In fremden Mauern

von Merli
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
17.04.2016
30.08.2017
7
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Dieses Kapitel
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Hallo und Willkommen zu einer weiteren Geschichte zu Magi Labyrinth of Magic.

Das hier werden einzelne, mehrteilige Geschichten sein, die lose miteinander zusammenhängen.

Hauptfiguren sind  Sphintus, Aladin und Titus und es spielt in der Zeit, als die drei noch in Magnostadt zur Akademie gegangen sind.

Die erste Geschichte spielt  noch vor Titus erscheinen und manche Sachen habe ich bewusst verändert, zum Beispiel die Tatsache, dass niemand wusste was Sphintus für ein Magier war und  ich habe ein wenig an der Zeit herumgespielt. Dennoch halte ich mich so weit an der Vorlage, sodass ich keine entscheidenen Details geändert habe.

Alle Ereignisse und Änderungen sind bewusst getroffen worden, wenn trotzdem grobe Fehler aufgetaucht sind, soll man es mir bitte sagen.

Ansonsten viel Spaß beim Lesen :)


Die Frage nach Stärke


Ihre Augenlider flatterten noch einmal und gaben den Blick frei auf getrübte, nicht mehr zu fokussierende Pupillen. Ein leises Ausatmen und dann schlossen sich die Augen.
Die junge Frau war Tod. Hingerafft von einer Krankheit, die ihr langsam jedes Magoi aus dem Körper gesaugt hatte.
Man befand sich aber nicht im Distrikt fünf von Magnostadt, in der solche Begebenheiten jeden Tag passierten und die Menschen damit gelernt hatten zu leben. Wenn jemand liegen blieb und nicht mehr aufstand- dann war es das Schicksal dieser Person gewesen.
Zu diesem Zeitpunkt wussten zwei bestimmte Herren noch nichts von diesen Zuständen.
Sie hatten noch nicht den Weg in diesen Bezirk gewagt- und somit ihr ganzes Leben verändert.

Das hier war noch eine unschuldigere Zeit.
Eine in der Aladin gerade einen Kurs zum Thema Magie und der Wechselwirkung mit der Natur belegte und in der Sphintus bei der jungen Frau saß, welche langsam kalt unter seinen Fingern wurde. Er war der Letzte gewesen, der versucht hatte die Frau mit konstanter Heilmagie zu heilen.
Aber es war wirkungslos gewesen. Ihr Kräfte- nein, besser gesagt seine Kraft- hatte nicht ausgereicht, um das Leben dieses Menschen zu retten.

Es war das erste Mal, dass der junge Magier jemanden sterben sah. Und obwohl es so friedlich gewesen war, denn die Frau war nur langsam eingeschlafen, ohne unter Schmerzen zu stehen, fühlte er sich dennoch etwas taub.

Als er damals dazu ausgesucht wurde, ein mächtiger Heilmagier zu werden, wusste er theoretisch, worauf er sie einlassen würde. Immerhin hatte er in seiner Heimat schon unter seinem Vater gelernt, welcher ein berühmter Arzt gewesen war. Dieser hatte ihn seit Kindestagen an dieses Handwerk gewöhnt. An die verschiedensten Körperflüssigkeiten, an die Schmerzen, an die Schreie und auch an die Tränen. Seinen ersten Knochen hatte er mit sechs gerichtet, das erste Delirium mit sieben erlebt. Er hat Menschen gesehen, welche unter Schmerzen ihn angebettelt hatten, sie zu erlösen.
Das Entfernen von jeglichen Substanzen, sei es Blut, Pisse oder auch Kot, machte ihm nichts aus. Zwar war er froh, dass er es hier in dieser Schule nicht machen musste- denn dafür hatten sie Krankenschwestern, welche sich um die unangenehmen Sachen kümmerten.
Aber wenn er es musste? Kein Problem für ihn.

