahezu, wie das Böse sich wie ein schwarzer Mantel um ihn zu legen begann und seine Gestalt immer mehr zusammendrückte. Jede Zelle seines Körpers begann, sich gegen die mordorgetränkte Atmosphäre aufzulehnen, die einst so stark nach dem Tod seiner geliebten Familie sein kleines Heimatdorf im Griff hatte, und Theredel musste einmal tief durchatmen, eher er überhaupt in der Lage war, vernünftig zu antworten. „Schwer zu sagen“, antwortete er daher zögerlich, während er sich bemühte, dem Drang zu wiederstehen, dem Raum zu verlassen.
Doch plötzlich wandelte sich die Atmosphäre. Die Luft klarte sich auf, die dunklen Schatten verblassten, und Theredel spürte die gewohnte lichte Sanftheit, die allen Räumen anhaftete, in denen Meister Elrond sich längere Zeit aufhielt.
Theredel blickte verstohlen zur Seite. Der Elb aus Mordor hatte sich nicht geregt. Er lag weiterhin, vollkommen starr auf den Knien mit dem Kopf zu Boden, und als Theredel genauer hinschaute, sah er sogar ein leichtes Zittern der Schultern, was er folgerichtig als echte Scham deutete.
Auch Meister Elrond hatte seine Haltung nicht verändert. Mit dem Oberkörper nach vorne gebeugt, sich mit den Händen auf der Tischplatte abstützend, stand der Herr von Imladris hinter seinem Schreibtisch und blickte mit verdunkelter Miene zwischen Theredel und seinem Zögling hin und her.
„Fünfzehn feste Peitschenhiebe für den Ungehorsam“, fasste Theredel dann zusammen. „Fünfzehn weitere für die Beschämung. Weniger würde aran Thranduil nicht erlauben.“ Nachdenklich runzelte er die Stirn. Elrond nickte grimmig. „Ich gehe davon aus, dass ein derartiges Verhalten, wie Côleredh es sich dir gegenüber am Tor der Heilerschaft geleistet hat, und das du in deiner Güte eigentlich versucht hast zu vergessen, eine ähnliche Bestrafung nach sich ziehen würde?“, fragte er dann weiterhin grimmig nach.
Côleredh zuckte nur, eine Reaktion, die von Elrond durchaus geplant war und innerlich mit Wohlwollen zur Kenntnis genommen wurde. Auch Theredel war die Reaktion Côleredhs nicht entgangen, der immer noch mit gesenktem Haupt seitlich vor ihm kniete und sich nicht zu regen wagte. „Für die Beschämung mindestens fünf Schläge mehr, Meister Elrond“, antwortete er dann nüchtern aber darauf bedacht, eine möglichst genaue Einschätzung zu geben. „Immerhin erfolgte diese vor meinem gesamten Stab.“
Côleredh hatte sich angesichts der letzten Aussage noch tiefer dem Boden genähert. Er empfand ein Gefühlsgemisch aus Trauer, Scham und großer Enttäuschung, die nicht den beiden Herrn, sondern ausschließlich ihm selbst galt. Selten in seinem Leben hatte er sich dermaßen als Versager gefühlt wie in diesem Moment. Er war ein Schwächling, der vielleicht Mordor überstehen konnte, aber an den Herausforderungen dieser neuen Welt gerade vollkommen gescheitert war. Natürlich hatte er gespürt, dass die Anordnung Ûlveluis falsch gewesen war, und es besser gewesen wäre, Meister Theredels Aufforderung, ihm die Tasche zu geben, Folge zu leisten. Ebenso war ihm durchaus bewusst gewesen, dass sein Alleingang auf dem Marktplatz zumindest ein Wagnis gewesen war.
Doch er war zu schwach gewesen, in beiden Fällen das Richtige zu tun. Im ersten Fall hatte er einfach nicht geschafft, Herrn Ûlvelui zu trotzen, und war entgegen seines Gefühls, der Aufforderung des obersten Heiler Thranduils einfach nicht nachgegangen. Im zweiten Fall hatte ihn seine Vergangenheit eingeholt, und er war zu schwach gewesen, sich gegen diesen Einfluss zu stellen. Er hatte sich hinreißen lassen, getrieben von dem trügerischen Gefühl, den Bewohnern Thals etwas Gutes zu tun, und dabei in Kauf genommen, einen Befehl seines geliebten Herrn nicht nachzukommen. In Mordor wäre dies ein tödlicher Fehler gewesen, wobei ihm die Folter als Einstimmung auf eine bestialische Hinrichtung bevorgestanden hätte. Fünfundsechzig Peitschenhiebe, selbst wenn sie fest geschlagen wurden, erschienen ihm als ein mildes Urteil. Aran Thranduil war offensichtlich ein gütiger König, der kein Interesse an Qual und Tod anderer Elben hatte.
