In der Höhle des Löwen

GeschichteAllgemein / P16
Dr. Joe Carroll Mike Weston
17.04.2016
24.08.2017
10
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"Ich weiß nicht..." Ryan Hardy blickte zweifelnd in die Runde. "Er ist clever. Joe kann Menschen lesen. Eine Person, die diesen Auftrag ausführen könnte müsste 100% loyal uns gegenüber sein, ein unheimlich guter Schauspieler. Sie müsste Kampferprobt sein und Undercoverarbeit kennen. Wenn Sie mir so eine Person finden, können wir weiter reden."

Und das ist die Geschichte, wie es dazu kam dass ich vor Joe Carroll, seines Zeichens Autor, Begründer einer Sekte von Mördern und selbst Mörder von 14 Frauen, saß und ihn - nicht einmal gespielt - schüchtern anlächelte. Das hier war die Rolle meines Lebens. Die wichtigste. Die Aufregendste. Vielleicht die Letzte.
"Also, Carry, ich darf Sie doch Carry nennen?" Er lächelte mich freundlich an. Hätte ich Joe auf der Straße getroffen und hätte ich seinen Hintergrund nicht gekannt, ich hätte ihn für unheimlich sympathisch gehalten. Aber so war das mit vielen Psychopathen. In den seltensten Fällen konnte man es ihnen ansehen. Und doch... Joe überraschte mich.
Ich nickte und er sprach weiter, mich fixierend, ohne dass ich mich bedrängt fühlen würde. "Was führt Sie zu mir?"
"Roderick hat mich hier her gebracht... Ich...." Mein Atem beschleunigte sich, ich fuhr mir mit der Hand durch die Haare. Eine gut einstudierte Gestik. "Ich wollte es nicht, aber.... Ich habe es getan." Ich senkte meine Stimme. "Ich habe meinen Freund umgebracht."
Joe sah mich nun sehr interessiert an, musterte mich einen Moment. Mit ruhiger Stimme sagte er dann: "Erzähl mir davon."
"Er... Er hat mich schon so oft wütend gemacht. Nie hat er mir zugehört. Er lag immer nur herum. Hat geschlafen und mich machen lassen! Einen Scheiß hat es ihn interessiert! Und ich habe ihn gewarnt! Und ob ich das habe! Und dann...." Ich hatte immer lauter, immer schneller gesprochen, als wäre ich völlig von der Erinnerung eingenommen. Dann brach ich ab und sah einige Sekunden gedankenverloren auf meine Finger. "Dann habe ich ihn einfach umgebracht. Ich habe seine Leiche mit aufs Meer genommen ins Wasser geworfen."
Joe nickte, nur ganz kurz umspielte ein Lächeln, nur ein Zucken seine Lippen, bevor er ganz ernst wurde. "Und was möchtest Du nun bei uns?"
Das war der Moment, an dem es brenzlig wurde. Das FBI war mit mir alle Möglichkeiten, egal wie abwegig sie waren, durchgegangen die ihnen eingefallen waren. Alles, was wir uns ausmalen konnten hatten wir Mal für Mal durchgespielt mit den Profilern, die sich mit Joes Fall beschäftigt hatten. Und doch war das jedes Mal der Punkt an dem Streit entstand. Es gab keine sichere Quelle, warum Menschen zu Joe gingen. Angst. Wut. Unsicherheit. Einsamkeit. Das alles
waren Komponente, aber nicht die Ursache. Es muss einen bestimmten Punkt in jedem Leben eines Sektenmitgliedes gegeben haben, der sie dazu brachte, zu Joe zu gehen. Dass es oft ein Mord war, darin waren sich alle einig. Auch, dass man viele Muster auf die Mitglieder anwenden konnte, war klar. Frühkindliches Trauma. Psychopathie. Narzissmus. Doch kein Rezept, wie ich hier weiter kam. Die Devise hieß also: Mich auf mein Gefühl verlassen und darauf hoffen dass die schlimmste Folge wäre, nicht aufgenommen zu werden.
"Ich... Hoffe, Unterstützung zu bekommen. Ich möchte weitermachen mit meinem Leben. Aber ich will es nicht aufgeben... Das Töten. Aber... Ich weiß nicht, wie ich es allein schaffen soll."
Der Blick, mit dem Joe mich daraufhin bedachte war eiskalt und undurchdringbar. Was hätte ich alles dafür getan, seine Gedanken in diesem Moment lesen zu können. Und wenn es nur gewesen wäre, um mein Herz zu beruhigen, dessen Klang mir vor Angst in den Ohren widerhallte. Doch dann wurden Joes Züge weicher. Er stand auf und fing das erste Mal an, offen zu lächeln. Ich stand nun auch auf, als er auf mich zu kam und mir die Hand entgegenstreckte. "Willkommen, Carry. Du wirst es nicht bereuen."
Der Druck seiner großen warmen Hände legte sich so fest um meine, dass ich einen Moment lang den Atem anhielt. Vermutlich war das der Griff, mit dem mich diese Sekte ab jetzt halten würde. Fest und eng. Keine Möglichkeit zu entkommen. Bei der man für jede falsche Bewegung augenblicklich zerquetscht wird.
Ich hatte ja keine Ahnung.
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