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Die Schwarze Rose vom Rhein

Kurzbeschreibung
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18 / Gen
Andreas Schweiger Frank Oehler Nils Egtermeyer OC (Own Character) Ole Plogstedt
28.04.2016
14.06.2016
14
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28.04.2016 1.794
 
Hallöle, neue Geschichte :) Das turbulente Leben ist fertig geschrieben und muss nur noch hochgeladen werden, daher wage ich mich an ein neues Thema. Ich hoffe, euch gefällt es. Diese Geschichte entsteht gerade, sie wächst also mit. Wie immer gehören die vier Kochprofis sich selbst, ich leihe sie mir nur aus, und gebe sie danach (hoffentlich) unversehrt zurück.
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Müde strich sich Pia eine Strähne aus dem Gesicht, die sich vorwitzig aus ihrem Dutt gelöst hatte. Es war zwei Uhr nachts, und sie hätte gerne eine Mütze Schlaf bekommen, aber Dienst war nun mal Dienst. Sie arbeitete in einem kleinen Pub in der Hamburger Innenstadt hinter dem Tresen-ein Wunder, dass sie eingestellt worden war, immerhin war sie die einzige ohne irische Wurzeln in diesem Laden.
Callum, ihr Chef, stand mit einem neuen Bierfass vor ihr. „Bitte einmal austauschen!“ Und so verschwand die junge Frau unter der Zapfanlage und wechselte die Fässer. Heute war aber auch die Hölle los! Gut, es war St. Patricks Day, aber irgendwie hatte die schwarzhaarige das Gefühl, der kleine Pub müsse demnächst aus allen Nähten platzen. Nachdem sie die Fässer gewechselt, und Callum das leere in die Flossen gedrückt hatte, tauchte sie wieder auf. Da wurde sie von einem smarten rotblonden angegrinst. „Pia?“ „Nils, meine Fresse! Wie lange ist das her?“ Er lachte. „15 Jahre auf jeden Fall! Lass dich ansehen! Du siehst beschissen aus!“ Sie streckte ihm die Zunge heraus. „Was kann ich für dich tun, mein Lieber?“ „Ein Guinness könntest du mir zapfen, aber vorher hätte ich doch ganz gerne eine Umarmung.“
Die junge Frau kletterte hinter der Bar hervor und umarmte ihren ehemaligen Klassenkameraden. „Hübsch bist du geworden, Nilsi. Was verschlägt dich von Rheine nach Hamburg?“ „Das selbe könnte ich dich fragen“, entgegnete er, während Pia das Bier zapfte. „Also ich bin wegen meinem Mann hier her gekommen“, erklärte sie. „Du bist verheiratet?“ „Ich war. Und du? Was führt dich an die Elbe?“ „Der Beruf- ich bin Küchenchef im Jellyfish.“ „Der Bonzenschuppen? Herrje, manche Leute ändern sich nie, 4,50 € bitte.“  Nils hielt ihr wortlos einen 5-Euro Schein hin. „Stimmt so.“ „Und was macht die Liebe bei dir?“ Nun grinste er frech. „Vorbeigehen und nett winken. Gastronomie macht einsam.“ Nun grinste seine alte Schulkameradin zurück. „Naja, ich bin über jede Stunde froh, die ich nicht zuhause verbringen muss. Slainte!“
Nils wandte sich ab, und Pia betrachtete den langen Wust an Bons, der noch vor ihr lag. Der Reihe nach arbeitete sie diesen ab, und bereitete die entsprechenden Tabletts für ihre Kollegen vor. Rory schaute sie fragend an. „Was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als würdest du gleich umkippen?“ „Ich bin todmüde. Aber wir haben ja noch eine Stunde.“
Der smarte Ire seufzte. „Du weißt genau, dass du langsam machen sollst. Cal ist auch nicht dafür, dass du schon voll durch powerst. Heiko ist erst seit einem Monat tot. Schon dich, mi gal.“ „Aber mir fällt daheim die Decke auf den Kopf“, protestierte sie nun. An Heiko wurde sie nie gerne erinnert. Er war ihre erste und bis dato einzige große Liebe gewesen.  Sie hatten sich kennengelernt, als Pia mit einer Freundin eine Städtereise nach Hamburg gemacht hatte. Sie hatten am Jungfernstieg eine kleine Pause eingelegt, und die Schwäne beobachtet, wie sie auf der Alster ihre Kreise gezogen hatten. „Wusstest du, dass Schwäne sich einmal ihren Partner suchen, und diesem dann ihr Leben lang treu sind?“ hatte Marie gefragt. Pia hatte nur geseufzt. „Ich finde meinen Schwan wohl nie.“
Da hatte sich der großgewachsene, brünette Kerl mit Sonnenbrille neben die beiden gesetzt, und Marie hatte sie irgendwann angestupst. „Ich glaube, dein Schwan hat sich gerade neben dich gesetzt, so wie der guckt!“ Und tatsächlich, als Pia in die von Marie angedeutete Richtung schaute, lächelte sie der junge Mann strahlend an. Drei Wochen nach dieser Begegnung war Pia von Rheine nach Hamburg gezogen, zwei Monate später hatten sie geheiratet, und nun, 10 Jahre danach, war sie verwitwet.
