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Deponia Intermezzo

von -Goaly-
GeschichteHumor, Tragödie / P12
Cletus Goal
01.05.2016
25.09.2018
3
8.012
4
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Dieses Kapitel
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12.11.2017 4.047
 
2. Der Retter Deponias

Goal fand einfach keinen Schlaf, obwohl sie sogar angetrunken war. Sie konnte ihre Gedanken nicht beruhigen. Es half auch nicht, dass sie Schnabeltiere zählte. Ständig entflohen ihr die Viecher und sprangen nicht mehr über den Zaun, sondern stürzten sich von Elysium auf Deponia. Vielleicht hatte auch der Alkohol eine Mitschuld daran. Sie brach das zählen ab und starrte an die Wand, was ihr auch nicht besonders weiterhalf. Als sie noch ein Kind war, hatte sie ihre selbstgemalten Bilder dort aufgehängt. Es waren auch Bilder von Deponianern dabei - ihr hatte die Vorstellung gefallen, dass weit unter ihrer Heimat doch noch ein anderes Volk lebte. Nur hatte sie sich diese ganz anders vorgestellt. Jeder Traum war wohl irgendwann ausgeträumt. Sie seufzte und erhob sich todmüde aus dem Bett. Sie wollte sich lieber ablenken, bevor noch mehr solch erheiternde Erinnerungen ihren Kopf heimsuchten. Aber was sollte sie um diese Zeit schon tun? Sie konnte sich nicht gut genug konzentrieren, um lesen zu können. Manchmal schlief sie ja dabei ein, aber eigentlich hatte sie schon gar keine Lust mehr, zu schlafen. Es war eine dieser lästigen Situationen, in denen sie einfach nicht wusste, was sie wollte. Sie entschied sich dafür, die Wohnung zu verlassen und auf eine Gelegenheit zu warten. Irgendetwas würde schon passieren.

Immerhin konnte sie jetzt auf die Sterne achten. Ohne Eile schlenderte sie über die Wiese und setzte sich schließlich unter einen Baum. Als sie sich gerade dafür bereit machte, gedankenlos in die Nacht zu starren, bemerkte sie von Weitem ein Licht. Dann hörte sie leise Musik, die aus der Richtung des Lichtes kam.  Unterhaltungen und Gelächter drangen gedämpft an ihr Ohr. Es klang wie eine Einladung. Goal beschloss, dass sie nicht mehr allein mit ihrem Schmerz die Nacht verbringen wollte. Sie war gern unter Menschen und hoffte, dass sie ihr halfen, für ein paar Stunden alle Sorgen zu vergessen. Sie erhob sich langsam und machte sich auf den Weg ins Licht.

Sie traf auf eine Gruppe Elysianer, die es sich bei einem Lagerfeuer gemütlich gemacht hatten. Einer von ihnen spielte gedankenverloren auf der Gitarre, andere hörten zu oder tanzten, manche unterhielten sich oder lagen einfach nur im Gras. Sie hatten auch eine ganze Menge Essen und Getränke dabei. Als sie Goal bemerkten, hörte der Gitarrist auf zu spielen und es entstand eine kurze, peinliche Pause, in der alle sie anstarrten. Sie lächelte in die Runde und stellte sich vor.

„Guten Abend, oder besser gute Nacht? Mein Name ist Goal..." Und weiter kam sie nicht, denn jemand rief dazwischen:
"Goal? Etwa die Goal, die auf Deponia war und die Sprengung verhindert hat?" Jetzt starrten die Elysianer mit Bewunderung. Wer im Gras gelegen hatte, richtete sich auf, um Goal besser zu sehen.
*Das war es dann wohl mit der Ablenkung*, dachte Goal erschrocken. *Warum verbreiten sich Gerüchte so schnell?*
"Ja, genau die," gab sie  verlegen zu und sah zu Boden, weil ihr die Bewunderung zu viel wurde.
"Wahnsinn!" "Der Hammer!" "Großartig!" "Einfach unglaublich!" Die Elysianer überschlugen sich fast vor Begeisterung und redeten durcheinander.
"Hey, hey, soo großartig war es nun auch nicht", versuchte Goal die Gruppe zu beruhigen.
"Aber wie hast du das gemacht? Du musst uns unbedingt alles erzählen! Stimmt es, dass du mit einem Deponianer zusammen warst? Und dass dieser Deponianer jetzt auch auf Elysium ist?"
Goal fuhr sich nervös durch die Haare. Da hatte sie sich ja etwas eingebrockt!
"Das ist alles wahr. Aber es ist eine sehr lange Geschichte und ich weiß nicht, ob ihr das alles jetzt wirklich hören wollt. Ich werde noch einen Bericht über Deponia schreiben und..."
"Aber klar wollen wir alles hören. Wir haben doch die ganze Nacht Zeit, stimmt’s, Leute?"
Es gab nur jubelnde Zustimmung. Die Gruppe rückte zusammen, damit jeder Goals Geschichte hören konnte.
"Komm doch mit her." Sie machten Platz für Goal. Ein blondes Mädchen hielt ihr ein Tablett mit Knabbereien hin. Ein anderer zeigte ihr die Getränkeauswahl. "Was darf's denn sein?"

