Der Konflikt

GeschichteDrama, Romanze / P12
Kronprinz Rudolf Mary Vetsera
21.04.2016
21.04.2016
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Die Luft in dem kleinen Raum war stickig und roch nach einer Menge Tabak und Alkohol. In jeder Ecke konnte man ein anderes Geräusch ausmachen. Das Stöhnen vermischte sich mit dem wohligen Lachen der Frauen und die Männer riefen sich gegenseitig die wildesten und zugleich egozentrischsten Dinge zu.
Gerade setzte der Klavierspieler zum letzten Refrain an, der noch einmal besonders akzentuiert vorgetragen wurde, als die aufreizend gekleideten Damen in Absatzschuhen über das Parkett glitten und auf die männlichen Gäste zuhielten. Mit dem Ziel der Betörung und den Spaß vor Augen, umschmeichelten sie nahezu jeden Mann, auch wenn ihr Interesse nun größtenteils auf dem Kronprinzen Rudolf lag.
Immer wieder konnte der Braunhaarige hier und dort eine zärtliche Berührung wahrnehmen, wenn sich ihm eine neue Frau näherte. Im nächsten Moment wurde ihm wieder ein verlockender Kuss geraubt, den er jedoch nicht ohne weiteres erwiderte.
Rudolf war heute nicht nach einem lieblosen Spiel mit einer Frau. Seit er Mary getroffen hatte, war das ohnehin äußerst selten der Fall gewesen. Doch die Liebe dieser Frau stand ihm nicht zu. Sie war ihm nicht vergönnt und er konnte nicht einmal sicher sagen, dass es wirklich das Beste war.
Selbstverständlich war es das Beste für sie, so war sie sicher und sein Leben glich ohnehin mehr einem Drahtseilakt, als einem wirklich vergnüglichen Spaziergang. Es war eben... kompliziert. Dieses Wort verfolgte ihn.
In Gedanken versunken registrierte er gar nicht, dass sich ihm eine rothaarige Frau von hinten genähert hatte. Diese hielt ihm nun die Augen zu und hauchte dem Kronprinzen einen zarten Kuss auf die Lippen, den Rudolf diesmal nicht erwiderte. Der Gedanke an Mary hatte ihn zur Besinnung gebracht und er wusste, dass es falsch war hier zu sein. Verdammt er wusste, dass es für ihn niemals mehr eine andere Frau geben würde, als Mary. Die Baroness mit den wunderschönen dunklen Haaren und den strahlenden braunen Augen, die eine enervierende Wärme ausstrahlten.
Nie zuvor hatte ihn eine Frau so sehr in den Bann gezogen. Schon gar nicht die seine. Die Sache war bereits ohne das Wissen, dass die Baroness um einiges jüngerer war als er, verrückt genug und dennoch konnte sich Rudolf nichts schöneres vorstellen, als ihren verlockenden Körper in seinen Armen zu halten und ihre Lippen mit den seinen zu bedecken.
Erneut hatte sich ihm eine Frau genähert, welche mit beiden Händen seine Augen zuhielt und ihm einen zärtlichen Kuss gab. Der Kronprinz hatte die junge Frau schon zurechtweisen wollen, als er das ihm inzwischen wohlvertraute Kribbeln in der Brust und in seinem Bauch spürte. Auch seine Lippen waren davon betroffen, welche sich für einen kurzen Moment dazu veranlasst fühlten, den Kuss zu erwidern.
Sein Herz pochte wie wild, als er nun auch die weiche Haut ihrer Hände auf seinem Gesicht erkannte und Rudolf machte sich los, um vom Stuhl aufzuspringen und der Baroness direkt ins Gesicht zu sehen.
Sie zu sehen verwirrte und erfreute ihn zugleich, auch wenn der Alkohol in seinem Blut längst dafür sorgte, dass Rudolf die Welt um sich herum vollkommen anders wahrnahm. Doch Mary war kein Hirngespinst, sondern leibhaftig hier. Hier, in dem Bordell!
„Was zur Hölle machst du hier?“
Die Baroness schien mit einer solchen Begrüßung gerechnet zu haben. Dennoch hatte es etwas verzweifeltes an sich, als sie die Arme in die Luft warf und verkündete: „Wenn das die Welt ist in der du leben willst, bitte hier bin ich.“
Fassungslos griff Rudolf nach ihrem Mantel, um das aufreizende Korsett unter diesem freizulegen. Er konnte nicht glauben, was er da sah. Sie sollte und durfte nicht hier sein.
Ruckartig packte er sie am Arm und wandte sich um, damit er sie an den anderen Leuten vorbei nach draußen ziehen konnte. „Mary das ist kein Ort für dich, komm...“
Rudolf hatte jedoch nicht mit dem starken Willen und der Wut der dunkelhaarigen Frau gerechnet, die sich losriss und an der Bar entlang glitt, bevor sie konterte: „So? Er scheint gut genug für dich zu sein! Ich habe zwei Wochen überall nach dir gesucht, das ist der letzte Ort wo ich dich vermutet habe!“
Sie war wieder an ihn herangetreten und hatte seinen Mantel ergriffen, doch Rudolf wollte davon nichts wissen. Auch wenn sein Herz in ihrer Gegenwart wie wild klopfte und tausende von Schmetterlingen in seinem Bauch tanzten, so konnte das nichts an der Tatsache ändern, dass er ganz und gar nicht erfreut war, seine Geliebte hier so zu sehen.
