Nazar

von Rejanja
GeschichteFantasy, Schmerz/Trost / P18
Elrond OC (Own Character) Thranduil
05.05.2016
10.10.2019
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„Er lässt sich Zeit.“ Gelangweilt schoss Barain einige Steine in die Mitte der kleinen Straße, die er zuvor sorgfältig auf einen Haufen gekickt hatte. Die Steine rollten durch den Staub des Bodens und kamen an der anderen Straßenseite kullernd zum Liegen. Wieder holte der Mensch aus, doch diesmal traf er nicht genau, sodass der große Stein, den er zuvor ausgewählt hatte, sein Ziel verfehlte und mitten auf der Straße liegen blieb.
Côleredh blickte dem Schauspiel mit tonlosem Ausdruck zu, wobei er eine Hand sanft an den Hals des Pferdes führte, welches den kleinen Karren ziehen sollte, den die Heiler zu ihrem Ausflug zum Markt mitnehmen sollten. Die junge Stute schnaubte unruhig und spitzte kurz die Ohren. Doch als das kratzende, rollende Geräusch aufhörte, das jeder der verschossenen Steine zwangsläufig auf der Straße hinterließ, entspannte sie sich wieder.
Der oberste Heiler des Waldlandvolks war tatsächlich spät, denn die Sonne begann schon, sich einen Weg über den Himmel zu bahnen, doch Côleredh verspürte keinen Missmut, wie sein menschlicher Mitstreiter. Vielmehr war es äußerste Achtsamkeit, gepaart mit ein wenig Aufregung, die den Elben schon den gesamten Morgen über begleiteten, Gefühle, die der ehemalige Sklave aus Mordor interessiert beobachtete.
Er hatte sich an alles gehalten, was sein Herr von ihm gefordert hatte. Gleich nachdem er den kleinen Arbeitsraum Meister Elronds verlassen hatte, hatte er dafür gesorgt, dass sowohl ausreichend Gold als auch der von Meister Theredel gewünschte Karren am nächsten Morgen verfügbar waren. Anschließend hatte er sich dann tatsächlich zur Ruhe gelegt, was angesichts der Tatsache, dass er in dem großen Schlafsaal nicht alleine war, schon anstrengend genug gewesen war. Schließlich konnte er vor all den anderen Elben nicht seine gewohnte, kniende Position einnehmen, und so hatte er tatsächlich auf einer der Pritschen mehr schlecht als recht die Nacht verbracht. Nun, niemals würde er sich beklagen, immerhin hatte er ausreichend geruht. Doch insgeheim sehnte er sich zunehmend nach einem Ort, wo er seinen Gewohnheiten beim Ruhen nachgehen konnte. Damit war er sicherlich nicht alleine, denn so ziemlich jeder Bruchtalelb mochte diesen großen Schlafsaal nicht, indes ihre Begründungen waren gänzlich andere.

Plötzlich knarrte es an der Tür, und Meister Theredel trat eilig auf die beiden Heiler zu. „Wir sind spät“, stellte er fest, während er sich von Côleredh mit einer auffordernden Geste die Zügel geben ließ. „Das ist wohl wahr“, antwortete Barain trocken. Dann sprang der Mensch auf den Karren und setzte sich auf das quer verlaufende Brett gleich neben Theredel. Der oberste Heiler des Waldlandvolks hob kurz die Augenbrauen, doch ließ er den Jüngling schweigend gewähren. „Es ist besser, wenn die Menschen mich im Blick haben, Meister Theredel“, erklärte Barain freundlich, während er seine Hände nun beidseitig unter seine Oberschenkel klemmte. „Sie kennen mich.“
Theredel nickte. Das war eine durchaus schlüssige Erklärung für das Verhalten des jungen Menschenmannes, und er konnte dieser Idee nur zustimmen. Daher forderte er den großen Sinda mit einem kurzen Blick auf, hinter ihnen Platz zu nehmen. Côleredh gehorchte schweigend, und nach einem kurzen Schnalzen, das der Stute anzeigte, sich in Bewegung zu setzen, befanden die drei Heiler sich nun endlich auf dem Weg zum Ziel ihrer Unternehmung.

Die Straßen waren ruhig und das Hufgetrappel ihrer Stute daher deutlich vernehmbar, denn noch befanden sich die meisten Menschen im Inneren ihrer Häuser bei ihrem morgendlichen Essen. Ab und zu sahen die Heiler einen verwaisten Hund seiner Wege laufen, und auch einige Frauen schlenderten schon mit ihren großen Körben in Richtung des Marktplatzes. Ansonsten aber wirkte die Stadt noch recht verschlafen, und so ließ Theredel dem Tier seine Ruhe und trieb es nicht zur Eile an.
