Das Mädchen, das bei den Wölfen aufwuchs

von Hobbit91
GeschichteAllgemein / P16
17.04.2016
17.04.2016
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„Was ist das, Mutter?“

„Sagte ich nicht, dass du in deinem Versteck bleiben sollst?“, knurrte die große, weiße Wölfin mit den zwei Schwänzen mich an.

Doch ich war einfach zu neugierig. Ich musste wissen, was es war, was meine Mutter so aufmerksam betrachtete. Also ignorierte ich Mutters Befehl, kam aus dem Busch hervor, in dem ich mich verborgen hatte und stellte mich neben sie.

Das, was ihre Aufmerksamkeit so in Anspruch nahm, wirkte nun wirklich nicht so gefährlich, wie es ihre Reaktion vermuten ließ. Es war ein kleines Bündel, das sich leicht bewegte, wobei bei genauerer Betrachtung klar wurde, dass es nicht besagtes Bündel war, das sich bewegte, sondern das, was in ihm eingewickelt war.

„Was ist das?“, wiederholte ich noch einmal meine Frage von vorhin.

Mutter starrte grimmig auf das Bündel zu ihren Füßen und im ersten Moment schien es nicht so, als würde sie mir eine Antwort auf meine Frage geben wollen. Doch schließlich tat sie es doch. „Eine Kreatur, die in unserem Wald eigentlich nichts zu suchen haben sollte.“

Ich verstand nicht ganz und sah sie weiterhin fragend an, wartete darauf, dass sie weitersprechen würde, was sie allerdings nicht tat. Sie wirkte sehr nachdenklich, beinahe ein wenig unschlüssig, was schon ganz schön ungewöhnlich für sie war.

„Wie kommt es hierher?“, stellte ich meine nächste Frage.

„Sie haben es hier zurückgelassen“, antwortete Mutter.

Sie. Immer wenn Mutter dieses kurze Wort so abfällig betonte, dann konnte bloß von einer bestimmten Art von Wesen die Rede sein. Jene Wesen, die verlernt hatten, die Natur zu respektieren und dabei waren durch ihren Machtdurst, ihrer Böswilligkeit, Dummheit oder was auch immer, alles zu zerstören, eben weil sie nicht zu begreifen schienen, dass auch sie ein Teil dieser Welt waren und die Natur brauchten, um zu überleben.

Das kleine Bündel auf dem Waldboden bewegte sich wieder und plötzlich war etwas mehr von diesem Ding darin zu erkennen. Ein kleines Köpfchen erschien und große, neugierige Augen sahen uns an.

Meine Mutter hasste die Menschen so sehr, dass ich mir sicher war, dass sie das Wesen in dem Bündel töten würde. Es wäre ganz einfach. Eine kurze Bewegung mit dem Kopf, zuschnappen und der Stoff würde sich rot färben.

Doch das passierte nicht. Meine Mutter stand weiterhin nur so da und starrte auf den klitzekleinen Menschen.

So gefährlich sieht es gar nicht aus, schoss es mir durch den Kopf. Kaum zu glauben, dass dieses kleine Ding später mal in der Lage sein sollte, all diese schlimmen Dinge zu tun, die ihre Artgenossen taten.

Ich ging etwas näher an das Bündel heran und schnupperte. Seltsamerweise hinderte mich Mutter nicht daran. Sie beobachtete nur.

„Du riechst seltsam“, sagte ich zu dem Ding. Und dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Dem Ding gelang es, eines seiner kleinen Händchen aus dem Stoff zu befreien und in meine Richtung auszustrecken. Das Händchen legte sich auf meine Nase, strich sanft über meine Schnauze. Und dabei verzogen sich die Mundwinkel des Dings etwas nach oben. Es lächelte.

Zwei Dinge irritierten mich in diesem Moment. Zunächst war da natürlich die Reaktion des kleinen Menschen. Der andere Punkt war, dass ich es irgendwie mochte. Ja, dieses kleine Wesen machte einfach einen netten Eindruck. Ich konnte mich nur über meine Gedanken wundern. Was war nur los mit mir? Wie konnte ich nur so ein Wesen mögen, wo ich doch wusste, was für Unheil seine Artgenossen schon über uns gebracht hatten? Ich hatte keine Erklärung dafür. Ich wusste nur, dass ich dieses Etwas wirklich nett fand.

Ich sah zu meiner Mutter, die sich die ganze Zeit nicht vom Fleck gerührt hatte und wartete ab. Was würde sie jetzt machen?

Sollte sie sich dafür entscheiden, das kleine Wesen zu töten, dann werde ich sie nicht aufhalten, dachte ich und wusste, dass dies der Wahrheit entsprach. Vielleicht würde ich den Tod des Dings ja kurz bedauern, aber das Leben ging weiter. Meine Mutter wusste immer ganz genau, was das Beste für den Wald war und wenn sie meinte, dass es besser wäre dem Wesen in dem Bündel den Kopf abzubeißen, sollte sie es doch tun.

