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Totenjäger

von Melkor
GeschichteFantasy / P12 / Gen
OC (Own Character)
01.05.2016
25.05.2016
5
8.935
2
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04.05.2016 1.229
 
Das kleine Tal, welches ein Stück südlich der Stadt Mahngrad lag, galt schon immer als verworren und wild. Trotz des fruchtbaren Bodens in diesem Teil der Lande, war kein Farmer oder Bauer darauf erpicht sich auf einem der bewaldeten Hügel niederzulassen und man bevorzugte die gemäßigten Hänge vor dem nördlichen Tor der Stadt.

Eine einzige Ausnahme stellte Jorheim dar. Mittig im Tal angesiedelt, entwickelte sich über die Zeit eine Gemeinde derer die die Spukgeschichten dieses Ortes belächelten, oder jene die nichts mehr zu verlieren hatten. An der Oststraße - der einzigen Verbindung zwischen der Hauptstadt und Mahngrad - gelegen, hielten sich die Bewohner mit der Rodung der umliegenden Wälder und der Versorgung von Wanderern über Wasser. Letztere wurden in den vergangenen Monaten jedoch seltener und seltener, was nun aber die beiden Reiter, welche sich auf der Straße Jorheim näherten, zu einer viel größeren Attraktion machte.

Sie eilten nicht, sondern ritten im Trab gemächlich nebeneinander her, wohl noch die letzte Stunde des schönen Wetters genießend, bevor die Regenwolken, welche sich am Horizont abzeichneten, über das Tal hereinbrechen würden. Hätten andere Reisende mit ihnen der Weg beschritten, dann konnte man jedoch davon ausgehen das sie von dem Paar entweder beeindruckt oder verschreckt gewesen wären.

Der eine war ein Elf, das dunkle Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, mit leicht unrasiertem Gesicht was ihn mit seinen beigen Roben und seinem Umhängebeutel wie einen reisenden Wunderheiler wirken ließ, mit Geschichten über vergoldete Dracheneier, riesen Spinnen die Schätze bewachten, oder Städte, komplett im Meer versunken.

Seine Gefährtin auf dem Pferd neben ihm glich ihm in Erscheinung jedoch wenig. Ihre blau-grauen Augen strahlten Frohsinn aus, und gepaart mit ihrem leicht hochgezogenen Mundwinkel konnte man von einer Art spöttischer Gelassenheit sprechen. Sie trug ihr dunkelblondes Haar offen, welches ihr gerade einmal bis zu den Schultern reichte. Obwohl sie nicht älter als zwanzig Jahre sein konnte, war ihr Auftreten, gekleidet in ein Kettenhemd, mit einem Streitkolben am Gürtel befestigt und einem hölzernen Rundschild, welchen sie sich auf den Rücken geschnallt hatte, für die Meisten doch wohl beeindruckend.

Als die Beiden den Rand des Dorfes erreichten, war bereits der erste Donner von außerhalb des Tales zu vernehmen, was den baldigen Wetterumschwung ankündigte und die Leute langsam in ihre Häuser trieb.

Doch Gwyne kam es so vor, als wäre es nicht das herannahende Wetter, was die Leute davon abhielt, gaffend an ihren Zäunen zu stehen und über die Neuankömmlinge zu tuscheln.

„Hmm, die Leute hier wirken ein wenig zurückgezogen, findest du nicht?“, murmelte sie ihrem Begleiter zu, doch der schien sich viel mehr für die hiesige Architektur zu interessieren. „Saruil? Hörst du mir zu?“

„Misteln…“

„Bitte was?“

„Manch ländliches Volk glaubt, Misteln wehren böse Geister ab, sie davon abzubringen in die Häuser einzudringen. Hier ist niemand zurückgezogen, die hier sind verängstigt“. Wo andere nun vielleicht argwöhnisch geworden wären, schien Saruil langsam erst von Neugier gepackt zu werden. Doch in einem hatte er Recht, dachte sich Gwyne. Egal wo sie hinblickte, an praktisch jeder Haustür, ob an der selbst Klinke angebunden oder über der Tür aufgehängt, befanden sich Misteln. Manche hatten sogar ihre Fenster damit geschmückt. Ihr kribbelte es in der Magengrube, dieses Gefühl, als ob man bereits wusste was auf einen zukam, doch die Situation einfach nicht zu erfassen vermag.

Das Gasthaus der Siedlung war etwas abseits der Hauptstraße gelegen, ein massives Blockhaus, zweistöckig und mit einem angeschlossenen Stall, der sich hinter dem eigentlichen Gebäude weiterzog. Über der Tür hing ein eisernes Schild, einen Ziegenkopf darstellend, doch selbst dieses baumelte fast leblos im Wind. Furcht lähmte diesen Ort, es lag förmlich in der Luft. Vielleicht war einfach nur Einbildung, die Müdigkeit eines anstrengenden Rittes und der Aberglaube der Landbevölkerung der sie so denken ließ, doch sie könnte schwören sogar die Luft die sie einatmete hatte einen seltsamen Beigeschmack. Eine Art bittere Kälte, wenn das überhaupt Sinn ergab.