Elrond nickte nur stumm, während er den auf den Boden knienden Elben betrachtete. Auch ihm war das leichte Zittern seiner Schultern nicht entgangen. Das erste Mal seit langer Zeit, sah er nun, wie sich das drängende Gefühl von Scham gepaart mit großer Ehrfurcht und Angst durch den Panzer der Selbstbeherrschung seines Zöglings Bahn brach, und fast schon tat ihm seine Schärfe Leid. Immerhin war Côleredh nicht irgendein Elb. Achthundert Jahre hatte dieser Sinda in Mordor mehr überlebt, denn gelebt, wobei gerade diese Ausdruckslosigkeit und Selbstbeherrschung einen festen Bestandteil seines Überlebens dargestellt hatten. Der ehemalige Sklave aus Mordor musste gerade eine innere Qual durchleiden, die er, der immer im Licht gelebt hatte, wohl nicht im Entferntesten nachvollziehen konnte. Trotzdem konnte er ihn jetzt nicht schützen, so leid es ihm auch tat. Es ging um so viel mehr als ihn oder Elrond. Es ging sogar um mehr als um Theredel, der mittlerweile wieder in sich gekehrt auf die Tischplatte starrte. Es ging vorrangig darum, ein auch für Thranduil gerechtes und nachvollziehbares Urteil zu finden, und natürlich darum, weiteren Respektlosigkeiten vorzubeugen.
„Nun Côleredh“, fuhr Elrond darum, nun aber wesentlich ruhiger, fort. „Du hast Meister Theredel gehört. Möchtest du zu diesen zwei Vorfällen irgendetwas sagen?“
Côleredh schluckte wieder und hob seinen Kopf nur leicht an. „Es tut mir leid, Herr“, flüsterte er dann leise. „Ich war einfach zu schwach.“ Eine Verteidigung oder weiterführende Erklärung, wie generell üblich, folgte zu Theredels Erstaunen nicht. Noch nicht einmal eine Bitte um Vergebung kam aus dem Munde dieses Elben, was den obersten Heiler sofort aus seiner Versunkenheit riss. Der Elb aus Mordor senkte einfach wieder den Kopf und blieb regungslos auf den Knien liegen. Theredel hob überrascht eine Augenbraue und suchte Blickkontakt mit Meister Elrond. Dieser hatte sich angesichts der Reaktion seines Zöglings seufzend wieder gesetzt und beantwortete dem Blick Theredels seinerseits mit einem kurzen Anheben beider Augenbrauen.
Natürlich würde Côleredh freiwillig nichts über seine Beweggründe sagen. Dazu war er einfach nicht in der Lage. So intelligent der Elb auch war, so zurückhaltend war er mit seiner Sicht der Dinge. Für Côleredh war die Situation nach wie vor recht einfach. Aufgrund einer Schwäche hatte er versagt. Versagen bedeutet generell den Tod. In seiner neuen Heimat möglicherweise nur eine Strafe, die er anstandslos annehmen würde, wie er alles hinnahm, was man ihm angedeihen ließ. Der Elb, der sowohl gestern als auch heute Vormittag noch mit seinen eigenständigen und brillanten Einfällen ihre Unternehmung so nachhaltig bereichert hatte, war angesichts Elronds scharfer aber gerechtfertigter Maßregelung sofort in seinen alten gewohnten Zustand zurückgefallen, und nichts deutete mehr auf die Eigenständigkeit hin, auf die Elrond heute Morgen noch so stolz gewesen war. Er verteidigte sich nicht, er erklärte sich nicht, er nahm jedes Urteil seines Herrn einfach nur an. Elrond musste ihm helfen, auch wenn ihn der jetzige Zustand seines Zöglings einfach nur enttäuschte.
