Nichts hält mich am Boden

von Harmony88
GeschichteRomanze / P16 Slash
DI Gregory Lestrade Dr. John Watson Molly Hooper Mrs. Hudson Mycroft Holmes Sherlock Holmes
24.04.2016
25.10.2016
22
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Nichts hält mich am Boden

Disclaimer: Die folgende Geschichte ist frei erfunden. Die Charaktere basieren auf der BBC Serie „Sherlock“ und sind geistiges Eigentum von Mark Gatiss, Steven Moffat und Stephen Thompson bzw. im Original von Sir Arthur Conan Doyle. Alle Rechte liegen bei den jeweiligen Autoren. Ich verdiene hiermit kein Geld, sondern habe nur jede Menge Spaß.

Kurzbeschreibung: Manchmal ist alles, was du brauchst, eine Hand zum daran festhalten. Wenn du großes Glück hast, wirst du sie wieder und wieder halten können, wirst die Lebenslinien so oft nachzeichnen, dass sie sich dir einprägen und ihr vielleicht irgendwann in Zukunft einen Ring anstecken. Es wird der Zeitpunkt kommen, an dem du sie genauso gut kennst wie deine eigenen und mit ihr die Person zu der sie gehört. [AU]

Die Idee zum Titel hatte meine "kleine" Schwester. Vielen Dank an dieser Stelle. :-) Er geht zurück auf eine Kooperation von Sido und Andreas Bourani ("Astronaut").

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Kapitel 1 - Handhabbar

London - Washington,D.C., geplante Flugzeit: 08:00h

Er schwitzte. Und das obwohl es kein besonders warmer Tag und der Terminal auch nicht übermäßig geheizt war. Er hasste es, dass sein Körper ihn so im Stich ließ und dass er absolut nichts dagegen tun konnte. Aufgrund seiner hohen Toleranz gegenüber bestimmten Wirkstoffen, resultierend aus einer unrühmlichen Vergangenheit mit schlechten Entscheidungen, hatten Reisepillen fast keine Wirkung und auch Schlaftabletten waren wenig effektiv. Und dann war es auch noch ausgerechnet ein Langstreckenflug. Ganze acht Stunden würde er in der Sardinenbüchse gefangen sein - Komplikationen, die eine Verlängerung der Reisezeit bedeuten würden, nicht mit eingerechnet. Es war ein wichtiger Fall, ein großer und noch dazu ein wirklich interessanter. Sherlock hatte unmöglich ablehnen können, auch wenn er von seinem Bruder gekommen war.

Er war schon fix und fertig, bevor er das Flugzeug, dass ihn und einige hundert weitere Passagiere befördern würde, überhaupt gesehen, geschweige denn betreten hatte. Vielleicht war er ja doch müde genug um ein wenig Schlafen zu können. Er betete dafür, zu einem Gott an den er eigentlich nicht glaubte. Sherlock hatte es so lange herausgezögert wie irgend möglich, doch nun war der letzte Aufruf für das Boarding erfolgt und er wusste, dass Mycrofts Männer ihn wenn nötig mit Gewalt an Bord schleifen würden, wenn er jetzt nicht aus freien Stücken ging.

Es handelte sich um den am wenigstens ausgelasteten Flug. Glücklicherweise war gerade keine Ferienzeit und sein Bruder hatte ihm einen Platz in der ersten Klasse buchen lassen. So würde wenigstens nur ein Bruchteil der Besatzung mitbekommen, wie er sich lächerlich machte. Er reichte der Flugbegleiterin am Eingang sein Ticket ohne aufzusehen und hörte auch nur mit halbem Ohr zu, als sie ihm den Weg zu seinem Platz beschrieb. Als Sherlock das Gewusel der Economy-Class hinter sich gelassen hatte, blieb er kurz hinter dem Vorhang im Gang stehen und atmete tief durch. Er hatte die Augen geschlossen und öffnete sie erst wieder, als sich eine Hand auf seine Schulter legte und ihn jemand ansprach.

„Alles in Ordnung, Sir?“

Die angenehm warme Stimme gehörte zu einem Teil der Kabinencrew. Er war gut zwei Köpfe kleiner als Sherlock, hatte blondes Haar und seine sportliche Figur war in einen dunkelblauen Anzug samt Krawatte gekleidet. Das silberne Namensschild wies ihn als J. Watson aus. Sherlock bemühte sich um ein halbwegs glaubwürdiges Nicken, konnte jedoch in den Augen seines Gegenübers ablesen, das er niemandem etwas vormachte. Der Steward hatte unterdessen einen Blick auf sein Ticket erhascht und deutete den Gang entlang. Sherlock griff nach seinem Handgepäck und folgte ihm.

