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Hier bin ich

GeschichteDrama, Freundschaft / P12 / Gen
Kriminalhauptkommissar Felix Murot Kriminalhauptkommissar Fritz Dellwo Magda Wächter
02.05.2016
29.08.2018
26
121.115
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02.05.2016 2.911
 

Ein kleines Vorwort zur Sicherheit:

Dies ist als längere Geschichte geplant und stellt einen Versuch dar, eine Brücke zwischen „Im Schmerz geboren“ (Drehbuch: Michael Proehl, Regie: Florian Schwarz) und „Wer bin ich?“ (Drehbuch und Regie: Bastian Günther) zu schlagen. Da ich noch mitten im Schreibpr
ozess bin, werde ich mich zumindest bemühen, regelmäßig neue Kapitel zu posten (meistens montags, wenn die Uni es zulässt).
Ich freue mich über jedwede Kritik.
Disclaimer: Mir gehört nichts, nur die Reihenfolge der Wörter, wo nicht einmal das der Fall ist, werde ich die Originalquelle angeben; alle anderen Rechte liegen beim Hessischen Rundfunk und sind da meines Erachtens in guten Händen. Wenn hier mal reale Personen "durchs Bild tigern", dann handelt es sich um die fiktiven Versionen dieser Personen, wie sie in "Wer bin ich?" dargestellt werden. Es ist keine Verletzung von Persönlichkeitsrechten beabsichtigt. Der Titel der Geschichte ist dem gleichnamigen Lied der Kid Kopphausen Band entnommen. Das Copyright für das "Zentralregister für kriminelle Automechaniker" liegt bei meiner Beta-Leserin Ceres. Zu guter Letzt: Diese Geschichte wurde nur aus Freude an den Charakteren geschrieben, ich verdiene damit kein Geld.
Aus aktuellem Anlass: Falls (wider Erwarten) irgendjemand das hier lesen sollte, der/die das Recht hätte, mich zu verklagen: Ich bin nur ein kleiner Schreiberling, der sich in Ihre Geschichten verliebt hat. Ein Wort von Ihnen genügt und ich lösche meine. Bitte nicht gleich die Anwälte losschicken...
Mit bestem Dank an einen gewissen Jemand, der mich ermutigte, meine Idee weiterzuverfolgen.

I Grau

Es war keine neue Erkenntnis, dass das Leben nicht fair war. Die Welt war kein Ort für Menschen, die an eine klare Trennung von Gut und Böse glaubten, an Gerechtigkeit und Fairplay und all diese schönen Sachen, die nur in Filmen und Kitschromanen zu existieren schienen. Magda hatte schon vor Jahren aufgehört, sich selbst, obgleich LKA-Beamtin, per se zu den Guten zu zählen. Sie gab sich Mühe, in einer Welt, die nun mal nicht nur aus Schwarz-Weiß bestand, ein möglichst helles Grau abzugeben, aber das reichte dann auch. Manchmal gab es Situationen, in denen es einfach nicht damit getan war, „Sie sind verhaftet“ zu sagen und die KTU zu rufen. Manchmal erschien es notwendig, Gesetze und Vorschriften eher als gut gemeinte Empfehlungen zu betrachten. Tun, was nötig war, und anschließend die Konsequenzen tragen, hoch erhobenen Hauptes.

Jetzt saß sie mit ihren Konsequenzen da und vergrub den Kopf in den Armen. Dem Herzrasen nach war es doch zu viel Kaffee gewesen – und das wollte schon etwas heißen bei einem Koffeinjunkie wie ihr. Sie atmete tief durch, versuchte sich zu konzentrieren und wandte sich widerwillig wieder ihrem Laptop zu. Speicherte die Datei ab, kopierte den Text in ein neues leeres Dokument. Mit vagem Erstaunen und deutlicher Frustration stellte sie fest, dass sie mittlerweile bei Version elf ihres offiziellen Berichts zu den Ereignissen in ‚Harloffs Garage’ angekommen war.
Seufzend löschte sie die untere Hälfte ihres Textes. Vielleicht lag es daran, dass sie selbst die Wahrheit kannte, dass ihr keine ihrer erfundenen Schilderungen plausibel erschien. Vielleicht, wenn jemand Außenstehendes den Bericht lesen würde, würde es ihm vielleicht plausibel erscheinen. Etwas viel „vielleicht“, dachte sie verärgert und rieb sich über die Augen. Hätte, hätte, Fahrradkette. Ich kann das niemandem zeigen, weil niemand außer Murot es wissen darf, wenn ich einen Bericht fälsche. Und ich kann das Murot nicht zeigen, weil ich den Bericht nur seinetwegen fälsche. Schöne Scheiße.
Sie musste ehrlich zugeben, nicht geglaubt zu haben, dass es so… schwierig werden würde. Sie hatte schon früher die Wahrheit hin und wieder etwas zurechtgebogen, aber das waren allesamt unbedeutende Kleinigkeiten gewesen, so etwas wie „Ja, Murot hatte mir vorher gesagt, was er plant“ oder „Nein, wir sind ganz sicher nicht für den demolierten Kaffeeautomaten verantwortlich. Wann soll das passiert sein? Zwischen 19 und 20 Uhr? Nein, da waren wir schon längst zu Hause.“

