Strife's Affäre

von X Fantasy
GeschichteKrimi, Romanze / P18 Slash
Cloud Strife Rufus Shinra Vincent Valentine
13.04.2016
07.07.2018
43
269126
16
Alle Kapitel
75 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
 
Strife's Affäre


Disclaimer: Alle Personen und Begriffe aus FFVII gehören nicht mir, sondern Square Enix. Ich verdiene mit diesem Machwerk leider kein Geld.
Masaya und Moritani sind die Anführer einer japanischen Psycho-Sekte.
Yoshiki Hayashi, Toshimitsu Deyama alias ToshI und Yuune Sugihara alias Sugizo sind Mitglieder der japanischen Rockgruppe X Japan.
Ähnlichkeiten mit den genannten Personen sind beabsichtigt.
Alle anderen Handlungen und Eigenschaften, die die genannten Personen betreffen, sind von mir frei erfunden.


Anmerkungen:
Es geht also weiter. Diesmal sind die Kapitel aus organisatorischen Gründen nur noch halb so lang und werden dadurch (hoffentlich) auch schneller hochgeladen. Einen regelmäßigen Zeitraum zum Hochladen kann ich allerdings nicht angeben, da die Story noch lange nicht beendet ist.
Der POV wechselt zwischen Rufus und Cloud. Der Erzähler des jeweiligen Abschnitts wird angegeben.
Inhaltlich gibt es ein paar Dinge zu beachten:
Auf dem Planeten Gaia existieren keine sexuell übertragbaren Krankheiten. Außerdem ist die allgemeine Körperhygiene so weit fortgeschritten, dass sich auch in dieser Hinsicht der Gebrauch von Kondomen erübrigt. Diese Bedingungen sind nicht auf terrestrische Verhältnisse anwendbar.
Die Währung auf dem Planeten Gaia ist bekanntlich der Gil. Sein Wert entspricht in der Compilation vermutlich in etwa dem des japanischen Yen, was einleuchtet, da Final Fantasy ja aus Japan stammt. Da ich aber keine Lust habe, ständig alle Beträge umzurechnen, orientiere ich den Kurs des Gil am Euro. Also bitte nicht über die niedrigen Beträge wundern.  :-)

Warnungen: Alkoholismus, Gay Romance / Lemons; weitere Warnungen, sofern erforderlich, in den einzelnen Kapiteln.

Kurzbeschreibung: Dass das, was Rufus und Cloud begonnen haben und nun fortsetzen, nicht gerade problemlos und unkompliziert abläuft, kann man sich angesichts ihrer unterschiedlichen Charaktere vorstellen. Zumal nun auch noch vielfältige Störungen eintreten, wie besorgte Freunde, aufgebrachte Turks, neugierige Ex-AVALANCHE-Mitglieder, temperamentvolle Rockstars, böswillige Mafiosi und natürlich eine Menge übersprudelnder Hormone - der ganz normale Wahnsinn eben. / Sequel zu "Shinra's Auftrag". Man sollte die Vorgeschichte kennen, da sonst einige Dinge hier unverständlich bleiben, die ich zugunsten des Erzählflusses nicht alle extra erkläre.



1. Trautes Heim

Cloud

Ich erreichte die Bar gegen 16 Uhr. Tifa hatte sie gerade geöffnet, und es war noch sehr ruhig. Zwei oder drei Leute, die einen Kaffee tranken und eine Kleinigkeit aßen. Erst bei ihrem Anblick merkte ich, dass ich ebenfalls Hunger hatte. Aber die Müdigkeit überwog.
Tifa ließ den Lappen fallen, mit dem sie noch beschäftigt war, die Tische abzuwischen, und kam zu mir, um mich zu umarmen.
"Hi, Schatz. Alles okay?"
"Klar."
Ich erwiderte ihre Umarmung, aber nicht ihren schmatzenden Kuss. Wir waren kein Liebespaar.
"Reeve hat mich angerufen und gesagt, es hätte eine Schießerei gegeben."
Ihre braunen Augen prüfend und besorgt. Natürlich.
"Ja. Sie sind ins Hotel eingedrungen und haben versucht, Shinra zu entführen. Aber wir hatten alles im Griff. Sie hatten zu keinem Zeitpunkt eine Chance."