Nicht das er das jemand verraten würde.
Wenn ein Klassenkamerad ihn fragte, ob er schon mal ohne Magie jemanden geheilt hätte, log er immer. Nein, er kannte nur das warme Glühen seines Stabes und die Sprüche, mit denen man ohne jemand berühren zu müssen jemanden helfen konnte.
Denn das war das Wissen vieler seine Kurskameraden, welche mit ihm zusammen Heilmagie lernte. Zum Teil war es nur Theorie, aber wie die letzten Tage kamen auch praktische Einheiten hinzu.
Viele mochten diese Stunden in dem Krankenflügel nicht, welcher ohne Magie funktionierte.
Denn zwar hatten sie ihre mächtigen Zirkel, in denen sie Menschen helfen konnten, welche schwer krank waren.
Aber manchmal stürzte ein Mensch nur oder hatte einen Magendarminfarkt. Da war die Zeit, die die Person im Krankenflügel lag effektiver genutzt, als das Magoi, dass solch eine Magie beanspruchte. Nicht das diese Menschen unter Schmerzen standen- denn das war der einfachste Magietrick von allen. Denn man gab dem Gehirn nur zu verstehen Dopamin auszuschütten und dann ging es der Person schon besser. Wie bei allen Medikamenten gab es da zwar auch Suchtgefahr, aber man versuchte auch Magie so gut zu dosieren, wie es nur ging.

Wenn das alles ein wenig altmodisch klang und nicht so einfach, wie man es sich vielleicht vorgestellt hätte- nun, so war das nun Mal. Es regnen zu lassen war einfacher, als einen Virus zu besiegen. Darauf hatte Sphintus sich schon eingestellt.
Und er war froh, nicht so unwissend wie manch einer seiner Freunde zu sein. Diese sahen selbst bei Blut manchmal angeekelt aus, und wenn eine Krankenschwester mit einer Bettpfanne an ihnen vorbeilief, hörte er manche aufwürgen. Solche Weicheier.

Nur, wen wollte er gerade etwas vormachen?
Seit fünf Minuten hielt er schon das schlaffe Handgelenk, an welchen er zuletzt den Puls gemessen hatte, und starrte einfach auf das viel zu stille Gesicht. Warum hatte diese Frau sterben müssen?
Sie war doch erst vor einem Jahr Mutter geworden und ihr ging es vor einer Woche noch prächtig.
Bis sie auf einmal zu Hause zusammengebrochen war und hier her transportiert wurde.
Seit dem hatten alle Heilmagier eine Lösung des Problems gesucht. Ohne Erfolg. Zum Schluss, als schon feststand, dass sich die junge Mutter nicht mehr erholen würde, hatte man noch die letzten Stränge gezogen.
Das heißt, unerfahrene Schüler in die Behandlung mit reingezogen.
Ob sie gewusst hatten, dass sie dann unter der Hand eines Jugendlichen sterben würde? War das vielleicht eine Lektion für sie, welche man so schnell wie möglich lehren wollte? So etwas wie ein Crashkurs der Medizin?

Aber als er die erschrockenen Aufschreie um sich herum hörte und Minuten später eine warme Hand an seiner Schulter, welche ihn sanft zur Seite drückte, dann dachte sich Sphintus, nein, das war wohl nicht geplant gewesen. Man hatte ernsthaft gehofft, einer der neuen Heilmagier hätte eine besondere Ader, die vielleicht dieser Frau helfen könnte.
Dem war leider nicht so. Vielleicht hatte er ihr auch den letzten Rest gegeben. Man wusste es nicht.

Was man aber mit Sicherheit sagen konnte, war die Tatsache, dass nach der Entdeckung der Leiche das Chaos ausgebrochen war. Zwei seiner Kameraden, welche die ganze Zeit an seiner Seite gewesen waren, entfernten sich laut schluchzend von dem Bett. Der Arzt, also der richtige, überprüfte noch mal alle Werte der Verstorbenen und wurde dabei von einer grimmig aussehenden Krankenschwester unterstützt. Eine Zweite schob ihn weiter zur Seite, dabei irgendwelche Sachen sagend. So etwas wie "Ihr habt euer Bestes getan" und "Es war leider nur eine Frage der Zeit..." aber so richtig bekam er das nicht mit.

