As tears go by

OneshotAllgemein / P12
Mike Weston
17.04.2016
17.04.2016
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"Mike...? Hey, kommst du heute nach Hause?"
Sie lauschte gespannt in die Stille der Leitung hinein. Eigentlich wusste sie die Antwort schon. Vielleicht spürte sie es. Weiblicher Instinkt oder so. Vielleicht kannte sie ihn aber auch einfach zu gut. Obwohl sie ihn im Moment überhaupt nicht mehr zu erkennen schien.
Mike seufzte. "Nein, ich denke nicht. Es tut mir leid, ich..."
Sie unterbrach ihn wütend: "Mike! Verdammt nochmal! Ich weiß nicht, wo du dich immer herumtreibst und ich weiß auch nicht, ob ich es wissen will. Aber du musst auch mal irgendwann nach Hause kommen, wenn..."
"Wenn was?"
"Wenn du mich nicht verlieren willst."
Die Stille, die daraufhin entstand, war nur durchbrochen durch das Pochen ihres Herzens, das in ihren Ohren widerhallte.
"Okay. Ich komme nach Hause."
Sie hatte gar nicht gemerkt, dass sie die Luft angehalten hatte, bis sie sie ausstieß.
"Okay. Bis dann."
Eine Zeit lang starrte sie das Handy an, als könnte sie so Mikes Gedanken erfassen. Er war so undurchsichtig geworden. Er hatte nie jemanden wirklich an sich herangelassen. Aber sie hatte das Gefühl gehabt, dass er begonnen hatte, sich ihr zu öffnen. Es war wohl ein Trugschluss gewesen. Seit sein Vater ermordet worden war, hatte er kaum mehr ein Wort mit ihr gewechselt. War kaum zuhause, nur noch unterwegs. Und immer furchtbar distanziert. Aber heute wollte sie ihn zwingen, mit ihr zu reden. Weil sie ihm helfen wollte. Weil sie ihn liebte.
Als Mike nach Hause kam hatte sie auf dem Couchtisch Kerzen angezündet und ihnen beiden ein Glas Wein eingeschüttet. So ließ es sich vielleicht besser reden.
Mike warf seine Sachen zur Seite und ließ sich im Wohnzimmer auf die Couch fallen.
"Anstrengender Tag?", fragte sie.
"Könnte man so sagen." Es war ein Murmeln, ein Grummeln fast.
Sie griff nach dem einen Glas und reichte es ihm, dann nahm sie ihr eigenes. "Ich möchte heute einen schönen Abend mit dir verbringen..." Sie sah ihn eindringlich an. "Auf uns. Auf den schönen Abend."
Mike sah nicht all zu glücklich aus, stieß aber mit ihr an und nahm einen Schluck.
"Wir haben das schon lange nicht mehr gemacht, weißt du? Früher haben wir das jede Woche gemacht, bis..." Der Rest des Satzes blieb ihr im Hals stecken. Das klang nach einem Vorwurf und das war absolut nicht das gewesen, was sie vorgehabt hatte.
"Bis mein Vater umgebracht wurde.", beendete Mike den Satz für sie. Einfach so. Völlig emotionslos. Kalt.
"Ja... Mike. Es tut mir leid. Ich wollte das nicht ansprechen. Das ist mir nur so rausgerutscht."
"Das ist schon gut. Das hat sich jetzt sowieso erledigt."
Sie sah erstaunt auf, stellte ihr Glas weg und drehte sich zu Mike hin. "Was meinst du damit? Habt ihr sie gefasst?"
"Ja." Er dehnte das Wort sehr und ihr stellten sich die Nackenhaare auf.
"Willst du mir davon erzählen?"
"Nicht wirklich.", meinte er und fokussierte das Glas, das er in seiner Hand drehte.
"Verdammt, ich wollte gar nicht davon anfangen! Aber wenn du nicht langsam damit beginnst, mit mir zu sprechen, dann wird das mit uns nichts mehr, Mike. Ich meine es Ernst!"
Mike stellte sein Glas auf den Tisch und starrte eine Zeit lang darauf. Waren das Tränen, die da in seinen Augen glitzerten? Sie glaubte schon, es wäre nur eine Reflektion der Kerze gewesen, da sah sie, wie eine Träne seine Wange herunter kullerte. In der gesamten Zeit in der sie zusammen waren und selbst in der Zeit nachdem er seinen Vater verloren hatte, hatte sie Mike bloß ein einziges Mal weinen sehen.