Sie sah mich noch immer auf diese Weise an. Die ich so hasste.
"Es geht mir gut", sagte ich nachdrücklich. Es war eine Lüge. Die sie leider durchschaute.
"Gehst du nach oben?" fragte sie leise und rieb kurz meine Schultern.
"Ja. Ich bin müde."
"Ich komm' nachher."
Ich nickte und spürte ihren Blick in meinem Rücken, als ich die Treppe hinaufging.
Auf dem Flur traf ich auf Denzel.
"Yo, Alter. Alles fit?"
"Was sonst, Kumpel?"
Ich hoffte, ich klang cool genug für seinen Geschmack. Ich hätte ihn lieber Denny oder Denzel genannt, so wie früher, aber das mochte er nicht mehr, also war es "Kumpel". An seine kurze Igelfrisur würde ich mich nie gewöhnen.
"Du hast die Mafia erledigt, stimmt's? Ich hab' gehört, wie Tiff telefoniert hat. Mir erzählt man ja nichts."
"Du weißt ja sowieso immer schon alles", neckte ich ihn. "Und ich habe es nicht allein gemacht, sondern mit drei Leuten zusammen."
"Guter Job, yo."
Ich grinste und freute mich tatsächlich über das Lob. Komplimenten von Erwachsenen stehe ich misstrauisch gegenüber, aber bei Kindern sind sie ehrlich gemeint.
"Einen Moment." Ich wühlte kurz in der Reisetasche und holte zwei Computerspiele hervor, die ich in Junon für ihn besorgt hatte. "Hier, die sind neu erschienen."
Seine Augen weiteten sich und begannen zu strahlen. "Wahnsinn! Echt geil, Alter. Danke."
Diesmal bekam ich eine kurze, stürmische Umarmung, was mir auch irgendwie lieber war als "high Five".
"Verrat's Tiff nicht", ermahnte ich ihn lachend.
"Niemals!"
Und er verschwand in seinem Zimmer.
Ich schaute bei Marlene hinein, aber sie war nicht da; vielleicht bei einer Freundin. Und so ging ich in mein Zimmer, zog die Stiefel und die Jacke aus und streckte mich auf dem Bett aus. Das war gut. Stille. Ich verschränkte die Hände unter dem Kopf. Ich würde etwas Zeit und Muße brauchen, um über das nachzudenken, was in den letzten Tagen geschehen war.
Als Bodyguard auf einer Geschäftsreise mit Rufus Shinra. Zum erstenmal überhaupt hatte ich zwei Tage am Stück in der Gesellschaft dieses Mannes verbracht. Ich hatte mehrere Seiten an ihm kennengelernt, die ich nie bei ihm vermutet hätte. Zum Beispiel die Seite, die sich mit dem Boss eines Makosyndikats anlegte. Ich hätte eher angenommen, Shinra arbeitete mit solchen Leuten zusammen. Aber im Gegensatz zu seinem Vater schien er Verbrechen für unter seinem Niveau zu halten. Zumindest offensichtliche. Was ihn selbstverständlich nicht daran hinderte, sich auf angemessene Art zu wehren, wenn er angegriffen wurde; und so hatten wir am frühen Morgen in dem Hotel, in dem wir wohnten und dessen Eigentümer Shinra selbst war, den Mafiaboss und seine beiden Killer in Notwehr getötet. Nachdem der Sicherheitsdienst sie absichtlich hatte passieren lassen. Es war eine ziemlich perfekte Falle gewesen. Shinra fand, wie er sagte, einen toten Mafioso angenehmer als einen, der nach drei Jahren aus dem Knast entlassen wird, weil man ihm den größten Teil seiner Vergehen nicht nachweisen kann.