„Deine Erfindung ist beeindruckend“, begann er schließlich das Gespräch, wobei er sich nicht umdrehte. Doch Côleredh wusste auch so, dass er gemeint war. So dankte der Elb leise und senkte seinen Kopf obwohl der königliche Heiler es nicht sehen konnte, wie es im Waldlandvolk generell das rechte Verhalten einem Vorgesetzten gegenüber war. „Meister Elrond und ich haben gestern erfolgreich einem Menschen die Flüssigkeit über diesen Schlauch zugeführt und mussten nur einmal kurz regulieren. Es wird uns viel Arbeit ersparen.“ Barain blickte irritiert, sodass Theredel dem Menschenmann in kurzen Zügen erklärte, um was für eine Erfindung es sich handelte. Daraufhin begannen die Augen des Jünglings zu strahlen, und ehe es sich die Elben versehen hatte, hatte dieser sich umgedreht, um Côleredh überrascht aber auch freudig anzulächeln. „Das habt Ihr getan, Herr?“, brabbelte er dabei aufgeregt. „Bei den Valar – das ist ja eine unfassbare Idee! Ihr seid wahrlich gesegnet!“
Côleredh senkte bei dem so freudigen Ausruf ein wenig beschämt den Kopf, und auch Theredel zuckte angesichts der Lautstärke ein wenig zusammen. Sogleich legte der Nando daher mäßigend seine Hand auf den Arm des Menschen. „Nicht so laut, Barain!“, schalt er den Menschenmann dann leise und blickte vielsagend auf die inzwischen stehengebliebenen Menschen. „Du verstörst sie mit deinem Geschrei, merkst du das denn nicht?“
Augenblicklich hielt Barain inne, dann sackte er schüchtern auf dem Holzbrett zusammen. „Vergebt mir, Herr“, antwortete er kleinlaut. Natürlich hatte der oberste Heiler Thranduils Recht. Es war früher Morgen, der in Thal generell nicht mit lauten Ausrufen begann. Zusätzlich drückte eine Seuche schwer auf das Gemüt der Menschen. Sicherlich hatte keiner Verständnis für den freudigen Ausruf eines Jünglings, sei er auch noch so edler Natur. Ein elbischer Karren fiel schon genug auf, da sollten sie sich zumindest an die Gepflogenheiten der Stadt halten.
„Nun, ich kann dir deine Stimmung nicht verdenken, junger Mann.“ Theredel hatte sich inzwischen zu dem Jüngling gebeugt und zwinkerte ihm aufmunternd zu. „Ich freue mich ebenso, und würde diesen Erfolg gerne in den Straßen Thals feiern. Doch bis jetzt ist es nur ein Versuch. Wir müssen sehen, ob sich diese neuartige Konstruktion bewährt und sie tatsächlich ein Nutzen ist. Bis dahin sollten wir uns mit Freudentänzen zurückhalten, zumal diese Erfindung auch nur zum vollen Einsatz kommen kann, wenn wir ausreichend Bergsalz vom Markt mitbringen.“
Dagegen gab es sicherlich nichts einzuwenden, und so schwieg Barain, während er ebenso wie die Elben darauf wartete, endlich auf dem Marktplatz anzukommen.



Der Markt war größer als Côleredh erwartet hatte. Die Elben ritten geradewegs auf einen riesigen, runden Platz zu, der durchweg gepflastert, nur in der Mitte durch einen mehrstöckigen Brunnen unterbrochen wurde. Dessen Wasser rieselte über wuchtige Teller wie silberne Fäden herunter. Marmorne Skulpturen von Mensch und Pferd, die den Rand der Brunnentreppe zierten, glänzten silbern im Licht der Morgensonne und machten den Mittelpunkt des ausladenden Platzes zu einem wahren Blickfang.
Die Karren der Händler waren am äußeren Rande des Platzes im Kreis angeordnet, wobei die Anfänge einiger Gassen ebenfalls von den Verkäufern in Besitz genommen worden waren.
Kaum hatten die Heiler den Platz betreten, da zügelte Meister Theredel auch schon das Pferd und stieg behände vom Karren ab.
