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Eine neue Tagesordnung

von Callisto
KurzgeschichteAllgemein / P12
Friftar Gaunab dem Neunundneunzigsten
16.04.2016
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Anmerkung: Ich bin wahrscheinlich so die einzige Person, die Rumo gelesen hat und sich so sehr für die Geschichte von Hel und ihrer Bewohner interessiert hat, und dann noch vor allem für die Interaktionen zwischen Gaunab und Friftar! Vielleicht liegt es daran, dass ich ein ziemliches Faible für die Bösen habe, aber beide haben es mir sehr angetan von den Charakteren her, und ihre Beziehung ist zudem noch so interessant... sie können nicht ohne den anderen leben, aber machen sich gegenseitig das Leben so schwer wie nur menschlich möglich.
Mir ist vollkommen bewusst, dass es nicht die anziehendste Kombination von Charakteren ist - ganz zu schweigen von Slash-Pairing, auch wenn hier das allerhöchstes ansatzweise angedeutet wird - aber ich hoffe, dass es euch doch gefällt und sich vielleicht sogar für die beiden, sei es als Kombi oder einzelne Charaktere, begeistern kann.

Die Szene spielt zeitlich vor den Geschehnissen von Rumo, bevor die Kupfernen Kerle in das Theater der Schönen Tode einmarschieren und einige Zeit nachdem Friftar Gaunab das Leben rettet und Intendant des Theater der Schönen Tode wird, nur so zur zeitlichen Einordnung.

______________


Es war Mitternacht, als Gaunab unsanft von den dumpfen Glockenschlägen aus dem Schlaf gerissen wurde. Das war zwar bei weiten nicht das allererste Mal, dass so etwas passierte, jedoch hatte sein Nervensystem noch nie mit derartiger Intensität darauf reagiert. Er hatte schon immer einen höchst unruhigen Schlaf gehabt, was teils davon zeugte, dass in seinen Gedanken immer ein unerhörtes Chaos herrschte, sei es dass er sich mit Schlafmitteln zur Ruhe trank und dies ihm Albträume bescherte, die ihm den Angstschweiß auf die Stirn trieben oder er kein Auge zu tun konnte, weil die Stimmen in seinem Kopf einfach nicht den Mund hielten.
Zuerst versuchte er noch, einfach die Augen zusammenzukneifen, in der Hoffnung, den Lärm einfach auszublenden, doch als selbst das nichts nützte, warf er sich die Decke über den Kopf und presste sich das Kissen um die Ohren, tat einfach alles um sofort wieder Ruhe zu finden.

Doch es half alles nichts, im Takt von einigen Sekunden hallte es von dem Glockenturm zum königlichen Palast und es gab absolut gar nichts, was Gaunab dagegen tun konnte. Welcher Idiot war für das verantwortlich? Konnten sie seine königliche Ruhe nicht wertschätzen? Das durfte doch nicht wahr sein, bei den Feuern von Hel! Welcher Schwachkopf hatte den Einfall, zu solch einer Stunde soviel Radau zu machen?
In seinen Hirn zündete sich ein Funke so wie es immer war, wenn seine 98 Ahnen in ihm erwachten, und sie fielen in gackerndes Gelächter.
Der König stieß einen Schrei aus und schüttelte wie wild den Kopf.

"Wie können sie es nur wagen, deine Ruhe so zu stören?"
"Wie kannst du sie soetwas tun lassen?"

Wenn es möglich gewesen wäre, hätte es aus Gaunabs Ohren geraucht, solch ein Durcheinander ging in seinem Kopf vor. Frustiert setzte er sich auf und schlug mit seinen Fäusten auf die Matratze.Als das nicht half, packte er sein Kissen, zog und zerrte daran bis es riss, die Federn herausquollen und selbst dann ließ der wahnsinnige Herrscher keine Gnade walten lassen, sondern verfetzte es solange, bis aus dem Kissen nichts mehr als ein Haufen Federn und Stofffetzen übrig waren.
Er keuchte nach Luft wie jemand, der gerade einen Marathon gelaufen war, nachdem er sich von seiner Raserei erholt hatte und sah sich um. Was für ein heilloses Durcheinander hier herrschte! Er konnte und würde auf gar keinen Fall so schlafen können!
Er verschränkte die Arme und dachte nach, während die anderen 98 Gaunabs ihn mit Befehlen bombardierten.

