Deponia 1 - 4: Die Frage nach der Antwort

Aufzählung/ListeAllgemein / P12
14.04.2016
22.05.2017
8
16.593
4
Alle Kapitel
20 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
25.05.2016 1.359
 
Oh Toni, das schaffen wir nie! (by Roadleader)




Dieses wunderschöne Zitat - sowohl aus der Kellogs-Werbung entnommen, als auch gerne von Gronkh verwendet - nehme ich freimütig zum Anlass, mich etwas genauer mit jener Figur zu beschäftigen, die ebendiesen Namen trägt. Mit Toni.
____


Toni tritt in allen vier Spielen, sofern sie und Rufus sich begegnen, als eine ziemlich schwer umgängliche Person auf. Ihre orange-braunen Locken kringeln sich immer ein bisschen wirr um ihren Kopf, was ihr zusammen mit den Sommersprossen ein freches Aussehen verleiht. Zudem hängt ein Träger ihrer Latzhose, die ihr dazu noch deutlich zu groß ist, immer ungeschlossen herunter. Entweder ist diese Tatsache dem Umstand geschuldet, dass auf einem Müllplaneten wirklich gar nichts mehr heile ist, oder aber interessiert es sie nicht. Welche von beiden Möglichkeiten es nun ist, bleibt dahingestellt.
Außerdem ist die immer präsente Zigarette im Mundwinkel ihr absolutes Markenzeichen, was sie, auf Neudeutsch gesagt, ziemlich „hart“ aussehen lässt und zugleich auf eine Persönlichkeit hinweist, die sich recht wenig um die gesundheitlichen Folgen des Rauchens schert. Das Ergebnis ist eine freche, fast schon als vorlaut zu bezeichnende Person, die in zu weiter Kleidung auftritt und daher schon vom ersten Eindruck her lieber mit Vorsicht zu genießen ist. Besonders, wenn man Nichtraucher ist und den gereizten Blick in ihren Augen wahrnimmt, mit dem sie ihre Umgebung mustert.

Zu Beginn von Deponia Doomsday erfährt man ein wenig mehr über Tonis Vergangenheit als in den vorangegangenen drei Teilen. Ihr Vater (mit Namen Burnert) ist von eher ruhigem, bequemem und besonnenem Gemüt und besitzt einen Raketenladen in Kuvaq, bei dem Rufus ein häufig gesehener Kunde ist. Ihre Mutter dagegen ist sehr leicht reizbar und wird vor allem in der Szene, da der Ballon abhebt und sie sich an einem Seil festklammert, fast schon wie ein kleiner Godzilla dargestellt. Nun weiß man auch, woher Toni das impulsive, zickige Gemüt hat, das sich offenbart, sobald man sie anspricht.

Da man in allen vier Deponia-Teilen Rufus spielt, bekommt man auch als außenstehender Spieler die volle Breitseite ihres Zorns ab. Sie ist die Ex-Freundin des Protagonisten und das offenbar auch aus gutem Grund, da sie mit bissigen Kommentaren nur so um sich wirft, sobald Rufus in ihre Nähe kommt. Sie „hatte ihn früher mal für originell gehalten“ (Zitat aus DD) und daran geglaubt, dass er mit seinen kreativen Ideen irgendwann einmal einen Treffer landet und etwas erreicht. Jedoch wurde sie in dieser Hinsicht immer wieder enttäuscht und durfte nur das Chaos, das er angerichtet hat, beseitigen. Natürlich war da irgendwann das Maß voll, sie hat Schluss gemacht und ist noch frustrierter als vor der Beziehung zurück geblieben. Sie hat sich mit dem Leben im Schrott und Rufus‘ unendlichem Chaos notgedrungen abgefunden, wobei sie letzteres nur zu gerne loswerden würde. Aber sie hat schon vor langer Zeit begriffen, dass Rufus sich mit seinem Vorhaben ewig im Kreis dreht, denn blöd ist sie nicht.

Dass sie Rufus trotz seiner wiederkehrenden Enttäuschungen und Unfälle ein Dach über dem Kopf gewährt, zeigt, dass sie nicht nur zu 100 Prozent nach der Mutter kommt, sondern auch irgendwo den vergebenden und besonnenen Charakterzug ihres Vaters hat. Andernfalls hätte sie Rufus auch schon während der Beziehung nicht so viele Chancen gegeben. Außerdem ist sie ein Tierfreund - zumindest zu auserwählten Tieren (siehe den Papageien und die Referenz zu einem früheren Wellensittich in Deponia 1). Dieser etwas besonnenere Teil von ihr ist aber im Vergleich zu dem aggressiven Gemüt ihrer Mutter verschwindend gering; besonders im Bezug auf Rufus brennen ihr sehr schnell die Sicherungen durch. In DD war sie so wütend, dass sie alles um sich herum vergessen und sich im Raketenladen ihres Vaters eine Zigarette angezündet hat. Das war die heftigste Explosion - in doppelter Hinsicht - die es im Laufe der vier Spiele von ihr gibt.

Toni hat es nicht gerade leicht gehabt. Sie ist frustriert vom Leben, verletzt und enttäuscht von Rufus, erwartet dank ihm tagtäglich das Schlimmste und wird dadurch schließlich zu der ruppigen, vorlauten, impulsiven, aggressiven und zickigen Persönlichkeit, wie man sie als Spieler kennen lernt. Da sie so viel mit Rufus mitgemacht hat, reißt ihr verdammt schnell der Geduldsfaden. Aber sie ist kein weinerliches Persönchen, das bei einer solchen Geschichte klein bei gibt. Dafür ist sie zu stolz und zeigt lieber der ganzes Welt, was sie von ihr hält, anstatt vor irgendwem zu kuschen.