„Was denkst du, Barain. Wo werden wir einen Händler finden, der uns Bergsalz verkaufen kann?“, wandte sich der oberste Heiler des Königs sogleich an den jungen Menschenmann. Dieser zögerte kurz, doch dann richtete er seinen Blick auf die gegenüberliegende Seite. „In der Regel haben die Gewürzhändler ihre Karren dort drüben aufgebaut, Herr“, antwortete er, wobei er geradewegs auf die andere Seite zeigte. „Dort sollten wir mit der Suche beginnen.“
Theredel nickte, dann winkte er Côleredh mit einer leichten Geste zu sich. „Wir können unmöglich mit diesem Karren über den ganzen Marktplatz fahren“, erklärte er kurz angebunden. „Du wirst daher hier warten, während ich mit Herrn Barain die Händler aufsuche.“ Dabei wartete er nicht auf ein Einverständnis, sondern hielt dem Elben auffordernd die Zügel entgegen. Côleredh schluckte kurz angespannt. Es war offensichtlich, dass der oberste Heiler des Königs seine Anwesenheit nicht sonderlich genoss. Zwar hatte er das Lob bezüglich seiner Erfindung soeben durchaus ehrlich gemeint, dennoch zeigte sein Verhalten zu deutlich, dass er Côleredh nach Möglichkeit nicht in seiner Nähe wissen wollte. Dies war ein Umstand, der dem Elben aus Mordor ungewöhnlich schwer aufs Herz drückte, doch selbstverständlich gehorchte er anstandslos. Kurz verneigte er sich daher vor dem obersten Heiler, ehe er die Zügel anstandslos entgegen nahm.



Côleredh ließ die beiden Heiler nicht aus den Augen, während er der Stute, die durch die mittlerweile immer voller werdenden Gassen zunehmend nervös wurde, immer wieder sanft über den Nasenrücken fuhr. Auf der gegenüberliegenden Seite schienen diese tatsächlich so etwas wie einen Gewürzhändler gefunden zu haben, denn schon nach einigen Minuten sah Côleredh, wie sich Meister Theredel im angeregten Gespräch mit einem Menschenmann immer wieder in seine Richtung drehte und auf den Karren zeigte. Offensichtlich verhandelte er gerade, doch die verdunkelte Miene des Nando verriet nichts Gutes. Möglicherweise wollte der Händler mehr Gold. Côleredh wusste es nicht, allerdings schien das Gespräch nicht gut zu laufen, denn schon nach kurzer Zeit ließ Meister Theredel von dem Menschen ab und stapfte wütend zum nächsten Stand, während Barain ihm mit hängenden Schultern folgte.

„Meine Damen, meine Herren, die Krankheit ist besiegbar!“, hörte Côleredh plötzlich eine Stimme ungewöhnlich laut neben sich. Interessiert blickte er sich um, da sah er aus den Augenwinkeln, wie sich um einen Karren in direkter Nachbarschaft zu ihm eine Traube neugieriger Menschen zu bilden begann.
„Esst dies, gute Frau!“ Ein Händler, der gerade dabei war allerlei Getreidesorten aufzubauen, warf einer jungen Frau einen Papierbeutel zu. „ Es wird Euch helfen! Diese Krankheit hat keine Macht mehr, solange ihr das nicht zulasst!“ Die Frau fing das Päckchen mehr schlecht als recht, doch als sie den Beutel öffnete, lachte sie verbittert. „Hirse? Ist das dein Ernst, Südländer?! Du bietest uns Hirse gegen Mordors Schrecken? Verflucht sollst du sein!“ Mit einem Ruck warf sie das Päckchen auf den Boden, sodass es aufplatzte und die kleinen Samenkörner sich über die gepflasterten Steine ergossen.
Der Händler fuhr umher, fluchte laut und ließ sich sofort zu der Stelle nieder. Dort begann er, sich auf Knien abzumühen, die auf den Boden verstreute Hirse mit den Händen in einen neuen Papierbeutel zu füllen.
„Dumme Magd!“, maulte er beleidigt. „Es war ein Geschenk! Du hättest es zurückgeben können, doch diese Kostbarkeit einfach fortzuwerfen …“
Die Menschenfrau baute sich vor dem Händler auf und stemmte entrüstet ihre Hände in die Taille. „Ein Geschenk? Ich wollte kein Geschenk! Du hast mir diesen Beutel gegeben, um deine angeblich verzauberten Waren anzupreisen! Hast wohl geglaubt, ich würde ihn erst zu Hause öffnen, ja? Hast dich verrechnet!“ Dann trat die zierliche Frau wütend nach dem Händler. „Verschwinde hier, Pack! Wir brauchen keine Betrüger aus dem Süden, die sich mit unserer Krankheit eine goldene Nase verdienen wollen!“
Gekonnt wich der Händler dem Tritt aus und richtete sich geschwind auf. Dabei zog er einen kleinen Dolch aus seinem Stiefel, welchen er in der Innenseite seiner Hand verbarg.