Goal sah verwirrt vom einen zum anderen und überlegte, was sie zuerst tun sollte. Sie war überwältigt von der hohen Anerkennung, die ihr entgegenschlug. Dann wählte sie ein Getränk, nahm sich etwas vom Tablett und setzte sich zu ihnen.
Stille trat ein, während Goal sich die Stirn rieb und überlegte, wie weit sie gehen wollte. Sie kannte Rufus' egoistische, rücksichtslose Seite und konnte ihn wirklich nicht als Helden durch und durch bezeichnen. Aber was ging es die Elysianer an? Sie fand, dass er sich geändert hatte und das er ein Recht darauf hatte, so in Erinnerung zu bleiben, wie er am Ende gewesen ist. Und überhaupt begann ihr Abenteuer ja damit, dass er sie vor dem Organon retten wollte. Es war ein Missverständnis, aber immerhin das Beste, was Deponia passieren konnte.

"Ihr wisst ja bestimmt, dass es darum ging, herauszufinden, ob Deponia bewohnt ist.  Cletus, der mein Verlobter war, wurde als Inspektor für diese Aufgabe eingesetzt und ich bin als Begleitung mitgekommen. In meiner Datasette wurden die Codes für den Aufstieg eingespeichert, damit wir wieder nach Elysium zurückkommen."
Die Elyisaner nickten und rissen die Augen weiter auf.
"Das Abenteuer begann damit, dass der Deponianer mich vor dem Organon retten wollte", wiederholte sie ihre Gedanken. Ein raunen ging durch die Gruppe.
"Sein Name ist Rufus."
"Rufus!", wiederholten die Elysianer den Namen ihres neuen Helden mit Begeisterung. Goal wartete, bis sie sich wieder beruhigt hatten.
"Er hatte es irgendwie geschafft, auf den Organonkreuzer zu kommen, auf dem Cletus und ich uns befanden. Er wird im Laufe der Geschichte noch viel mehr Unglaubliches schaffen. Er hätte mich dort aber nicht gesehen, wenn ich nicht unerlaubt meine Kabine verlassen hätte, um den Planeten zu betrachten. Er konnte beobachten, wie Amtmann Argus mich dabei erwischte, an Deck herumzulaufen. Es sah eben so aus, als würde er mich gefangennehmen, deswegen hat Rufus eingegriffen. Bei dem ganzen Durcheinander bin ich vom Kreuzer gestürzt und meine Datasette wurde so stark beschädigt, dass ich mich nicht mehr daran erinnern kann, was passiert ist, bevor Rufus meine Datasette wieder repariert hatte."
Enttäuschung machte sich in der Gruppe breit. "Schade", sagte jemand. Goal musste ihm in Gedanken zustimmen. Sie hatte so oft das Bewusstsein verloren, dass sie die Geschichte nur bruchstückhaft wiedergeben konnte. Sie musste aber fies grinsen, als ihr einfiel, dass sie den Rest ja getrost "Rufus" überlassen konnte. Dem würde schon etwas einfallen.
"Naja, richtig spannend wurde es ja dann erst", versprach sie und ihr Grinsen wirkte vielversprechend. "Rufus hatte herausgefunden, dass Cletus die Sprengung gar nicht verhindern wollte, obwohl er genau wusste, dass es noch Leben auf Deponia gab.“ Diese Worte lösten eine Schimpftirade auf ihren Verlobten aus.
"Dieser miese Dreckskerl“, platzte der Gitarrist ganz unelysianisch heraus.
"Uns kam er schon immer so unsympathisch vor,“ bestätigte ein Pärchen, das vorher noch getanzt hatte.
"Klar, der war voll eingebildet!"
"Und mit dem warst du verlobt?“, fragte das Mädchen, das Goal Essen gereicht hatte.
Goal seufzte schwer. "Ich habe nicht durchschaut, wer er wirklich ist. Er war vielen von euch unsympathisch, na schön, sehr vielen, aber ich wollte ihn selbst kennen lernen. So eindeutig kaltblütig hat er sich nun wirklich nicht gezeigt und zu mir war er ganz anders."
"Du Arme! Das war bestimmt ein Schock für dich!"
"Ja", antwortete sie schlicht und traurig. Dann fügte sie hinzu: "Er hat mich einfach benutzt, um seinen Einfluss zu steigern. Ist ja praktisch, mit der Tochter des Oberkontrollrats verheiratet zu sein." Sie schüttelte den Kopf. "Wie konnte ich nur so blind sein?"

