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Soulfires Geheimnis

von SilviaK
Kurzbeschreibung
KurzgeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
OC (Own Character)
28.04.2016
28.04.2016
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3.065
 
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(Ich habe noch etwas Historisches auf der Festplatte entdeckt :-D Eine kleine Geschichte zu meinem Chara Soulfire vom Hain der Hidden Ones. Ist das lange her!)

Nightdreamer lag auf der Lauer. Er saß am Eingangsloch der Baumhöhle seiner Eltern und tat so, als wäre er vollauf damit beschäftigt, Federn für einen neuen Satz Pfeile zu sortieren. Aber eigentlich waren seine Augen die ganze Zeit auf die Baumhöhle schräg gegenüber gerichtet.
Plötzlich bewegte sich dort der lederne Vorhang. Nightdreamer zog sich noch etwas mehr in die Höhle zurück, spähte aber aufmerksam um die Ecke nach draußen. Eine schattenhaft wirkende, schmale Gestalt verließ die Höhle und ließ den Vorhang zurückfallen. Sie schien sich umzublicken, ob niemand in der Nähe war. Dann kletterte sie flink nach unten und schlich sich, ohne einen  Laut zu verursachen, aus dem Lager.
Die Federn waren vergessen. In Windeseile, aber mit gebotener Vorsicht verließ auch Nightdreamer den Baum. Diesmal, so hatte er sich vorgenommen, würde er es endlich herausfinden. Schon vor ein paar Tagen war ihm aufgefallen, daß Soulfire immer wieder heimlich für längere Zeit den Hain verließ. Sie sagte niemanden, was sie im Wald tat - und Nightdreamer hatte sich auch nicht überwinden können, sie direkt darauf anzusprechen. Statt dessen war er ihr schon mehr als einmal nachgeschlichen, um herauszufinden, wohin sie eigentlich ging. Aber obwohl er sonst schon ein recht guter Spurenleser war, verlor er mit seltsamer Regelmäßigkeit immer wieder ihre Fährte.
Beim ersten Mal hatte sie ihn beinahe ertappt, war herumgefahren und hatte ihn mit zuammengezogenen Augenbrauen angesehen. „Sag mal, schleichst du mir hinterher?!“ Nightdreamer hatte noch immer ihre verärgerte Frage im Ohr, auf die er gerade noch eine halbwegs plausible Ausrede stotterte, um danach schnellstmöglichst in die entgegengesetzte Richtung zu verschwinden. Seitdem hatte er den Gedanken, sie direkt zu fragen, sowieso aufgegeben. Wie stand er denn sonst da - als ob er ihr nachspionierte!
Aber er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, hinter Soulfires Geheimnis zu kommen. Heute wollte er besonders aufmerksam und vorsichtig sein, um endlich seine Neugier zu befriedigen, ohne dabei entdeckt zu werden.

Aber so lautlos Nightdreamer der jungen Elfe auch nachschlich - Soulfire hatte ihren Verfolger längst erwartet. Sie war hinter den Sträuchern am Rande des Hains verborgen stehengeblieben, bis sie Nightdreamer aus der Baumhöhle klettern und die Richtung einschlagen sah, in die sie gelaufen war.
‘Dachte ich es mir doch - er kann es einfach nicht sein lassen!’ So langsam nervte es Soulfire wirklich, daß sie ihn ständig austricksen mußte, bevor sie sich ihrem Versteck nähern konnte. Sie wollte nun einmal noch keine Gesellschaft bei dem, was sie dort tat. Es war einfach noch zu früh! Soulfire schüttelte den Kopf, lief weiter, so schnell und leise sie konnte. Doch Nightdreamer blieb ihr auf den Fersen, immer so, daß er ihre Gestalt gerade noch hin und wieder zwischen den Bäumen erspähte. Schließlich wollte er sich ja nicht erwischen lassen!