„Gute Frau“, sagte er mit einen überheblichen Lächeln auf den Lippen, während er die Frau mit einer beschwichtigenden Geste auf Abstand hielt. „Könnt Ihr Euch denn erklären, warum kein Südländer an Eurer Seuche erkrankt?“
Mittlerweile war die Menschentraube größer geworden, sodass sie begann, Côleredh die Sicht zu versperren. Doch der große Sinda begann Interesse an der kleinen Unterredung zu haben, immerhin behauptete dieser südländische Mensch, er habe etwas, das gegen die Seuche helfen würde. Und so setzte er sich kurzerhand mit seinem Karren in Bewegung, und hielt erst in unmittelbarer Nähe des Händlers wieder an.
Die Frau hatte mittlerweile ihre Arme vor der Brust verschränkt und blickte den Händler abschätzend an. „Ich bin schon seit zwei Wochen hier, gute Frau“, fuhr dieser fort, wobei er vielsagend in die Runde der Menschen blickte, die sich mittlerweile um seinen Stand aufgebaut hatten. „Und ich habe gar nichts abbekommen. Ebenso, wie mein Freund dort drüben.“ Er zeigte auf einen Stand unweit seines Handelplatzes. „Oder dieser hier!“ Diesmal zeigte er auf die andere Seite, und auch hier war es unverkennbar ein Südländer, der hinter dem Karren stand und seine Ware feilbot.
„Es stimmt, Mira“, mischte sich nun ein stattlicher Bauer ein. „Mir ist es auch schon aufgefallen. Kaum ein Händler bleibt länger als einen Tag auf dem Markt aus Angst vor der Krankheit. Esgaroth kommt gar nicht mehr, und Händler aus Rhûn werden immer seltener. Aber die Südländer kommen immer wieder! Und sie erkranken nicht! Warum, das ist mir ein Rätsel“
„Ein Rätsel, das ich lösen kann, guter Herr“, wandte sich der Händler sofort dem Nordmenschen zu. Schnell griff er hinter sich und hielt dem verdutzten Bauern einen Flasche hin. „Mein Hirsebier, Herr. Sie trinken es alle hier. Zumindest die, die um seine Macht wissen!“


„Komm schon her, Elb!“
Nazar gehorcht sofort, kriecht noch ein Stück zu ihr und hält seiner Herrin die Flasche hin. Sie nimmt sie und blickt ihn mit gerunzelter Stirn an. „Nur eine Flasche?“, fragt sie dann wütend nach. „Nicht mehr?“ Dann öffnet sie den Verschluss und lässt das kostbare Nass ihre Kehle herunterrinnen.
Nazar wartet mit gesenktem Haupt vor ihren Füßen. „Er gibt nicht mehr raus, Herrin“, antwortet er leise. „Der Bedarf ist hoch.“
Ein Fuß trifft dem Elben am Kopf, sodass dieser kurz das Gleichgewicht verliert und zur Seite getrieben wird. Doch noch im Fallen fängt er sich und richtet sich wieder in die gewohnte, kniende Position vor seine Herrin. „Du hast ihm zu wenig angeboten, nutzlose Kreatur!“, schimpft sie und tritt ein weiteres Mal nach ihm.
Doch diesmal hatte er die Maßregelung erwartet, sodass er sein Gleichgewicht hält und regungslos auf dem kalten Steinboden verharrt. Dreimal tritt die Númenorerin noch zu, dann lässt sie frustriert von ihrem Diener ab.
„Ich benötige mehr von dem Zeug, hast du das verstanden, Nazar?“, herrscht sie ihn wütend an, während sie die Flasche Zug für Zug zu leeren beginnt.
Natürlich hat er verstanden. Alle Herren benötigen dieses Heilbier. Und alle Herren benötigen so viel wie möglich davon. Innerlich beginnt er, alle südländischen Sklaven zu verfluchen. Wären sie bloß nicht hierher gekommen! Diese dunkelhäutigen, schmutzigen Bastarde! Mit ihnen kam diese Krankheit auf sein Heim, dünnte die Reihen der menschlichen Sklaven aus und begann nun, die Herren zu belästigen. Diese scheußlichen Kreaturen!
