Ausgebrochen - ein Elbling lernt reiten

von Ichtys
OneshotAbenteuer, Familie / P6
Celebrían Elladan Elrohir Elrond Legolas
09.04.2016
09.04.2016
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Hallo, ich heiße euch herzlich willkommen bei dieser meiner Fanfiktion. Gedacht war sie als kleine Fanfiktion gefüllt mit humorvoller leichter Kost, aber wer mich kennt, weiß, dass es am Ende doch immer wieder ins Nachdenkliche ausartet *unschuldiges Pfeifen*… Aber keine Angst, großes Drama steht nicht an :-).

Noch eine kurze Namenserklärung:

Der Name „Gladhiaew“ ist eine laienhafte Komposition aus dem Sindarinworten „gladh“, welches für „lachen“ steht und „iaew“, was „Hohn“ oder „Spott“ bedeutet.
Ich fand diese Umschreibung für „spöttisches Lachen“ sehr passend zu diesem eigensinnigen Tier, das ihr gleich kennenlernen werdet. Und ja, es ist Sindarin, aber nur weil in Bruchtal vorzüglich Noldor wohnen, heißt das ja nicht, dass alles und jedes dort Quenyanamen hat. Die Bruchtaler sind ja zum Glück offener als der Herr Thingol in Doriath (wer den Typen nicht kennt: Thingol war ein Sindakönig, der wegen der Sippenmorde der Noldor ihre Sprache Quenya in seinem Reich Doriath verbot)…

So, genug Mittelerdegeschichtsunterricht. Ich wünsche euch nun viel Spaß beim Lesen,
eure Ichtys :-)






Ein Elbling lernt reiten


„Und es ist wirklich ganz lieb?“

Es war ein junger Frühlingsmorgen, die Sonne strahlte zwischen wenigen Wolken hervor. Leise plätschernde Geräusche von Wasser wiesen auf einen Fluss ganz in der Nähe und einige Wasserfälle hin und kein Wind raschelte in den Bäumen. Dafür zwitscherten einige Vögel fröhlich dem nahenden Sommer entgegen.

In dieser morgendlichen Stimmung waren neben den Vögeln drei kleine Gestalten die einzigen, die sich über einen gepflasterten Hof bewegten, der von verschiedenen anmutigen Gebäuden umfasst war. Zwei von ihnen hatten dunkles braunes Haar und ähnelten sich, zumindest von weitem, vollkommen. Doch auch bei näherer Hinsicht war zu erkennen, dass beide auf den ersten Blick dieselben kindlichen Gesichtszüge hatten. Und, dass beide sichtlich Spaß hatten bei dem, was sie zu tun gedachten.
Die Frage allerdings kam von ihrem etwas jüngeren Begleiter, dessen braune Augen sich nun fragend in die des einen Älteren bohrten.
„El?“

Der nickte.
„Ja, natürlich, Gladhiaew ist ein ganz liebes Pferd! Das allerliebste“, Elladan grinste zufrieden in sich hinein. Er liebte solche Spielchen! Vielleicht war es Legolas gegenüber nicht ganz fair, aber… Mit einem Blick zu seinem Bruder stellte er fest, dass dieser dieselbe diebische Freude empfand wie er. Und diese, ebenso wie er selbst, zu verstecken suchte.
Sein Grinsen vertiefte sich. Das würde ein Spaß werden!
„Aber… ihr haltet mich doch fest, oder?“, die Stimme des Kleinsten klang etwas ängstlich.
Diesmal antwortete Elrohir. „Wir werden dich schon nicht fallen lassen, Legolas! Hab keine Angst. Wir halten dich und Gladhiaew ganz doll fest. Dir passiert nichts!“
„Mm…“, der kleine Blonde schien nicht sehr überzeugt.
„Und im Notfall“, hängte Elladan noch daran, „schnappen wir dich eben ganz schnell von ihr herunter. Aber dazu kommt es bestimmt nicht.“
Seine Stimme war, wie die seines Zwillings, gedämpft. Keiner von ihnen hatte große Lust darauf, dass wohlmöglich ihr Vater sie hören und von ihrem Vorhaben abbringen könnte. Denn der wäre ganz sicher nicht begeistert davon. Die Standpauke wollte er sich gar nicht ausmalen…
Aber sie würden nicht entdeckt werden! Alles war perfekt eingefädelt. Viele der Elben Imladris’, darunter ihre Mutter, waren gestern zur Jagd geritten und erst am Abend oder nächsten Morgen zurück zu erwarten. Hoher Besuch stand ins Haus und dafür mussten Vorräte besorgt werden. Und ihr Vater hatte sich vorgenommen, sich in dieser Zeit mit einigen Dingen zu beschäftigen, die er mit den Gästen besprechen musste. Das bedeutete in der Regel: Er saß am Schreibtisch und grübelte so sehr über irgendwelchen Dokumenten, Karten und Briefen, dass er total die Zeit vergaß.
Und zu guter letzt stand die Stute, die sie gerade aufsuchten, auf einer separaten Weide. Da der Grund dafür den jungen Elben Bauchschmerzen bereitete, dachten sie lieber nicht weiter darüber nach. Aber zumindest war diese Weide von den Hauptgebäuden Imladris’ aus nicht einzusehen.

