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NOBUKO

von RamonaXX
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P16 / Het
OC (Own Character) Robert Barnes
24.04.2016
24.12.2016
10
42.156
2
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3 Reviews
Dieses Kapitel
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24.04.2016 1.131
 
Prolog

Schwere, graue Wolken schoben sich von den umliegenden Bergkämmen in das Tal von Ia Drang. Ein wummerndes Donnergrollen in der Ferne kündigte an, dass aus dem fadengleichen Nieselregen, der vor Kurzem eingesetzte hatte, bald ein ausgewachsenes Gewitter werden würde. Es war der Morgen des 18. November 1965. Kein schlechter Tag zum Sterben, wie Robert Barnes fand.

Fünf Tage lange hatte er gekämpft bis zum Umfallen, mit kaum einer Feuerpause und nur wenigen Stunden übermüdetem Dämmerschlaf. Es war das härteste Gefecht gewesen, das er seit seiner Zeit in Vietnam erlebt hatte. Als einer von vielen amerikanischen Soldaten hatte er sich unerschrocken einer überlegenen Zahl von nordvietnamesischen Kämpfern gegenübergestellt, und das mit Erfolg. Sie hatten der gegnerischen Seite während des Kampfes ein paar bedeutende Verluste zugefügt und ihren Feind nach und nach in die Knie gezwungen. Am Ende sah es gut für die G.I.s aus und nach dem schwer errungenen Sieg wurde rasch der Befehl zum Abzug gegeben. Der Zug, dem Barnes zugeteilt gewesen war, gehörte zu den letzten, die das Feld verließen.

Er hatte einen der rettenden Hubschrauber schon in Sichtweite gehabt als eine Sprengladung hinter ihm detoniert war und die Druckwelle ihn zu Boden geworfen hatte. Mit verbissenem Blick hatte er dem aufsteigenden Helikopter hinterher gesehen und sich dann am Boden liegend, mit seinem M16-Gewehr im Arm dem Ursprung der Explosion zugewandt. Durch den sich lichtenden Rauch hatte er die Silhouetten feindlicher NVA-Kämpfer erspähen können und drauflos gefeuert.

Es war eine unglückliche Fügung gewesen, dass bereits nach sechs Schuss sein Magazin leer war und er es wechseln musste. Tausendmal hatte er diese Handbewegung schon gemacht, doch ausgerechnet in dieser heiklen Situation versagte seine Routine und das neue Magazin rutschte ihm aus der Hand. Es waren die zwei Sekunden, die er brauchte, um es wieder aufzuheben, die einer der NVA-Soldaten brauchte, um ihn zu erreichen und abzudrücken.


Nun lag der junge Corporal bewegungsunfähig am Rand eines Reisfeldes und wartete auf den Tod. Es hatte ihn erwischt und so, wie es sich anfühlte, war es mehr als nur ein harmloser Kratzer. Irgendwann hatte ihn die Gewissheit erreicht, dass er hier draußen sterben würde. Die Helikopter, die die anderen Soldaten von der Landezone abgeholt und ausgeflogen hatten, waren längst weg und würden auch nicht noch einmal zurückkommen.

Wie lange dauerte es eigentlich, bis man verblutete? fragte sich Barnes und kniff reflexartig die Augen zusammen als ein Regentropfen genau auf seine Nasenwurzel fiel. Er spürte einen heißen Schmerz an seiner rechten Schläfe, der sich über die ganze Gesichtshälfte bis runter zum Kinn zog. Das peinigende Gefühl schien im Rhythmus seines eigenen Herzschlages an- und wieder abzuschwellen. Es bedurfte keiner großen medizinischen Kenntnisse, um zu erraten, dass er eine schwere Kopfwunde hatte. Nur wie schlimm die Verletzung war, darüber konnte er lediglich spekulieren.

Kühles Regenwasser und sein eigenes warmes Blut rannen ihm übers Gesicht. Barnes öffnete seine Lippen einen Spalt weit und hatte sofort den eisenhaltigen Geschmack von Blut auf der Zunge. Er schluckte schwer und bekämpfte mit aller Macht den Wunsch einzuschlafen. Immer wieder fielen ihm die Augen zu und immer wieder zwang er sich sie wieder aufzumachen. Er fühlte sich benommen und wusste, dass er nicht mehr lange einen klaren Kopf behalten würde. Seine ganzen Glieder waren erkaltet und hielten ihn wie nasse Sandsäcke am matschigen Boden. Füße, Beine, Hände, Arme – zu all diesen Körperteilen war der Kontakt längst abgebrochen, als wäre er vom Hals abwärts gelähmt. Der NVA-Soldat, der ihn angeschossen hatte, war ein wirklich schlechter Schütze gewesen. Hätte er das Herz oder die Lunge getroffen, dann wäre es schnell gegangen. Doch so dauerte es quälend lange.