Eine Weile schwiegen alle. Die Blonde legte ihr die Hand auf die Schulter. "Aber ihr habt's ihm doch gezeigt, oder?", fragte sie aufmunternd.
Goal sah wieder auf und lächelte das Mädchen an. "Und wie wir's ihm gezeigt haben! Rufus hat mich zu der Aufstiegsstation gebracht, von der aus Cletus und ich wieder zurück nach Elysium kommen sollten.  Wir schmiedeten den Plan, Cletus zu überwältigen und den Ältesten den wahren Bericht zu bringen. Glücklicherweise sieht Rufus Cletus sehr ähnlich, weshalb Argus keinen Verdacht geschöpft hätte."
„Jetzt willst du uns vereiern!“, kam es von der Gruppe.
"Nein, es ist wahr! Ich konnte es auch kaum fassen, aber ihr werdet es ja sehen."
"Woher wusstest du dann, wer wer ist?"
"Rufus verhält sich einfach ganz anders“, erklärte Goal energisch. „Er ist kein eingebildeter Schnösel, sprüht voller Ideen und Tatendrang, sieht gut aus und hat vor allem ein Gewissen." Sie bekam gerade noch die Kurve, um aus der Schwärmerei zu entkommen. Trotzdem wechselten die Elyisaner bedeutungsvolle Blicke.
"Rufus hat sich also als Cletus ausgegeben und deswegen seid ihr jetzt hier?"
"Nein, es wird ja noch viel komplizierter. Wir waren kurz davor, in das Notboot zu steigen, aber Cletus hat mich überlistet. Er hatte ein Backup meiner Datasette gemacht, bevor wir nach Deponia kamen, damit ich mich später nicht mehr an die Mission erinnere. Er tauschte meine Datasette aus und dann stieg ich freiwillig mit ihm in das Hochboot. Es wäre zu einer Katastrophe gekommen, wenn Rufus es nicht geschafft hätte, in das Notboot zu kommen, als es schon sehr weit oben war."
"Unglaublich! Wie hat er das geschafft?"
"Zugegeben, es war ein überstürzter Notfall-Plan,“ sagte Goal nachdenklich und kratzte sich am Kopf. „Ich weiß nicht genau, wie er es gemacht hat, aber er hat sich wohl irgendwie zu uns hoch katapultiert ... auf einem...Sägeblatt?"
Ungläubige Blicke gingen vom einen zum anderen.
"Vielleicht spinne ich mir das auch nur zusammen," sagte sie und kratzte sich am Kopf.