Das hier war etwas Anderes und es war keine unbedeutende Kleinigkeit. „Als ich wieder zu mir kam, fand ich mich“, tippte sie, hielt inne. Gott, klingt das bescheuert. „Als ich wieder zu mir kam“, das klingt so, als wäre ich in dem Moment wieder voll dagewesen und hätte den totalen Durchblick gehabt. Ich glaube, ich war noch nie durcheinanderer als da. Ist das überhaupt ein Wort, „durcheinanderer“? Vermutlich nicht. Auch egal. Nicht ich bin zu mir gekommen, sondern die Angst. Er hat mich mit einer Waffe bedroht, betäubt und angekettet. Egal, wo ich war, ich war jedenfalls nicht bei mir.
Sie änderte den Satz in ein gutes beamtendeutsches „Als ich wieder zu Bewusstsein kam, fand ich mich angekettet in der Werkstatt wieder.“ Der Satz mochte zwar der Wahrheit entsprechen, bildete die Realität jedoch nur unzureichend ab. Er beschrieb nicht die blanke Angst, die sie empfunden hatte, ignorierte geflissentlich das übermächtige Gefühl der Hilflosigkeit und überging vollkommen die Schuld des Versagthabens. Es erschien Magda bei genauerer Betrachtung erstaunlich, wie viel der Satz nicht aussagte. „Versuche, sich zu befreien, wurden sofort von Harloff unterbunden.“ Seine Augen waren fast schwarz, wie Tunnel. Ich bin da durchgefallen in die Angst hinein – Ich denke Unsinn. Verärgert über sich selbst schüttelte sie den Kopf.
„Während eine Anrufs bei EKHK Murot inszenierte Harloff meine Hin…“ Ihre Finger zitterten, als sie tippte. „…richtung und schoss zweimal auf die Wand dicht neben mir.“ Und erneut war einer der Punkte erreicht, an denen sie nicht weitermachen konnte.
Gefesselt, keine Fluchtmöglichkeit. Harloffs ausdrucksloses Gesicht. In die Mündung einer Waffe blicken. Sich zur Seite werfen, zusammenkauern. Nutzlos. Es knallt –
Ein leiser Schrei entkam ihr, als sie hochschreckte. Die Wasserflasche war umgefallen. „Scheiße“, fluchte Magda leise, mehr um sich abzulenken als aus wirklichem Ärger heraus. Sie stellte die Flasche unter den Tisch. Zum Glück aus Plastik. Mit beiden Händen rieb sie sich über die Augen und versuchte, sich an die Atemtechnik zu erinnern, die der Psychologe vom Dienst ihr erklärt hatte. Heraus kam eine Mischung aus Luftanhalten und Hyperventilieren, daher ließ sie es rasch bleiben. David hat sich vor mich gestellt. Er wollte mich beschützen. Das muss rein, das muss ich schreiben. Bei all den Menschen, die er gutgläubig ermordet hat, mich hat er versucht zu retten. Ich bin es ihm schuldig, das zu erwähnen.
Abgesehen davon… wirkt dann auch mein erfundenes Ende plausibler.

Sie notierte sich nun zuerst Stichpunkte, was außerdem noch alles in den Bericht musste, und seufzte ob der langen Liste, als sie damit fertig war. Ich könnte daraus einen Roman machen, dachte sie zynisch und kochte sich einen Tee zur Beruhigung, „Die kaltblütigen Kurstadt-Killer“ oder so. Würde bestimmt ein Bestseller. Wie viele Menschen sind eigentlich bei diesem ganzen Scheiß gestorben, abgesehen von zu vielen? Müsste ich bei Gelegenheit mal nachzählen. Ließe sich bestimmt als Anmerkung auf dem Cover unterbringen oder wenigstens im Klappentext.
Der Tee warf einen kurzen Blick auf die Unmengen an Koffein, gegen die er antreten sollte, und zog es vor, gleich zu kapitulieren (sollte heißen, er wirkte nicht). Magda gab es auf, sich beruhigen zu wollen, und tippte entschlossen weiter.