Nach einem kurzen Stück Weg, das sie fast rannte, erreichte Soulfire ein Dickicht aus Dornen und Krautwerk. Hastig sah sie sich um, fuhr mit den Händen knapp über die Zweige und konzentrierte sich. Sie hatte es schon öfter getan, darum ging es sogar jetzt, wo sie es eilig hatte, leicht. Die dornigen Zweige bogen sich zur Seite, ließen sie hindurch und schlossen sich sofort wieder, ohne eine Lücke zu hinterlassen.

Nightdreamer kam nur wenig später an diesen Ort. Soulfires Geruch lag noch in der Luft, obwohl er keine Spuren mehr sah. Er stand vor dem Gestrüpp und musterte angestrengt die Zweige, hockte sich nieder, suchte einen Weg am Erdboden entlang - und fand auch hier nichts. Wieder einmal. Wie konnte Soulfire sich hier hindurchzwängen, ohne am ganzen Leib Kratzer davonzutragen? Nightdreamer war es ein Rätsel. Auch heute versuchte er wieder, an der Stelle, an der er ihre Spur verlor, das Strauchwerk irgendwie beiseitezuschieben, aber wie gewöhnlich mißlang das, die Dornen ritzten nur seine Haut.
Doch diesmal wollte er sich davon nicht aufhalten lassen. Nightdreamers Blick glitt an den Stämmen der Bäume hinauf, die ringsum standen - warum hatte er bisher nicht daran gedacht, daß Soulfire vielleicht einfach den Weg über die Äste genommen hatte? Nightdreamer grinste, kletterte hinauf und überwand auf diese Weise das dornige Hindernis. Auf der anderen Seite fand er Soulfires Fährte mit Leichtigkeit wieder, denn das Moos war noch naß vom Regen und die leichten Abdrücke ihrer Füße waren für einen Elf gut genug darauf zu erkennen.

‘Oh nein, du kriegst mich nicht!’, dachte Soulfire, als sie bemerkte, daß Nightdreamer ihr heute weiter auf den Fersen blieb. Sie ließ sich zu Seiten ihres geheimen Weges in eine Kuhle zwischen Sträuchern und Farnen gleiten, den Blick aufmerksam zwischen den Blättern zurück gerichtet, neben sich den Stamm einer großen Kiefer mit knorrigen Wurzeln, die unter herabgefallenen Nadeln und Blättern verborgen waren.
Da kam er auch schon, leise und vorsichtig wie ein Jäger, der seiner Beute folgte, um sie zu erlegen. Aber auch Soulfire war Jägerin - sie verstand es nur ein wenig besser als er, sich vor neugierigen Blicken so zu verbergen, daß man sie nicht fand.
Nightdreamers dunkle Augen schienen das Dickicht des dämmrigen Waldes regelrecht zu durchbohren. Er sah Soulfire nicht mehr. Hatte er sie wieder verloren? Oder versteckte sie sich hier irgendwo? Am Boden? In den Bäumen?
Nightdreamer hob den Kopf, prüfte die Gerüche in der Nachtluft - und wurde plötzlich nach vorn gerissen, als sein Fuß sich in einer Wurzel verfing. Hart landete er auf dem Bauch. Sekundenlang preßte ihm der Aufprall die Luft aus den Lungen - und Soulfire in ihrer Kuhle biß die Zähne zusammen und hielt sich die Hände vor den Mund, um nicht laut herauszuplatzen und sich damit zu verraten. Nightdreamers Gesichtsausdruck sah einfach zu komisch aus! Schnell konzentrierte sie sich wieder auf die Wurzel, die langsam an ihre gewohnte Stelle zurücksank. Soulfire nutzte die Chance, die sich ihr bot, verließ die Kuhle im Schutz der Sträucher und lief lautlos weiter.
Der junge Elf unterdrückte ein Stöhnen, als er sich aufsetzte. Er rieb sich das Schienbein, mit dem er aufgeprallt war, und sah hinter sich zu der Wurzel, über die er gestolpert war. Er fluchte in Gedanken und hoffte, daß Soulfire wirklich fort war und ihn nicht so gesehen hatte. Die Lust, ihr weiter zu folgen, war ihm auf einmal vergangen. Er stemmte sich hoch, sah sich noch einmal um und wollte schon den Rückweg einschlagen, als der Wind drehte und ihm Soulfires Geruch zutrug.
