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Was es bedeutet selbstlos zu sein

von RamonaXX
KurzgeschichteDrama, Freundschaft / P16 / Gen
Chris Taylor Elias Grodin OC (Own Character) Robert Barnes
01.05.2016
01.07.2016
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6.475
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01.06.2016 1.881
 
Kapitel 2 – Bauchgefühl

Gegen Mittag wirkte das Basislager unter der quälenden Hitze jeden Tag wie ausgestorben. Wer einen der begehrten Schattenplätze ergattert hatte, war dankbar dafür und gab diesen nicht so schnell freiwillig wieder auf.
Genau zu dieser trägen Tageszeit, wo Antriebslosigkeit und Bequemlichkeit alle fest im Griff hielt, hatte Rhah eine ernste Lagebesprechung einberufen. An einem abgelegenen Schützenloch hatte er sich mit King, Big Harold, Chris und Crawford verabredet, um unbeobachtet – und vor allen ohne Elias – über Juliet sprechen zu können.
„Und ich sag’s euch nochmal.“, wiederholte sich Rhah aufgebracht, der seit einer Viertelstunde auf seine Kameraden einredete, „So süß das Mädchen auch ist, sie muss weg!“
„Wieso denn das?“, fragte Big Harold und verstand nicht warum Rhah das Kind um jeden Preis loswerden wollte.
„Na überleg doch mal.“, antwortete Rhah und redete sich wieder in Rage, „Wie alt ist die Kleine? Drei? Vielleicht vier? Wir können sie nicht hier behalten!“ In Gedanken schlug er sich die flache Hand gegen die Stirn. Gott, war er denn der einzige, der die Gefahr erkannte, die ein vietnamesisches Mädchen zwischen einer Gruppe amerikanischer Soldaten mit sich brachte?
„Also ich gebe Rhah recht.“, sagte Crawford, der bisher zu dem Thema geschwiegen hatte. Es war ihm schwergefallen in der prallen Mittagssonne den Worten von Rhah zu folgen, aber nun glaubte er sich seine Meinung gebildet zu haben. Ein wenig müde fügte Crawford hinzu: „Die letzten drei Tage waren echt spaßig, aber irgendwie auch echt ansträngend.“
„Ach Quatsch!“, schnaubte Big Harold. Was der Blonde da redete, war riesengroßer Bockmist! Elias hatte etwas Gutes getan, etwas verdammt Gutes. Und sie würden, dass schon gemeinsam geschaukelt bekommen, irgendwie.
„Und was war Gestern?“, presste Rhah wütend hervor und ermahnte sich, dass es auch abseits der anderen Soldaten, nicht klug war herumzuschreien – Wenngleich er es gerne getan hätte. Er sah an seinen Kameraden vorbei und überprüfte kurz die Umgebung, ehe er sich ihnen mit merklich gesenkter, aber ernster Stimme wieder zuwandte: „Gestern war ausnahmsweise keiner da, um auf Juliet aufzupassen. Und was hat die Göre gemacht? – Ist aus dem Bunker raus geklettert und durchs Lager marschiert.“
Crawfords aufgeschmolzenes Gehirn erinnerte sich trübe an die Panik, die ausgebrochen war als er das Verschwinden des Mädchens bemerkt hatte. „Ein Glück das King den Racker gleich wieder eingefangen hat.“, kommentierte er.
„Ja, stimmt.“, bestätigte King, „Das war verdammt knapp.“ Er hatte schon vor zwei Tagen gespürt, dass es unterschwellig Streit zwischen Elias und Rhah wegen dem Mädchen gab. Nur zu wem er halten sollte, dessen war er sich noch nicht sicher.
Auch Chris schwankte noch wer der beiden mehr recht hatte. Sicher war es richtig, dass der Sergeant dem Kind das Leben gerettet hatte, aber ganz so einfach waren Rhahs Bedenken nicht von der Hand zu weisen. Es war mit großem Aufwand verbunden, den Aufenthalt des Mädchens geheim zu halten. Gerade jetzt, wo es der Kleinen im Bunker schnell zu langweilig wurde und sie anfing unbedarft die Umgebung zu erkunden.
Verärgert rieb sich Rhah den Schweiß von der Stirn. Seine Kameraden hatten nichts, aber auch wirklich gar nichts gerafft. Er musste sie unbedingt überzeugen, denn alleine war es aussichtslos, sich gegen den verträumten Elias durchzusetzen. Rhah versuchte sich zu sammeln und nahm einen letzten Anlauf: „Was glaubt ihr passiert, wenn Wolfe oder Barnes mitkriegen, was hier abläuft?“ Fragend sah er in die Runde, erntete aber nichts als betretenes Schweigen und zu Boden gerichtete Blicke. „Verdammt!“, platzte es aus Rhah heraus, „Ich will wegen dieser Scheiße nicht in Long Binh landen!“
Chris schluckte. Über diese Konsequenz hatte er noch gar nicht nachgedacht. Wenn Lieutenant Wolfe, oder Staff Sergeant Barnes tatsächlich herausfanden, dass die Gruppe von Elias ein vietnamesisches Mädchen beherbergte, würde es gewiss großen Ärger geben. Er bezweifelte zwar, dass man sie – wie von Rhah befürchtet – unter Arrest stellen und ins Militärgefängnis nach Long Binh schicken würde, aber einen Orden würde man ihnen dafür sicher auch nicht anstecken. Konnte es wirklich ein Verbrechen sein, im Krieg das Leben Unschuldiger zu retten?
„Jemand muss mit Elias sprechen.“, sagte King entschieden, „Der hängt am meisten an Juliet.“ Die Erwähnung von Barnes hatte ihn überzeugt. Dem militanten Staff Sergeant traute er keinen Meter über den Weg. King war sich sicher, bei diesem verrohten Mann war es sogar möglich, dass er dem Kind etwas antat, wenn er es in die Finger bekam.
Benommen versuchte Crawford die Gesichter seiner Kameraden zu erkennen. Wenn er schnell seine Zustimmung gab, würde er hoffentlich bald aus dieser Bullenhitze rauskommen. „Elias hat Juliet hier rein geschmuggelt, soll er sie auch wieder rausschmuggeln.“, keuchte er schwer.
Big Harold spürte wie sich fragende Blicke auf ihn richteten. Auch ihm war mittlerweile klar geworden, das Juliet nicht ewig bleiben konnte. Nachgiebig nickte er.
Rhah knurrte zufrieden. Endlich hatten die Jungs ihn verstanden. Er schaute zu Chris und sagte mit Bestimmtheit: „Taylor. Du machst das.“
„Was, ich?“, fragte Chris vollkommen überrascht und wusste nicht, was gerade ihn zu dieser kniffligen Aufgabe befähigen sollte.
„Ja, Mann.“, bestätigte King, „Elias mag dich. Ich meine, uns mag er auch, aber dir wird er eher zuhören.“
Verdattert sah Chris wie alle anderen zustimmend nickten. Er hatte keinen blassen Schimmer, wie er die Sache angehen sollte, sah aber gleichzeitig ein, dass er keine andere Wahl hatte. Unsicher stammelte Chris: „O-Okay.“