Seitdem er den letzten Atemzug eines lebendigen Menschen gehört hatte, war die Welt auf einmal wie verstummt. Zumal er den Blick nicht von der Toten wenden konnte- obwohl der Rücken des Arztes sie verdeckte. Er musste einfach starren, denn vielleicht irrten sie sich ja alle. Auch wenn er selbst den fehlenden Puls gespürt und das erloschen des Lebens in ihren Augen gesehen hatte- er war jung. Da irrte man sich leicht. Immerhin war er ja auch nicht mit seiner Ausbildung fertig. Noch lange nicht.
Doch trotz all seinem Hoffen stand der Arzt neutral schauend auf und sah den drei Jugendlichen, welche sich in verschiedenen Stadien des Schocks befanden, in die Augen.
"Es tut mir leid, aber wir konnten nichts mehr für sie tun."

Sphintus hörte wie der erste Klassenkamerad- eine junge Frau aus Sasan- anfing zu weinen.
Der Zweite, ein junger Mann aus Magnostadt, schien sie zu trösten. Zumindest hörte man flüstern und hin und wieder ein ersticktes Aufheulen. Der Arzt sah ihn deswegen lange an, um zu prüfen, wie es ihm ging.
Da er in diesem Moment nichts fühlte- außer die kalte Haut unter seinen Fingern, welche sich in seine Kuppen gebrannt hatten- sagte er nur tonlos: "Das war ja zu erwarten gewesen."

Sofort verstummte hinter ihm das Heulen und er fühlte, wie die junge Frau ihn hitzig ansah. "Sphintus ist das dein ernst? Sie ist Tod! Sag doch etwas dazu", er drehte sich zu ihr um und sah sie mit demselben ausdruckslosen Blick an wie der Arzt, welcher seiner Krankenschwester etwas zuzuflüstern schien.

"Sie ist Tod. Das reicht oder?", jetzt sah auch der Kerl ihn fassungslos an.

"Dich stört das wirklich nicht, oder?", fragte er tonlos, immer noch mit einem halben Arm um das Mädchen geschlungen.

"Es ist unser Job. Da gehört das dazu", was ja auch stimmte. Er hatte sich schon seitdem er ein Kind war darauf eingestellt, einem Menschen beim Ableben sehen zu können.
Das er es geschafft hatte, das siebzehn Jahre zu umgehen, war wirklich verwunderlich gewesen.

Bevor sie sich aber an dem Sterbebett streiten konnte, huschte sie die Krankenschwester aus dem Raum.

"Ihr habt genug für heute getan", sagte sie entschuldigend und ihnen allen einen müden Blick zuwerfend. "Und wir sind euch dankbar für jede Sekunde, in der ihr eure Kraft geliehen habt. Es war wirklich sehr tapfer von euch", warum sie ihn so lange anschaute, wusste Sphintus nicht. Ihn interessierte es auch wenig.
"Deswegen geht auf eure Zimmer und ruht euch aus. Wenn ihr mit jemandem reden wollt, könnt ihr gerne zu Herrn Phiros gehen, welcher uns schon oft geholfen hat. Scheut euch nicht- das gerade war ein sehr traumatisierendes Erlebnis für euch, welches ihr nicht auf die leichte Schulter nehmen solltet. Wir werden euch für die nächsten zwei Tage auch aus dem Unterricht nehmen lassen- damit ihr das in Ruhe verdauen könnt. Keine Sorge, das ist keine Fehlzeit, sondern so etwas wie eine Krankschreibung. Solltet ihr noch Fragen haben, könnt ihr uns natürlich jederzeit ansprechen."

"Danke", flüsterte das Mädchen, ihre Gefühle wieder unter Kontrolle habend. "Für euer Verständnis und eure Hilfe."

"Von mir auch ein Danke", der Junge umarmte seine Klassenkameradin nicht mehr. Viel mehr rang er seine Hände ineinander. "Wir werden jetzt wieder auf unsere Zimmer gehen."

Ohne ihm auch nur einen Blick zu würdigen, gingen die Zwei dann weg. Er wollte mit einem Kopfnicken auch verschwinden, als die Krankenschwester ihn am Arm festhielt.

"Sphintus, wartest du bitte kurz." Was sollte er machen? Weglaufen? Ergeben blieb er stehen.

"Wie geht es dir?", das war doch ein Scherz? Er hatte gerade jemanden sterben sehen. Unter seinen Händen. Wie sollte es ihm da gehen außer beschissen?