Eine Stimme holte Barnes kurzfristig aus seinem Dämmerzustand zurück. Es war eine vietnamesische Stimme… Oder? – Nein! Es waren zwei Stimmen. Sie unterhielten sich im Flüsterton. Ohne Zweifel waren das feindliche Soldaten, die das Schlachtfeld nach dem Kampf nach verwertbarem Material durchstöberten. Schwerfällig ließ Barnes den Kopf auf die andere Seite kippen und versuchte etwas zu erkennen. Auf dem aufgeweichten Untergrund näherten sich zwei, mit einfachen Sandalen besohlte Füße und im nächsten Moment starrte er in die Mündung einer AK-47. Ein feistes Grinsen machte sich im Gesicht des jungen NVA-Soldaten breit. Begleitet von ein paar vietnamesischen Wortfetzen winkte er seinen Kameraden herbei.

Wenn Barnes nur die Kraft dazu gehabt hätte sein Gewehr aufzuheben, dann hätte er der kleinen gelben Ratte am liebsten die hässliche Visage weggepustet. Doch der Nordvietnamese schien genau zu wissen, dass von dem großen Amerikaner keine ernste Bedrohung mehr ausging und er von seinen letzten Reserven zehrte. Mit einem gehässigen Lächeln im Gesicht standen die beiden Angreifer über dem Verwundeten und machten sich einen Spaß daraus Spott und Schadenfreude über ihm auszuschütten. Sie machten sich lustig über ihn, zeigten mit dem Finger auf sein Gesicht und lachten ihn aus.

Barnes konnte nichts anderes tun, als hilflos dabei zuzusehen, wie einer der beiden Schlitzaugen ihm im nächsten Moment die Mündung seines Gewehres auf die Brust drückte und der andere sich zu seinen Füßen bückte und ihm die Kampfstiefel auszog.

Ihm war zum Schreien, zum Toben, zum Kämpfen zu Mute. Doch nichts davon konnte er tun. Sein Körper gehorchte ihm einfach nicht mehr. Er war machtlos gegen das Gefühl der Erniedrigung, das sich in seine Seele einbrannte. Eine solch tiefe Demütigung hatte seinem Ermessen nach kein Soldat kurz vor seinem Tod verdient. Ein letztes Mal grinsten die feindlichen Kämpfer boshaft und traten ihm zum Abschied gegen die nackten Füße, ehe sie im Dunst des stärker werdenden Regens verschwanden und ihn zum Sterben zurückließen.


Barnes wusste nicht wie lange er hier schon lag, aber spätestens jetzt sehnte er sich nach einem schnellen und kurzen Tod. Seine Karriere in der Army war vorbei, bevor sie richtig begonnen hatte. Er hatte einen siebten Sinn fürs Kämpfen und wusste, dass er sich in benzliegen Situationen immer auf dieses taktische Bauchgefühl verlassen konnte. Dazu war er hart, strikt und korrekt – nicht wie einer dieser befehlsfaulen Waschlappen, unter denen er bisher gedient hatte. Er hätte das Zeug zum First Sergeant gehabt, vielleicht sogar später als Sergeant Major in einem Bataillonsstab gedient. Doch dieser Traum fand in diesen Minuten ein jähes Ende. Er hatte alles verloren: Seine Ehre, seinen Stolz, seinen Kampfgeist.

Der Himmel über den weitläufigen Reisfeldern des Ia-Drang-Tales hatte derweil eine gesättigte graue Farbe angenommen und die Wolken so dicht aufgeschoben, dass durch den trüben Schleier kein Licht mehr auf die Erde durchdrang. Das Grollen des Donners schien nun direkt über ihm zu sein. Es war eines der letzten Geräusche, die Barnes bewusst wahrnahm. Den Dauerregen und sein blutverschmiertes Gesicht hatte er über all das schon längst vergessen. Er zwang sich dazu noch einmal die Augenlider zu heben und in den trostlos bewölkten Himmel zu sehen, dann verlor er aufgrund seines Blutverlustes und der unbeschreiblichen Erschöpfung das Bewusstsein.
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