Sie brachte die Gruppe zum Lachen und sie lachte mit ihnen. Allmählich gefiel ihr diese Runde. Es fiel ihr immer leichter, von ihrem Abenteuer zu erzählen und es erleichterte sie, als würde sie es sich von der Seele reden. Endlich hatte sie einen Weg gefunden, die ganze Sache zu verarbeiten. Die Leute fühlten mit ihr, und obwohl sie ihnen nicht die ganze Wahrheit erzählen wollte, freute sie sich darüber, endlich nicht mehr allein mit den Gedanken zu sein. Ihr Plan, Rufus zum Helden zu machen, ging auch auf.
"Auf jeden Fall ist dieser Rufus ein Knaller! Der kann ja einfach alles!", rief jemand, der schon einen Notizblock gezückt hatte, um das ganze Abenteuer aufzuschreiben.
"Naja, nicht alles. Er versucht eben alles und gibt niemals auf“, korrigierte Goal. Irgendetwas an diesem Satz kam ihr quälend bekannt vor.
"Und dann habt ihr Cletus aus dem Boot geschmissen und seit zusammen raufgefahren?“, schloss der Gitarrist daraus, der genau das sagte, was Goal gerne getan hätte. Erneutes Gelächter brach aus.
"Das hätten wir tun sollen, aber nein, das Notboot wurde leider von Rufus' Manöver zerstört. Cletus hat auf Rufus geschossen und traf dabei zum Glück nur das Seil, an dem das Boot hing. Dann sind wir alle wieder abgestürzt."
"Soso, einfach auf wehrlose Leute schießen. Was für ein ekelhafter Typ!“, bemerkte ein langhaariger Junge angewidert.
"Also, ich würde Rufus ja nicht als wehrlos bezeichnen,“ sagte eine piepsige Mädchenstimme.
"Du weißt doch, was ich meine."
"Aber dann habt ihr's ihm gezeigt, oder?"
Goal hob abwehrend die Hände. “Also, erstmal mussten wir den Weg zur nächsten Aufstiegsstation finden. Außerdem war meine Datasette schon wieder beschädigt, ich kann mich wieder nicht an alles erinnern. Ich weiß nur noch, dass Rufus eine Widerstandsbewegung gegen den Organon aufgebaut hatte und schließlich ein Kampf bei der Aufstiegsstation ausbrach."
Hier musste Goal innehalten. Schon wieder fehlten ihr eine Menge Erinnerungen dank ihrer Datasette. Wie lange war sie bewusstlos gewesen? Und wie oft? Sie wünschte, sie hätte mehr gesehen und mehr in Erinnerung behalten. Dann hätte sie Rufus vielleicht auch ganz anders eingeschätzt und seine Erzählungen nicht als reines Seemannsgarn abgetan. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, wieder in Trauer zu verfallen, denn ihr Publikum verlangte, dass es weiterging, und dafür war sie dankbar. Auf, auf, zur Rettung Deponias!

"Dann hattet ihr also noch Krieg? Ganz Deponia gegen den Organon?“, japste das blonde Mädchen.
"Das müsst ihr euch ein bisschen kleiner vorstellen“, antwortete Goal verlegen. „Es war nicht ganz Deponia, aber schon eine große Bewegung, wenn man bedenkt, dass sich die meisten Deponianer mit ihrer Situation schon längst abgefunden hatten. Wir hatten eine kleine Revolution, die trotzdem wirksam war.
Außerdem hatten wir Hilfe von zwei guten Freunden: von Bozo, dem Schrotthändler, mit dessen Kutter wir den weiten Weg bis zur Aufstiegsstation antreten konnten; und Doc, dem Erfinder, der meine Datasette reparierte. Beide haben es zusammen mit uns nach Elysium geschafft.“
„Wow, dann sind ganze drei Deponianer hier. Und ich dachte, ich würde nicht mal einen jemals sehen.“ Ein Junge mit braunem Kurzhaarschnitt schüttelte staunend den Kopf.
"Die müssen wir unbedingt noch kennenlernen. Bestimmt können die uns auch noch was erzählen."
"Ja, sicher. Sie haben Rufus schon begleitet, als ich noch bewusstlos war. Aber wo war ich? Wir konnten die Aufstiegsstation erreichen, aber...ähm..."
Goal fasste sich an den Kopf und dachte angestrengt nach. Die ganze Persönlichkeitsspaltungsgeschichte hatte sie ausgelassen. Sie konnte es nicht sagen, dass immerhin ein Drittel von ihr vorgehabt hatte, Deponia zu vernichten. Sie wusste, dass es niemals so gekommen wäre, wäre sie nicht geteilt gewesen, trotzdem schmerzte es sie, daran zu denken. Sie fand sich damit ab, dass sie ohnehin nicht die ganze Wahrheit erzählen wollte, und gab die gekürzte Version des Geschehens zum Besten:
"Der Organon hatte vor, die Station zu sprengen. Es war die seit Jahren geplante Vorgehensweise, aber das konnten wir natürlich nicht mehr zulassen. Cletus war auch dort. Wir schlichen uns unauffällig in den Turm, während es draußen eine Schießerei gab. Ich konnte Cletus finden und zur Rede stellen", reimte sie sich zusammen und biss sich auf die Unterlippe.
"Wie mutig von dir!“, hauchte die Blonde bewundernd, "Ich glaube, das hätte ich mich nicht getraut."
Goal musste verlegen grinsen und spann weiter: "Er meinte, wenn mir so viel an Deponia liegen würde, würde er die Sprengung verhindern. Außerdem überzeugte er mich davon, dass ich ihm viel wichtiger bin als die Mission. Ich war schon so weit, dass ich im verzeihen konnte und mit ihm nach Elysium gehen wollte."
Sie machte eine gequälte Pause und es gab mehrere entsetzte „Neins“ aus der Gruppe.
"Doch, leider. Aber zum Glück kam Rufus dazwischen. Er erwischte Cletus, wie er die Bombenkontrollen manipulierte und die Sprengung wieder einschaltete. Er bekämpfte ihn mit allen Mitteln, die er zur Verfügung hatte, aber als ich dazukam, war er für einen Moment abgelenkt. Ich wusste ja noch nicht, was Rufus herausgefunden hatte und wollte beide beruhigen. Cletus nutzte diesen Moment aus und warf Rufus vom Turm."