„Inwiefern warst du zu schwach, Côleredh?“, überwand sich der Herr von Imladris daher. „Könntest du dies gerade Meister Theredel bitte erklären? Immerhin hatte er unter deiner Schwäche zu leiden!“
Côleredh hob den Kopf, doch traute er sich nicht, seinen Herrn oder Meister Theredel anzublicken. „Ich wäre Eurer Aufforderung nach der Tasche so gerne gefolgt, Herr“, erklärte er dann leise. „Doch ich war zu schwach, um der Anweisung Herrn Ûlveluis zu trotzen. Aber ich hätte es tun müssen. Ebenfalls war ich zu schwach den Geistern meiner eigenen Vergangenheit zu widerstehen. Die Erinnerung an dieses hilfreiche Getränk hatte mich so im Griff …“ Plötzlich hob der Elb die Augen, und zu Theredels Erstaunen, sah er erstmals tiefe Gefühle im Antlitz dieses Elben schimmern. Er entdeckte unendliche Scham und große Schuld. Doch spürte er auch Angst und Respekt vor seiner eigenen Person, in einer Deutlichkeit, die ihm die Sprache verschlug, insbesondere, da zwischen ihnen beiden keine vertraute Seelenverbindung existierte, durch die gerade empfundene Gefühle sehr verdichtet übertragen werden konnten.
„Es war nie mein Ansinnen, Euch zu erzürnen, Herr“, fuhr Côleredh im bittenden Tonfall fort, senkte dann aber sofort wieder den Blick. „Doch ich habe es getan, und ich habe keine Erklärung, die eine Strafmilderung zulassen würde. Ich bin schuldig und verdiene diese Schläge.“ Dann senkte er wieder den Kopf dem Boden entgegen und schwieg.

Theredel war baff.

Offensichtlich war diesem Elben vollkommen klar, warum sein eigener Herr so bohrend nachfragte, doch statt diese Vorlage zu nutzen, um für sich zumindest eine Strafmilderung herauszuholen, bekannte er sich schuldig und nahm die ihm angedachte Strafe einfach an. Im Waldlandreich kam dieses Verhalten zwar öfter vor, für einen Elben aus Imladris aber war es im höchsten Maße ungewöhnlich. Imladris-Elben kannten kaum Körperstrafen, hatten generell einen eigenen Kopf und würden angesichts der Fülle der Schläge sicherlich zumindest auf eine andere Bestrafung drängen. Sie konnten sich lange und ausführlich erklären und waren ausgesprochen gut im Verhandeln. Bedingungslosen Gehorsam kannten sie nicht, gleichwohl auch sie Strafen annehmen mussten, so ihr Herr sie verhängte. Doch Theredel war ja nie davon ausgegangen, dass Meister Elrond es tatsächlich über sich bringen würde, diesen Elben traditionell nach Waldlandart zu strafen, gerade, weil er selbst dies nicht verlangt hatte. Vielmehr diente das Aufzählen der Schläge doch nur der Suche nach einer gleichwertigen Strafe!
Doch als Theredel zu Meister Elrond blickte, der mittlerweile wieder einen grimmigen Gesichtsausdruck angenommen hatte, während er die Peitsche fest im Griff hielt, war der oberste Heiler sich nicht mehr so sicher.
„Was hat Ûlvelui damit zu tun, Côleredh?“, blaffte dieser jetzt auch erbost. Côleredh zuckte kurz zusammen. „Er befahl mir, Meister Theredel die Tasche nicht zu reichen“, antwortete dieser aber gehorsam. „Und ich folgte seinem Befehl entgegen meiner Gefühle.“
Theredel vernahm die Erklärung mit größter Überraschung, denn in seinen Augen änderte diese Aussage alles. Wenn ein Elb einen Befehl erhielt und diesen ausführte, war dies zumindest im Waldlandreich niemals ungehorsam, egal ob dieser Befehl gerechtfertigt war oder nicht. Denn Befehle konnten nur Vorgesetzte erteilen, welche dann für diesen Befehl in der Verantwortung standen, nicht aber der untergebene Elb. Wenn dieser Ûlvelui also ein Vorgesetzter Côleredhs war, traf nach waldländischen Verständnis die Schuld nicht Côleredh sondern Ûlvelui. Mehr noch: die Tatsache, dass Côleredh einen Befehl entgegen seiner Gefühle befolgt hatte, zeichnete ihn als achtsamen und folgsamen Elben aus. Ihm selbst wurde das Geschehen rund um den Befehl niemals zur Last gelegt, vielmehr war er entschuldigt. Für Theredel änderte dies alles, doch schwieg er, als er das grimmige Gesicht Elronds bemerkte. In Imladris galten andere Regeln, daran konnte er sich noch gut erinnern, auch wenn ihm Teilstücke entgangen waren. Offensichtlich verhielt es sich auch in diesem Falle so, denn Elrond schüttelte nur den Kopf.