Ich musste ihm zustimmen, obwohl ich wusste, dass es falsch war. Aber darüber zerbrach ich mir nicht den Kopf. Schwieriger war es, die Erinnerung zu ertragen, die mir Shinra's Gestalt zeigte, die von einer Kugel getroffen, am Boden lag. Ich hielt ihn für tot. Und hatte die Nerven verloren. Nicht alle Details waren mir bewusst, aber ich hatte geschluchzt und wahrscheinlich geschrien. Bis mir klar wurde, dass der Präsident der SunRay Solar Corporation eine Sicherheitsweste trug, die die Kugel aufgefangen hatte, und unter dieser Weste quicklebendig war. Leider war die peinliche Tatsache, dass es sich bei Cloud Strife nicht um einen unerschütterlichen Helden, sondern um ein Nervenbündel handelte, zu dem Zeitpunkt nicht mehr wegzuleugnen. Später hatte ich vergeblich versucht, die Mauer, die plötzlich zwischen Shinra und mir stand, zu durchbrechen. Es war zwecklos. Ich bin selbst alles andere als wortgewandt, und unser Gespräch nach dem Vorfall blieb einsilbig. Ein schales Ende des Auftrages, den ich von ihm angenommen hatte.
In der Nacht zuvor hatte ich mit Rufus Shinra geschlafen. Zweimal. Und ich hatte keine Ahnung, wie es zwischen uns weitergehen würde.
Ich konnte noch nicht einmal sagen, ob ich eine Beziehung mit ihm wollte und wie ich mir so etwas vorstellen würde. Auf den ersten Blick waren wir wie Feuer und Wasser, und doch hatte es immer wieder Momente gegeben, in denen wir uns nahekamen, weil es unvermutete Berührungspunkte gab. Er hatte meine Gefühle über den Haufen geworfen. Hatte mich kopflos und mit zitterndem Atem zurückgelassen, und meine Irritation war weit größer als meine Zuneigung. Dennoch - auf irgendeine Weise mochte ich ihn wirklich. Sonst wäre ich nicht mit ihm ins Bett gegangen, das entsprach nicht meiner Art.
Aber ich würde mir überlegen müssen, was ich erwartete, was ich mir von ihm erhoffte. In seinem emotionslosen Ton hatte er mir bei unserem Abschied mitgeteilt, er sei nicht verliebt, wolle aber Sex mit mir und werde mich anrufen. Wenigstens damit hatte er sich ganz so verhalten, wie ich seinen Charakter eingeschätzt hatte.
Ich musste weggedämmert sein, denn ich zuckte hoch, als ich die Tür hörte und Tifa hereinkam. Sie setzte sich zu mir. Ich nahm die Arme nach vorne und ließ zu, dass sie meine Hand drückte.
"Es hat dich mitgenommen, hm?"
Ich verzog den Mund. "Rufus wurde getroffen. Er war durch eine Sicherheitsweste geschützt, aber zuerst dachte ich, er wär' tot." In ihren geweiteten Augen sah ich ihre Bestürzung. "Ich bin ein bisschen ausgerastet. Nicht sehr angenehm vor Fremden."
"Oh Cloud. Das tut mir leid."
Sie seufzte und machte ihr "du-armes-Häschen"-Gesicht. Ich würde wieder gehen müssen. Sie fing an, mich zu bemitleiden, und das störte mich.
"Ich werde damit leben können", meinte ich etwas abweisend. "Ich muss nochmal weg. Kann ich vorher was zu essen haben?"
Nun runzelte sie die Stirn. "Wo musst du hin? Zu Shinra?"
"Nein. Ich will mit Vincent reden. Weißt du, ob er bei Reeve oder in seiner Wohnung ist?"
Sie schüttelte den Kopf, schien beruhigt. "Ruf einfach Reeve oder Cid an. Vincent hat sein Telefon wahrscheinlich wieder verloren." Dabei schmunzelte sie und stand auf. "Was willst du haben? Pizza?"
"Heute nicht. Hast du was mit Nudeln?"
"Klar. Wutaianisch?"
"Okay."
"Gib mir zehn Minuten."
Ich lächelte vage und fragte mich, was sie in zehn Minuten zustande bringen wollte. In Wutai benötigt man für ein Gericht aus Nudeln und Gemüse mindestens eine halbe Stunde. Mit Rufus hatte ich im Sterne-Restaurant seines Grand Hotels gegessen und wusste seitdem, wie Essen schmecken kann. Keine guten Aussichten für die Beziehung zwischen mir und Tifa's Küche.