Nazar seufzt schwer. Er will nicht, dass sie erkrankt. Sie ist alles, was er hat. Doch sie ist wütend - und das zu Recht.
„Ich habe alles angeboten, was ihr mir gabt, Herrin“, flüstert der Elb leise. Vorsichtig kriecht er noch ein Stück näher an seine Herrin heran. Er ist jetzt in Reichweite ihrer Füße, und ergeben küsst er diese.
Die Númenorerin lässt es sich kurz gefallen, dann stößt sie den Elben grob zurück, gleitet von ihrem Sessel hoch und schleudert die Flasche an die Wand.
„Andere haben mehr geboten, ist es nicht so?“, faucht sie wütend.
Nazar bleibt still in seiner Position sitzen. Wie er erwartet hat, prasseln nun Schläge auf ihn nieder. Der Elb schließt die Augen und atmet bewusst. Die Schläge sind hart, denn seine Herrin benutzt einen der dickeren Stöcke. Er muss sich konzentrieren, um den Schmerz zu kontrollieren, sodass sich nichts an seiner Haltung während der Maßregelung ändert. Es ist anstrengend, aber es funktioniert.
Die Schläge werden weniger und hören schließlich ganz auf. Endlich legt seine Herrin den Stock weg und lässt sich erschöpft auf ihrem Sessel nieder.
Nazar wartet eine Weile, wobei er seine Herrin aus den Augenwinkeln aufmerksam beobachtet. Sie ist müde, und sie ist verzweifelt.
Der Elb holt einmal tief Luft, dann kriecht er vorsichtig wieder in ihre Reichweite. Schließlich senkt er den Kopf so tief, dass sein Gesicht den Boden berührt. „Bitte erlaubt mir zu sprechen, Herrin“, bittet er dann leise. Die Númenorerin seufzt, dann macht sie die erlösende Geste, die es Nazar erlaubt, sich ein wenig aufzurichten.
Sein Rücken schmerzt, doch viel mehr schmerzt sein Herz. Noch nie hat er seine Herrin so erschöpft, noch nie so schwach erlebt, und er beginnt sich ernsthaft zu sorgen. Doch dann gibt er sich einen Ruck, benetzt kurz sein Lippen und spricht das aus, was er schon die gesamte Zeit über hatte sagen wollen. „Ich kenne sein Geheimnis, Herrin“, flüstert er leise.



Côleredh taumelte, und kurz verlor er die Orientierung. Die Erinnerung hatte ihm den Atem genommen, sodass er schwer keuchend den Hals der Stute packte und sich in ihrem Fell vergrub. Die Pferdedame trippelte nervös, doch da sie den Elben kannte, ließ sie sich diese ungewöhnliche Behandlung gefallen. Lediglich die angelegten Ohren zeigten ihre Anspannung.
Hannon“, flüsterte Côleredh jetzt leise in das Fell hinein. „Ech lavan vaer, baneth nín.
Die Stute schnaubte und schnappte nach dem Elben, was Côleredh ein scheues Lächeln abrang. Natürlich vermutete sie eine Leckerei in dem Mantel des Sinda, doch der musste sie leider enttäuschen. „Ich werde dich entsprechend belohnen, sobald wir zu Hause sind, meine Liebe“, flüsterte er daher liebevoll und strich der Pferdedame sanft über die Nüstern.
Immer mehr Menschen strömten zu dem Getreidehändler, sodass Côleredh mittlerweile Mühe hatte, diesen überhaupt in dem Tumult zu finden. Doch sein ausladender Umhang, der hier im Norden so gar nicht üblich war, ließ sich schnell entdecken, sodass der Elb aus Mordor seiner Stute kurz zum Abschied den Hals tätschelte, ehe er sich einen Weg zwischen die Menschen direkt zu dem Händler bahnte.



Theredel blickte irritiert in Richtung der Gasse, in der Barain und er den Elben Côleredh mit dem Karren hatten stehen gelassen. Eben noch hatte er ihn gesehen, wo, bei allen Valar war jetzt dieser Karren hin?
Gereizt rollte der Heiler mit den Augen. Côleredh, der unsagbar gehorsame Elb, ja? Nun, offensichtlich verhielt er sich Meister Elrond so gegenüber, Theredel hingegen konnte dies sicher nicht bestätigen. Kaum ließ man den Elben aus den Augen, machte er sich selbstständig! Trotz der Anweisung zu warten! War das zu fassen?!