*****

Elias hatte sich in die Unterwelt zurückgezogen. So wie er es die letzten Tage immer getan hatte, um bei Juliet zu sein. Zugegeben, er hatte einen Narren an diesem Mädchen gefressen. Sie war ihm – wie auch den anderen Bewohnern der Unterwelt – in der kurzen Zeit rasch ans Herz gewachsen.
Der süße Knirps lenkte ihn ab und brachte ihn auf andere Gedanken. Es war genau das, wonach Elias sich innerlich am meisten sehnte. Denn was außerhalb des geschützten Basislagers irgendwo im Busch passierte, belastete alle Soldaten gleichermaßen und nicht wenige trugen den Kampf gegen diese bösen Geister im Stillen mit sich selbst aus. Die einen kifften, die anderen tranken und wieder andere jagten sich Morphium durch die Venen, oder was sonst an Drogen zu bekommen war.
So hatte jeder von ihnen seinen eigenen Weg gefunden, hier draußen mit dem klarzukommen, was nicht klarzukriegen war; die andauernde Gewalt, das ständige Töten und der immer widerkehrende Kummer darüber in diesem Scheißkrieg festzusitzen und nicht nach Hause zu können…
Wenn Elias auf Juliet aufpasste, konnte er all diese schrecklichen Dinge wie Staub von seiner Seele schütteln. Es beruhigte ihn bei ihr zu sein und gab ihm ein Stück innere Ausgewogenheit zurück.
Als er gegen Mittag den stickigen, aber schattigen Bunker betreten hatte, um King abzulösen, der ohne viele Worte zu machen verschwunden war, hatte Elias sein verschwitztes Feldhemd ausgezogen und an einem Nagel aufgehängt.
Nun lag Elias in seiner Hängematte und auf seinem entkleideten Oberkörper ruhte die kleine Juliet.
Sein rechtes Bein hing lässig über den Rand der Hängematte und hin und wieder stieß er sich mit dem Fuß an der Wand ab, um die selbstgebastelte Konstruktion aus abgenutzten Regenumhängen und ausgedienten Kabeln sanft zum Schaukeln zu bringen.
Versonnen schaute der Sergeant auf das Mädchen, das tief und fest schlief und dabei unbekümmert am Finger nuckelte. Die Lippen fest um den Daumen geschlossen, lag ihr Zeigefinger locker auf der süßen Stupsnase. Es sah fast ein wenig so aus als wolle Juliet sich unter ihrer eigenen Hand verstecken.
Vorsichtig streichelte Elias der Kleinen übers dunkelbraune, fast schwarze Haar und schloss die Augen. Wenn es nach ihm gegangen wäre, dann hätte dieser wunderschöne Moment, mit dem schlafenden Kind auf seinem nackten Bauch ewig dauern können.
Ein Rascheln am Eingang ließ seine Augenlider jäh wieder nach oben schnellen.
Vor die Stützpfeiler, zwischen denen seine Hängematte gespannt war, hatte Elias zum Sichtschutz ein Stück einer alten Zeltplane gehängt. Was allerdings hieß, dass auch er nicht sehen konnte, was auf der anderen Seite vor sich ging.
Sein feines Gehör hatte ihn nicht getäuscht. Jemand hatte soeben den Bunker betreten und kam auf sein Versteck zu. Intuitiv legte Elias seinen Arm um Juliet und musterte aufmerksam die Plane.
Die aufkommende Anspannung verflog im selben Moment, wo das vertraute Gesicht von Taylor zum Vorschein kam.
Chris grüßte den Sergeant mit einem freundlichen Lächeln und erhielt ein kurzes Nicken als Antwort.
Schweigend trat Chris näher und nahm auf einem Stapel Munitionskisten Platz, von denen die oberste ausnahmsweise freigeräumt war. Sein Blick blieb an dem schlafenden Kind hängen, das die Geborgenheit in Elias Arm sichtlich zu genießen schien. Nach einer Weile fragte Chris etwas verlegen: „Fühlt sich gut an oder?“
„Ja.“, hauchte Elias, ohne seinen Blick von Juliet zu nehmen. Verträumt starrte er auf die Wangen der Kleinen, die sich sanft im Rhythmus ihres Nuckelns bewegten.
„Weißt Du Taylor“, begann Elias und löste seine Augen nur ungerne von diesem friedlichen Bild, „Bevor ich nach ‘Nam gekommen bin, habe ich nie daran gedacht, wie es sein könnte Kinder zu haben.“ Elias sah wieder zu Juliet und ein sorgloses Lächeln erhellte sein Gesicht. Leise flüsterte er: „Jetzt kann ich es kaum erwarten.“
Chris musste schmunzeln. Er wusste, was der Sergeant mit diesen Worten gemeint hatte. Umso schwerer fiel es ihm, dass Thema anzusprechen, wegen dem er eigentlich hierhergekommen war.