Also war sie doch hier gewesen!
Hatte vielleicht in einem Versteck gesessen und sich über ihn amüsiert?!
Nightdreamers Blick verfinsterte sich. ‘Ja, denk nur, ich habe genug - aber darin irrst du dich!’ dachte er. ‘Du kannst dich nicht vor mir verstecken! Was bin ich denn für ein Jäger, wenn ich dich entwischen lasse!’

‘Das gibt’s doch nicht!’
Soulfire glaubte ihren Augen nicht zu trauen, als sie hinter sich eine Bewegung wahrnahm, die nur wieder von Nightdreamer stammen konnte. Er schlich ihr immer noch nach! Jetzt reichte es Soulfire wirklich. Sie wollte ihre Ruhe haben! Also mußte sie diesem neugierigen Jungelf wohl oder übel endlich eine Lektion erteilen, damit er aufhörte, ihr hinterherzulaufen!
Vielleicht sollte sie ihm diesmal eine richtige Falle stellen...
Soulfire brauchte gar nicht lange nachzudenken. Sie kannte in der Nähe eine Stelle, an der Schlinggras wuchs. Es hatte längere, fleischigere Halme als normales Gras, die mit einer klebrigen Flüssigkeit bedeckt waren, sich ausrollen und kleine Tiere einfangen konnten. Oder auch die Füße neugieriger Elfen, wenn Soulfire ein wenig nachhalf.
Diesmal mußte sie sich beinahe Hals über Kopf verstecken, denn Nightdreamer kam rasch näher. Er würdigte das Schlinggras keines Blickes - vielleicht erkannte er es nicht einmal als solches. Knapp daneben blieb er stehen, sein Blick glitt suchend umher.
‘Gefangen!’ dachte Soulfire siegessicher. Sie legte die Hand flach auf den Boden, ahnte den Wurzelausläufer der Pflanze in der Nähe ihrer Finger und begann, ihre Kraft auszusenden. Komischerweise fing dieses Spielchen beinahe an, Spaß zu machen. Eine Gelegenheit zum Üben nach der anderen!
In Nightdreamers Rücken regte sich das Schlinggras. Ein Halm nach dem anderen entrollte sich langsam, kroch auf den jungen Elf zu. Als der das leise Rascheln auf dem Laub wahrnahm und in der Annahme herumfuhr, eine Schlange würde sich ihm nähern, war es schon zu spät. Der erste Ausläufer glitt über seinen Fuß und rollte sich um sein Gelenk. Ein zweiter folgte, umwand den anderen Unterschenkel.
Nightdreamer stutzte. Verblüfft blickte er nach unten, auf die sich wie von selbst windenden fleischigen Halme, die seine Beine hinaufkletterten wie Efeu an einem Baumstamm. Schlinggras ...! Er haßte dieses klebrige Zeug! Nightdreamer zerdrückte einen Fluch zwischen den Zähnen, griff nach seinem Dolch und fing an, die Halme durchzuschneiden, möglichst ohne mit dem Saft darauf in Berührung zu kommen.
Soulfire zuckte zusammen. Sie spürte die Verletzungen der Pflanze, als schnitte etwas ihr selbst über die Haut. ‘Oh nein, so einfach befreist du dich nicht!’ Aufgebracht leitete die junge Elfe noch mehr Magie in ihre Verbindung zu dem Gewächs. Als erstes griff eine Ranke nach Nightdreamers Hand mit dem Dolch, hielt ihn fest. Neue Schlangen glitten heran, um wieder seine Füße zu fesseln, sich an seinen Beinen hinaufzuwinden, egal wie heftig der junge Elf sich dagegen zu wehren versuchte..
Und plötzlich verlor Soulfire die Kontrolle.
