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Cubus - Dunkles Verlangen

Kurzbeschreibung
GeschichteMystery, Thriller / P16 / Gen
23.04.2016
30.06.2022
6
7.001
2
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23.06.2022 1.250
 
Tausend Gedanken rasten Michael durch den Kopf, während er vor Brookes Leichnam stand. Der nächtliche Nordwind wurde stärker und füllte den Wald mit einer deprimierenden Luft. Wieder verdammte er sich für seine Unfähigkeit. Seine Hände zitterten, ihm war kalt und er überlegte, welchen Schritt er als Nächstes tun sollte. Zum Umkehren war es zu spät. Er hatte schon zu viel unternommen. Steckte zu tief in all dem Mist. Sobald die Polizei einen genaueren Blick auf die Ereignisse würfe, würde auch er ins Zentrum der Ermittlungen rücken. Ohne eine plausible Erklärung der Umstände wäre das sein Ende. Und die Begründung „Er hatte ein schlechtes Gefühl und beobachtete seine Studentin deshalb den halben Tag lang“, klang schon für ihn selbst wie die lächerliche Ausrede eines Perversen. Sollte er ins Fadenkreuz der Ermittler geraten, würde das seine Karriere und sein ganzes Leben gefährden. Für Brooke konnte er nichts mehr tun. Dr. Green entschied sich in diesem Moment, alles aufs Spiel zu setzen. Seine Hoffnungen beruhten einzig darauf, dass die fremdartige Kreatur trotz ihrer unwirklichen Erscheinung das Auto zur Flucht benutzte. Denn darin lag immer noch das Telefon mit aktivem GPS. Michael schenkte der jungen Frau einen letzten Moment der Aufmerksamkeit und verharrte für eine Schweigeminute lautlos im Laub stehend. Er lauschte lediglich dem Rascheln der trockenen Blätter.

Danach verschwand er ebenfalls vom Tatort und ging eine viertel Stunde lang die nächstgelegene Straße hinab. Michael schlenderte vorbei an verstreuten Einfamilienhäusern mit großen Gärten, welche sich in den Laubwald schmiegten. Er fand unterwegs Reifenspuren, die er ohne Zögern dem blauen Ford Mondeo zuordnete. Die Spur war also noch heiß und mittlerweile stand nicht nur sein Gewissen, sondern sein eigenes Leben auf dem Spiel. Er war sich sicher. Die kommenden Ereignisse würden seine gesamte Zukunft aufs Spiel setzen. Doch er spürte keine Angst, keine Reue, keine Verzweiflung. Dr. Green brannte vor Ehrgeiz wie vor einer Operation am offenen Herzen. Er blickte zum Mond, der nun vollkommen wolkenlos den Nachthimmel erhellte. Ein Schimmer glänzte in seinen Augen und erst jetzt entschied er sich, ein Taxi zu bestellen.

Eine gute Stunde später saß Michael am Schreibtisch in seiner 130 m² Wohnung im Herzen San Franciscos. Der Uhrenzeiger war bereits auf dem Weg zur Mitternacht und über ein Programm am PC ließen sich sowohl Route, als auch Standort des Fremden zurückverfolgen. Er hatte sie, die Spur, nach der er seit Tagen gesucht hatte. Zögern war nun keine Option mehr. In seinen Augen blitzte die Entschlossenheit. Michael verließ das Büro und wanderte über den unbeleuchteten Gang, vorbei an der Küche – ein benutzter Teller und Essensreste zeugten von Dr. Greens verspätetem Abendessen - hin zur Garderobe, wo er sich seine schwarze Lederjacke überwarf und schnell aus der Wohnung verschwand. Er versperrte die große schneeweiße Eingangstür im vierten Stock und huschte rasch aber leise hinunter in die Garage. Michaels schwarzer Audi A6 stand achtsam geparkt zwischen zwei Pfeilern. Im Innenraum roch es nach neuem Leder und dem obligatorischen Neuwagengeruch. Zwar war das Fahrzeug bereits zwei Jahre alt, doch die Kilometeranzeige bestätigte, dass Dr. Green ansonsten die öffentlichen Verkehrsmittel bevorzugte. Bevor er den Motor startete, atmete er tief durch. In diesem Moment schwor er sich endgültig, alles zu tun, um dieses Monster auf zu halten. Wirklich alles.