Ihr Herz zog sich zusammen. Sie erinnerte sich noch gut an den schicksalhaften Tag vor vier Wochen. Wie würde sie den auch jemals vergessen können? Eine stumme Träne lief ihr die Wangen hinunter, und Rory zog sie in eine Umarmung. „Tut mir leid, ich wollte keine Wunden aufreißen.“  „Du kannst nichts aufreißen, was noch nicht geschlossen ist. Es tut fast körperlich weh, dass er nicht mehr da ist. Ich habe ihn so sehr geliebt-und jetzt muss ich ohne ihn klar kommen. Warum?“  Rory strich seiner Kollegin beruhigend über die Haare. „Ich kann es dir nicht sagen. Aber du bist stark. Und wir sind ja auch alle noch da. Du weißt, dass du Tag und Nacht zu uns allen kommen kannst? Also zu Cal, Heather, Anne, Rupert, und mir?“  Sie nickte. Hinter den beiden räusperte sich jemand. „Pia, machst du mir noch ein…oh mein Gott, lass dich in den Arm nehmen!“ Unsanft schob Nils Rory beiseite, und zog Pia an sich.
Diese krallte sich wie eine Ertrinkende an ihm fest. „Ach, Mädchen, da findet man dich nach 15 Jahren wieder, und muss dich so leiden sehen. Was ist denn nur passiert?“ murmelte er. „Viel, Nils. Zu viel.“  Er strich ihr sanft über den Rücken. Er hatte sich gefreut, als die hübsche schwarzhaarige hinter dem Tresen gestanden hatte-zu Schulzeiten war er rettungslos in sie verliebt gewesen. Damals war er allerdings pummelig und unscheinbar gewesen, und alle Klassenkameraden hatten ihn nur Schweinchen genannt. Nicht so Pia. Sie hatte sich immer wie eine Löwin vor ihn gestellt, und ihn gegen die Angriffe verteidigt. Und nun? Wirkte sie so verzweifelt und zerbrechlich. Wenn er doch nur wüsste, wie er ihr helfen könnte?  Er seufzte auf.
„Pia, du hast Feierabend“, ertönte da eine Stimme hinter den beiden. „Aber Cal“, murmelte sie aus der Umarmung heraus. „Hier brennt die Hütte!“ „Hör auf, dir so viel zumuten zu wollen, meine schwarze Rose vom Rhein!“  „Na gut, wenn du es sagst.“ Sie löste die Umarmung, band ihre Schürze ab, und drückte sie ihrem Boss in die Hände.
Nils stellte sein leeres Bierglas auf dem Tresen ab. „Ich begleite dich, was hältst du davon?“ „Sehr viel. Wir haben uns immerhin viel zu erzählen!“  Nils griff nach der Hand seiner einstmals großen Liebe.  „Du bist genau wie damals. Für alle warst du da, aber deine eigenen Belange hast du immer hintenan gestellt. Heute nicht. Heute hilft das Schweinchen der schwarzen Rose.“
Pia schaute ihren alten Freund traurig an. „Sag nicht Schweinchen zu dir. Ich mochte dich schon immer. Deine sanfte, ruhige Art, dein Lachen, und dein Zwinkern. Du warst mir der Liebste in unserer Klasse, Nils. Und ich mag das Wort Schweinchen nicht. Fiona und Konsorten würden sich jetzt alle 10 Finger nach dir lecken.“  „Du lenkst schon wieder ab“, neckte er sie vorsichtig. An einer Brücke blieb Pia stehen. „Mein Mann…er hatte vor vier Wochen Dienst, er war Polizist. Er und sein Partner sollten nur eine Verkehrskontrolle durchführen. Einem der Kontrollierten hat das anscheinend nicht gepasst. Er hat Heiko mit drei Schüssen in den Kopf getötet. Frank, sein Partner ist bis heute arbeitsunfähig, er macht sich die größten Vorwürfe. Aber er hat natürlich…FRANK!“ Wie von der Tarantel gestochen, rannte sie los. Tatsächlich stand auf der Brüstung ein junger Mann. „Komm da runter!“ rief sie panisch. „Ich habe Heiko auf dem Gewissen“, jammerte der Mann. „Nein, hast du nicht, komm runter da. Was soll ich denn nur Doro und deinen Kindern erklären, wenn du das machst? Komm zu mir.“
„Du hasst mich nicht?“ „Natürlich nicht. Komm runter da. Bitte.“ Nun wurde sie flehentlich.
