Deponia 1 - 4: Die Frage nach der Antwort

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14.04.2016
22.05.2017
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Captain Seagull (by Roadleader)



Er ist zwar nicht ganz so bekannt wie Captain Iglu mit seinen famosen Fischstäbchen, aber dennoch ein Name für alle Deponia-Fans: Captain Seagull.
Sobald man auf ihn zu sprechen kommt, scheinen sehr viele Spieler außergewöhnlich schnell die Grenze des möglichen humanen Gereiztheitsgrades zu erreichen - wenn nicht sogar zu überschreiten. Doch warum genau ist das so? Was ist der Auslöser für diesen ungebündelten Hass gegen Seagull?
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Nehmen wir uns erstmal das Aussehen unseres werten Captains vor. Sowohl Bart, als auch Haupthaar sind bereits schlohweiß, er ist also definitiv nicht mehr der Jüngste. Jedoch ist sein Gesicht nicht so faltig, wie man es von einem Opi erwarten würde. Folglich können wir - ausgehend von diesen zwei Beobachtungen - auf ein reifes Alter schließen; Seagull ist also jemand, der auch alterstechnisch mitten im Leben steht. Außerdem ist beides (Bart und Haar) für einen Bewohner eines Müllplaneten in überraschend gutem Zustand, was bedeutet, dass er sehr großen Wert auf sein Äußeres legt. Dasselbe gilt für seine falten- und fleckenfreie Kleidung. (Ich meine: welcher Deponianer besitzt denn bitte heute noch einen strahlend weißen Ersatzanzug?) Schließlich kommt man auch nicht umhin, sein aristokratisches Auftreten zu bemerken, das er an den Tag legt.
Summa summarum lässt sich also mit dem äußerlichen Eindruck des Charakters feststellen: er ist sehr auf sein Aussehen bedacht, lebenserfahren und ein Snob, wie durch die teure und nahezu makellose Einrichtung seiner Wohnung eindrucksvoll bewiesen. Und einem ehemaligen Bürgermeister von Kuvaq begegnet man ohnehin schon mit etwas mehr Respekt.

Spricht man den feinen Herrn an, so wird schnell klar, dass er ziemlich schlecht auf Rufus zu sprechen ist. Dieser ist mehr als erstaunt, seinen Vater wieder zu sehen, der ihn ja eigentlich für Elysium zurück gelassen haben sollte; Seagull hingegen ist verwirrend genervt, von ihm „belästigt“ zu werden und weicht der Sache mit Elysium auch ziemlich unschön aus. Egal, aus welchem Grund Rufus den Kontakt mit ihm sucht: Seagull bleibt abweisend und kalt. Von Vaterliebe keine Spur. Kaum etwas hätte den blauäugigen, unvorbereiteten Spieler in dieser Situation wohl mehr treffen und verwirren können, wie diese verwundernde Haltung eines Vaters gegenüber seines Sohnes, den er seit mindestens 20 Jahren nicht gesehen hat.

Über Umwege „hilft“ er Rufus, einen Tisch für sein Date mit Lady-Goal zu reservieren und leiht ihm einen schicken Anzug aus. Als Außenstehender denkt man nun, dass er vielleicht etwas hart und ungerecht zu dem Protagonisten ist/ war, ihm aber doch helfen will und somit eine gute Seite besitzt. Tja, Pustekuchen, denn Captain Seagull hat seinem eigenen Sohn kurzerhand das Date ausgespannt, wie an den „Spuren eines Dates“ in seiner teuren Wohnung unumstößlich zu erkennen ist. Und dann, als Rufus ihn vor dem feinen Restaurant (in das er zuvor noch so viel Mühe gesteckt hat, um das Date überhaupt erst möglich zu machen) zur Rede stellen will, kommt es sogar noch dicker: vor den Augen der Dame, deren Herz der Protagonist gewinnen will, offenbart Seagull ihm, dass er gar nicht sein wirklicher Vater ist. Er hatte ihn damals als schreiendes Kleinkind auf der Müllhalde gefunden und bezeichnet ihn fortan nur noch als „Haldenbaby“; womit er ihm die Menschenwürde abspricht. Er sieht in ihm nichts weiter, als ein verwahrlostes, einsames Kleinkind; unfähig, irgendetwas zu erreichen und sich gegen die vernichtende Kraft der Natur zu wehren. Wer jetzt verzweifelt fragt: „Aber wenn er ihn aufgenommen hat, dann muss doch sowas wie Nächstenliebe vorhanden gewesen sein?“, der wird auch hier wieder enttäuscht. Was glaubt ihr, warum er Rufus mit acht Jahren schon wieder sich selbst überlassen hat? Er hatte genug von ihm und ist lieber abgehauen, als sich weiter mit ihm herum zu schlagen. Es war ihm vollkommen egal, was mit Klein-Rufus weiter passieren würde. Ich persönlich würde sogar so weit gehen, zu sagen, dass er in gewissem Maße gehofft hat, sein Ziehsohn würde ohne seine Fürsorge verhungern oder anderweitig verenden.