„Was siehst du, wenn du Meister Theredel siehst, Côleredh?“, fragte der Herr von Imladris schließlich nach einiger Zeit, in der er Côleredh geringschätzig gemustert hatte. Côleredh schluckte schwer. „Herdir Theredel ist der oberste …“
„Sieh‘ ihn gefälligst an, Elb!“, donnerte Elrond urplötzlich dazwischen. „Wie willst du verständig antworten, wenn du nicht hinsiehst?!“
Côleredh, der den Blick selbstverständlich immer noch dem Boden zugeneigt hatte, hob diesen mühsam, während er zittrig die Luft einsog. Kurz blickte er zum obersten Heiler Thranduils, doch währte dieser Blick nur einen Moment, denn als Theredel ihm den seinen zuwandte, konnte Côleredh nicht an sich halten. Die Scham und der tiefer Respekt, den er angesichts dieses Elben empfand, drückten sein Antlitz nahe zum Erdboden, und ließen ihn einen Augenblick dort verharren, ehe er sich erneut aufraffte, den Kopf zu heben. „Ich sehe herdir Theredel, den obersten Heiler König Thranduils“, sagte er schließlich mit zittriger Stimme, während er die Augen senkte, den Kopf aber oben hielt.
Elrond nickte nur stumm und betrachtete die mühseligen Versuche seines Zöglings eine Weile mit großer Enttäuschung. Er hatte gehofft, dass Côleredh schon weiter wäre. Zumindest so weit, dass er die Hierarchien nicht nur in Imladris, sondern auch im gesamten Elbenreich verstehen und sich demzufolge in seinem Verhalten anpassen würde. Doch das war reichlich missglückt. Côleredh verstand die Rangordnung zwar, und er fühlte sie auch. Dennoch hatte es ihn zumindest im ersten Fall nicht dazu veranlasst, das Richtige zu tun. Elrond musste tiefer gehen, wenn er Kenntnis darüber erlangen wollte, ob sein Zögling die Rangordnung auch wirklich verinnerlicht hatte. Zusätzlich musste er dafür sorgen, dass Côleredh in Zukunft solche Fehler nicht widerholte
„Richtig“, sagte er darum trocken. „Meister Theredel ist der oberste Heiler des Königs. Was also Côleredh, leitest du aus diesem Wissen in Bezug auf seinen Rang in Mittelerde ab? Und sieh ihn dabei gefälligst an!“
Côleredh hob die Augen und blickte Meister Theredel an. Dieses so gar nicht übliche Verhalten beschämte ihn unfassbar, denn der oberste Heiler blickte ihm geradewegs in die Augen, und er konnte sich dem nicht entziehen.
„Er ist der Leibheiler des Königs“, stammelte er dann leise, während er seinen Blick nicht abwandte. „Er bekleidet einen hohen Rang …“
„Höher als Ûlvelui?“, fragte Elrond dazwischen.
Côleredh nickte beschämt.
„Höher als Estelredh?“, bohrte Elrond kühl weiter.
Wieder nickte der Elb aus Mordor beschämt.
„Höher als Lindir?“
Wieder nickte Côleredh.
„Höher als meine Wenigkeit?“ Elronds Frage war lauernd, doch auch hier wusste der Elb aus Mordor die richtige Antwort.
„Nein, Herr“, flüsterte er leise. „Nein.“
„Nun, aber höher als Glorfindels Rang wird er schon sein“, stellte Elrond mit einem bedeutenden Nicken Richtung Theredel fest.