„Was geschieht jetzt mit dem Ding?“, fragte ich, als meine Mutter nach einer ganzen Weile immer noch nichts getan hatte.

Die große Wölfin schenkte weder mir, noch dem Menschenkind ihre Aufmerksam. Stattdessen sah sie in die Ferne, so als würde sie auf ein Zeichen warten.

Schließlich sagte sie: „Dieser Mensch ist bis jetzt am Leben geblieben. Vielleicht ist es ja der Wille des Waldgottes, dass es weiterlebt. Wir werden sehen...“

Auf diese Weise kam unsere Schwester zu uns. Das Menschenkind wurde in die Wolfshöhle getragen und wuchs bei uns auf. Es schlief bei uns in der Höhle, spielte und raufte mit uns und lernte schon bald, sich wie ein junger Wolf zu benehmen. Später dann musste sie auch lernen, wie ein richtiger Wolf zu jagen.

Ich muss gestehen, dass ich es nicht für möglich gehalten habe, dass ein Mensch in der Lage war, all diese Dinge zu lernen, aber unsere Prinzessin konnte das. Das Mädchen wurde zu einem Teil von uns. Ich mochte es sehr mit ihr auf meinem Rücken durch den Wald zu jagen und ihr fröhliches Kreischen zu hören.

Doch obwohl sie versuchte, genauso wie eine von uns zu leben, gab es doch Dinge, die sie notgedrungen von den Menschen übernehmen musste. Sie benötigte Kleidung, um nicht zu frieren, da ihr ja kein Fell wuchs. Bei der Jagd konnte sie mit uns auch nicht so gut mithalten, da sie keine Krallen oder scharfe Zähne besaß. Daher benötigte sie Waffen, wie Speer und Messer. Doch das waren nur Kleinigkeiten, über die man hinwegsehen konnte.

...

Irgendwann jedoch musste auch sie die Schrecken erleben, die ihre Artgenossen verursachten. Das war – wenn ich mich richtig erinnere – vor dem Jahr der Fall, in dem sich bei unserer Schwester die für weibliche Menschen typischen Rundungen unter der Kleidung abzuzeichnen begannen. Sie saß wieder während eines Spaziergangs durch den Wald auf meinem Rücken, als mir plötzlich ein markanter Geruch in die Nase stieg. Der Geruch von Blut. Ganz in der Nähe. Ich konzentrierte mich darauf und hatte schon bald die Stelle gefunden.

Dort lag er nun. Ein schöner Hirsch. Tödlich verwundet. Er musste sich bis hierher geschleppt haben, denn soweit wagten sich diejenigen, die ihm das angetan hatten nicht in den Wald. Wahrscheinlich war er auf dem Weg zum See des Waldgottes, in der Hoffnung auf Rettung. Nur hatte er es nicht mehr bis dorthin geschafft und war unterwegs zusammengebrochen. Der See war noch weit entfernt und ich bezweifelte, dass der Hirsch es fertig bringen würde, sich noch einmal zu erheben. Es ging mit ihm zu Ende. Daran bestand kein Zweifel. Die Frage war bloß, wie lange der Kampf des Hirsches noch dauern würde, bis er es endlich hinter sich hatte.

Meine Schwester sprang von meinem Rücken und lief auf das verwundete Tier zu, kniete sich neben ihn auf den Waldboden, streichelte ihm sanft über den Kopf.

„Wer hat das getan?“, fragte sie. Sie sprach sehr gefasst, gab sich vermutlich Mühe, ihr Entsetzen zu verbergen.

„Siehst du diese Wunde?“, knurrte ich. „Nur eine einzige Kreatur ist in der Lage, solche Verletzungen zu verursachen.“

„Menschen!“, zischte sie und klang dabei ebenso angewidert wie unsere Mutter. Ich konnte es zwar nicht sehen, aber ich wusste, dass sie die Zähne fletschte.

Ich nickte, obwohl das sie wiederum nicht sehen konnte.

„Er hat große Schmerzen, Schwester“, sagte ich nach einer Weile. „Wir sollten ihn erlösen.“

Ein bestätigendes Nicken von meiner Schwester. Mit der linken Hand streichelte sie weiterhin den Kopf des Hirsches. Die rechte Hand jedoch tastete nach ihrer Waffe.

„Bald ist es vorbei“, sprach sie beruhigend auf den Hirsch ein, ehe sie ihm ganz sanft, fast liebevoll das Messer ins Herz stieß. Ich glaube nicht, dass der Hirsch viel gespürt hat.

Auf einmal wurde es sehr still. Ich rührte mich nicht vom Fleck, stand einfach nur da und beobachtete unsere Schwester. Eigentlich wollte ich mich ja um diese Angelegenheit kümmern und dem Hirsch von seinen Leiden befreien. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie diese Aufgabe übernehmen würde. Das machte mich irgendwie stolz.