Seine Reise führte den Arzt hinunter zum Pacifica Beach, ein etwas dreißig Minuten von der Stadt entfernter Badeort und Urlaubsziel vieler Touristen. Im Handschuhfach des A6 lag eine schwarze Glock 17. Michael hasste jegliche Art von Waffen, doch diese eine Versicherung bewahrte er in einem codegesicherten Safe in seinem Büro auf. Sie war ein Geschenk seines Bruders an ihn, welcher eine gänzlich andere Auffassung von Feuerwaffen hatte. Obwohl sie sich von außen bis aufs Haar glichen, hatten Michael und Seth nur wenig gemeinsam. Er lebte in Houston Texas und verbrachte sein Leben zum größten Teil mit Frauen und Alkohol. Seine überraschend guten Romane bescherten ihm den nötigen finanziellen Rückhalt. Michael erinnerte sich zurück an ihre gemeinsame Reise nach Syrien vor vier Jahren. Seth hatte eine Idee für einen Roman über das Leben einer syrischen Frau und wollte Erfahrungsberichte aus erster Hand. Zudem war es ihm ein Anliegen das Gefühl der Region in seine neue Geschichte einfließen zu lassen. Dies war auch jene Zeit, in der Seth tatsächlich beeindruckende Bücher schrieb. Es ging ihm nicht um das Geld oder das Ansehen. Etwas in seinem Schreiben unterschied sich damals von seinen sonstigen Büchern, die vor allem von wahnwitzigen Cliffhangern und Plottwists lebten. Sie hatten Seele. Ein weiterer Grund, warum Michael ihn damals begleitet hatte. Als Schutz schenkte er ihm vor ihrer Abreise diese schwarze Glock. Michael war damals außer sich gewesen, doch sein Bruder ließ sich nicht davon abbringen. Widerwillig hatte der Arzt sie Schussfeuerwaffe angenommen. Glücklicherweise blieb sie bis heute ungenutzt.

Mit jedem Meter, den er seinem Ziel nun näher kam, umklammerte er das Lenkrad  fester. Im Radio tönten Evergreens der Achtziger, welche er jedoch gar nicht hörte. Eine von Dr. Greens Fähigkeiten war es, sämtliche Störfaktoren in seinem Umfeld auszublenden, sobald er auf eine Sache konzentriert war. Noch wenige hundert Meter und er war da. Michael parkte seinen Wagen etwa zweihundert Meter entfernt vom Zielpunkt abseits der Straße. Er fand eine einsame Hütte abgelegen von der Hauptanlage. Der Wind hatte inzwischen erneut an Intensität zugenommen, was vermutlich aber auch an der Nähe zum Meer lag. Denn die lauten Böen wurden nur von dem Geräusch der Brandung übertönt. Vorsichtig schlich er über den ungepflegten Rasen, vorbei an dürren Laubbäumen hinauf zum grauen Häuschen. Daneben stand abgedeckt ein Fahrzeug, das Michael ohne Überlegen als Ford Mondeo identifizierte. Trotz der Gefahr zogen sich seine Mundwinkel nach oben. Er war in totaler Konzentration. Denn auch bei schwierigen Fällen im Krankenhaus begann er in den heikelsten Situationen zu lächeln. Er interpretierte jedes Problem, jedes Hindernis und jeden temporären Rückschlag als Chance sich selbst zu überwinden und über sich hinaus zu wachsen. Bald schon würden sich alle Puzzleteile zusammenfügen. Die Wahrheit hinter der Mordserie wird durch ihn gelöst werden und kein weiteres Mädchen wird mehr ihr Leben lassen. Das Einzige das ihn tatsächlich nervös machte, war die Schwere der Waffe in seiner rechten Hand.

Geduckt schlich er von einem Fenster zum Nächsten und spähte hinein in ein Haus das, vollkommen unbewohnt schien. Zwar gab es hier und da Anzeichen für einen oder mehrere Bewohner, doch die Atmosphäre, die ein Heim normalerweise innehatte, vermisste Michael von Anfang an. Es fehlte das Heimische, das Weltliche. Nachdem er trotz vierfachem Kontrollblick niemanden gesehen hatte, trat er vorsichtig an die Vordertür. Sie war tatsächlich offen. Wer oder was auch immer dieses fremde Wesen war, es hatte keine Angst, verfolgt zu werden. An der Garderobe erkannte er der braune Trenchcoat vom Nachmittag. Wieder ein ehrgeiziges Grinsen. Michael versuchte erst gar nicht, die Bewegungen eines Agenten aus einem Spionagethriller zu imitieren. Stattdessen ging er langsam durch den Flur und hielt die Mündung der Pistole auf die Tür vor sich. Auch im Inneren konnte man nicht glauben, dass hier jemand wohnen sollte. Es war zwar alles da – zwei Paar Schuhe, der Trenchcoat und eine Tasche standen in der Garderobe – doch dieser Ort verströmte eine weltfremde Aura. Bevor Michael irgendwie reagieren konnte, öffnete sich ruckartig die Tür vor ihm. Von innen strahlte ihm ein Licht entgegen. Anscheinend ein Badezimmer. Daraus hervor trat die Silhouette einer großen Gestalt. Schnell erkannte er, dass es sich dabei um einen Menschen handelte. Doch nicht irgendeinen Menschen. Eiskaltes Schaudern überkam ihn und es fühlte sich an, als würde sein Herz kurz aussetzen. Das Gesicht, in das er blickte, sah er jeden Morgen im Spiegel.
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