"Es wird schon", sagte er deswegen nur kurz angebunden.

Wieso sah ihn jeder- der Arzt, die Krankenschwester, seine zwei Klassenkameraden- ihn so an, als würden sie etwas von ihm erwarten? Sollte er auch weinen? Fluchen? Hätte er die Frau an den Schultern rütteln und anflehen sollen, ihre Augen zu öffnen? Ernsthaft, was wollten sie von ihm?
Er war genauso müde und geschockt wie sie, nur zeigte er es nicht so nach außen. War das ein Verbrechen? Anscheinend schon, denn man drückte seinen Arm kurz und er musste versprechen, sobald er sich schlecht fühle, zu ihnen zu kommen.

Als ob, dachte er sich endlich weggehend. Als Kind hatte man ihn nicht geschont, jetzt würde er auch bestimmt nicht damit anfangen. Zwar tat es ihm leid, seinen zwei Bekannten solch einen Schrecken mit seinen Worten eingejagt zu haben, aber damit würden sie zurechtkommen.
Er hatte ja nichts Falsches gesagt, nur vielleicht zu früh. Wenn er das nächste Mal jemanden trösten musste, der einen Tod mitangesehen hat, dann würde er es hoffentlich besser hinbekommen. Denn er hatte das unbestimmte Gefühl, dass es nicht die letzte Person sein würde, welche er sterben sah.
Das kam nun mal mit seinem Beruf dazu.

In seinem Zimmer angekommen, fand er dieses leer vor. Was ihn nicht wunderte, immerhin hatte Aladin oft bis spät abends Unterricht. Denn seitdem man gesehen hatte, welches Potenzial in diesem Jungen steckte, versuchte man alles aus ihm rauszuholen. Und dieser ließ es nur zu gern zu.
Ein leichtes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, als er an seinen Freund dachte. Dieser war immer so voller Energie und jederzeit gutmütig- er hatte Aladin noch nie böse werden sehend oder ausfallend. Er lachte immer und arbeitete hart an seinen Fähigkeiten.
Auch wenn es ihm an Anfang doch schockiert hatte, als der Kerl direkt vom sechsten in den ersten Rang befördert worden war. Wahrscheinlich waren damals auch ein, zwei böse Worte gefallen.
Dennoch er konnte es nicht leugnen- Aladins Kräfte waren einfach beeindruckend.
Damit hatte er sich dann auch schnell abgefunden.

Er selber befand sich ja gerade im zweiten Rang, wobei er sich jeden Einzelnen hatte hart erkämpfen müssen. Zwar war er nicht dumm, aber ihm flogen die Sachen auch nicht einfach zu. Er konnte hart arbeiten, auch wenn er immer versuchte, das vor anderen zu verstecken. Ihm war aufgefallen, dass es einfacher war, wenn man wirkte, es würde einem keine Probleme machen, etwas zu erlernen.
Immer nur cool ausschauen und den Kopf hochhalten.
Egal wie viel er heimlich lernte oder sich mit manchen Sachen schwertat. Denn Heilmagie verstand er durch und durch, aber Angriffsmagie war ihm ein Graus. Verteidigen konnte er sich, aber Zerstörungsangriffe wie Aladin? Nein, das war einfach nicht seine Stärke.
Aber aus irgendeinem Grund war es das Einzige, was die Lehrerschaft interessierte und einen beförderte. Und er wollte Nummer eins werden, auch wenn er nicht der Erste war.
Hier musste er niemanden etwas beweisen. Nur zu Hause müsste er als gemachter Mann auftauchen.

Deswegen versuchte er sich von dem Nachmittag auch nicht zu sehr runterziehen zu lassen.
Klar war er geschockt gewesen, aber jetzt auf seinem Bett ging es ihm schon besser. Vielleicht hatten ihn die vielen Menschen ja auch nur unter Druck gesetzt?
Er fühlte sich schon so gut, dass er sich auch an seine Studien setzen könnte. Immerhin hatte er jetzt zwei freie Tage- wie könnte er die besser nutzen, als zu lernen? Anstatt sich aber aufzusetzen, starrte er nur die reichlich dekorierte Decke an und dachte über nichts nach.
Welchen Gedanken er auch greifen wollte, dieser entzog sich ihm wieder, jede Formel, jeder Plan für die nächsten Tage. Viel mehr hörte er ab und zu dieses leise Aufseufzen und sah die Augen zufallen.