Wütend ballte der Heiler die Fäuste, während seine Blicke den gegenüberliegenden Platz abgrasten. Nun hatten sie endlich einen Händler gefunden, der ihnen eine stattliche Ladung Bergsalz zu einem angemessenen Preis verkaufen wollte, und wer stand nicht am beorderten Platz und musste gesucht werden?
Er hätte es sich denken können, und innerlich schalt Theredel sich einen Narren, den Elben Côleredh mit ihrem Wagen alleine gelassen zu haben. Wer weiß, was dieser missratene Mordorelb jetzt damit trieb!
„Herr?“ Barain hatte sich kurz hinter den Elben gestellt und wartete angespannt. Unwillig drehte Theredel sich um „Was?!“, schnauzte er, wobei er ein so böses Gesicht machte, dass der junge Menschenmann augenblicklich einen Schritt zurücktrat.
Barain machte eine besänftigende Geste. „ Es ist wegen Herrn Guisando. Er möchte das Gold sofort, ansonsten bietet er seine Ware weiter am Markt an.“
Theredel schnaufte gereizt, doch glättete er bewusst seine Gesichtszüge. Barain konnte wahrlich nichts dafür, dass er so wütend war. Ganz im Gegenteil. Dieser junge Mann schien der einzige Lichtblick dieser Unternehmung zu sein, denn freundlich und aufs Äußerste bedacht hatte er sich die gesamte Zeit über still im Hintergrund gehalten und nur ab und an bei den Verhandlungen das Wort ergriffen. Dabei war ihnen die Tatsache, dass er stadtbekannt war, gerade bei diesem Händler tatsächlich zum Vorteil gereicht. Normalerweise verkauften die Händler das seltene Bergsalz nämlich nicht in der von Theredel geforderten Menge, denn die thal’sche Damenwelt bevorzugte dieses Salz als Riechsalz. So konnten sie mit ihren kleinen, abgepackten Tüten weitaus mehr verdienen, als wenn sie es den Heilern in ganzen Säcken übergaben, was dazu geführt hatte, dass ihnen zwei Händler schlicht und ergreifend ihren Bestand nur gegen einen unverschämt hohen Preis hatten verkaufen wollten. Theredel hatte natürlich abgelehnt, doch dieser eine Händler hatte ihnen zugesagt, und das ganz bestimmt nicht wegen Theredels Verhandlungsgeschick. Herr Guisando war mit Barains Vetter befreundet und dem Menschenmann daher bestens bekannt. So hatte der junge Mann dem Händler eindringlich gebeten für die Heilerschaft, und damit natürlich auch für Thal, eine Ausnahme zu machen, und Herr Guisando hatte zugestimmt.
„Mit bestem Gruß an deinen Vater“, hatte er gesagt, und sich nach hinten empfohlen, um die geforderten Säcke zu holen. Doch nun verlangte er natürlich die Bezahlung, und bei den Valar, er sollte sie auch bekommen!
„Gib ihm das!“, sagte Theredel nicht unfreundlich und reichte dem jungen Menschenmann das Säckchen mit Goldmünzen, das er in seinem Lederwams verstaut hatte. „Es sind noch zehn Münzen mehr enthalten, als abgemacht. Mit bestem Dank für seine Mühen von aran meletyalda Thranduil Oropheriôn, König des Waldlandvolkes.“ Theredel senkte bei der offiziellen Aussprache des königlichen Namens instinktiv den Blick, wie es im Waldlandreich üblich war, woraufhin sich die Augen des Menschenmannes überrascht weiteten.
Unbeholfen versuchte der Jüngling eine Verneigung. „Das … das … ich werde es ihm ausrichten, Meister Theredel“, stotterte er dann hilflos. Theredel nickte Barain freundlich zu. „Ich werde jetzt den Bruchtalelben holen“, informierte er den Jungen dann grimmig, während er am gegenüberliegenden Teil des Marktplatzes den mittlerweile gefundenen Karren fixierte. „Warte du mit den Säcken hier.“
„Natürlich, Herr.“ Barain verneigte sich wieder, doch Theredel war schon in der Menschenmenge verschwunden.