„Hier ist es.“, sagte er, als sie den richtigen Platz erreicht hatte. „Bitte nehmen Sie zügig Platz und schnallen sich umgehend an, der Start erfolgt in wenigen Minuten. Sollten Sie etwas benötigen, drücken Sie einfach den Knopf über ihrem Kopf.“

„Danke.“, erwiderte Sherlock knapp.

Während er damit begann ein paar Utensilien aus seinem Handgepäck zu fischen und die Tasche anschließend zu verstauen, machte sich J. Watson daran die restlichen Passagiere auf die Anschnallpflicht hinzuweisen und einige Fragen zu beantworten. Als die Sicherheitsinstruktionen schließlich abgehakt waren, hörte Sherlock seinen eigenen Herzschlag deutlich in den Ohren. Etwas zu deutlich für seinen Geschmack. Die Schweißperlen auf seiner Stirn und die abhanden gekommene Gesichtsfarbe rundeten das Bild ab. Er sah aus wie ein Häufchen Elend.

„Ihr erster Flug?“, fragte jemand drei Sitze weiter vorne mitleidig.

Sherlock warf ihm einen mörderischen Blick zu, woraufhin er sich kommentarlos umdrehte und seine Nase in ein Buch steckte.

„Meine Damen und Herren, hier spricht ihr Captain, bitte überprüfen Sie ihre Gurte und bleiben Sie in ihren Sitzen bis die Anschnallzeichen erlöschen. Der Start erfolgt in Kürze.“

Sherlock erschauerte. Gänsehaut bahnte sich den Weg über seinen Körper. Wenn sie nur endlich tatsächlich starten würden. Die mehrfache Ankündigung, dass es gleich passieren würde, machte es nämlich keinesfalls besser. Er hatte seine Hände unter die Oberschenkel geschoben, damit er nicht aus lauter Verzweiflung an den Nägeln knabberte oder sonst irgendetwas dummes anstellte.

„Sie müssen ruhig atmen, sonst hyperventilieren Sie.“

Sherlock sah auf. J. Watson war zurück und hatte eine Papiertüte dabei. Das Lächeln auf seinem Gesicht stand ihm fast so gut, wie der schmeichelhaft geschnittene Anzug. Sherlock atmete bewusst ein und aus und bemerkte sofort wie der zusätzliche Sauerstoff seinen Kopf klarer machte. Die zeitweise Trübung seiner Sinne erklärte jedoch nicht warum sich Steward J. Watson im nächsten Augenblick neben ihn setzte und den Gurt anlegte.

„Brechen Sie da nicht gerade ein paar Regeln?“, fragte er zwischen weiteren tiefen Atemzügen.

„Die oberste Regel lautet sich um die Passagiere zu kümmern.“

„In Eins-zu-Eins-Betreuung?“, witzelte Sherlock.

„Bei besonderen Exemplaren gelten besondere Regeln.“

Sherlocks daraufhin folgendes Lächeln rutschte ihm nur Sekunden später aus dem Gesicht, als sich das Flugzeug in Bewegung setzte und zur Startbahn rollte.

„Was bringt Sie nach Washington? Vergnügen oder Arbeit?“

Sherlock durchschaute Watsons äußerst durchsichtigen Plan ihn abzulenken natürlich sofort, lies sich jedoch darauf ein.

„Arbeit.“, entgegnete er.

„Sie sind mir gegenüber im Vorteil.“, meinte der Steward lächelnd und deutete dabei auf seine Uniform.

Sherlock schmunzelte und schwieg darüber, dass er ihn auch ohne Arbeitskleidung anhand von seiner Uhr, seiner gebräunten Haut und der Art wie er lief zu seinem Berufsstand hätte zuordnen können.

„Womit verdienen Sie ihren Lebensunterhalt …“

„Sherlock.“, füllte der Dunkelhaarige ein.

„John.“, entgegnete der andere, während sie sich die Hände schüttelten.

„Und was ihre Frage angeht, ich arbeite als Consultant für die Polizei und bearbeite von Zeit zu Zeit auch private Fälle.“

John sah ihn interessiert an. Er war im Rahmen seiner Arbeit schon mit einigen interessanten Menschen in Berührung gekommen. Einer wie sein neuster Aviophobiker, sagte ihm sein Instinkt, war jedoch noch nicht dabei gewesen. Es handelte sich bei dem großen, dunkelhaarigen, attraktiven Mann um ein besonderes Exemplar, ganz so wie er es bereits vermutet hatte. Sherlock versprach Adrenalin und Abenteuer. John lehnte sich zu ihm herüber und überschüttete ihn in den nächsten Minuten regelrecht mit Fragen, die der andere ihm nur zu gerne beantwortete. Sherlock ging gerade in einer langen Erklärung über die verschiedenen Typen von Tabakasche auf, als eine Durchsage ihr Gespräch unterbrach.