Genervt mit sich selber, drehte er sich auf die Seite und schloss seine Augen. Schlafen. Das Einzige was er jetzt brauchen würde.

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Aladin hatte Sphintus dann zum Abendessen geweckt. Dieser war verwundert gewesen, seinen Freund so früh am Abend schlafen zu sehen, hatte sich aber nichts dabei gedacht.

Der Kerl war ihm manches Mal eh nur ein Rätsel. Manchmal wirkte er richtig erwachsen, gab sich dann aber Sekunden später seinem Temperament hin. Oft hatte der Magi das Gefühl, nicht mit dem wahren Sphintus zu reden, weswegen er sich manchmal bewusst abschottete. Nicht weil er den Jugendlichen nicht leiden konnte- dafür erinnerte er ihn zu sehr an Alibaba, um ihn nicht zu mögen- aber einfach, um sich kein falsches Bild von ihm zu machen.
Immerhin hatte es ihn wirklich überrascht, als er herausgefunden hatte, Wochen seit dem sie sich schon ein Zimmer teilten, dass sein Freund ein Arzt werden wollte.
Es passte zu dem immer auf sein Aussehen bedachten Typen auf den ersten Blick nicht. Zwar wusste er nicht, was zu dem Kerl passen sollte, aber auf Heilmagie und damit einen festen Fuß in der Medizinwelt hätte er nicht getippt. Ja, er war wirklich überrascht gewesen.

Besonders weil es nur nebenbei gefallen war, als sie einen Nachmittag mal zusammengelernt hatten. Zwar war er schon in der höchsten Stufe der Magiefähigkeiten, dennoch schonte man ihn nicht weniger. Was er ja auch gar nicht wollte, immerhin gab es immer noch so viel zu lernen.
Als dann auf die Frage, was das für Tabellen seien, man nur meinte, Magiekombination zur optimalen Behandlung von Krankheiten, konnte er sich einen verwunderten Blick nicht verkneifen.
"Du kannst Heilmagie?", hatte er dann noch mal vorsichtshalber nachgefragt.
Er selbst hatte leider keine Begabung dafür, wie Yamuraiha und er schlussendlich feststellen mussten. Dabei hätte er so gerne die Fähigkeit, seinen Freunden zu helfen, falls es ihnen körperlich schlecht gehen sollte.

Ohne aufzusehen hatte sein Mitbewohner dann nur bejahend gebrummt und damit das Thema fallen lassen. Wie oft hatte der Kerl versucht ihm seine Familiengeschichte aufzubrummen, aber dass er die Magie beherrschte, welche er so gerne lernen würde, erwähnte er nicht?
Das war wieder eines dieser Rätsel von diesem Kerl.

Auf die Frage, ob er es ihm beibringen wollte, hatte man mit einem klaren „Nein“ geantwortet.
"Ich beherrsche es selber noch nicht so gut. Aber wenn du möchtest, empfehle ich dich gerne meinem Lehrer. Ihm wird es eine Ehre sein, dich zu unterrichten."

Gesagt getan, aber wie seine erste Lehrerin, musste auch dieser Mann ihm seinen Wunsch abschlagen. "So viel vielversprechende Magie", meinte der Mann mittleren Alters mit einer typischen kleinen Brille auf der Nase. "Aber leider keine regenerierende Magie und somit Kompatibilität mit Heilsprüchen. Es tut mir leid, dass ich dir das sagen muss."

So war also sein kleiner, heimlicher Traum zerplatzt.
Nur was soll es, dafür hatte er ja einen Freund der Heilmagie beherrschte. Und wie er so heraushörte nicht mal schlecht. Von allen Heilmagiern schien Sphintus derjenige mit dem meisten Potenzial zu sein. Was der Kerl nicht mal an die große Glocke hang.
Das war auch ein Grund, weswegen er ihn so mochte. Hatte er manches Mal sehr eigene und zum Teil einfache Ansichten, steckte auf dem zweiten Blick doch mehr in ihm drin. Und Aladin freute sich, auch die weiteren Seiten seines neuen Freundes kennenzulernen.