Dass Vincent sein Smartphone verloren hatte, glaubte ich übrigens keineswegs. Er verlor niemals etwas, jedenfalls nicht aus Versehen. Doch es kam gelegentlich vor, dass er das Gerät absichtlich zerstörte oder einfach wegwarf, weil es ihn nervte, angerufen zu werden. Nun, ich würde ihn schon aufspüren.
Pünktlich nach der angegebenen Zeit fand ich unten auf dem Esstisch in der Küche wie versprochen einen gut gefüllten Teller vor. Die Mahlzeit war so, wie ich befürchtet hatte, aber ich schlang sie herunter, ohne irgendeinen Kommentar, und war froh, als ich in Fenrir's Sattel saß.

Zunächst fuhr ich hinaus in die Steppe und drehte für eine Stunde die Maschine richtig hoch. Es half mir dabei, mich zu entspannen. Es gab nur Staub, Felsen, Himmel und die allgegenwärtigen Solar-Select-Anlagen hinter ihren Starkstromzäunen, die die Sonnenenergie zur Versorgung der Region speicherten. Das Vibrieren des Motors zwischen meinen Beinen wirkte immer seltsam beruhigend auf meine Nerven, während die rasende Geschwindigkeit mir alle überflüssigen Gedanken aus dem Schädel trieb.
In den letzten Stunden waren die Ereignisse so ungestüm über mich hereingebrochen, dass ich keine einzige Minute Ruhe hatte, über die vergangene Nacht mit Shinra nachzudenken. Nein, nicht Shinra, es war Rufus, mit dem ich im Bett gelegen hatte. Ein feiner und wichtiger Unterschied. Shinra trug Maßanzüge und Designerjeans, führte stundenlange Geschäftsverhandlungen und erging sich in gelackten Redewendungen. Rufus war nackt, schweißbedeckt und zerzaust und schrie wie ein wütender Chocobo, während er in mir kam. Nun ja, um nur die wesentlichsten Unterschiede zu erwähnen.
Er war eben vielschichtig wie alle Menschen, nur dass ich noch keinerlei Verbindungslinie zwischen seinen gegensätzlichen Seiten gefunden hatte. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, auf positive Weise mit diesem verwirrenden Charakter umzugehen. Falls er sich überhaupt je wieder bei mir melden sollte.
Ich schlug einen weiten Bogen und kehrte auf dem Südost-Highway nach Edge zurück. Die WRO hatte aus den steinigen Pisten mehrspurige, asphaltierte Straßen gemacht, hier und da sogar mit einem Saum aus dünnen, niedrigen Sträuchern, um den allgegenwärtigen trockenen Sand fernzuhalten.  Was man künstlich anpflanzte, fand Kraft zum Leben und vermehrte sich zögerlich. Die Hoffnung, dass das Grün von allein weitflächig zurückkehren werde, wenn man aufhörte, dem Boden das Mako zu entziehen, hatte sich bisher leider nicht erfüllt.
Es dämmerte, während ich durch die unfertigen Viertel des Neubaugebietes fuhr. Die Skelette der im Bau befindlichen Häuser, die meisten nicht höher als zehn Stockwerke, verliehen der Szenerie nicht weniger bedrückende Trübheit als die Ruinenfelder von Midgar, auf die ich zuhielt.
Vincent wohnte in einem der alten Gebäude, die erhalten geblieben waren, als der Lebensstrom sein Werk der Verwüstung - oder der Reinigung, je nachdem wie man es sehen wollte - vollendete. Es gab im alten Midgar eine ganze Anzahl solcher Häuser, aber nur die, die sich an der Grenze zu Edge befanden, wurden vom neuen Stromnetz mit Energie versorgt. Alle näher am ehemaligen Sektor 0 liegenden Areale waren vom aufbereiteten Mako verseucht, das aus den zerstörten Reaktoren ausgetreten war. Man hatte zwar begonnen, den Schrott der zentralen Anlagen und der Zuleitungssysteme zu entsorgen. Doch es stellte sich sogar für die vereinten Kräfte von Shinra und der WRO als undurchführbar heraus, da es soviele dringendere Aufgaben zu bewältigen galt. Also verhängte man eine Art Todesschleier über die Ruinenstadt, sperrte alle Zugangswege und untersagte das Betreten für Unbefugte. Was zur Folge hatte, dass nicht nur lichtscheues Gesindel, sondern auch Verzweifelte, die durch die Maschen des von Reeve Tuesti geknüpften sozialen Netzes rutschten, hier strandeten und das zerstörte Midgar in einen einzigen, rechtlosen Elendssumpf zu verwandeln drohten. Ohne die regelmäßigen Razzien der Polizei hätte dieser sich längst endgültig von Edge abgekoppelt.