"Weck sofort den ganzen Palast!"
"Zerfetz auch noch die Decke und die Matratze!"
"Iss die Federn, sie werden dich unverwundbar machen!"

Gaunab sah sich verzweifelt um, was sollte er nur tun? Er wollte nicht der erste Gaunab sein, der den Tod fand, indem er durch Federn erstickt! Das wäre ja lächerlich, die Dynastie seiner Familie war ewig!  Er erhob sich, nackt und hässlich wie die Sünde selbst, warf sich einen Nachtmantel über und watschelte aus seinem königlichen Gemach.


Friftar hatte sich über die Jahrzehnten, in denen er im Dienste von Gaunab dem Neunundneunzigsten stand, daran gewöhnt, selbst im Schlaf höchst sensibel auf sein Umfeld zu sein. Der Berater des Königs zu sein hieß sogleich, immer aufmerksam auf alles, was Gaunab betraf, zu sein; etwas das er sich so gut er konnte zu nutze machte, wenn immer er sein Netz aus Intrige spann wie eine fleißige Spinne, die jedes Getier, welches sich darin verfing, verspeiste und nicht einmal eine Erinnerung daran hinterließ. Als er vernahm, wie sich die Tür seines Gemachs öffnete, schlug er sofort die Augen auf und lauschte auf weitere Geräusche. War das ein Attentäter? Aber in Hel gab es keine Attentäter, die gegen ihn handeln konnten, er war schließlich derjenige, der sie beauftragte!
Die schlürfenden Schritte, die folgten, verrieten dem königlichen Berater auf Anhieb, um wen es sich handelte, und er hätte am liebsten genervt gestöhnt, sich im Bett von der Tür weggedreht und wieder ins Reich der Träume zurückgekehrt, aber er tat nichts davon und bewegte nicht einen Muskel. Auch nicht, als ihm unwirsch die Decke weggezogen wurden und eine kalte Hand ihn am Arm packte.
“Tarfrif! Wach auf!”
Gaunabs Stimme klang wie immer gequetscht und hoch, doch diesmal war noch mehr Ungeduld in ihr, als Friftar es gewöhnt war. Es war bei weitem nicht das erste Mal, dass der König ihn aus einem hirnrissigen Grund geweckt hatte und irgendwelchen Unsinn von ihm wollte, sei es ein Mitternachtsbuffet oder Skurilleres, doch für ihn war es immer besonders unangenehm auf solche Art und Weise den Tag, beziehungsweise die Nacht, zu beginnen.
Friftar seufzte innerlich und erhob sich von dem Bett, um sich in seinem Schlafgewand vor Gaunab zu verneigen.
“Wie immer bin ich Euch zu Diensten, Euer Majestät, sei es auch tiefste Nacht.”, meinte er unterwürfig. Der winkte offensichtlich genervt ab.
“Eilbe dich! In nemmei Machge herrscht ein gesziein Oscha und ich kann genwe sendie Lärm nicht mehr fenschlaein!” klagte Gaunab und stieß einen dramatischen Seufzer aus, wobei er die kleinen Augen so weit aufriss, dass es Friftar schien, als würden sie ihm sogleich aus dem Schädel fallen.  Wie gerne hätte er dem König gesagt, dass es ihm vollkommen egal war, ob Gaunab infolge Schlafmangels tot umfiel oder er nie wieder in seinem Leben einen ruhigen Moment haben konnte, aber er lächelte und neigte erneut den Kopf.
“Gewiss. Ich werde mich sofort erkundigen was genau nicht stimmt, damit Ihr sofort wie nur möglich Eure wohlverdiente Ruhe habt.”