Wobei das Gesicht, welches Sphintus am Abendessentisch zog, auch neu war.
Normalerweise wusste man immer, was der junge Mann aus Heliohapt dachte. Sei er unglücklich, zufrieden oder gerade auf Streit aus. Der Kerl machte sich keine Mühe, seine Absichten zu verstecken. Nur an diesem Abend saß er schweigend vor seinem halbvollen Teller, stocherte lustlos in dem leckeren Gemüse und sagte kein Wort. Auf die Frage hin wie sein Tag gewesen war, kam nur ein Einfaches "in Ordnung."
Das war es. Zu mehr war Sphintus nicht zu gebrauchen.
Okay, er selber unterhielt sich an beiden Seiten angeregt mit seinen anderen Bekannten, welche immer die besten Geschichten hatten. Ihm viel es wie immer nicht schwer, Menschen zu finden, mit denen er sich verstand. Er war einfach ein geselliger Mensch.
Auch wenn ihm das nichtssagende Gesicht seines Freundes doch ein wenig die Laune verdarb. Normalerweise beschwerte sich Sphintus einfach, wenn ihm etwas nicht passte. Solange bis es geändert wurde oder er keine Lust mehr hatte, sich darüber aufzuregen.

"Isst du das noch?", fragte er dann nach fünf Minuten, in denen sein Freund keinen Bissen mehr von seinem Essen genommen hatte.

"Nein", kam es nur knapp zurück und Sphintus stand schlussendlich auf. "Tut mir leid Aladin, aber ich bin müde. Ich geh schon mal vor."

"Ist bei ihm alles in Ordnung?", fragte eine Bekannte von ihm. "Er wirkte sehr blass."

"Ach wahrscheinlich nur anstrengender Unterricht", versuchte er die Sorge zu zerstreuen.
Ja, Sphintus war unter seiner gebräunten Haut ungewohnt blass gewesen, was ein wirklich ulkiges Bild abgegeben hatte. Nur das dieser dann auch kaum etwas gegessen hatte, machte ihn doch etwas stutzig.

"Hm, wahrscheinlich", sie nickte einmal zögerlich und wollte wohl was hinzufügen, wandte dann aber ihren Blick ab. Generell schien die Stimmung heute Abend etwas gedämpfter zu sein, aber bevor er jemanden fragen konnte, was vorgefallen war, waren die meisten schon aufgestanden.

Das war das Problem, wenn fast sein ganzer Unterricht in den Kellergewölben oder außerhalb der Schule stattfand: Er verpasste viele Sachen.
So wie die Beziehungsdramen untereinander, lustige kleine Geschichten oder auch die neusten Gerüchte. Meistens erzählte man ihm alles aus zweiter Hand am Essenstisch, was ja leider nicht dasselbe war wie live dabei gewesen zu sein.

Nur beschweren konnte er sich nicht wirklich, immerhin ermöglichte man ihm exzellenten Unterricht. Für welchen er heute Abend noch lernen müsste.
Also beide Teller wegstellend und sich von den paar anderen verabschiedend, machte er sich auf den Weg zu seinem Zimmer. Vielleicht könnte er da auch seinem Freund fragen, was ihm auf den Herzen lag. Dem Kerl würde es bestimmt sofort besser gehen, wenn er sich einmal aufgeregt hätte.

Vorsichtig die Tür aufmachend und sehend, dass sein Freund schon am Lesen war, machte er es sich selbst auf dem Bett bequem. Im Lampenschein wirkte Sphintus nicht mehr so blass und auch schien er wirklich konzentriert zu lernen. Etwas beruhigt holte er selber seine Lernmaterialen hervor und zusammen ließen sie den Abend ausklingen.
Die Frage, was passiert war, wollte er zwar immer noch beantwortet haben, aber es war nicht die passende Stimmung dafür. Er hatte schnell lernen müssen, das Sphintus nicht oft lernte, aber wenn er es tat, sollte man ihn nicht stören. Dann konnte er wirklich unausstehlich werden.