Wieder verging eine gewisse Zeit bis Chris sich dazu durchrang etwas zu sagen: „Du weißt, dass sie nicht bleiben kann?“ Er hatte seinen Satz ursprünglich durchsetzungsstärker formulieren wollen, aber am Ende hatte es doch nur für eine Frage gereicht.  
Elias’ glatte Stirn bekam ein paar tiefe Sorgenfalten. „Weißt Du Chris“, begann er nachdenklich und gab der Hängematte neuen Schwung, „Es gibt immer drei Beteiligte an einem Krieg. Wir auf der einen Seite. Die auf der anderen Seite. Und die Unbeteiligten dazwischen.“ Sein Blick wechselte von dem Kind zu seinem jungen Kameraden. „Schau sie dir an, Taylor.“, forderte Elias mit ernster Stimme, „Schau sie dir gut an. Und dann sag mir, dass ich etwas falsch gemacht habe.“
Chris versuchte sich zu verteidigen. „Nein, nein! So war das nicht gemeint!“, sprudelte es aus ihm heraus. „Ich… Ich…ähm…“, er geriet ins Stottern. „Es steht zu viel auf dem Spiel.“, sagt Chris schließlich, „Wenn Barnes oder Wolfe dahinterkommen, dann…“ Wieder brach er ab.
Elias dachte einen Moment nach. Den Arm um das schlummernde Mädchen gelegt, fuhr seine große Hand immer wieder über ihr dichtes, dunkles Haar. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass Taylor recht hatte. Juliet hierzubehalten, stellte eine Gefahr für sie alle dar – auch für Juliet.
„Wir wollen doch alle nur das Beste für sie.“, meinte Chris bekräftigend und spürte, dass seine Worte das richtige in Elias bewegten. Ermutigend fügte er hinzu: „Juliet sollte an einen Ort kommen, an dem sie sicher ist. An dem sie wirklich sicher ist.“
„Sehr richtig, Taylor!“, es war die raue Stimme von Rhah, die plötzlich die friedliche Stimmung durchbrochen hatte. „Und hier ist die Kleine nämlich überhaupt nicht sicher.“, fügte er hinzu. Der ungeduldige Soldat hatte nicht länger warten können. Er wollte jetzt und hier eine Entscheidung von Elias haben! Gefolgt von den anderen trat Rhah hinter dem Sichtschutz hervor und schnaubte: „Wird Zeit, dass der Hosenscheißer endlich ein richtiges Zuhause bekommt!“
„Reg dich ab, Mann!“, meinte Elias und sah Rhah vorwurfsvoll an, „Ich hab’ mich doch schon längst entschieden.“ Sein Blick fiel wieder auf Juliet, die ungeachtet des Trubels friedlich in seinem Arm schlief. Ein sanftes Schmunzeln kam Elias über die Lippen, das jäh wieder verschwand. Mit entschlossener Stimme wandte er sich an die Umstehenden: „Wir tun es. Heute Nacht.“
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