Sie war noch zu ungeübt, hatte zu viel ihrer Kraft an das Schlinggras gesandt. Immer neue grüne Ausläufer schossen aus dem Boden heraus, zogen die Arme von Nightdreamer eng an seinen Körper, so daß er den Dolch nicht mehr benutzen oder an den zähen Ranken zerren konnte. Entsetzt registrierte der junge Elf, daß die Pflanze ihn vollständig einzuwickeln begann!
Und Soulfire in ihrem Versteck erschrak fast noch mehr. Sie versuchte, das Schlinggras zu stoppen, aber im selben Moment spürte sie, wie ausgelaugt und erschöpft sie plötzlich war. Als hätte die Pflanze ihre gesamte Baumformerkraft mit einem Mal geschluckt. Das Schlinggras reagierte einfach nicht auf sie und kroch immer höher an Nightdreamer hinauf.
**Soulfire! Hilf mir! Schnell!** schrie plötzlich Nightdreamer in ihrem Kopf auf. Er hatte alle Vorsicht sein lassen und sich seiner „Beute“ zu erkennen gegeben, weil er nicht mehr aus noch ein wußte. Er konnte kaum noch ein Glied regen und diese verdammte Pflanze dachte nicht einmal daran, mit dem Wachsen aufzuhören.
Und Soulfire, die selber nicht wußte, was sie tun sollte, gab gleichfalls ihr Versteckspiel auf. Sie rannte zu Nightdreamer, musterte die verrückte Pflanze mit einer Mischung aus Verzweiflung und Hilflosigkeit. Wenn sie anfinge, daran zu zerren, dann würde sie nur klebenbleiben.
Einen Moment lang kam sich Nightdreamer in seiner Lage ziemlich lächerlich vor und normalerweise hätte er sich wahrscheinlich in das nächste Mauseloch gewünscht - wenn diese Schlingpflanze ihm nicht so unheimlich gewesen wäre.
„Soulfire! Kannst du ...“
Aus dem hoffnungsvollen Aufleuchten in den Augen des jungen Elfs wurde Erschrecken, dem ein überraschtes Keuchen folgte. Eine der Ranken hatte Nightdreamers Hals entdeckt und fing an, sich nun auch noch darum zu wickeln.
„Oh nein! Hör auf! Hör doch endlich auf!“
Soulfires Stimme zitterte genauso wie ihre Hände, als sie ihren eigenen kleinen Dolch aus dem Gürtel zerrte und neben der Pflanze auf die Knie fiel. Wütend hackte sie auf den Wuchsballen des Schlinggrases ein, knapp über dem Erdboden. Wenn sie die Verbindung zerstörte, dann mußte diese Pflanze doch auch endlich aufhören zu wachsen! Diesmal spürte sie so gut wie gar nichts dabei - vielleicht, weil sie ihre Magie schon über Gebühr beansprucht hatte. Soulfires Atem ging hastig und mit jedem Schnitt verfluchte sie sich selbst für ihren Einfall mit der Falle.
Endlich war es geschafft. Im selben Moment, in dem die Klinge der jungen Elfe die Ranken von der Wurzel trennte, erschlafften sie und hielten inne.
Nightdreamer, schon bis zum Kinn von den grünen Schlangen umwunden, schloß erleichtert die Augen. Soulfire jedoch gönnte sich noch keine Ruhe. Vorsichtig schnitt und wickelte sie die klebrigen Ranken von Nightdreamers Körper, hatte die Hände dabei mit einem Fetzen Leder umwickelt, um nicht klebenzubleiben. Nach einer Weile war der junge Elf so weit befreit, daß er selbst wieder mit Hand anlegen konnte, und bald fiel auch die letzte Ranke ins Gras.