Meine Schwester erhob sich, drehte sich aber nicht wieder zu mir um. Sie blickte auf den Hirsch, den sie getötet hatte. Den Griff des blutigen Messers hielt sie fest umklammert. Auch ihre Hand war blutverschmiert.

„Dafür werden sie büßen!“, sagte sie schließlich. Dann drehte sie sich zu mir um und aus ihren zornigen Augen schienen Funken zu sprühen. „Diese Menschen glauben wohl, dass sie sich alles erlauben können! Aber da haben sie sich geschnitten. Eines Tages werden wir ihnen zeigen, was es bedeutet, sich gegen uns und die Natur zu stellen. Dann werden sie es sein, die bluten!“ Sie starrte auf das Messer, das sie immer noch fest umklammert hielt und von dem das Blut des Hirsches tropfte. „Ich werde kämpfen und mich rächen für das, was sie uns antun.“ Dann machte sie eine ruckartige Handbewegung und das Messer bohrte sich in die weiche Erde.

Ich konnte sie nur völlig fasziniert ansehen. So hatte sie zuvor noch nie geredet.

Sie wischte sich mit der rechten Hand eine Strähne ihres Haares aus dem Gesicht. Da diese aber immer noch blutverschmiert war, hatte sie plötzlich einen roten Streifen mitten im Gesicht. Und als sie dann das Messer wieder aus dem Boden zog und vor sich hielt, da sah sie auf einmal richtig gefährlich aus. Noch nie zuvor hatte sie mehr Ähnlichkeit mit einer Wölfin gehabt, als in diesem Augenblick. Nicht einmal, als sie als kleines Mädchen auf allen Vieren auf mich zugekommen ist, die Zähne gefletscht und geknurrt hatte. Ich war stolz auf meine Schwester. Ich bin mir sicher: Wenn sich in diesem Moment zufällig ein Mensch hierher verirrt hätte, dann hätte sie sich auf ihn gestürzt und ihn zerfleischt. Das hätte ich gerne gesehen. Leider kam aber keiner.

...

Der Hass, den meine Schwester gegenüber den Menschen entwickelte, wurde von Jahr zu Jahr immer größer. Doch dann kam er. Dieser Kerl, der alles im Leben meiner Schwester durcheinander gebracht hat. Jener Mensch, der so vollkommen anders war, als die anderen seiner Artgenossen. Er hat unserer Schwester den Kopf verdreht.

Eines Nachts sah ich unsere Schwester vor dem See hocken. Ich legte mich dazu und sie kraulte mich gedankenverloren am Ohr. Natürlich habe ich schon zuvor gespürt, wie aufgewühlt sie war. Sie hasste Menschen und nun versuchte sie gegen ihre eigenen Gefühle anzukämpfen. Gegen das, was sie für diesen Kerl empfand, der gerade dabei war, sich von seinen schweren Verletzungen zu erholen. Bald würde sie eine Entscheidung treffen müssen. Das wussten wir beide.

„Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, wenn ich ihn damals gefressen hätte. Dann müsstest du dir seinetwegen jetzt nicht solche Gedanken machen“, meinte ich nach einer Weile.

Meine Schwester gab ein eigenartiges Geräusch von sich. Keine Ahnung, ob es ein unterdrücktes Lachen oder ein verächtliches Schnauben war, das meine Worte kritisieren sollte.

„Ich mache mir um den Wald Sorgen und nicht um ihn“, sagte sie. Doch nach einer kurzen Pause fügte sie leise, aber nicht leise genug für mich, hinzu: „...nicht nur um ihn.“

Es gelang mir gerade so, ein höhnisches Kichern zu unterdrücken. Stattdessen sagte ich: „Mutter hat schon so etwas angedeutet. Du hast ihn wohl wirklich gern, was?“

„Es wird nicht funktionieren“, war meine Schwester überzeugt. „Ich gehöre hierher. In den Wald. Zu euch. Ihr seid meine Familie. Ihr habt mich großgezogen. Ich werde bleiben und an eurer Seite kämpfe, sollte es zu einer Schlacht kommen, womit ich rechne. Auch wenn wir unserem eigenen Untergang entgegenziehen, ich werde nicht von eurer Seite weichen. Wenn es so sein soll, dann sterbe ich mit euch. Im Kampf!“

Und das würde sie auch. Das wusste ich ganz bestimmt. Ja, so ist sie eben, unsere Schwester, dachte ich. Auch ich war bereit für den Kampf. Ich war bereit alles zu zerfetzen, was dem Wald schadete. I

Um ehrlich zu sein, gab es niemanden, den ich lieber an meiner Seite hätte, als sie, wenn es wirklich zu einer Schlacht kommen sollte. Wir würden beide zusammen mit unseren Verbündeten bis zum letzten Atemzug kämpfen. Die Menschen sollten es nur wagen, sich uns in den Weg zu stellen!