Goal unterbrach sich, um weiter nachzudenken, während die Elysianer Goal voller Mitleid ansahen.
"Du kannst nichts dafür, Goal. Dieser Schleimbeutel hat dich wieder ausgenutzt. Wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre, hätte ich ihm bestimmt auch geglaubt."
"Ja, genau! Niemand wird dir deswegen Vorwürfe machen."
Wieder fasste das blonde Mädchen Goals Schulter. "Du hast dich doch dann gewehrt, oder?“
Goal seufzte. Der Großteil der Lügengeschichte lag wohl hinter ihr. Sie sprach langsam weiter: "Naja...Cletus hatte vor, mich mit Gewalt zu zwingen, nach Elysium zu gehen, schließlich hatte ich die Aufstiegscodes. Aber ich konnte ihm entkommen, ihn im Turm einsperren und Rufus finden."
"Du hast dir doch bestimmt Sorgen um Rufus gemacht."
"Ja, klar. Er ist von ziemlich großer Höhe heruntergefallen“, sagte Goal verwirrt.
"Ich meine, hattest du nicht noch andere Gefühle für ihn?“ Sie lief zartrosa an und ein schmachtender Seufzer ging durch die Runde. Als alle sich beruhigt hatten, fügte Goal hinzu: "Die Aufstiegsstation konnten wir leider nicht retten, wir konnten uns nur vor der Explosion in Sicherheit bringen. Cletus konnte zusammen mit den Organons mit einem Kreuzer fliehen. Eine Chance gab es nämlich noch, um Elysium zu erreichen: das letzte Hochboot! Dort mussten wir schleunigst hin.
Rufus hatte die geniale Idee, Bozos Kutter auf eine Organontrasse zu lenken." Goal musste sich das Lachen verkneifen. Sie wusste noch genau, wie begeistert alle von dieser "Genialität" gewesen waren. Aber ein bisschen lässig war es doch, außerdem hatte es sie durch Zufall genau zu Cletus und Argus geführt.