Friftar besah sich das Durcheinander, welches der irre Despot angerichtet hatte, und wies auf der Stelle eine Dienerin an alles für den König herzurichten, sodass er schleunigst wieder schlafen konnte. Während sie damit beschäftigt war, jede einzelne Feder und Faser mit spitzen Fingern vom Bett zu pflücken, beobachtete Friftar ihre Arbeit unter strengem Blick, während die anderen fünfzig Prozent seiner Aufmerksamkeit auf Gaunab lagen. Der hatte sich auf eine Truhe gesetzt, in der sich einige seiner königlichen Roben befanden, und starrte nun vor sich hin, wobei er ab und zu noch breiter grinste als er es für gewöhnlich tat und ein gackerndes Kichern ausstieß. Wonach er wohl dachte? Es würde hoffentlich nicht wieder einmal ein Wutausbruch sein, glücklicherweise waren Friftar und Gaunab nicht die einzigen im Raum und eine Dienstkraft weniger würde auch nicht stören, zudem waren sie ersetzbar.
“Ich habe meine Arbeit vollendet.” riss die Stimme der Dienerin den Berater aus seinen Gedanken und sie neigte den Kopf zu Friftar, drehte sich zu Gaunab und verbeugte sich mit einem tiefen Knicks.
Der machte eine wegwerfende Handbewegung.
“Deschwinver lichend und restö uns nicht gerlän!” sagte er wirsch, woraufhin Friftar sich beeilte, die Worte seines König zu übersetzen.
“Deine Majestät dankt dir, dass du zu solch später Stunde noch deine Dienste anbietest und gewährt dir nun, dich zurückzuziehen. Du wirst hier fürs Erste nicht mehr gebraucht.”
Die Dienerin verneigte sich erneut und Friftar sah ihr nach, als sie das Zimmer verließ und die Tür hinter sich schloss.

“Soal, ich beha dachtgenach.” sagte Gaunab und Friftar meinte in seiner Stimme so etwas wie Stolz zu erkennen.
Es wundert mich, dass du überhaupt einen klaren Gedanken fassen kannst, du dämliches Spatzenhirn, dachte er gehässig.
“Wie immer kann ich es kaum erwarten, von Eurem genialen Einfall zu erfahren.” sagte er und lächelte.
“Du wirst fortso am Genmor die Terbeiar vom Turmkenglo ins Nisfängge fenwer senlas und die stennäch, die du stellstein, denwer von nun an die Kenglo genschla, baldso ich hesteauf.”
Gaunabs Grinsen wurde breit und selbstgefällig, was nur zu seiner Hässlichkeit beitrug.
“Das,” meinte Friftar, “ist eine wunderbare Idee, Euer Majestät! Wahrhaft ein Geistesblitz!”
Eine vollkommene Schnapsidee war das! Wie konnte dieser lächerliche Knallkopf nur denken, dass er eine Routine, die seit Generationen herrschte, einfach so umstellen konnte?
“Ja, nicht wahr?” Gaunab klang amüsiert. “Die Tenoidi, die es wagtge benha, nemei helichnigkö Heru zu renstö, menkom erstzu ins Liesver und dann lichtürna ins Terathe; denk dir wasetgendir lichziem Essamgrau aus, iertusta ein Pelemex. Und die enneu Enlichwortantver menkombe den Tragauf, die tendammver Kenglok erst zu tenläu, wenn sie neei Richtnach vom Lastpa tenhaler, dass ich wachter bin.”
Friftar legte eine Hand ans Kinn und tat so, als würde er grübeln. Ihm war vollkommen bewusst, dass diese Idee einzig und allein aus dem Grund entstanden war, weil sich Schlafentzug und Wut in Gaunabs Gehirn gepaart hatten und als Resultat diesen überflüssigen Schwachsinn hervorgebracht hatten, doch er wusste auch, dass es bei weitem nicht um die dämlichste Gaunab-Idee handelte, die ihm untergekommen war.
“Ich denke, dass ich sehe, was Ihr damit erreichen wollt! Die Leute sollen sich näher zu Euch fühlen, denn sobald sie erwachen, werden sie denken 'Genau dasselbe geht im königlichen Palast soeben auch vor!' Eine sehr feinfühlige Angelegenheit, Euer Majestät.”
Gaunab sah seinen Berater verdutzt an. Er hattte doch gar nicht an die Stadtbewohner gedacht? Noch nie hatte er auch nur einen einzigen Gedanken an die Bürger der Stadt verschwendet, ihm war es vollkommen gleich, wie es seinen Untertanen erging! Seine grenzenlose Faulheit verbat ihm auch nur den Palast zu verlassen außer wenn es eine Vorstellung im Theater der schönen Tode zu bestaunen gab, aber sonst hielt er sich von den gewöhnlichen Massen, also den zugewanderten Obenweltlern, den Homunkeln und dem niederen Adel, der weniger im Palast zu tun hatte, so weit wie möglich fern.
Aber Friftar würde schon recht haben, er hatte immerhin noch nie irgendwie falsch gelegen und er war so ziemlich die einzige Person in ganz Hel, der Gaunab bedingunslos vertrauen konnte, immer das zu tun, was von ihm verlangt wurde.
“Ja ja", meinte er schließlich nach kurzer Überlegung, “nauge das temein ich.” Er gähnte laut und herzhaft und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass die Müdigkeit dabei war, ihn zu übermannen.