„Nun, du warst erfolgreich, ja?“ Theredel tätschelte der Stute betont lässig den Hals, während er verächtlich auf den Korb voller Flaschen blickte. „Für ein kleines Saufgelage in den Häusern der thalstädter Heilerschaft?“
Ohne auf den Elben Côleredh zu achten, griff er in den Korb und wog einige der Säckchen in seiner Hand. „Und was ist das? Irgendein Rauchkraut, dass euch den Verstand vernebeln soll?“
Côleredh stand wie versteinert am gegenüberliegenden Teil des Karrens und hielt den Blick achtsam gesenkt. Eisiger Schreck schnürte seine Kehle zu und ließ den Elben hilflos mitansehen, wie sein Herr verächtlich die Sachen begutachtete, die er soeben im Rausch der Erinnerung gekauft hatte. Meister Theredel war wütend, und er konnte das nur allzu gut nachvollziehen. Er war dem Auftrag, an der Gasse zu warten, nicht nachgekommen, zu sehr hatten ihn die Anpreisungen des Südländers in seinen Bann gezogen. Dabei hatte der Elb aus Mordor sehr wohl versucht, seinen Herrn die gesamte Zeit über im Auge zu behalten. Doch nachdem sich die Erinnerung so gewaltsam an die Oberfläche gedrückt hatte, hatte Côleredh einfach den Blick verloren. Wie gebannt hatte er nur im Sinn gehabt, die Güter zu ergattern, um die seine Herrin vor hunderten von Jahren so hart hatte kämpfen müssen. So hatte er während des Handels mit dem Südländer den suchenden Blick seines Herrn verpasst, sodass dieser sich offensichtlich gezwungen gesehen hatte, ihn hier aufzusuchen. Er hatte versagt, hatte ihn nicht kommen sehen, hatte gar nichts mehr gesehen, womit ihm das erste Mal seit Jahrhunderten eine Situation vollständig entglitten war.
„Herr, bitte.“ Mit achtsam gesenktem Blick trat Côleredh nun um den Karren herum und verneigte sich leicht vor dem obersten Heiler. „Ich kann das erklären … es ist Hirse und sie enthält Heilkraft, Herr …“
Theredel hob gespielt verständig die Augenbrauen. „Soso“, spottete der Heiler „Und diese Flaschen enthalten dann Heilbier, ist es nicht so?“
Côleredh schluckte angespannt. Es handelte sich in der Tat um ein Bier, welchem die Heilkraft der südländischen Hirse innewohnte, doch dies Meister Theredel so einfach kundzutun erschien ihm in dieser Situation nicht nur als unangebracht sondern auch als frech.
„Ich habe Euch nicht kommen sehen, Herr“, gestand der Elb aus Mordor daher nur leise. „Bitte vergebt meine Unachtsamkeit.“
Theredel blickte mit verdunkelter Miene auf den Sinda, der sich mittlerweile in einer durchaus tiefen Verneigung befand. Verneigen und um Vergebung bitten konnte dieser Elb recht gut, befand Theredel in seiner Wut. Doch einfachste Aufgaben auszuführen, wie eine Tasche zu reichen oder in einer Seitenstraße zu warten, schien nicht gerade seine Stärke zu sein.
„Nun, das ist mir nicht entgangen, Elb!“, antwortete er daher nur grollend, wandte sich um und hielt die Stute an, sich in Bewegung zu setzen, während er sich anschickte, den Karren über den Platz in Richtung des Menschenheilers zu führen. Côleredh folgte Meister Theredel auf dem Fuß, während dieser verbissen in Richtung des Bergsalzhändlers starrte.
„Es ist in der Tat Heilbier, herdir Theredel“, bemühte Côleredh sich schließlich um eine Erklärung seiner Einkäufe. „Ich kenne es aus meiner Heimat. Es wird uns im Kampf gegen die Seuche eine große Hilfe sein. Das schwöre ich. Herr, bitte …“
Aber Theredel war nicht gewillt, hier einzulenken. Wieder einmal hatte ihm dieser Elb nicht gehorcht und ihn damit zwar nicht vor seinen Heilern, aber immerhin vor dem Menschenheiler und dem Bergsalzhändler beschämt. Meister Elrond mochte der Elb aus Mordor ja gute Dienste leisten. Auch schien er Einfälle zu haben, die unbestreitbar interessant waren. Ihn, Theredel, aber schien der Elb nicht ernst zu nehmen, geschweige denn, dass er in der Lage war einen Befehl aus Theredels Munde anständig auszuführen. Dieser Elb war nutzlos bei dieser Unternehmung gewesen, und er war ihm mittlerweile überdrüssig, denn er brachte ihm nichts als Ärger ein.