Nightdreamer ließ sich ein paar Schritte von den gemeingefährlichen Dingern entfernt auf den Waldboden fallen. „Danke“, flüsterte er aus tiefstem Herzen. „Das ... das war ja ...“
„... alles meine Schuld!“ Soulfire, die neben ihm ins Gras gesunken war, vergrub das Gesicht in den Händen. Sie zitterte immer noch. In was für eine Gefahr sie Nightdreamer gebracht hatte! Sie mochte ihn gar nicht ansehen, als er sich verwirrt aufrichtete und fragte:
„Wieso deine Schuld? Das ist doch Unsinn!“
„Ist es nicht! Oder wächst Schlinggras vielleicht immer so? ... Das war ich!“
„Du?“ Nightdreamer starrte sie verblüfft an. „Du kannst Pflanzen formen? Du kannst ... sag mal, bist du übergeschnappt?!? Das Ding hätte mir fast die Luft abgeschnürt! Was sollte das denn?“
Soulfire zuckte unter dem wütenden Klang seiner Stimme zusammen. „Das wollte ich nicht, aber ... du solltest aufhören, mich ständig zu verfolgen!“ Endlich konnte sie Nightdreamer wieder ansehen. Schließlich hatte er sie ja erst soweit gebracht. „Irgendwas mußte dich doch aufhalten! Ich wollte allein sein! Wieso spionierst du mir ständig nach?!“
„Ich ... äh ...“ Nightdreamer, ertappt, bekam einen roten Kopf und stieß ärgerlich hervor: „Wenn du immer so heimlich wegläufst! Da macht man sich doch Gedanken!“
„Ach ja? Du hättest mich ja einfach fragen können, warum ich das tue!“
„Du hättest es mir ja sowieso nicht gesagt.“
„Woher willst du das wissen? Du hast es ja noch nicht mal versucht.“
Nightdreamer öffnete schon den Mund, um heftig darauf zu antworten, schloß ihn dann aber wieder unter Soulfires blitzenden Augen, weil ihm plötzlich nichts mehr einfiel, was er ihr noch vorwerfen konnte. Es stimmte ja - er hatte sie nicht gefragt. Und hätte es ihn nicht auch wütend gemacht, wenn ihm jemand ständig nachschliche? Verlegen zupfte er Reste des Schlinggrases von seiner ziemlich verklebt aussehenden Hose.
„Ich wollte ja ... aber du warst so ärgerlich, vor ein paar Tagen. Da dachte ich, daß du mir sowieso nichts sagen würdest, wenn ich dich frage. Aber ich war nun mal neugierig, und deshalb, naja ...“
Soulfire erinnerte sich an den Tag. Sie hatte es nur mit Mühe und Not geschafft, ungesehen aus dem Lager zu entwischen, und als sie merkte, daß ihr doch jemand nachschlich, hatte sie Nightdreamer ziemlich aufgebracht angefahren. Danach hatte er sich anscheinend nicht mehr getraut, sie direkt zu fragen.
„Vielleicht hätte ich’s dir ja trotzdem gesagt“, entgegnete Soulfire mit einem raschen Seitenblick. Denn eigentlich mochte sie den jungen Elf gern, obwohl er ihr in den letzten Tagen ganz schön auf die Nerven gegangen war. „Aber jetzt ... jetzt weißt du es ja sowieso schon.“  
Nightdreamer hatte mit noch einer zornigen Antwort gerechnet - aber nicht damit. Zuerst wußte er gar nicht, worauf sie anspielte, aber dann: „Du meinst - weil du Pflanzen formen kannst? Seit wann kannst du das denn überhaupt? Sowas gab es doch schon ewig nicht mehr im Stamm!“ Leise Bewunderung klang in seinen Worten mit.
„Deswegen wollte ich ja allein sein und meine Ruhe haben, wenn ich übe. Ich will es den anderen doch erst zeigen, wenn ich weiß, daß ich damit klarkomme. Daß ich nicht die Kontrolle verliere. So wie vorhin.“ Unglücklich blickte Soulfire zu der gekappten Pflanze. „Sie sollte doch nur deine Füße festhalten, mehr nicht. Aber wenn ich mit einer Pflanze verbunden bin, dann spüre ich auch, wenn ihr jemand weh tut. Als du angefangen hast, sie zu zerschneiden, da bin ich deswegen wütend geworden, und weil du nicht so einfach gleich wieder freikommen solltest. Und dann ist irgendwas schiefgegangen.“ Sie kaute auf der Unterlippe und warf ihm einen schuldbewußten Blick zu. „Und die Wurzel ... das war ich auch.“
„Und die Dornensträucher, an denen deine Spur immer aufhörte?“ setzte Nightdreamer, endlich begreifend, hinzu.