Es konnte also nichts schief gehen!

Die drei schlichen an den Ställen vorbei zu den Weiden, auf denen nur noch wenige Pferde standen. Die meisten waren an der Jagd beteiligt oder liefen auch teilweise frei irgendwo im Tal herum.
Auf der abgelegenen Koppel erkannten sie bald ein braunes Pferd, das scheinbar zufrieden graste.
Elladan war erleichtert, dass die Stute sich ruhig verhielt. Andernfalls hätte sie Legolas bestimmt erschreckt, schließlich hatte der noch nie allein auf einem Pferd gesessen. Der junge Elb konnte sich das gar nicht vorstellen! Bei wenigen Dingen hatten er und sein Bruder so viel Spaß wie beim Reiten und der Blondschopf neben ihm hatte das noch nie erlebt, war noch nie allein geritten! Aber das würde sich heute ändern. Dann war ihr Plan ja eine richtig gute Tat!
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen.
„Und ist sie auch alt?“
Elladan schaute perplex. „Alt? Warum sollte sie denn alt sein?“
Legolas schaute verlegen. „Mm, weil ada gesagt hat, dass er mir bald beibringt auf einem Pferd zu reiten, aber nicht auf einem jungen, weil die so… so ungestüm sind. Also – ist sie alt?“
Der ältere der Zwillinge schluckte. Alt?! Gladhiaew war alles, aber nicht alt! Etwas über drei Jahre, nicht mehr. Was sollte er sagen? Sollte er lügen? Sagen, dass sie ein ganz altes Pferd sei? Doch er bekam ein ungutes Gefühl dabei. Nein, wenn es eben nötig war, musste er hier die Wahrheit sagen. Ob Gladhiaew lieb sei, war ja noch reine Interpretationssache gewesen. Aber ihr Alter war ein Fakt, den er nicht verschieben würde. Hilflos blickte er zu seinem Bruder. Der schien seine Gedanken zu teilen und setzte gerade zum Sprechen an, als Legolas ihm ins Wort fiel.
„Ist die schön! Nicht so schön wie adas Pferd. Aber anders. Und sie hat schöne Augen!“

Als es die lauter werdenden Stimmen hörte hob das Objekt der Begierde wachsam den anmutigen Kopf. Elladan wurde nervös. Jetzt musste alles klappen! Für einen Moment dachte er darüber nach, es doch zu unterlassen. Denn es konnte für den kleinen Prinzen ja auch gefährlich werden.
Aber ach, das musste es nicht. Ihr Vater war schließlich auch nicht von ihr heruntergefallen, als sie ihn abwerfen wollte. Es hatte nur lustig ausgesehen, wie er herumgeschüttelt wurde – was sie ihm natürlich nicht gesagt hatten. Und jetzt wollten sie wissen, wie das Pferd auf einen reagieren würde, den es noch nicht kannte und der so klein war. Ihnen beiden hatte ihr Vater ja verboten, auf das Pferd zu steigen. Aber Legolas… Er fasste sich ein Herz.
„Schau, Legolas, du weißt doch, wo im Stall die Leckerlies sind, nicht? Und Gladhiaew würde sich bestimmt über ein paar davon freuen. Hol doch mal einige davon für sie!“
Legolas strahlte. Der Gedanke, dem hübschen Tier eine Freude zu machen, gefiel ihm außerordentlich. Und er schob das Aufsitzen noch ein wenig hinaus. So lief er den Weg schnell, aber leise, zurück.
„Jetzt aber flink“, meinte Elladan, als Legolas außer Hörweite war.
Elrohir zögerte. „Und du bist dir ganz sicher?“
Das war er ganz und gar nicht, aber er wollte jetzt nicht mehr umkehren.
„Na klar!“
„Aber hat ada nicht gesagt, sie wäre ein gutes Pferd? Dann…“, Elrohirs Blick fiel auf die hölzerne Umzäunung der Weide, auf die sie zuhielten, „kommt sie doch bestimmt über den Zaun.“
„Ach, Ro! Mach dir nicht in die Hosen! Ein gutes Pferd, das nicht trainiert wird, ist auch nicht besser als der Durchschnitt. Hat Minhor mal zu mir gesagt. Und der muss es wissen, er kennt sich am besten mit Pferden aus! Und trainiert wird Gladhiaew ganz bestimmt nicht. Schließlich behält sie keinen lange oben.“
„Und wenn sie Legolas auch nicht lange oben behält? Ich will nicht, dass er sich wehtut, ich hab ihn gern. Und dann bekommen wir ganz großen Ärger mit ada – und an aran Thranduil will ich gar nicht denken…“
Das allerdings wollte Elladan auch nicht. Legolas’ Vater Thranduil würde bald zu irgendeiner sehr wichtigen Besprechung nach Imladris kommen. Auf den dringenden Wunsch von Legolas hin, schon früher nach Bruchtal zu dürfen um dort mit Elronds Söhnen ausgiebig spielen zu können, hatte er seinen Sohn mit einer ansehnlichen Eskorte schweren Herzens vorausgeschickt. Erführe er nun, dass Legolas etwas Schlimmes widerfahren war, in der Zeit, in der er nicht auf ihn aufpassen konnte, würde er mehr als ungehalten reagieren. Das wussten Celebríans Sprösslinge bereits. Doch Elladan verschwieg seine Gedanken.
„Ach komm, hilf mir lieber mal!“