Nils hielt sich abseits, konnte aber nicht umhin, beeindruckt zu sein. Pia strahlte eine solche Ruhe und innere Stärke aus, trotz des Schicksalsschlages, den sie erlitten hatte.
Frank gab ihr endlich die Hand, und sie zog ihn herunter. Dann drückte sie ihn fest an sich. „Ich muss die Kollegen rufen, das weißt du?“ Frank nickte nur matt. „Nils, rufst du bitte die Wache Altona an? Die Nummer ist 040xxxx“, bat sie, während sie den inzwischen weinenden Polizisten in ihren Armen wiegte.  
Nils bekam nicht mit, was die beiden sprachen, aber er hatte das Gefühl, dass die Worte gut taten. So wählte er die diktierte Nummer. „Wache Altona, Meyer?“ „Egtermeyer, guten Tag. Wir stehen hier gerade auf der Schillerbrücke, und ein Kollege von ihnen wollte springen. Ich weiß nur, dass er Frank heißt-die Witwe seines Partners, Frau Delbrück, ist bei ihm.“ „Sie meinen Frau Landmann? Oh je, wir schicken sofort jemanden!“ Landmann? Ach ja, Pia hatte ja sicher ihren Mädchennamen abgelegt. Darauf hätte er auch kommen können. Nach einer gefühlten Ewigkeit kamen Franks Kollegen und sammelten ihn ein.
Pia strich dem aufgelösten rothaarigen über die Wange. „Für mich ist es auch sehr schwer zu ertragen-eigentlich gar nicht. Aber Heiko würde nicht wollen, dass wir aufgeben. Zumindest du nicht.“ Er schaute sie traurig an, und stieg zu seinen Kollegen ins Auto.
Nils trat an seine ehemalige Schulfreundin heran. „Herrje. Wenn du magst, kannst du bei mir übernachten. Ich habe ein sehr bequemes Gästesofa, habe ich mir sagen lassen.“ Wenn es dir nichts ausmacht?“ „Würde ich es dir sonst anbieten? Ich kann dich in diesem Zustand nicht alleine lassen.“
Die junge Frau küsste ihn federleicht auf die Wange. „Danke Nilsi.“
Zwanzig Minuten später standen die beiden vor einem hübschen Altbau. „Wow, so wohnst du? Ich kann mir nur 35 Quadratmeter in Harburg leisten“, staunte Pia. Nils grinste sie nur verschmitzt an. „Tja, hättest du eben auch eine Kochausbildung gemacht. Nein Spaß, das sind auch nur 50 Quadratmeter, und auch nur so günstig, weil ich als Nachmieter ohne Makler und so da rein konnte.“ Er schloss die Tür auf, und die beiden gingen schweigend in den dritten Stock. Als Pia die Wohnung betrat, schaute sie sich neugierig um. Sie wusste nicht, warum sie kreatives Chaos erwartet hatte, aber Nils war so aufgeräumt und strukturiert wie immer. Die Einrichtung könnte man fast als nüchtern bezeichnen, nur ein roter Sessel bildete einen Farbtupfer. Die Wohnung hatte hohe Decken, Dielenboden und bodentiefe Fenster.  Pia schaute auf das nächtliche Hamburg und seufzte.
„Ich wünschte, wir hätten uns unter anderen Umständen wieder getroffen!“ Nils stellte sich hinter sie. „Das wünschte ich auch, aber jetzt mache ich dir erst einmal dein Nachtlager zurecht.“
Und so saß Pia eine halbe Stunde später auf dem Sofa. Ihre Knie hatte sie angewinkelt, und ihren Kopf darauf abgestützt. Sie war so froh, dass sie nicht nach Hause musste. Heiko und sie hatten bewusst auf so engem Raum gelebt, da sie alles Geld, das sie verdienten, sparten, um sich ein Häuschen kaufen zu können. Bzw. gespart hatten. Nach den Kosten für die Beerdigung war das Haus in weite Ferne gerückt, und Pia wusste ohnehin nicht so recht, wohin mit sich.
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