Mit der vierzehnten Version schließlich war sie zufrieden. Zumindest halbwegs. Es war eine Mischung aus der Wahrheit (nicht zu viel), Davids Ehrenrettung (der Hauptanteil), einer kleinen Lüge und einer etwas größeren Gedächtnislücke am Ende der Geschichte. Eigentlich widerstrebte es ihr, auf diesen ausgelutschten Klassiker zurückgreifen zu müssen, andererseits fiel ihr keine andere Möglichkeit ein, wie sie „Es gab einen Kurzschluss und dann brannte der Papierkorb“ wegerklären sollte. „Da mir nichts Besseres einfiel, um Murot abzulenken, redete ich Unsinn“? Besser, sie konnte sich nicht erinnern, das je gesagt zu haben. Und wenn man sich ansah, wer vor Gericht alles mit einem angeblichen „schlechten Gedächtnis“ durchkam, hatte sie sogar recht gute Chancen, nicht weiter aufzufallen. Abgesehen davon – wer würde schon auf die Idee kommen, dass ausgerechnet sie, Magda Wächter, Beweise vernichtet und einen offiziellen Bericht gefälscht hatte?
So zufrieden, wie sie unter den gegeben Umständen sein konnte, speicherte sie die Datei ab und machte sich gleich zwei Sicherungskopien; das Ganze hatte sie zu viele Nerven gekostet, als dass sie es riskieren wollte, den Bericht noch einmal schreiben zu müssen. Und das jetzt noch auswendig lernen, dachte sie, und am besten auch noch rückwärts erzählen können.

Das Telefon klingelte. Magda schreckte hoch, suchte dann nach ihrem Handy. Es lag noch in ihrer Handtasche im Flur und bis sie sich vom Sofa hochgequält und es gefunden hatte, hatte der Anrufer schon aufgelegt. Ich muss dringend meine PIN ändern, kam es ihr in den Sinn, als sie sie eingab, dringend…
Murot hatte angerufen, aber keine Nachricht auf der Mailbox hinterlassen. Hastig rief Magda ihn zurück. Bei ihm konnte man nie wissen…

„Ahoi, Wächter“, hörte sie jedoch nach dem zweiten Klingeln seine wunderbar lebendig klingende Stimme, „ich hoffe, ich stör Sie nicht?“
„Ahoi“, erwiderte sie erleichtert, „nein, ich hatte bloß vergessen, wo ich mein Handy hingelegt hab. Was gibt’s?“
Kurze Pause. „Ich… wollte nur fragen, wie es Ihnen geht“, gab er dann verlegen zu.
Innerlich seufzend sah sie zu ihrem Laptop auf dem Wohnzimmertisch. „Ich komm zurecht“, behauptete sie, „Sie kennen mich doch. ‚Gemüt wie ’n Fleischerhund’, sagen Sie doch selbst immer. Und Sie?“
„Ja“, antwortete er nur, schwieg lange. Magda fragte sich schon, ob er überhaupt noch am Telefon war, als er plötzlich sagte: „Die ersten Beerdigungstermine stehen fest. Ich hab – Ich hab Ihnen eine Liste geschickt, ich hatte nicht das Gefühl, dass ich Ihnen das am Telefon durchgeben kann. Pietätlos, oder? Aber…“ Er stockte. „Ich wollte nur, dass Sie es wissen. Nicht, dass Sie sich über die Mail wundern.“ Nun sprach er schneller, als könnte er es nicht erwarten, bis er den Anruf bei ihr endlich hinter sich gebracht hatte. „Ansonsten… Die Obduktionen dauern noch – war ja nicht anders zu erwarten –, die Ergebnisse der Blutuntersuchung von Harloffs Männern ist auch noch nicht da und es wird eine interne Untersuchungskommission zu den sogenannten ‚Vorfällen’ geben und alles Externe ist noch in der Schwebe, aber da wird auch wieder das übliche Zeug von A wie ‚Anti-Terror-Gesetze’ bis Z wie ‚Zentralregister für kriminelle Automechaniker’ geschrien. Aber darüber brauchen Sie sich keine Gedanken machen“, versicherte er ihr hastig, „Sie haben nichts zu befürchten, haben sich ja nichts zuschulden kommen lassen.“