Zwei Holzstufen führten zu einer massiven Holztür, geschmückt mit Misteln, hinter welcher sich ein beinahe leerer Schankraum offenbarte. Er war langgezogen, mit einer Feuerstelle in der Mitte, dazu Tische mit Bänken an der rechten und linken Wand. Am einen Ende des Raumes war das Tresen, fast die gesamte Breite des Raumes einnehmend, und noch weiter dahinter hangen Felle, die wohl den Kochbereich provisorisch abtrennen sollten.

Der Wirt selbst, ein hagerer Mann, mit schon fast komisch engliegenden Augen, bemerkte dir Neuankömmlinge erst, als sie schon praktisch vor ihm standen.

„Ah, Hand zum Gruße meine Dame, mein Herr“ Er versuchte zumindest einen gastfreundlichen Ton aufzusetzen. „Ich grüße, edler Gastherr“, begann Saruil. „ Meine Freundin und ich kommen einen weiten Weg, hättet ihr Speis und Trank, und vielleicht auch noch freie Zimmer für uns?“

„Bitte, setzt euch, hier haben wir immer einen Platz für Wandernde. Etwas Brot, etwas Käse, leider sind die Vorräte knapper geworden…“, damit verschwand her schon hinter den Fellen.

„Wir hätten auch noch zwei Pferde…“

„Darum wird sich gekümmert mein Herr, keine Sorge… Will, Will da sind Pferde. Beweg dich na los“ Etwas Dumpfes erklang zwischen den Rufen, ein kurzes Ächzen und dann nur noch das Scheppern von Tellern. Der Wirt kam wieder hervor, die Hände fohl und gefolgt von einem jungen Burschen mit verschlafenen Augen und zerzaustem schwarzem Haar. Dieser schlurfte, die Gäste misstrauisch beäugend, zur Tür und hinaus, wahrscheinlich um die Pferde in den Stall um zu quartieren. Draußen waren bereits die ersten Regentropfen zu vernehmen, wie sie begannen auf den staubigen Boden niederzuprasseln.

„Würde es euch etwas ausmachen das Feuer noch einmal zu entfachen?“, fragte Gwyne. Sie hoffte wenigstens etwas gegen die fröstelte Stimmung tun zu können, doch der Wirt erwiderte zögernd: „Ich bitte um Verzeihung, aber in der letzten Zeit scheint das Feuer verrückt zu spielen, meine Dame. Schlechtes Holz, was die mir da angedreht haben“.

So wie sie den Zwang hinter seinem Lachen erkannte, so erkannte der Wirt die Skepsis in ihrem Blick. „Nun, bitte sehr“, und schob ihnen zwei Teller, zusammen mit zwei Krügen Bier hinüber. „Wir sind derzeit recht leer was Gäste betrifft, ihr habt die freie Wahl des Raumes“.

„Tatsächlich, keine anderen Besucher?“, hackte Saruil nach. Der Wirt verzog kurz die Miene.

„Da sind noch zwei, ein Zwerg und ein Mensch, beiden schlafen sie aber im Stall. Sitzen den ganzen Tag nur an einem Tisch, tuscheln und trinken. Normalerweise hätte solch seltsames Pack Hausverbot, aber solang sie ihre Zeche zahlen, nun wir leben in schwierigen Zeiten…“.

Beide nahmen sie ihr Essen, welches aus etwas Brot, Käse und Schinken bestand. Dazu bitteres Bier, wohl nicht das frischeste, doch besser als eine trockene Kehle war es alle mal.

Zwischen zwei Bissen lehnte sich Saruil zu seiner Freundin hinüber: „Du musst zugeben, egal was hier falsch läuft, mit der Düsterkeit kann man es irgendwann auch mal übertreiben“. Gwyne hatte nur einen kurzen Lacher für den Witz übrig, der Humor des Elfs traf nicht immer ihren Geschmack.

Ohne viel mehr Zeit mit Trinken oder Essen verbringen zu wollen, schlangen sie den Rest hinunter und bezogen rasch ihre Zimmer, oder eher Kämmerchen.

Kaum groß genug um sich ordentlich umzudrehen, boten sie doch wenigstens den Luxus eines Bettes, ja sogar ein Hocker war daneben aufgestellt. Die Kriegerin seufzte, während sie ihr Rüstzeug ablegte, den Streitkolben jedoch wohlbedacht in Griffweite platzierend. Zugegeben, damit konnte sie ihn einfach gegen die gegenüberliegende Wand lehnen. Das einzig Positive an diesem Tag war wohl, dass sie nicht lange wach liegen musste bis sie der Schlaf fand und schon bald glitt sie in einen ruhigen, traumlosen Schlummer hinüber.
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