Als ihm aber schon die Augen zufielen und er die Buchstaben nur noch doppelt sah, gab er auf.
Sein Körper hatte gewonnen und er würde sich hinlegen müssen. Einen Seitenblick aufs andere Bett werfend, sah er wie sein Freund immer noch ohne Unterlass jede Zeile durchlas und sich Notizen machte. Wenn er sich nicht täuschte, war es sogar schon die zweite Schriftrolle, welche Sphintus durchging.

"Steht bald ein Test an?", fragte er, um endlich ein Gespräch anzufangen.

"Nein", kam nur eine knappe Antwort ohne jegliche Erklärung.

Frustriert ließ sich Aladin aufs Bett fallen und verschränkte die Arme hinterm Kopf. "Wenn das so ist, lässt du mich ja bestimmt die Lampe ausmachen oder? Ich würde gerne schlafen."

Daraufhin bekam er einen anmaßenden Blick. "Weißt du wie oft du in die Nacht hineingelernt hast? Da hast du auch keine Rücksicht auf mich genommen."

"Oh, aber du schläfst auch immer so fest. Einmal habe ich mich sogar auf dich geworfen und du hast nur gegrummelt", reizte er seinen Freund, wohl wissend, dass dieser darauf anspringen würde.

Aber anstatt auf den kleinen Streit einzugehen und die absurde Behauptung abzustreiten, seufzte dieser nur schwer. "Vielleicht", kam es alarmierend diplomatisch, "Aber ich würde gerne noch ein wenig weiterlernen. Es dauert auch nicht mehr so lange, okay?"

"Hm, wenn du meinst", gab sich Aladin geschlagen und legte sich auf die Seite.
Sein Freund wollte heute nicht mit ihm reden, also würde er einfach morgen nachharken. Sphintus zu einer Antwort zu zwingen würde ihn nämlich auch nicht weiterbringen.
Und so schlecht konnte es ihm ja nicht gehen, wenn er schon wieder am Lernen war.

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Und gelernt hatte Sphintus auch, wie Aladin am nächsten Morgen feststellen musste.
So viel das dieser anscheinend die ganze Nacht nicht geschlafen hatte. Das sah er an der vierten Rolle, die auf dem Bett lag, dem fast aufgebrauchten Öl in der Lampe und dem mehr als aufgequollenen Augen seines Freundes.
Zudem er sich eh gewundert hatte, was ihn die ganze Nacht gestört hatte. Jetzt wusste er es.
Das Licht der Lampe.

Langsam aufstehend und dabei leise gähnend, sah er seinen Freund verwundert an.
"Sphintus, was machst du da?"

"Hm?", brummte sein Freund nur, mit einem Arm seinen Kopf stützend und mit dem anderen mit seiner Schlange spielend. "Lesen, wie du siehst."

"Das sehe ich, aber immer noch? Hast du auch nur eine Stunde geschlafen?", er setzte sich auf, denn egal wie komisch das Verhalten seines Freundes war, es war leider keine Entschuldigung dafür zu spät zu seinem Unterricht zu kommen. Magier konnten sehr nachtragend sein, wenn sie glaubten, man würde sie nicht ernst nehmen.

"Klar", kam es ohne zu zögern von seinem Freund und die Lüge wog einige Sekunden schwer zwischen ihnen. "An deiner Stelle würde ich mich beeilen. Die Dame mag es nicht, wenn man sie warten lässt."

Es war gemein das Thema so im Raum zu lassen, aber Sphintus hatte recht. Mit einer Schnelligkeit, die seine immer noch müden Knochen nicht hergeben wollten, zog er sich an und wusch sich kurz das Gesicht.
In der ganzen Zeit hatte sein Freund nicht einmal den Blick von dem Schriftstück genommen und es entnervte ihn. Wenn kein Test anstatt, wieso vergrub der Kerl sich so ins Lernen? Normalerweise versuchte er immer nur mit dem Minimum durchzukommen, sodass es gerade so reichte.
Irgendwas stimmte ganz gewaltig nicht und er hatte wieder keine Chance, nachzufragen.

Denn wenige Minuten später rannte er durch die leeren Gänge, um sein frühes Training nicht zu verpassten. Aber gedanklich machte er sich eine Notiz, Sphintus heute Abend auszuquetschen. Irgendwas stimmte da einfach nicht.
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