Wenn du wüsstest… Schweigend sah sie zum Laptop. Wenn er den Bericht liest – und ich bin mir sicher, er wird eine Möglichkeit finden, ihn zu lesen, selbst wenn er es nicht sollte –, wird er merken, dass ich…?
„Bei Ihnen ist das reine Formsache, versprochen. Ich wollte nur nicht, dass Sie’s aus der Presse erfahren und sich womöglich Sorgen machen.“
Irgendetwas in seiner Stimme ließ sie aufhorchen; er klang viel zu ruhig, als würde er über etwas sprechen, das ihn gar nichts anging. „Danke“, sagte sie, wusste nicht so recht weiter. Dann fiel ihr auf, was ihr so merkwürdig vorgekommen war. „Aber bei Ihnen ist es doch auch reine Formsache, Sie haben doch auch nichts falsch gemacht.“

Wieder diese lange Stille. „Ja, sicher. Danke, dass Sie das sagen. Haben Sie schon mit dem Psychologen gesprochen?“, fragte er schnell weiter, als hätte er Angst, sie könnte noch weiter mit ihm über die Mühlen der Bürokratie reden, von denen sie beide in den kommenden Wochen (und Monaten) zermahlen werden würden. „Sie haben viel mitgemacht, Wächter, bitte achten Sie auf sich.“
„Das sind ja ganz neue Töne.“ Etwas Besseres fiel ihr zur Erwiderung nicht ein.
„Besser spät als nie, oder? Hören, Sie, das mit dem ‚Fleischerhund’ tut mir leid –“
Etwas in ihr machte ‚klick’. „Murot“, unterbrach sie ihn, „Sie planen jetzt aber nicht, irgendetwas Blödes anzustellen, nicht wahr? Denn das würden Sie mir nicht antun“, fügte sie leicht drohend hinzu. Wenn er jetzt groß Bilanz zieht und sich umbringen will, dann… bring ich ihn um. Nee. Entnervt schloss sie die Augen und rieb sich über den Nasenrücken. „Sie trifft keine Schuld, Murot. Sie haben alles getan, um ein Blutbad zu verhindern, Sie konnten nicht wissen, dass Ihr… Ex-Freund“, (sie bemühte sich, die Pause vor dem Wort möglichst kurz zu halten), „dermaßen durchgeknallt ist. Harloff war ein Psycho und fertig“, endete sie bestimmt. Gott, ich will jetzt nicht darüber reden.
„Wenn Sie das sagen.“
Wow, wie wahnsinnig überzeugt er klingt. „Murot, hören Sie auf, darüber nachzudenken. Das bringt doch nichts.“

„Aha“, machte er nur. Und dann platzte er los: „Wissen Sie, was es mir bringen würde, Wächter? Meinen Frieden. Rich– Harloff wollte, dass ich dieses Rätsel löse. Seine Herausforderungen waren zwar manchmal… krank, aber er hat mir immer alle Informationen gegeben, die ich brauchte. Richard“, – diesmal sprach er den Namen aus –, „hat von mir erwartet, dass ich verstehe, warum er das alles getan hat. Er hätte kein Massaker ohne Grund angerichtet. Ja, ich weiß“, fuhr er dann lauter fort, obwohl Magda noch nicht einmal daran gedacht hatte, ihn zu unterbrechen, „er war ein Psycho, wie Sie das auszudrücken belieben. Aber nicht so einer. Er hatte immer einen Plan, er tat nie etwas grundlos, er wollte, dass ich es verstehe, aber ich verstehe es nicht! Der Grund war Rache, aber Rache wofür? Ich komme nicht darauf, obwohl ich es müsste!“ Seine Stimme zitterte nicht einmal, als er die Frage stellte, vor der sie sich so fürchtete. „Wächter, bitte. Hat er da in der Werkstatt noch irgendetwas gesagt, noch irgendeinen Hinweis?“