"Wir konnten den Kreuzer verfolgen, auf dem sich Cletus befand. Er stieg bei einem Hotel aus und wir schlichen ihm nach. Dort konnte Doc endlich meine Datasette reparieren. Das bedeutet aber auch, dass ich mich wieder nicht an alles erinnere. Als ich wieder bei Bewusstsein war, hatte Rufus sich wieder als Cletus verkleidet. Das war keinen Moment zu spät, denn genau in diesem Moment kam Amtmann Argus in das Hotel, um Cletus abzuholen. Es gab eine kleine Verfolgungsjagt durch das ganze Gebäude, bei dem wir den echten Cletus loswerden mussten." Sie musste wieder grinsen.
Auch die Gruppe war beeindruckt: “Cool!"
"Lässig!", korrigierte Goal. "Wir schafften es, dass Argus uns auf den Organonkreuzer mitnahm.
"Ha, endlich!"
"Und dann ging's ab nach Elysium!"
"Äh, leider nein. Argus hatte ganz andere Pläne mit uns. Er trennte uns und brachte mich weg, um die Aufstiegscodes aus mir herauszufoltern." Bestürzte Blicke trafen sie, deshalb ergänzte sie: "Keine Angst, mir ist nichts Schlimmes passiert. Aber ich bekam eine Überdosis Wahrheitsserum und wurde bewusstlos. Ich weiß nicht, wie lange ich ausgeknockt war. Als ich aufwachte, machte ich Argus klar, dass ich ihm weder die Codes verraten noch ihn nach Elysium bringen würde. Zum Dank ließ er mich einfach von der letzten Aufstiegsstation werfen. Ich wäre jetzt nicht mehr am Leben, wenn Rufus mir nicht hinterhergesprungen wäre."
Erneut ging ein Seufzer durch die Gruppe.
"Unsere Lage war aussichtslos: der Organonkreuzer entwischte uns, das Hochboot war fern, der Widerstand hatte den Kampf verloren und die Sprengung stand kurz bevor. Unsere letzte Chance war das, wie wir es nannten, ultimative Rufus-Manöver!" Mit diesen Worten stieß sie mit der Faust in die Luft und die Elysianer machten es ihr nach.
"Rufus hatte an dieser Aufgabe eine Weile zu kauen, aber die Deponianer und ich glaubten an ihn. Schließlich kam ihm eine ziemlich verrückte Idee. Wir nutzten eine Kanone, um uns zum Hochboot zu schießen, und erreichten es gerade noch rechtzeitig. Jetzt hatten wir nur noch wenig Zeit. Die Sprengung war schon eingeleitet, außerdem befand sich der gesamte Organon mit im Hochboot. Argus hatte gar nicht vor, auf Deponia zu bleiben, er wollte Elysium erobern. Es galt also auch noch, eine Invasion zu verhindern."

Die Zuhörer waren unglaubliche Manöver bereits gewohnt, daher fragten sie nicht weiter, wie dieser irrsinnige Kanonen-Schuss funktioniert haben soll. Goal war froh, nicht erklären zu müssen, dass die Deponianer vorgehabt hatten, Elysium zu zerstören. Es war natürlich Rufus zu verdanken, dass es nicht passiert war, aber sie wollte nicht, dass die restlichen Deponianer jetzt einen schlechten Ruf bekamen und nicht riskieren, dass doch noch manche die Sprengung befürworteten.
Sie holte tief Luft und fuhr fort: "Die letzte Möglichkeit, die Sprengung aufzuhalten, war, den Sender zu zerstören, der das todbringende Signal an die Sprengtürme leiten sollte. Rufus, Cletus und Argus erklärten sich bereit, den Sender zu zerstören. Es war keine einfache Aufgabe. Der Sender hing draußen eigentlich in unerreichbarer Höhe. Sie konnten abstürzen. Ich blieb im Hochboot und bemerkte bald, dass etwas schiefging. Es kam ständig zu Ausfällen im Rotor, der das Hochboot stabilisierte. Dadurch wurde er so stark beschädigt, dass das Boot drohte, abzustürzen. Schließlich wurde die Evakuierung eingeleitet, solange sich das Hochboot noch halten konnte. Ich brachte mich nicht in Sicherheit, sondern ging los, um nachzusehen, was passiert war." Goal schluckte, die Aufregung stieg in ihr hoch. Vor ein paar Stunden hatte sie noch da draußen gestanden. Sie konnte es noch genau nachfühlen. Allmählich verschwand die Umgebung, sie sah die Elysianer nicht mehr, sie sah nur noch ihren hilflosen Geliebten, gefangen zwischen den unheilbringenden Rotorblättern, sie fühlte die beißende Kälte und die Verzweiflung, als stünde sie wieder dort. Die Elysianer  beobachteten Goal andächtig, während sie schwieg. Sie wussten, dass der Höhepunkt der Geschichte bald kommen musste und erwarteten Großartiges.
Goal begriff, dass sie diesmal das Richtige tun musste.