Friftar beschloß, dass es am nächsten Morgen noch genug Zeit gab, sich damit zu beschäftigen. Dies war zwar keine solch unangenehme Idee wie die, während einem Bankett allen Anwesenden zu befehlen, den Wein durch die Nase zu trinken, aber dennoch konnte sie kurzfristig die Stadt ins Chaos stürzen, auch wenn es nur Gewöhnungssache war. Jedoch waren Unruhen, wie sie schon vor einigen Wochen aufgetreten waren - wovon Friftar dem König jedoch nicht berichtet hatte, immerhin war es besser, wenn er solche Angelegenheiten selbst in die Hand nahm und im Keim erstickte, bevor sie das königliche Ohr erreichten - etwas, was sie sich ganz und gar nicht leisten konnten, und der königliche Berater wollte auf alle Fälle vermeiden, dass Hel nicht nur genau wie sein Herrscher dem Wahnsinn verfiel, sondern auch dass einer seiner Spielbälle ihm durch Unannehmlichkeiten abhanden kam.
“Ich werde mich natürlich so schnell wie möglich um die Angelegenheit kümmern. Macht Euch keine Gedanken mehr darum, immerhin ist Euer Wille Befehl! Legt Euch zur Ruhe, während ich alles Nötige erledige.”, schlug er vor und legte sanft seine Hände auf Gaunabs Schultern um ihn zum nun aufgeräumten Bett zu führen.

Gaunab stieg ins Bett, doch er fühlte sich nicht wohl. Er wusste nicht warum, aber ihm hing ein Kloß im Hals und zog die Beine an die Brust. Friftar sah ihn zunächst fragend an, es lag ihm schon auf der Zunge, sich nach dem Wohlbefinden des Monarchen zu erkunden, doch er entschloß sich dagegen und wandte sich ab, um wieder zurück in sein Gemach zu gehen und dort zumindest für ein paar Stunden Ruhe zu finden. Er war schon mit einem Fuß außerhalb des Raums, als ein “Tewar.” ertönte.

