Die Mütter - Faust II

KurzgeschichteMystery / P12
Dr. Heinrich Faust
17.04.2016
17.04.2016
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Das Bild vor seinen Augen verschwand, als er in die Leere hinabsank. Wo eben noch Mephisto stand, war nun das Nichts.
Faust glaubte einen Moment, dass er vielleicht nur träumte. Aber was wäre das für ein eigenartiger Traum? Kein  Licht und keine Dunkelheit herrschte hier, weder Land, noch Meer, noch ein Himmel waren zu sehen.
Faust war sich nicht sicher, ob er lief oder schwebte, ob er etwas sah oder hörte oder fühlte. Er war im Nichts, so wie es Mephisto gesagt hatte. Aber wo waren die Öde und die Einsamkeit? Denn selbst diese hatten doch eine Form, ein Abbild oder wenigstens ein Gefühl! Hier war nichts davon. Es gab nichts Gutes und nichts Böses, kein Ort und keine Zeit.
Wie lange war er jetzt schon im Nichts? Erst ein paar Sekunden oder schon Tage?
Faust legte seine Hände gegen die Ohren. Hier herrschte eine Stille, die er nicht verstand. Selbst in der tiefsten Nacht im dunkelsten Raum, ohne Mensch und Tier wäre da doch ein Ton zu hören. Faust wollte schreien, so laut, dass diese Leere eine Fülle bekam, aber diese Leere ließ sich nicht füllen mit Nichts.
Hier war er nichts. Nicht Faust, kein Doktor und kein Professor, kein Mann und auch kein Mensch.
Er war ein Teil des Nichts … und doch ein Teil von Allem.
„Heinrich.“
Eine Stimme, vielleicht war es auch keine Stimme, sondern nur seine Einbildung, aber etwas war hier. Weit in der Ferne und zugleich ganz nah.
Aus dem Nichts wurde alles. Was vorher weder Licht noch Dunkelheit war, nahm Gestalt an. Illusionen, verschwommen und abstrakt, erschienen und verschwanden. Geräusche wurden laut und leise, Kälte und Kitze wechselten in Sekunden. Er konnte es sehen, er konnte alles sehen. Alle Farben der Welt und die Unendlichkeit des Kosmos. Er sah das Wetter in allen Aspekten, er sah Menschen in jedem Alter, mit jedem Gefühl. Er hörte das Weinen und das Lachen eines Kindes. Er fühlte das Leiden und den Schmerz eines Sterbenden und die Freude und Lust eines Liebenden.
Und plötzlich war in all dem Sein und Tun ein Feuer erschienen. Mitten in der Dunkelheit war eine Feuerstelle, um welche drei Gestalten saßen.
Es waren keine Menschen. Faust war sich nicht sicher, was sie waren. Es waren Wesen aus Licht und Form. Einem Menschen ähnlich, doch nicht gleich. Abstrakt und doch real.
Langsam schritt Fust auf das Feuer zu. Die Mütter bemerkten ihn nicht. Sie sprachen miteinander in einer Sprache, die kein Sterblicher verstand.
Faust wollte zu ihnen gehen. Er wollte ihre Gesichter sehen, wenn sie eines besaßen. Er wollte wissen, wer sie waren, diese Mütter.
„Heinrich!“
Wieder diese Stimme. Warum sagte sie immer seinen Namen? Die Mütter hatten die Stimme genauso wenig gehört, wie sie Faust bemerkt hatten. Trotzdem war sie da. Diese Stimme, die ihm den richtigen Weg zeigte.
In Fausts Hand begann der Schlüssel zu glühen. Der Schlüssel, den er die ganze Zeit bei sich hatte. Mit einem Mal erinnerte sich Faust an das, was er suchte.
Der Dreifuß lag genau vor seinen Füßen. Eher unscheinbar und klein, aus morschem Holz, doch genau diesen Gegenstand hatte er gesucht.
Als Faust sich nach unten kniete, quoll das Leuchten des Schlüssels immer mehr an.
Die Mütter am Feuer hatten es bemerkt. Im grellen Schein erkannte Faust noch, wie sie sich zu ihm umwandten. Dann schlug ein Blitz ein. Der Schlüssel hatte den Dreifuß berührt und Faust war aus dem Nichts entschwunden.
Ruckartig schlug der Mann die Augen auf. Er lag mitten im Gang der Galerie, wo er Mephisto zuletzt gesehen hatte. Schwer atmend richtete Faust sich auf.
„Ist das wahrhaftig geschehen?“, fragte sich der Mann und erblickte den Dreifuß neben sich.
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