"Der Sender war zerstört und ich wette, dass Rufus dieses Kunststück gelungen war.  Aber jetzt schwebte er in Lebensgefahr. Irgendwie waren alle drei in den Rotor gefallen und hatten nur überlebt, weil sie ihn blockierten. Sobald aber einer von ihnen versuchte, sich zu befreien, drehte der Rotor sich wieder und drohte, alle in den Tod zu reißen. Außerdem konnte ich sie nicht mehr voneinander unterscheiden, sie hatten sich alle wie Cletus verkleidet, außerdem war es noch so dunkel, dass ich nur drei Umrisse gesehen habe.  Alle drei gaben sich für Rufus aus und nur einer von ihnen hatte Recht."
Ihre Stimme wurde höher, Hilflosigkeit stieg in ihr auf. Sie sah in Gedanken vom einen "Rufus" zum anderen und überlegte krampfhaft, was sie tun könnte. Im Nachhinein bemerkte sie, dass sie viele Möglichkeiten gehabt hätte, ihn zu erkennen, aber es gab nur wenig Zeit.
Dann fiel ihr auf, was ihr entgangen war. Es war nicht sie, die ihn gerettet hatte. Nein, es war Cletus- nein Rufus - nein, wer? Sie sah ihn in den Tod stürzen. „Der hier ist Rufus!“, hatte er gesagt. Sie selbst war hilflos gewesen. Sie würde aus dieser Geschichte nicht als Heldin hervortreten. Und wenn schon, dachte sie, es gibt leider auch nur einen Helden in dieser Geschichte.

„Wir drehten uns immer wieder im Kreis. Entweder behaupteten sie alle, Rufus zu sein oder versuchten, etwas zu über unser Abenteuer zu sagen, was nur Rufus wissen konnte. Aber kurz bevor ich mich entscheiden konnte, ließ immer einer von ihnen los und sie drehten sich wieder ein Stück weiter. Ich hatte den Verdacht, dass einer von ihnen die meisten Ideen hatte, aber ich konnte einfach nicht zu ihm. Dann plötzlich meinte einer, dass ich alle im Stich lassen und mich selbst retten sollte. Das Hochboot hatte nicht mehr viel Zeit, sich in der Luft zu halten. Das musste er sein, aber ich war immer noch skeptisch.“ Jetzt kamen Goal die Tränen und es fiel ihr schwer, weiterzusprechen. Dieses eine Signal hätte sie sehen müssen, aber sie war blind gewesen. „Er zeigte auf einen anderen und behauptete, der sei Rufus. Der wahre Rufus würde nämlich niemals aufgeben - und niemals…“ Sie konnte die Tränen nicht weiter zurückhalten. „Verdammt nochmal“, fluchte sie in Gedanken, „du machst den ganzen Plan kaputt, wenn du nicht überglücklich aus diesem Abenteuer herauskommst!“
Die Elyisaner waren ganz still, rückten nur näher und versuchten, Goal zu trösten. Sie fanden, dass der Moment, in dem sie ihre große Liebe, was ja offensichtlich war, fast verloren hätte, wirklich ein Alptraum gewesen sein musste. Goal fing sich wieder und sprach mit zitternder Stimme: „Er…er wollte loslassen, damit…es aufhört. Für ihn zählte nur, dass ich überlebe. Also konnte nur er wirklich Rufus sein. Wenn ich nicht schnell genug gewesen wäre…“ Schluchzend vergrub sie das Gesicht in den Händen, und sie brauche eine Weile bis sie wieder aufblicken konnte. "Ich war so glücklich, ihn endlich wiederzuhaben. Endlich keine Gefahren mehr, keine Sprengungen, keine Organons", sie schüttelte energisch den Kopf, "und auch keine Lügen. Wir bleiben zusammen auf Elysium, für immer."

Damit endete Goals Geschichte. Sie konnte nicht mehr. Sie blieb noch lange bei der freundlichen Gruppe, die e sich nicht nehmen ließen und ihren Helden feierten. Es wurde noch oft auf Rufus angestoßen - und auf seine „Prinzessin“, die er vor dem bösen Verlobten gerettet hatte. Und natürlich auch auf Deponia, den Müllplaneten, auf dem so besondere Menschen geboren wurden und der noch lange weiterbestehen sollte. Um Elysium sorgten sie sich nicht. Es war nicht die Natur der Elysianer, sich besonders viele Sorgen zu machen. Als Goal sich von ihnen verabschiedete, war die Party noch lange nicht vorbei, aber sie fühlte, dass sie endlich tief und sehr lange schlafen würde.
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