Es war weniger die Tatsache, dass der König ihn angesprochen hatte, sondern die Art und Weise wie, weswegen Friftar stehen geblieben war. Es klang weniger nach einem Befehl und eher nach einer Bitte. Solch einen Tonfall hatte Gaunab in all den Jahren noch nie angeschlagen.
“Ja, Euer Majestät?” fragte er und sah den König über die Schulter an. Der hatte die Arme um die Beine geschlungen und den Kopf auf die Knie gelegt.
“Bleib hier.”
Friftar lächelte verständnislos. Was sollte das denn? Ging es dem König nicht gut oder warum wollte er ihn nicht gehen lassen? Kam jetzt wieder ein Befehl, der einen Sprung in der Schüssel voraus setzte?
“Natürlich, Euer Majestät.” sagte er ergeben und trat an das Fußende des Bettes um Gaunab ansehen zu können. Der jedoch wich dem Blick seines Beraters aus. Friftar verstand die Welt nicht mehr. Was genau wollte Gaunab ihm mitteilen? Er hatte eine vage Ahnung, was der irre Despot ihm sagen wollte, doch er schob diesen Gedanken so weit in die dunkelsten Bereiche seines Bewusstseins wie er nur konnte.
Er räusperte sich und sagte:
“Wenn es Ihr es so wünscht, verweile ich natürlich in Eurem Gemach während Ihr ruht.”
Der König, der sich immernoch weigerte Friftar ins Gesicht zu sehen, seufzte laut, zog die Decke auf einer Hälfte des Bettes weg und legte sich hin.
“Ich bin demü und will fenschla. Aber nicht...” er machte eine Pause, als würde er sich nicht sicher sein, ob er es wirklich aussprechen sollte und blinzelte den Berater nun endlich aus kleinen Augen an “einall.”

Friftar blinzelte. Er wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er hätte schneller etwas erwidert, wenn Gaunab ihm befohlen hätte, sich die eigene Zunge rauszuschneiden, das wäre zumindest weniger unerwartet gewesen als das!
“Ihr meint… ich…” begann er und ohrfeigte sich innerlich für sein Zögern. So etwas durfte ihm einfach nicht passieren! Er konnte nicht Gaunabs Zorn auf sich ziehen, das war seit jeher seine größte Priorität gewesen! Egal wie erniedrigend oder schwachsinnig der Befehl war, besser ihm nachzugehen als dass Gaunab ihn in einem Tobsuchtsanfall mit seinen bloßen Händen oder Zähnen in Stücke riss.
Dennoch gab er sich geschlagen, denn die Konsequenzen würden noch schlimmer sein.
“Natürlich, Euer Wille ist Befehl.” meinte er, legte sich neben den König und deckte sich zu. Dabei wandte er den Blick nicht von Gaunab ab, der sich mittlerweile von ihm abgewandt und den Rücken zugekehrt hatte.
“Gute Nacht, Euer Majestät.” meinte er sanft, ohne eine Reaktion zu erwarten, und schwieg anschließend.

Er lag kerzengerade im Bett und fixierte einen Punkt an der Decke. Er war aus ihm unerfindlichen Gründen nervös, jegliche Müdigkeit war ihm sofort entwichen. Er hatte keine Ahnung, wie lange er vollkommen wach da lag, doch irgendwann hörte er in der beinahe vollkommenen Stille, wie Gaunabs Atmung regelmäßig und ruhig wurde und kurz darauf anfing zu schnarchen.
Der königliche Berater seufzte und drehte sich von dem Monarchen weg. Wie sollte er bei diesem Lärm Ruhe finden? Das war alles nur die Schuld dieser verdammten Arbeiter, es würde ihm Unmengen von Freude bereiten, wenn sie im Theater von einer der zahlreichen Bestien übelst zugerichtet wurden, bis sie schließlich um den Tod bettelten.
Während er mit einem Grinsen auf den Lippen überlegte, welche wilden Tiere ihnen wohl den qualvollsten Tod bescheren konnte, der gleichzeitig so gewaltvoll und künstlerisch war, dass die Zuschauer vollkommen aus dem Häuschen sein würde, kündigte ihm ein Rascheln an, dass Gaunab sich im Schlaf bewegte.
Er murmelte Unverständliches und wältze sich herum, bis er schließlich zu Friftar gewandt lag.
Dessen Blut gefror beinahe in seinen Adern, als Gaunabs Arme sich um seinen Oberkörper schlangen wie Taue.
Er schnaubte leise und versuchte sich langsam, nicht zu hastig um den König nicht zu wecken, aus der Umklammerung zu lösen, drehte sich so gut er konnte zu ihm und versuchte sanft, Gaunabs magere Brust von sich fortzuschieben.