Reeve stieß bei seiner unermüdlichen Arbeit überall an die Grenzen seiner Entwicklungspläne, aber das konnte ihn nicht entmutigen. Er war in Midgar City aufgewachsen, und er wusste, dass es nicht schlimmer kommen konnte.
Ich parkte Fenrir hinter einer halb geborstenen Stahltür im Hausflur des unbewohnbaren Nachbarhauses, so dass er von außen nicht sichtbar war, und stieg dann die drei Treppen zu Vincent's Wohnung hinauf. Ein typischer Altbau, der nicht mehr renoviert wurde, weil in diesem Gebiet niemand die höheren Mieten zahlen konnte - trübes Licht, ausgetretene Stufen, abblätternder Putz. Ein Geländer, an dem man sich besser nicht festhielt. Es roch nach kalter, abgestandener Luft und aufgewärmtem Eintopf.
Da ich wusste, dass die Klingel nicht funktionierte, klopfte ich - dreimal und zweimal, unser Zeichen.
Ich hatte keine Lust gehabt, erst Cid oder Reeve anzurufen, und versuchte es deshalb gleich hier, und glücklicherweise war Vincent zu Hause und öffnete prompt.
"Hi, Cloud", murmelte er in seinem warmen Bariton, bevor er sich einfach umdrehte und zurückging ins Wohnzimmer, darauf vertrauend, dass ich ihm folgen würde, nachdem ich die Tür geschlossen hatte.
Wir durchquerten die kurze Diele, und ich bemerkte die grazilen Bewegungen seiner hohen, schlanken Gestalt. In seinen Augen hatte ich deutlich erkannt, dass er nicht mehr nüchtern war, doch daran war ich gewöhnt, es würde erst im Laufe der Nacht anfangen, seine körperlichen und geistigen Reaktionen zu beeinträchtigen, sofern er weitertrank. Was er voraussichtlich tun würde.
Die Räumlichkeiten waren ziemlich klein und ebenso trübe beleuchtet wie das Treppenhaus, was mit der einzelnen kahlen Glühbirne zusammenhing, die von der Decke baumelte. Ich hatte ihm schon des öfteren stärkere Birnen mitgebracht, aber er sagte, helles Licht schmerze ihn in den Augen. Er verschwand in die Küchenzeile, um für mich ein Bier aus dem Kühlschrank zu holen. Unterdessen öffnete ich die Fenster im Wohnzimmer, um den muffigen Geruch ein wenig aufzulockern. Er selbst vergaß einfach zu lüften, weil es ihm nicht wichtig war.
Zugegeben, ich traf mich lieber mit ihm an anderen Orten, denn die Atmosphäre hier war etwas bedrückend durch die sichtbare Vernachlässigung. Die vergilbten Tapeten, die rissige Decke und der  fadenscheinige Teppich hatten vermutlich schon seine letzten drei Vorgänger beherbergt. Ein paar Bücher und leere Flaschen lagen herum, dennoch wirkte das Zimmer nicht unordentlich, was vielleicht daran lag, dass es halb leer war. Vincent mochte nämlich keine Möbel. Vincent mochte überhaupt nichts, was man nicht mit sich herumtragen konnte, während man quer über den Planeten reiste. Dieser Hang stammte noch aus der Zeit, da sein Leib im wörtlichen Sinne tot war und nur durch den Planetendämon Chaos künstlich am Leben gehalten wurde, mit dem er sich eine dreißigjährige Schlacht um die Herrschaft über seinen Geist geliefert hatte. Jetzt, zwei Jahre, nachdem Chaos aus ihm verschwunden war und seinen Körper als selbständig funktionierenden Organismus zurückgelassen hatte, schien es ihm immer noch nicht möglich zu sein, ein Leben als freies, selbstbewusstes Individuum zu führen. Jedenfalls benötigte er dazu einen gewissen Mr. Barov, der eine glasklare Flüssigkeit destillierte, in Flaschen abfüllte und unter seinem Namen in jedem gut sortierten Kiosk zu Billigpreisen anbot.