Den Frust, der sich mit der Zeit immer mehr in ihr aufgestaut hat, lässt sie an Rufus und jedem anderen aus, der ihr noch dazu auf die Nerven geht. Der beste Beweis dafür, den man im Laufe der Spiele kriegen kann, ist die Sache mit den Torpedodelfinen im zweiten Teil. Dort sagt Rufus zu ihnen: „Wer zuletzt draußen ist, bleibt bei Toni!“ und alle drei hauen augenblicklich durch die Schleuse nach draußen ab. Folglich kann Toni die Tiere auch nicht so nett behandelt haben. Die wahrscheinlichste Erklärung dafür ist, dass die Delfine ihr zu langsam gelernt haben und sich deswegen etwas lauter wurde.

Wenn man als Rufus mit Toni redet, wird sehr schnell deutlich, welche sprachlichen Mittel ihre Favoriten sind, um klar zu machen, wie sehr er ihr auf die Nerven geht: zynischer Sarkasmus, offene Drohungen und ein Hauch Ironie. Letzteres vermischt sich sehr stark mit dem Sarkasmus, da sie genau weiß, dass Rufus selbst offensichtlich ironisch gemeinte Bemerkungen bewusst wörtlich nimmt, um seine nächste Idee/ Katastrophe zu legitimieren.

Da Toni bisher noch keine ihrer Drohungen wahr gemacht und Rufus keinen Respekt vor dem Leben hat, nimmt er sie darin kaum bis gar nicht ernst. Das beste Beispiel dafür, das auch fast verwirklicht worden wäre, lässt sich ebenfalls im zweiten Teil finden: „Wenn den Kleinen etwas passiert, dann töte ich dich. Verstanden? Ich. Töte. Dich!“

Der Protagonist bleibt selbst gegenüber einer offenen Todesdrohung seitens seine Ex-Freundin tiefenentspannt. Man beachte auch, dass es sich hierbei um die Babydelfine in dem Schnabeltier-Planschbecken handelte, was wiederum für Tonis tierliebe Ader spricht.

Sarkastische Bemerkungen lassen sich zuhauf in den Spielen finden; nicht nur gegen Rufus, sondern ach beispielsweise gegen Lotto, bevor sie... ihm die Kosten einer Geschlechtsumwandlung abnimmt. Im Folgenden ein paar Beispiele:
T: „Du meinst, wie das Glück, einen intakten Unterkiefer zu haben?“ (DD)

R: „Jetzt bereust du sicher einiges von dem, was du gesagt hast.“
T: „Tatsächlich. Angefangen mit: >Du kannst ja trotzdem bei mir wohnen.<“

R: „Ich werde dich nicht mitnehmen.“
T: „Kann ich das schriftlich haben?“

Ihr letztes Mittel der Kommunikation, wenn alle Stricke reißen (oder eben ihre Geduld), ist körperliche Gewalt, die besonders auf Rufus recht häufig angewandt wird. Selbstverständlich darf dabei auch Lotto/ Lotti nicht vergessen werden. Jedoch findet sie diese Art der Verständigung nicht mehr ganz so witzig, als Rufus in DD ihre an der Fußfessel baumelnde Mutter mit einer Pinata verwechselt und mit dem Baseballschläger traktiert.

Im Laufe der Trilogie macht sie dank ihres Psychologen im dritten Teil eine kleine Charakterentwicklung durch und tritt der Rebellion gegen den Organon bei. Durch ihre Therapie besinnt sie sich viel mehr auf die ruhige Art ihres Vaters, konzentriert sich auf ihre innere Mitte und benutzt ihre Zigaretten verstärkt als Stressbewältigungsmittel. Am Ende hilft ihr aber all das doch nicht, da Rufus mit seiner ganzen Art und seinem Chaos einfach immer einen wunden Punkt bei ihr trifft. Sie verfällt wieder in ihr altes Ich. Ob das jetzt gut oder schlecht ist, ist Geschmackssache.

Ich für meinen Teil sehe in Toni eine außerordentlich gut charakterisierte Figur. Sie ist zwar keine besonders sympathische oder umgängliche Person, mit der man zusammen Kaffee trinken möchte, aber genau das macht sie so plastisch und lebensecht. Durch die Vorstellung ihrer Eltern in DD hat ihr Charakter noch einmal mehr an Vielschichtigkeit gewonnen und es gibt eine gut durchdachte, nachvollziehbare Entwicklung, die sich durch die gesamte Trilogie zieht. Zudem bieten ihr Vater und die Tierfreundlichkeit (kurzum: die etwas sanfteren Seiten an ihr) Raum für Spekulationen. Hat es vielleicht einmal eine nette Toni gegeben, bevor das Rufus-Chaos kam? Wäre sie vielleicht etwas umgänglicher, wenn man sich normal mit ihr unterhalten würde, ohne Rufus zu sein? Hatte sie vielleicht mal ein Haus-Schnabeltier? Die Fragerei könnte noch lange so weiter gehen.

Deswegen sage ich als abschließendes Resümee: gelungener, runder Charakter mit einer Menge Potenzial.
Review schreiben