Soulfire nickte. „Bist du jetzt sauer?“ fragte sie leise.
„Wieso ich?“ Nightdreamer sah sie überrascht an. „Wenn ich dir nicht ständig nachgerannt wäre, dann hättest du mich überhaupt nicht austricksen müssen. Du müßtest doch eigentlich wütend auf mich sein, nicht umgekehrt.“
„Ich bin bloß froh, daß dir nichts weiter passiert ist“, gestand Soulfire mit einem Stoßseufzer. Dann wagte sich ein kleines Lächeln auf ihr Gesicht. „Aber du warst eine wunderbare Gelegenheit zum Üben.“
„Na warte! So ist das also!“ Nightdreamers Grinsen war noch breiter als ihres. „Aber du warst ziemlich gut! An der Hecke ist mir überhaupt nichts aufgefallen.“
„Das ist ja auch einfach, wenn man es oft genug macht“, wehrte Soulfire ab. Einige Augenblicke schwieg sie, dann sagte sie zögernd: „Aber das eben ... ich hab Angst, daß das noch mal passiert. Und dann bin ich vielleicht alleine und mir kann keiner helfen. Oder ich verwandle irgendwas in eine Falle und merke es nicht mal. Bis jemand reintritt, und dann ist es zu spät!“
„Aber du lernst ganz sicher, damit umzugehen. Du hast doch gerade erst angefangen, du brauchst nur noch ein bißchen mehr Zeit und Erfahrung damit“, versuchte Nightdreamer, Soulfire aufzumuntern, der die Selbstzweifel ins Gesicht geschrieben standen.
Aber die junge Elfe schüttelte verbissen den Kopf. „Nein. Ich glaub, es ist doch besser, wenn jemand von den Älteren davon erfährt. Vielleicht weiß ja irgendwer, was man tun muß, damit das nicht wieder passiert.“ Obwohl bei dem Gedanken, von ihrer Schlinggrasfalle berichten zu müssen, ein äußerst unangenehmes Gefühl in ihr hochkroch.
Nightdreamer schien das selbe zu denken und suchte nach einer Lösung. „Du mußt doch nichts davon erzählen, was gerade passiert ist. Also ich kann schweigen. Bin sowieso nicht gerade scharf darauf, daß der halbe Stamm sich darüber amüsiert, wie ich in einer Schlinggrasfalle festhänge.“ Er grinste schief und blickte Soulfire erwartungsvoll an. „Sag doch einfach, daß du befürchtest, daß du irgendwas falsch machst. Den Rest müssen sie doch nicht unbedingt wissen, oder?“
Soulfire lächelte. „Lieb von dir. Aber Mutter würde mir sowieso an der Nasenspitze ansehen, daß ich was verschweige ... Ich fürchte, es geht nicht anders. Naja, sie werden mir schon nicht den Kopf abreißen. Dafür sind Baumformer im Stamm einfach viel zu selten.“
„Stimmt“, nickte Nightdreamer. „Aber wenn du nichts dagegen hast, dann laß uns zurückgehen, bevor ich hier noch festklebe. Auch wenn ich mich in diesem Aufzug ja kaum noch unter Elfen wagen kann.“
Soulfire verzog ein wenig das Gesicht, als sie seine vom Kampf mit dem Schlinggras gezeichnete Kleidung betrachtete. Sie versuchte, sich zu beherrschen, aber dann kicherte sie doch. „Und du wolltest dich auf Heimlichkeiten verlegen? In dem Aufzug wäre das sowieso nichts geworden.“ Sie gab sich einen Ruck, stand auf und zog Nightdreamer mit sich hoch. „Na los! Bevor dich noch einer vermißt und auch noch auf die Idee kommt, heimlich den Wald abzusuchen. Dann hat das nie ein Ende...“
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