Vincent kam mit dem Bier, und wir ließen uns auf dem abgewetzten Bezug seines Sofas nieder. Ich bekam die Flasche, er füllte erneut sein Glas mit besagter Wodka-Marke. Wir stießen an und tranken. Mich tiefer in die Polster drückend, hatte ich zum ersten Mal seit drei Tagen das Gefühl, mich wirklich zu entspannen. Aus dem Augenwinkel registrierte ich den Blick aus Vincent's haselnussbraunen Augen. Unter Chaos' Einfluss waren sie rot gewesen.
"Und?" fragte Vincent. Seine Art, sich nach meinem aktuellen Befinden und den neuesten Neuigkeiten zu erkundigen.
"Wir haben's gemacht", erwiderte ich, indem ich Bezug auf ein Telefonat vor zwei Tagen nahm. "Zweimal." Er neigte ein wenig den Kopf, was Interesse an Details signalisierte. "Es war verdammt gut", fuhr ich fort. "Er hat immer genau das Richtige getan, obwohl er gar nicht wissen konnte, was ich mag. Geredet haben wir nämlich nicht über Sex."
Er hob kurz die Brauen und musterte mich weiterhin. Seine Miene drückte stets eine leichte Besorgnis aus. Nicht so wie Tifa's, wenn sie mir unter die Nase rieb, dass sie sich meinetwegen sorgte - sorgen müsse -, sondern mehr in allgemeiner Form. Als rechne er zu 40 % Wahrscheinlichkeit für den morgigen Tag mit Sephiroth's Rückkehr. Ich glaube, das einzige Mal, dass ich seine schönen Züge in völliger Ruhe erlebt hatte, war der Moment, als er sich anschickte, in Chaos' Gestalt in die Atmosphäre zu fliegen, um gegen die Superwaffe Omega zu kämpfen. Vielleicht weil er davon überzeugt war, nicht zurückzukehren.
Aber jetzt schmunzelte er. "Klingt gut", meinte er. "Seht ihr euch wieder?"
"Pfff." Ich blies die Luft zwischen zusammengepressten Lippen hinaus. "Wenn ich das wüsste."
Und ich erzählte ihm von den Geschehnissen am Morgen und Vormittag desselben Tages. Mein Bericht verursachte ein kleines Stirnrunzeln, das sich nur als schmale Falte zwischen seinen feingezeichneten Brauen manifestierte. Der Rest wurde von dem breiten, schwarzseidenen Stirnband verborgen, das er ständig trug und das eine lange, hässliche Narbe verdeckte. Sein Erzfeind, Professor Hojo, hatte sie ihm vor dreißig Jahren zugefügt, und mir hatte er sie nie gezeigt. Ebenso wenig wie die anderen zahlreichen Narben, die seinen Körper entstellten. Er vertraute mir mehr als den meisten anderen Menschen, wie ich wusste, doch soweit ging sein Zutrauen nicht.
Ein leises "Fuck" war alles, womit er meine Schilderung kommentierte. Dann fragte er:
"Du vertraust ihm?" Beinahe als hätte er meine Gedanken gelesen.
Dabei enthielt sein Ton keine Verwunderung oder Unverständnis, sondern pures Interesse.
Ich stellte die leere Flasche auf den Kaffeetisch, streifte die Stiefel von den Füßen und zog die Beine auf die Couch, um ihm besser mein Gesicht zuwenden zu können. Es machte mir nichts aus, wenn er meine Mimik lesen konnte. Manchmal dachte ich, ihm gelang das sogar, wenn er nur meinen Hinterkopf im Blick hatte!
"Ich weiß es nicht", antwortete ich ehrlich. "Gestern nacht - ja, ich hab' ihm vertraut. Wir haben viel geredet auf der ganzen Reise, und er war so ... anders. Anders, als ich gedacht hatte. Offen. Er hat mir Gefühle gezeigt, die ich nicht bei ihm vermutet hätte. Und er war aufrichtig, ich lass' mich nicht so leicht täuschen."