Erinnerungen blitzten auf. „Nein, nichts.“ Frag nicht weiter, gib Ruhe, lass mich in Ruhe, bitte…
„Vielleicht erschien es Ihnen in dem Moment auch gar nicht so wichtig“, drängte er weiter, als wäre das hier ein Verhör und als wäre sie eine x-beliebige ahnungslose Zeugin. „Vielleicht klang es auch so, als würde er irgendwas ganz Anderes meinen. Hat er denn –“
„Ich sagte, da war nichts!“ Sie zuckte zusammen, selbst erschrocken über ihren Ausbruch. Luft holen. Langsam atmen. Nicht ersticken. „Murot, es reicht. Ich will nichts mehr davon hören. Mag sein, dass Ihnen dieses – dieses Rumstochern und Ermitteln Frieden bringt, aber mir bringt es nichts als Panikattacken und Albträume!“ Stille am anderen Ende der Leitung. Magdas Herz pochte wild in ihrer Brust. „Ich will das nicht mehr“, flüsterte sie. „Ich denke doch schon an nichts Anderes mehr.“
„Entschuldigen Sie bitte, Wächter.“ Immerhin schien er es ernst zu meinen. „Ich wollte Ihnen nicht wehtun.“
„Ja.“ Ich beschütze dich gerne, aber musst du es mir denn noch schwerer machen? Sie vergrub sich in ihre Sofadecke; auf einmal war ihr kalt geworden. „Manche Fälle können wir nicht lösen, das wissen Sie doch“, erinnerte sie ihn müde. „Warum können Sie es nicht auf sich beruhen lassen? Wir haben im Gegensatz zu vielen Anderen überlebt, müssen Sie alles verkomplizieren? Warum?“ Mit der freien Hand rieb sie sich über die Augen.
„Weil ich nicht will, dass all diese Menschen vollkommen grundlos und umsonst gestorben sind.“

Sie konnte nur noch seufzen. Erinnerte sich daran, warum sie das alles mitmachte. Die Wahrheit würde alles nur noch schlimmer machen. Gott, ich hab so genug davon. Ich wünschte, es wäre wie noch vor zwei Wochen oder einem Monat oder so, als alles normal und… gut war. Wenigstens für fünf Minuten die Vergangenheit zurückhaben, um sich mal auszuruhen… „Haben Sie Wein da?“, fragte sie, ohne weiter darüber nachzudenken.
„Äh, ja, wieso?“
„Wissen Sie was, wir machen uns jetzt ’ne Flasche Wein auf“, erklärte sie und stand auf, unterdrückte nur mit Mühe ein Jaulen, als sie den verletzten Fuß etwas zu sehr belastete. Nehm’ ich heute eben keine Beruhigungsmittel. Auch nicht das Schlechteste. „Und trinken auf die Toten. Was halten Sie davon?“
„Viel. Soll ich zu Ihnen kommen oder wollen Sie zu mir –?“
Während sie sich vor das Weinregal kniete, kam ihr wieder der Bericht in den Sinn, an dem sie den Tag über gearbeitet hatte. Nee, du kommst mir heute nicht mehr her. „Telefon“, antwortete sie daher entschieden, „ich fahr heute nirgendwo mehr hin.“ Welchen nehm ich?
„Wächter, wenn es Ihnen nicht gut geht, sollten Sie nichts trinken.“ Klirren von Glas war zu hören.
Was soll der Scheiß jetzt? „Und das ausgerechnet von Ihnen“, gab sie vorwurfsvoll zurück. Sie zog eine Flasche heraus und klemmte sich das Handy zwischen Ohr und Schulter, um das Etikett zu begutachten. Ja, der geht doch.
„Da haben Sie auch wieder Recht“, antwortete Murot resigniert. „Ich habe einen trockenen Pinot Noir aus Südfrankreich von 2010“, erzählte er dann. „Und Sie?“
„Angeber“, kommentierte Magda, stand auf und machte sich auf die Suche nach dem Korkenzieher, der mal wieder nicht da lag, wo er sollte. Sie hörte ihren Vorgesetzten leise lachen. „Halbtrockener Riesling aus Baden vom letzten Jahr.“ Warum auch immer lag der Korkenzieher im Bücherregal.

Ein Ploppen in der Leitung; vermutlich hatte er den Korken aus seinem eigenen Wein gezogen. „Klingt doch auch gut. Also dann, auf –“
„Moment, ich bin doch noch nicht so weit! Ich muss Sie kurz vom Ohr tun, damit ich überhaupt erstmal meine Flasche aufmachen kann.“ Eilig legte sie das Handy beiseite und öffnete den Wein. Ein paar Tropfen rannen das Glas herab, als sie zu hastig einschenkte; innerlich fluchend griff sie mit leicht klebriger Hand wieder nach ihrem Handy. „Okay, jetzt können wir“, meldete sie ihm. „Auf die Toten!“
„Auf die Toten“, erwiderte er ernst.

Sie tranken; Magda versuchte, nicht an David zu denken. Oder an Werner. Oder an Anna Dishko. In ihrer Kehle begannen die ungeweinten Tränen zu brennen. „Ich mag keine Beerdigungen“, gestand sie schließlich etwas hilflos. „Können wir zusammen hingehen?“
„Sicher, wenn Sie das möchten.“ Den Geräuschen zufolge goss er sich wieder Wein nach. „Wächter… Ich bin wirklich verdammt froh, dass Sie überlebt haben.“
Er legte auf, ehe sie etwas darauf antworten konnte.
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