Für den Moment waren alle Zweifel und all die Wut vergessen. Sie umarmte ihn, zog ihn ganz fest an sich. Sein Körper bebte in ihren Armen von dem Schluchzen. Sie sagte nichts. Sie war einfach nur da, hielt ihn und strich über seinen Rücken.
Als Mike sich vorsichtig aufrichtete, strich sie sanft die Tränen von meinem Gesicht und legte ihm eine Hand auf das Knie. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte, oder ob er reden wollte. Aber sie ging davon aus, dass er sprechen würde, wenn er es wollte. Jetzt, wo er einmal so weit war.
"Ich habe sie umgebracht...", flüsterte er und sah sie durchdringend an. "Ich habe sie umgebracht. Ich wollte meine Rache und ich habe sie umgebracht, obwohl Ryan mich davon abhalten wollte. Und es tut mir noch nicht einmal leid."
Sie starrte ihn einen Moment lang einfach nur an, unfähig etwas zu erwidern.
"Sie hat meinen Vater umgebracht, weil sie sauer auf mich war. Er konnte überhaupt nichts dafür!"
"Nein. Das stimmt. Ich kann dich verstehen." Sie meinte es ernst. Sie griff nach seiner Hand und drückte sie leicht.
"Sophia... Du musst mir eine Frage beantworten und du musst mir versprechen, ehrlich zu sein."
Sie nickte, unsicher was sie erwartete.
"Hältst du mich für... Gut? Ich meine, von Grund auf... Gut?"
"Ja!" Die Antwort kam so schnell, dass sie keine Zeit fand, nochmal darüber nachzudenken.
"Du erinnerst dich doch sicher noch an Debra..." Er sah wieder auf seine Hände und Sophia hatte das Gefühl, dass er erneut mit den Tränen kämpfte. Endlich hatte sie wieder das Gefühl, ihn zu kennen. Ihn von einer anderen Seite kennenzulernen. Aber das war wieder der Mike, in den sie sich verliebt hatte. Der sich Sorgen um seine Mitmenschen machte und ein guter Mensch sein wollte. Der das Richtige tun wollte, egal worum es ging.
"Bevor sie starb, hatten wir sie am Telefon. Wir waren dabei, als sie... Als sie starb. Und da hat sie zu mir gesagt, dass ich ein guter Mensch wäre. Und dass ich so bleiben sollte..." Er sah auf und sah mich traurig an. "Ich habe das Gefühl, sie verraten zu haben... Und vielleicht hatte sie Recht... Das war Selbstjustiz. Für meinen Vater... So sollte ich nicht handeln. So hätte ich früher nicht gehandelt. Ich habe mich verändert, oder?"
Sie atmete einmal durch und sortierte ihre Gedanken, bevor sie langsam antwortete: "Du hast dich verändert. Und das ist auch ganz normal, wenn so etwas passiert... Ich kann verstehen, wie du gehandelt hast, Mike. Ich kann dir nicht sagen, ob es richtig oder falsch war. Das musst du ganz mit dir selbst ausmachen. Für mich warst du immer ein guter Mensch und bist es noch immer. Du... Hast dich verändert und vielleicht musst du nur lernen, damit umzugehen... Vielleicht musst du die Situation erstmal akzeptieren, um wieder mit dir ins Reine kommen zu können. Aber dazu gehört, es nicht zu verdrängen. Und mit mir zu reden, denn ich will dir dabei helfen!"
Sie hatte ihre Worte mit Bedacht gewählt und war sich dennoch nicht sicher, ob sie das ausdrückten, was sie hatte sagen wollten.
"Ich sollte wirklich froh sein, dass meine Freundin eine Hobbypsychologin ist." Das Lächeln, das Mike Sophia schenkte, war ein trauriges. Aber es war ein Lächeln. Und es war Ernst gemeint.
"Dann schlägt dir deine Hobbypsychologin jetzt mal etwas vor. Wir bleiben heute Abend hier sitzen und reden, wenn du dazu bereit bist. Und morgen früh rufst du Hardy an und sagst ihm, dass du Urlaub brauchst. Und dann nimmst du dir Zeit für dich, um dich mit allem auseinanderzusetzen. Und ich unterstütze dich dabei."
Mike beugte sich vor und küsste Sophia sanft. Seine Lippen schmeckten salzig von den Tränen, aber es fühlte sich einfach zu gut für sie an, ihm wieder nahe sein zu können.
"Klingt nach einem Plan.", murmelte er.
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