Er murmelte: "Ich weiß", und schenkte sich nach. Dann hob er mit fragendem Blick die Bierflasche an, ich nickte ihm zu, und er ging, um eine neue zu holen. Ihm selbst schmeckte Bier nicht. Er hatte es nur meinetwegen im Kühlschrank. Bei dem Gedanken durchzog eine sanfte Wärme meine Brust.
Ich hatte nie mit Vincent geschlafen. Er wollte nicht, dass ich ihn berührte, nicht einmal freundschaftlich, dabei gab er ganz unbekümmert zu, homosexuell orientiert zu sein. Nach Meteor jedenfalls, früher hatte er eine Frau geliebt - Lucrecia. Ich war nicht unglücklich über seine Ablehnung - ich war nicht verliebt in ihn -, doch ich fand sie schade, denn ich hatte ihn gern, und meiner Meinung nach hätten wir gut zueinander gepasst, wie wir auch als Freunde gut zusammen passten. Aber seine Entscheidung war unwiderruflich. Er pflegte zu sagen, nach Chaos sei es ihm nicht mehr möglich, ein guter Liebhaber zu sein, und er müsse trinken, um seine Aggression zu dämpfen, nicht nur, aber vor allem beim Sex. Das klang nicht gut in meinen Ohren. Wenn er zur Gewalttätigkeit neigte, wovon ich sonst nie etwas bemerkte, hätte ich tatsächlich ein Problem. Nicht dass ich mich nicht hätte wehren können, aber ich hätte es nicht ertragen. Also stellte ich seine Zurückhaltung mir gegenüber nicht in Frage.
"Scheint sich geändert zu haben", murmelte Vincent, mich aus meinen Betrachtungen reißend, indem er mir die neue Flasche reichte. "Reeve hat wohl schon früher ein Potential in ihm erkannt, wie er das nennt. Als alle anderen nur ein verwöhntes Balg in ihm sahen."
"Ah ja? Spricht er oft über ihn?"
"Nein, zumindest nicht über private Dinge. Aber er hält viel von ihm."
"Das sagte er mir auch."
"Und du?"
Wieder der prüfende Blick. Nicht klar, aber gerade und konzentriert, obwohl die Wodkaflasche auf dem Tisch mittlerweile zur Hälfte leer war.
Ich schüttelte langsam den Kopf. "Keine Ahnung, was ich von ihm halten soll. Schon gar nicht nach seiner abweisenden Art heute vormittag. Andererseits hat er gestern zugegeben, dass er absichtlich zu mir aufrichtig war, um mein Vertrauen zu gewinnen."
"Entweder bedeutest du ihm mehr, als wir verstehen", meinte Vincent ernst. "Oder er ist wirklich ausgekocht."
Jetzt war ich an der Reihe, ihn forschend zu mustern.
"Nicht ausgekocht genug für dich", behauptete ich. "Was denkst du? Von der Sache zwischen ihm und mir, meine ich."
Er verzog abwägend den Mund. "Hab' ich dir schon gesagt. Am Telefon."
Das hatte er. "Ja, ja, er ist auch nur ein Mensch - danke, ein toller Tipp."
"Und?" fragte er unschuldig. "Stimmt's nicht?"
"Er ist immer noch Shinra", hielt ich dagegen, "der reichste Mann des Planeten und der zweitmächtigste oder so. Immer überlebensgroß, wie seine ganze Vergangenheit. Er ist nicht irgendeiner. Das wird er nie sein, wie sollte er?"
Vincent hob mit geweiteten Augen die Brauen.
"Nicht mal im Bett? Turbo zwischen den Beinen, oder wie? Shinra-Turbo-Boost!"
Ich prustete los. "Ja! Genau! Wusste ich doch, dass du ihn durchschaust!"
Ich lachte laut, und er grinste. Seine gehobene Stimmung war dem Alkohol geschuldet. In nüchternem Zustand riss Vincent Valentine keine Witze. Sei's drum, wenigstens eine nette Nebenwirkung.