Da dieser Plan zu seinem Bedauern nicht geklappt hat, lässt er den erwachsenen Rufus, dem er ja jetzt nichts mehr vorzumachen braucht, mehr als deutlich spüren, was er wirklich von ihm hält. Er wirft wie Toni mit ironischen Bemerkungen um sich („Haben Sie schonmal was von Anklopfen gehört?“/ ), krittelt an ihm herum („Die Schuhe, Rufus!“/ „Es ist ordinär“) und ist generell mit nichts an ihm zufrieden („Jetzt drucks nicht so herum und mach dich gerade, Junge!“).
Er spricht mit ihm, als würde er mit einem Kleinkind reden: „Wenn du artig bist und einen alten Mann seine Arbeit machen lässt, dann können wir ja später noch die Möwen füttern gehen.“ Er erniedrigt einen Menschen, der bis vor zwei Minuten noch in dem festen Glauben gewesen war, seinen Vater vor sich zu haben, stellt ihn vor den Augen seiner Freundin bloß und präsentiert ihn als vollkommen wertlos: Folglich ergreift man als außenstehender Spieler unangefochten Partei für Rufus und verflucht diesen „schmierigen, [widerlichen], liderlichen Vater“ (Zitat Gronkh).

Als der Organon dann auf dem Schwimmenden Schwarzmarkt einfällt und Captain Seagull verletzt und danach ins dreckige Wasser geschmissen wird, denkt man sich: „Jawohl! Endlich wurde dieser Typ seiner gerechten Strafe zugeführt!“ Und das stimmt auch. Zumindest, bis er im dritten Teil in Porta Fisco wieder auftaucht.

Dort wird Rufus ein weiteres Mal von ihm metaphorisch zu Boden geschlagen. Seagull hat sich an die Spitze des ursprünglich von ihm organisierten Widerstandes gesetzt und den Plan entwickelt, das letzte Hochboot nach Elysium vom Himmel zu schießen. Zwar hat er seit seinem letzten Auftreten im Spielgeschehen ein Bein abgebissen und eine Augenklappe verpasst bekommen, aber ebendiese Tatsache macht ihn jetzt nur noch gefährlicher. Die Wut über seine Verkrüppelung bringt ihn noch einmal mehr gegen Rufus auf.
Als dieser es schließlich ins Versteck des Widerstandes schafft, zieht Seagull ihn zunächst auf die offensichtlich hinterlistige Variante durch den Dreck: „Lass ihn ruhig noch einmal versagen.“ Damit legt er für die gesamte versammelte Mannschaft noch einmal offen, wie verloren und inkompetent Rufus eigentlich ist. Nachdem der zweite Rufus und Donna aus der Kanalisation eingetroffen sind, ist das große Scheitern in seinen Augen eingetreten und er zwingt ihn, sich für alles Chaos, alle Zerstörung und alle Konsequenzen seines Tuns in seinem ganzen Leben jetzt und hier zu entschuldigen. Die beiden Rufi geraten in eine Art Streit und schließlich verliert er völlig die Beherrschung und schießt auf sie; einen von beiden verwundet er tödlich. Er verfolgt sie danach auch noch bis zum Lauf des Kanonenrohrs, um seinem Ziehsohn endgültig den Garaus zu machen. Glücklicherweise stürzt in diesem Moment der dritte Rufus mit Oppenbott von der Aufstiegsstation und reißt ihn mit sich aus dem Bild. Nach Rufus‘ eigener Aussage: „Na toll - ich durfte meiner eigenen Leiche die Klamotten klauen!“ ist Seagull wie der dritte geklonte Rufus bei diesem Unfall ums Leben gekommen.


Als abschließendes Resümee lässt sich nun folgendes sagen: Captain Seagull ist ein Kinderaussetzer, aristokratischer Snob, herzenskalter Adoptivvater und Mörder. Er sieht in Rufus keinen vollwertigen Menschen („Haldenbaby“) und entblößt ihn vor Lady-Goal sprichwörtlich bis auf die Haut. Bezeichnende Adjektive für ihn wären: gleichgültig, arrogant, egoistisch, abgehoben, ignorant, fies, beleidigend, erniedrigend, impulsiv

Sein Charakter macht im Laufe der Trilogie auch keine Entwicklung durch. Zwar kommt im zweiten Teil die Wendung, da man erkennt, dass er gar nicht wirklich Rufus‘ Vater ist, doch von der Persönlichkeit her verändert er sich kein Stück. Derb veranlagte Spieler würden es so bezeichnen: „Er ist ein Arsch von Anfang bis Ende!“ Das ist jetzt etwas grob daher gesagt; ich persönlich würde es privat etwas anders ausdrücken. Doch prinzipiell ist der Ansatz korrekt: Seagull ist von Anfang bis Ende ein Gegenspieler Rufus‘, der zudem noch durch den psychischen Trick mit dem Ziehvater angefeuert wird. Seine ablehnende/ beleidigende Haltung Rufus gegenüber, die sogar die Tonis noch übertrifft, bewegt den Spieler zur Parteiergreifung für den Protagonisten. Folglich ist er ein Charakter, der geschickt für die Empathiesteigerung zum Protagonisten eingesetzt wurde, als Individuum betrachtet jedoch weniger durch seine Empathiefähigkeit besticht.


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Hallöchen, liebe Leser!
Ich hoffe, dieses Kapitel war nach eurem Geschmack und ihr habt diese Analyse noch nicht als verloren abgehakt. Auch wenn es nur spärlich voran geht, wir bleiben dran! ;)
Das nächste Kapitel wird dann endlich wieder von Andromache- kommen, so viel kann ich schonmal versprechen. Sie hat nur im Moment ziemlich viel zu tun, weswegen ich sie entlastet habe.
Wie immer: Reviews wären ein Träumchen und bis zum nächsten Kapitel!
Roadleader
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