Er hatte schon wahrhaft viele Erniedrigungen  über sich ergehen lassen, was immer davon kam, dass er sich immer darauf beruhte, den irren Tyrannen nicht zu erzürnen. Wenn es in Anwesenheit eines anderen Mitglieds des Hofstaats geschah, verbreiteten sich die Details um die Geschehnisse wie ein Lauffeuer, wobei immer wieder kleine Nebensächlichkeiten verändert wurden, sodass letztendlich maßlos übertrieben wurde und das, was eigentlich passiert war, nicht von solchem Ausmaß war, es jedoch immer Friftar zum Gespött des Adels machte. In den meisten Fälle war ihm das völlig gleichgültig, denn letztendlich drehte sich der Spieß immer um und wenn diejenigen, welche sich noch zuvor über ihn lustig gemacht haben, einen Fehler begingen, war Gnade für ihn ein vollkommenes Fremdwort.

Momentan war er dankbar darüber, dass wirklich niemand diesen Moment miterleben konnte, denn - um es milde auszudrücken - warf es ihn mehr oder weniger aus der Bahn. Nicht weil ihm der körperliche Kontakt zu Gaunab unangenehm war, nein, das hatte er schon vor Jahren abgeschüttelt; er musste ein so überzeugender Leibdiener sein wie nur möglich, aber das hier ging über alltägliche Berührungen hinaus, es war einfach anders und dieses Fremdartige behagte ihm nicht.
Er plannte schon seit Jahrzehnten, Gaunab zu stürzen, die Macht an sich zu reißen und der neue und bessere Herrscher von ganz Untenwelt zu werden und alles, was die Gaunab-Dynastie je zu stande gebracht hatte, würde von ihm in den Schatten gestellt werden. Sein Pfad, den er sich bis jetzt gnadenlos aber geduldig, langsam aber stetig, durch den Wahnsinn seines Königs gekämpft hatte, hatte auch nicht nur einmal eine andere Richtung eingeschlagen als die zu seinem Ziel. Und erst recht nicht in die, dass er Gaunab nicht den Todesstoß geben würde. Genau deswegen hatte er immer davon abgesehen, jegliche Sentimentalitäten, die er Gaunab vorgaukelte, zu verinnerlichen. Aber-
Nein!
Friftar unterbrach seine Gedanken und biss sich auf die Lippe, obwohl er nicht ein Wort gesprochen hatte. So etwas konnte er nicht einmal im Traum denken, er verbat sich das!

Gaunabs schlaftrunkenes Gebrabbel brachte ihn zurück in die Realität, er hielt still und sah den kleinen König an, wie er sich über die Lippen leckte, breit und blöde grinste und den Moment von Friftars Starre nutzte, um ihn erneut zu umklammern, doch auch um sich dicht an seine Brust zu schmiegen. Der königliche Berater fühlte, wie ihm heiß und kalt zu gleich wurde, seine Gedanken rasten in Höchstgeschwindigkeit. Das war so falsch und konnte einfach nicht real sein. Nie hatte Gaunab ihm auch nur irgendeine Geste von Zuneigung entgegengebracht, geschweige denn in solch einer Art und Weise seine körperliche Nähe gesucht!
Sicherlich konnte das nur davon kommen, dass der König tief und fest schlief und nicht wusste, was er tat, aber dennoch ließ es sein Herz höher schlagen als gewöhnlich.
Dann jedoch, und er wusste selbst nicht, warum er es tat, schlang er seine Arme ebenfalls um Gaunab. Er beschloss einfach bis zum nächsten Morgen seinen düsteren Gedanken den Rücken zu kehren, damit er sich voll darauf konzentieren konnte, sein Netz aus vorgegaukeltem Vertrauen weiterhin um den König zu spinnen.
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