Wir wurden langsam wieder ernst und nippten an unseren Getränken. Plötzlich sagte Vincent leise:
"Du hast Angst."
"Natürlich", erwiderte ich sofort und rieb mir übers Gesicht. "Er wird mich verletzen, und es wird nicht seine Schuld sein. Er verspricht mir nichts außer Sex. Aber was wir bisher hatten, war viel mehr. Diese ... emotionale Intimität. Wie soll ich das ignorieren?"
"Du magst ihn."
"Ja." Ich stellte seufzend die Flasche weg und lehnte mich mit angezogenen Knien gegen die Rückenlehne. Die Arme schlang ich um meine Beine. Vor Vincent konnte ich schwach sein, das war schon immer so gewesen. Für ihn machte es keinen Unterschied. Er selbst war schwach, und indem er seine Schwäche meisterte und einfach weitermachte, bewies er seine unglaubliche Stärke. Damit war er eine Art Vorbild für mich.
Ich hätte gerne den Kopf an seine Schulter gelegt, aber das würde er nicht mögen. Ich holte tief Luft und sagte:
"Wenn ich mich auf ihn einlasse, werde ich mich in ihn verlieben. Und dann wird es wehtun. Tut es jetzt schon. Er ist jetzt bei Tseng, und er liebt ihn, nicht mich, und ich bin nicht mal sicher, dass oder wann er sich bei mir melden wird." Ich lachte auf, aber diesmal war es reine Bitterkeit. "Ich denke ernsthaft darüber nach, eine Affäre mit Rufus Shinra anzufangen. Das ist grotesk, oder?"
Ich sah zu ihm, in die großen Augen, die allmählich ein wenig müde wirkten, und wusste nicht, worauf ich hoffen sollte - dass er mich für verrückt erklärte oder mich in meinen Gefühlen bestärkte.
Er schwieg eine Weile, bevor er sich mit der Klaue das lange schwarze Haar nach hinten strich. Seine linke Hand war umhüllt von einem Handschuh aus goldfarbenem Metall, das bis zum Ellenbogen hinaufreichte und an den Fingerspitzen in scharfen Krallen endete. Es war keine echte Prothese, sein Unterarm und seine Hand waren vorhanden, aber gelähmt, und durch eine geniale technische Konstruktion konnte er sie zusammen mit dem Klauenhandschuh fast normal gebrauchen. Beides, sowohl die Klaue als auch die Lähmung, waren ebenfalls ein Vermächtnis von Hojo. Er war Chef der Wissenschaftsabteilung bei Adolf Shinra, Rufus' Vater, gewesen. Vincent war damals Mitglied der Turks in der zweithöchsten Position. Er hatte allen Grund, von dem Namen Shinra den größtmöglichen Abstand zu halten.
"Willst du ihn?" fragte er nur mit tiefer, fast flüsternder Stimme.
Ich zögerte die Antwort hinaus, dabei kannte ich sie in derselben Sekunde. Ich wollte weder ihn noch mich belügen.
"Ja."
"Dann kämpf um ihn." Ich sah überrascht auf. "Mach nicht denselben Fehler wie ich", fuhr er fort, "und halt dich nicht aus Rücksicht oder aus Angst zurück. Das tut genauso weh, als wenn er dir irgendwann das Herz bricht. Nur dass du bis dahin noch die Chance hast auf ... naja, du weißt schon."
Er gestikulierte vage mit dem Glas in seiner Rechten, dann trank er den Rest des Wodkas in einem Zug aus.
"Bleibst du heute nacht hier?"
"Nein, ich brauche mal wieder mein Bett." Ich blieb niemals über Nacht bei ihm, obwohl er es mir regelmäßig anbot. In der Wohnung zu schlafen, stellte ich mir bedrückend vor, besonders wenn er wirklich betrunken war. Meine Träume in dem Zimmer über Tifa's Bar waren mitunter schon beängstigend genug.
Er nickte und rekelte sich ächzend. Ich stand auf.
"Ich werd' deinen Rat beherzigen", meinte ich lächelnd, und er schmunzelte still und streckte sich auf der Couch aus. "Bis dann."
Er hob grüßend die gesunde Hand, und ich verließ ihn.



Review schreiben