„Ja man findet die Dinge meistens dort, wo man sie am wenigsten vermutet“, meinte er trocken, obwohl er ein unfreundliches Lächeln aufsetzte und die Baroness gleichzeitig sehr grob von sich stieß. Sie verstand ihn einfach nicht und würde auch die Situation in der er sich befand nicht verstehen können. Die Baroness... nein, das hier war nicht die Mary, nach der er sich verzehrte. Dies war ein schlimmer Traum aus dem er erwachen wollte.
Wütend über sich selbst und die Situation, wandte er sich ab und stellte seinen Stuhl zurück, den er vorhin umgeworfen hatte. Dabei griff er nach einer weiteren Flasche mit Alkohol und nahm an einem der runden Tische Platz, die noch frei waren. Davon gab es momentan viele, da die meisten Leute einen großen Abstand zwischen sich und die Beiden gebracht hatten.
„Oh wie geistreich“, zischte sie beinahe. Mit eiligen Schritten lief zu dem Klavier herüber und legte dabei den großen dunklen Mantel ab. Immer noch erzürnt ließ sie sich auf den Tasten des Instruments nieder, sodass das Klavier ein unharmonisches Klirren von sich gab. Die Frau, welche am Klavier auf Mary wartete, schien von ihrem Anblick ebenso verzaubert zu sein, wie es wohl jeder Mann gewesen wäre, sodass sie es sich nicht nehmen ließ Mary liebkosend zu berühren, auch wenn diese nichts davon wissen wollte.
Rudolf hatte indessen zu einem großen Schluck aus der Flasche angesetzt, in der Hoffnung dass der Alkohol die Situation retten würde. Doch zu seinem großen Bedauern hatte Mary noch immer nicht genug, Sie stützte sich auf dem Klavier ab und fuhr mit der Gardinenpredigt ungerührt fort: „Gefallen dir diese Frauen? Möchtest du dass ich wie eine von ihnen bin?“
Der Kronprinz schnaubte leise. „Diese Frauen bedeuten mir gar nichts!“
„Dann verstehe ich nicht was du hier tust!“
Nun klang ihre Stimme beinahe verzweifelt. Sie hatte sich das Wiedersehen mit Rudolf komplett anders vorgestellt. Sie erkannte ihn nicht wieder. Das konnte doch nicht der Mann hinter dem Genie „Julius Felix“ sein, der sie noch vor gar nicht so langer Zeit aus vollstem Herzen geliebt hatte.
Es entstand eine lastete Stille, die durch eine der Huren unterbrochen wurde, welche scheinbar wütend über die mangelnde Aufmerksamkeit einen Stuhl äußerst geräuschvoll aufstellte und aus dem Zimmer rauschte. Dass sich der Raum langsam leerte, fiel den beiden Streitenden nur am Rande auf.
Der Kronprinz fand den Inhalt der Flasche ohnehin interessanter, als die übrigen Dinge. Alles andere als hoheitsvoll ließ er seinem Unbehagen freien Lauf und lehnte sich nach vorn, damit er seine Ellbogen, auf den Knien abstützen konnte.
„Kannst du auch nicht, es ist viel zu kompliziert...“
„Was ist zu kompliziert?“, hakte Mary verwirrt nach.
Rudolf drehte sich auf dem Stuhl ein Stück weit zu ihr herum und brüllte wütend über sich selbst, über Mary und die ganze Situation: „Mein Leben... ist kompliziert!“
Wieder folgte ein Schluck aus der Flasche in seinen Händen.
Nun etwas vorsichtiger, kam Mary mit bedächtigen Schritten zu Rudolf herüber und baute sich neben ihm auf, während sie mit einer Stimme verkündete, die bereits um einiges sanfter klang: „Mir scheint es ganz simpel zu sein, du trinkst zu viel!“
Rudolf traute seinen Ohren nicht zu hören und verlieh der Lächerlichkeit Ausdruck, indem er freudlos lächelte und die Brauen hob. Dabei erhob er sich und brachte wieder ein wenig mehr Abstand zwischen sich und die Baroness. „Ach...“
Doch Mary ließ sich nicht beirren. Sie war sich sicher sein Problem erkannt zu haben: „Du vergehst vor Selbstmitleid und dann trinkst du weiter.“
Verzweifelt deutete sie auf seine Gestalt, die in diesem Zustand kaum etwas mit dem Kronprinzen vereinbaren konnte. Seine Jacke sah verdreckt aus und sein Hemd stand so weit offen, dass Mary ein großer Einblick auf seine Brust gewährt wurde. Doch ihr Blick blieb an seinen weit geöffneten Augen haften.