„Hier spricht ihr Captain. Wir haben nun unsere Reiseflughöhe erreicht …“

Sherlock sah so aus, als würde er aus einem Traum erwachen. Skeptisch schaute er aus dem Fenster, als wollte er die getätigte Aussage mit eigenen Augen überprüfen.

„Das schlimmste ist erstmal geschafft.“, sagte John zuversichtlich. „Und die Wetterprognosen sehen gut aus. Wir erwarten keine Turbulenzen.“

Der Blick des jüngeren war inzwischen zurückgewandert, landete jedoch nicht in Johns Gesicht, sondern auf dessen linker Hand, die sich ohne das Sherlock es registriert hatte innerhalb der letzten Minuten mit seiner rechten verflochten hatte.

„Das mag alte Schule sein aber sollten Sie mir nicht zuerst einen Drink spendieren?“, fragte der Consulting Detective.

Röte schoss John mit voller Wucht ins Gesicht, doch der jüngere schmunzelte nur. Als der Steward seine Hand freigab und begann sich hastig abzuschnallen, hatte Sherlock zum ersten Mal die Gelegenheit ihn richtig anzusehen. Jetzt mit dem Start hinter sich, hoffentlich ruhigen acht Stunden vor sich und der Landung noch weit entfernt, schalteten seine Sinne ganz schnell wieder auf Hochtouren.

Mit einem warmen Gefühl in der Magengegend betrachtete er die freundlichen Züge und die funkelnden Augen. Bei John Watson handelte es sich ganz klar um einen Mann, der es liebte anderen Menschen zu helfen. Der aber gleichzeitig auch das Risiko mochte. Ein Mann, der das beste aus seiner Situation gemacht hatte. Der seinen Traumberuf Pilot nicht hatte ergreifen können, den Traum vom Fliegen jedoch auf andere Weise verwirklicht hatte.

„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Flug, Sherlock.“, sagte er, schenkte ihm ein weiteres Lächeln und machte sich dann wieder an die Arbeit.

Sherlock verbrachte die ersten Stunden seines Langstreckenfluges damit, die ihm bereits ausgehändigten Fakten seines Falles noch einmal bis ins kleinste Detail durchzugehen. Solange er beschäftigt war, belastete ihn die Tatsache, dass er sich gerade in einer Blechbüchse mit mehreren tausend Fuß nichts unter ihm, befand, nicht sonderlich. Nur wenn er nichts Anderes hatte, auf das er seine Gedanken lenken konnte, wurde es kritisch. Zur Halbzeit hatte er eine Theorie gebildet, die es jedoch noch zu beweisen galt. John bekam er zu seinem Bedauern nur sporadisch zu Gesicht. Der blonde Steward schien gut beschäftigt mit dem normalen Tagesgeschäft und diversen Sonderwünschen seiner Passagiere.

In der letzten Flugstunde ließ er sich jedoch noch einmal blicken. Wie schon einige Male zuvor, balancierte er ein Tablett mit einem Getränk darauf auf einem Arm und schlängelte sich damit durch den schmalen Gang. Sherlock erwartete, dass er wie bisher zügig an ihm vorbeiziehen würde und er haderte noch mit sich, ob er wohl einen unauffälligen Blick riskieren konnte, als John vor ihm zum Stehen kam, das lange Glas mit der roten Flüssigkeit vom Tablett nahm und in seine, auf die Lehne aufgestützte rechte Hand schob.

*Bloody Mary*, soufflierte sein Gehirn, als ihm neben dem typischen Geruch des Tomatensafts noch diverse Gewürze und Wodka in die Nase strömten.

„Tomatensaft im Flugzeug ist so ein Ding, nicht wahr?“, fragte Sherlock.

John nickte zustimmend.

„Zum Ausgleich für das Blut und Wasser was du während des Starts geschwitzt hast.“, erklärte er.

Sherlock begann damit mit seiner freien Hand nach seiner Brieftasche zu suchen, doch John schüttelte nur den Kopf.

„Der geht auf mich.“, sagte er, zwinkerte und ließ einen lächelnden Sherlock zurück.
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