„Nein Herr“, flüsterte Côleredh daraufhin leise. „Herr Glorfindel steht im Rang über Meister Theredel.“
Elrond nickte bestätigend, doch war er mit seinen Fragen noch nicht zu Ende. „Also steht Meister Theredel in der Rangordnung unter Glorfindel und mir“, stellte er einfach fest. „Doch wie sieht es mit Lothlórien aus? Steht Theredel auch hier im Rang unter dem Haldirs und Galadriels beispielsweise?“
Côleredh zögerte kurz und blickte nachdenklich zu Meister Theredel. Dieser schwieg, auch wenn ihn die Fragen mittlerweile stark befremdeten. Im Waldlandreich musste ein Elb vom Rang Côleredhs nur seinen unmittelbaren Vorgesetzten kennen, und wissen, wem dieser diente. Für alles andere trug sein Herr die Verantwortung, und es war sicherlich nicht nötig, die exakte Rangordnung und Einsortierung eines fremden Elben, wie Theredel es war, über mehrere Ebenvölker hinweg zu kennen.
Côleredh zögerte immer noch, woraufhin Elrond mittlerweile den Kopf ungeduldig schief legte. „Deine Einschätzung, Côleredh?“, bohrte er ungeduldig nach.
Côleredh schluckte kurz. „Meins Wissens nach bekleiden in Lothlórien alle Heiler Ränge unter Herrn Haldir. Folglich kann kein Heiler über diesem Krieger stehen“, antwortete er unbeholfen. „Doch ist Meister Theredel Leibheiler des Königs unter Buchen und Eichen und steht damit im Rang bedeutend höher als gemeine Heiler“. Zögerlich blickte Côleredh zu seinem Herrn, dessen Gesichtsausdruck keinen Anhaltspunkt bot, der bei der Lösung dieser schweren Frage hilfreich sein konnte. Schließlich senkte der Sinda wieder seinen Kopf und schüttelte diesen vorsichtig. „Nein, Herr“, beantwortete er dann leise die Frage. „Er muss über Herrn Haldirs Rang stehen.“
Elrond nickte. Côleredh hatte sein Wissen gut kombiniert, um diese durchaus schwere Frage richtig zu beantworten. Er konnte Meister Theredels Stellung über zwei fremde Elbenvölker hinweg einsortieren, was an sich eine gute Leistung war. Umso mehr wog der Ungehorsam, den Côleredh an den Tag gelegt hatte.
Nun, Elrond hatte genug gehört. Mit einem respektvollen Nicken wandte er sich daher an Theredel. „Ich brauche keine weiteren Informationen für mein Urteil. Côleredh ist voll schuldig“, sagte er dann trocken. „Du bist mein Zeuge, dass er die Möglichkeit hatte, sich zu äußern, und auch sein Wissen über deine Stellung abgeprüft wurde.“ Dann erhob sich der Herr von Imladris, woraufhin Theredel, dankbar darüber, diesen Raum alsbald verlassen zu dürfen, es ihm gleich tat. „Ich danke dir, dass du hiergeblieben bist um diese Anhörung mitzuverfolgen, Theredel“, fuhr der Herr von Imladris nun fort. „Und ich möchte dich nochmals um Vergebung für meine Fehleinschätzung in Bezug auf diesen Elben bitten.“ Sorgenvoll verfolgte Theredel die Hand Meister Elronds, die wieder zur Peitsche glitt. „Er wird eine angemessene Bestrafung erhalten und dich in Zukunft nicht mehr belästigen, darauf hast du mein Wort.“
Theredel nickte wortlos und verneigte sich tief vor dem Peredhel. Er selbst hatte, egal, wie sehr er dem Elben aus Mordor zürnte, sicherlich keine so harte Strafe gewünscht, zumal er Coleredhs Verweigerung im ersten Fall mittlerweile ganz anders sah. Nach seinem Rechtsverständnis war es Ûlvelui, den die Schuld traf, doch stand ihm hier schlicht und ergreifend kein Urteil zu. In Imladris herrschten andere Sitten und Gesetze, und wenn der Herr von Imladris meinte, eine Körperstrafe wäre in diesem Fall angemessen, so würde Theredel sicherlich nicht widersprechen.
So verließ er die kleine Stube Meister Elronds schweigend und fast ein wenig bekümmert, aber dennoch erleichtert, dieser widersprüchlichen Atmosphäre endlich zu entrinnen.




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