„Du wirst es nie verstehen...“, verkündete Rudolf ruhig, der es längst aufgegeben hatte das Verhältnis zu seiner Geliebten wieder richten zu wollen. Nicht nur zwischen den Beiden, sondern auch in ihm selbst tobte ein Kampf, auch wenn ihm nicht ganz klar war, wer hier gegen wen kämpfte. Die Gefühle gegen ihn, oder er gegen seine übermächtigen Gefühle.
„Und ich bete zu Gott, dass du es nie verstehen wirst!“
Das Spiel begann von neuem, als der Kronprinz nach einem anderen Stuhl griff und diesen an einen neuen Tisch stellte, um sich darauf zu setzen. Doch als er diesmal die Flasche an seine Lippen setzte, unterbrach Mary ihn, indem sie ihm sanft über seine Schultern strich.
„Du betest dass ich es nicht verstehe, weil du nichts dagegen tun willst... und ich dachte du willst die Welt verändern!“
Wütend versuchte er die zarten Hände der Frau von sich abzuschütteln und verzog das Gesicht, als ihm dies nicht gelingen wollte. Also erhob er sich, doch auch dann ließ sie ihn nicht gehen, sondern klammerte sich an seiner dunkelblauen Jacke fest. „Hör endlich auf den Prinzen zu spielen und sei ein Prinz!“
Ihre Stimme klang so flehend, dass sie sich gezwungen sah dem Ganzen noch mehr Ausdruck zu verleihen. Sie wollte ihn am liebsten durchschütteln. Doch sie erreichte nur, dass sein Gesicht sich ihrem näherte, sodass sie den strengen Geruch von Alkohol vernahm und das Gesicht verzog. Gott, was war nur aus dem Mann geworden, in den sie sich so unsterblich verliebt hatte?
Der ihr fremde Mann drängte sie nun zurück und meinte mit einer enervierenden Stimme: „Du hast nicht die geringste Ahnung wovon du da sprichst. Nicht ich trage das Risiko, sondern du!“
Wieder stieß er sie von sich. Warum wollte sie ihn denn nicht verstehen? Warum konnte sie nicht einfach verschwinden und ihn vergessen, so wie er sie nun vergessen wollte? Es wäre so simpel, wenn sie ihn nicht versuchen würde ihn zu einer Beziehung zu bewegen, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen war.
Der Kronprinz atmete inzwischen schwer und wirkte sehr angespannt. Doch der Kampf in ihm hatte ein Ende gefunden und er war sich sicher, dass das Folgende vollkommen falsch war und doch schien sein Körper danach zu verlangen und seine Seele sich danach zu verzehren.
Als er erneut auf Mary zuschritt, wollte diese schon zurückweichen, doch Rudolfs Hand an ihrem Hals hielt sie auf und der darauffolgende Kuss raubte ihr beinahe den Verstand, während sich ein wohliges Kribbeln in ihrem Körper ausbreitete, das bis in ihre Zehenspitzen zu gehen schien.
„Du bist in Gefahr, du und deine Familie“, erklärte er nüchtern und stieß die Baroness ein weiteres mal von sich.
Mary war nun jedoch umso mehr darauf bedacht Rudolf davon zu überzeugen, dass es für eine gemeinsame Zukunft noch Hoffnung gab. Immerhin hatten ihre Gefühle eindeutig gezeigt, dass in diesem betrunkenen Prinzen doch noch der Mann steckte, in den sie sich verliebt hatte.
„Alles hat seinen Preis!“
Sie lief ihm nach, da er wieder einige Schritte Abstand zwischen sich und ihr gebracht hatte. Doch plötzlich blieben beide stehen. Er mit dem Rücken weiterhin zu ihr.
„Ich habe mich entschieden“, verkündete sie und konnte nicht wissen, dass das Herz des Kronprinzen in diesem Moment doppelt so schnell schlug, auch wenn er keine Miene verzog.
„Ich liebe dich.“
Noch während sie die drei magischen Worte verkündete, wandte er sich zu ihr um und sah ihr direkt in die Augen.
„Wann wirst du dich entscheiden?“, hakte sie nach und ließ ihre Stimme nun wieder sanfter werden.
Sie wollte ihn um keinen Preis verlieren. Das würde sie nicht ertragen, nicht nachdem sie alle Abscheu überwunden und den Mann für ihr Leben in dem Kronprinzen Österreich, Ungarns gefunden hatte. Vollkommen gleichgültig was und wer zwischen ihnen stand, Hoffnung gab es immer.
Es würde jedoch einiges an Zeit und Kraft kosten Rudolf davon zu überzeugen, das musste sie nach diesem Gespräch einsehen.
Entschlossen lief sie zu dem Klavier herüber und griff nach ihrem Mantel, um den Raum anschließend mit schnellen Schritten zu verlassen. Ihre Absatzschuhe gaben das einzige Geräusch von sich, während sie den Raum verließ und die Tür hinter sich zuschlug.
Nun war Rudolf allein.
„Entscheiden....“, schnaubte er und ließ sich erbost und gleichzeitig viel zu aufgewühlt auf einen Stuhl sinken. „Entscheiden...“
Ohne wirklich zu wissen was er tat, zog er den Revolver aus seiner Tasche und schob sich die Öffnung in den Mund, während sein Finger auf dem Abzug ruhte und er die Augen schloss.
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