„Heilbier also“, antwortete er nur grimmig. Dabei sah er Côleredh nicht an, sondern hielt seinen Blick weiter steif in Richtung des wartenden Barains. „Nun, mir musst du das nicht erzählen, Elb. Das wirst du Meister Elrond erklären müssen.“
Côleredh schluckte und hielt den Kopf nun noch gesenkter. Weder seine Erklärungen, noch seine Bitte um Vergebung schienen bei Meister Theredel anzukommen, sodass er mittlerweile davon ausging, dass ihn im Hause der Heilerschaft eine satte Strafe erwarte würde. Meister Elrond, der dem obersten Heiler Thranduils sehr wohlgesonnen war, würde es nicht nur maßlos ärgern, zu erfahren, wie sehr er Meister Theredel erzürnt hatte. Er wäre mindestens genauso enttäuscht über sein Unvermögen, die Wogen zumindest etwas zu glätten.
Möglicherweise wäre er so verärgert über Côleredhs Versagen, dass er seine neue Errungenschaft, die Heilhirse und das entsprechende Bier, einfach verschütten würde. Côleredh schluckte schwer. Schlüssig war dieser Gedanke schon, doch dann würden sie eine große Möglichkeit, der Seuche schnell Herr zu werden, verschenken. Nein, er musste einfach versuchen mit dem wütenden Heiler ins Gespräch zu kommen.
„Herr, ich flehe euch an, bitte lasst es mich erklären …“, bemühte er sich daher darum, das Gespräch fortzuführen, woraufhin Meister Theredel im Gang stockte und sich kurz umdrehte. Wieder ging Côleredh in eine tiefe Verneigung über, doch der oberste Heiler unterband diese mit einer klaren Geste. „Nein!“, wehrte er brüsk ab. „Es gibt nichts zu erklären, Côleredh Hâdhlainíon!“ Wieder spürte Côleredh, wie die Wut in Meister Theredel überhandnahm, denn der Nando blickte grimmig und ballte eine Hand zu einer Faust. „Dein Auftrag lautete zu warten, aber du hast dich entfernt. Du warst nicht ansprechbar, sondern im Handel mit irgendeinem Menschen vertieft, sodass ich rüberkommen musste, um dich und den Karren zu holen. Du kaufst Dinge - von welchem Gold auch immer - und dichtest ihnen Heilkraft zu. Deine Erklärungen will ich sicher nicht hören!“
Dann drehte er sich auf dem Absatz um und setzte sich wieder mit dem Pferdekarren in Bewegung. Côleredh schwieg und trottete dem obersten Heiler des Königs mit gesenktem Haupt hinterher.
Scham und Angst gepaart mit tiefer Bedrückung lagen schwer auf ihm und drohten den Elben vollends einzunehmen. Er hatte versagt, und zwar in allem, wozu er eigentlich hier in den Norden gekommen war. Dabei kennzeichnete sein Scheitern hier auf dem Marktplatz nur die Spitze einer Reihe von unseligen Versäumnissen seinerseits, die schwer auf ihm lasteten.
Er war hergekommen, um im Kampf gegen diese schreckliche Seuche eine Hilfe zu sein. Doch statt wie jeder gute Elb seine Aufgaben zu erledigen, musste Meister Elrond ihm mittlerweile Sonderaufgaben zuweisen, denn kein Mensch war willens, sich von ihm behandeln zu lassen.
Er hatte etwas über seine Vergangenheit erfahren wollen. Doch außer tiefgreifenden Erinnerungen, die ihn immer dann heimsuchten, wenn er erschöpft und unausgeruht durch die langen Nächte in irgendwelchen Herrenbetten oder auf Pritschen den Tag zu überleben versuchte, hatte er nichts in Erfahrung bringen können.
Und er sollte sein Wissen um die Heilkunst erweitern. Doch statt achtsam und gehorsam zu lernen, brüskierte und erzürnte er genau den Elben, der als einziger in diesem Reich in der Lage war, ihm in dieser Disziplin überhaupt etwas beizubringen.
Zitternd sog Côleredh die Luft ein, während er sehnsüchtig die Gestalt des obersten Heilers betrachtete, die ihm so kalt den Rücken zuwandte. Sei größtes Versagen aber war, dass er tatsächlich Theredel Cílairiôn, von dem in Imladris immer wieder behauptet wurde, er sei der sanfteste Elb des gesamten Waldlandreichs, gegen sich aufgebracht hatte, und nichts auf ganz Arda schien den Zorn dieses Elben besänftigen zu können.



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Ech lavan vaer, baneth nín - Du bist ein gutes Tier, meine Schönheit
Herdir - Meister
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