Es war gar nicht so leicht, die Stute einzufangen, denn das einzige, was sie in der letzten Zeit getrieben hatte, war fressen - und dabei wollte sie auch bleiben. Doch irgendwie schafften sie es zu zweit. In weiser Voraussicht hatten sie am Vortag die Pferdeleckerlies ein bisschen versteckt, damit Legolas einige Zeit länger suchen musste. Außerdem hatten sie Sattel und Zaumzeug, welches sie nur selten bei Pferden verwendeten, schon unter einem Heuhaufen am Zaun der Koppel versteckt. So hielt Elrohir das unwillige Pferd fest, während sein Bruder Sattel und Zaumzeug heranschleppte und Gladhiaew sattelte. Die reagierte darauf wütend, denn spätestens jetzt ahnte sie wohl, worum es ging. Sie legte die Ohren an und schnappte nach Elrohirs Arm, doch der hatte für sein Alter schon einige Erfahrungen gesammelt – oft fragte er Minhor, dem Elben, der immer einen Blick auf die Pferde Bruchtals hatte, Löcher in den Bauch und war sowohl guter Reiter als auch Pferdeversorger – und konnte sie halten. In dem Moment, als Elladan auch mit dem Zaumzeug fertig war kam Legolas um die Ecke. In der geschlossenen Hand befanden sich höchstwahrscheinlich einige der für Pferde schmackhaften Leckerbissen.
„Hier“, er strahlte, „die waren ein bisschen woanders als sonst, aber ich hab sie trotzdem gefunden.“
„Sehr gut, Legolas! Willst du sie ihr geben?“
Der Kleine blickte kurz zögernd zwischen dem Pferd und den Leckereien in seiner Hand hin und her. Elladan dachte gerade, er würde sich nicht trauen, da sagte der Jüngste „Ja“ und war schon am Kopf der Stute. Elrohir war ob Legolas’ Mutes überrascht, vergaß aber nicht, ihn schnell auf etwas hinzuweisen.
„Du musst die Hand flach halten, so“, er zeigte es, „sonst beißt sie vielleicht aus Versehen in deinen Finger.“
Daraufhin blickte Legolas ihn auf eine Art und Weise abschätzend an, die beide Elblinge unwillkürlich an seinen Vater Thranduil erinnerte. „Ich weiß!“, sagte er dann, „das hat mir ada auch schon gezeigt.“
Beide Brüder warfen sich einen Blick zu und zuckten mit den Schultern, als der Kleine dem Pferd die Leckereien anbot und es diese zufrieden zu kauen begann. Bis jetzt lief alles besser als geplant!

Während Gladhiaew noch genüsslich malmte, ergriff Elladan die Chance. „Komm Legolas. Bist du bereit?! Dann jetzt mal rauf mit dir!“
Dieser schaute nur kurz erschrocken und nickte dann zaghaft.
Elladan nahm ihn bei den Hüften und ohne noch einmal seinen Bruder anzuschauen, der gewiss noch immer nicht komplett überzeugt war, schwang er den Elbling hinauf. Die Steigbügel waren vielleicht ein bisschen zu lang, doch das machte bestimmt nichts, kürzer ging nicht.
Während Legolas sich mit einer Mischung aus verhaltener Unsicherheit und strahlender Glückseligkeit im Gesicht umschaute hielten die beiden Brüder am Boden die Luft an. Was würde sie machen?
„Siehst du Legolas, war doch ganz einfach. Ist es schön da oben?“
Der nickte.
„Dein ada wird bestimmt ganz stolz auf dich sein, wenn er das erfährt.“ Plötzlich wurde ihm bewusst, welche Gefahr von diesen Worten ausging - Legolas durfte seinem Vater auf keinen Fall davon berichten! Wie konnte er nur so unüberlegt sprechen? Ein erschrockener Seitenblick von Elrohir sagte ihm, dass dieser mindestens ebenso über seine Worte dachte. „Bist du denn des Wahnsinns?!“, stand in seinen Augen geschrieben.
„Aber… du erzählst es ihm erst, wenn er es dir selbst beibringen will. Oder… du sagst es ihm einfach gar nicht, in Ordnung?“
„Ja… AHHH!!!“, Legolas schrie überrascht auf.

Gladhiaew hatte ihre Ruhepause abrupt beendet. Sie bemerkte jetzt, dass da etwas auf ihrem Rücken war, das da nicht hin gehörte und das machte sie wütend. Auf einmal hatte sie den Kopf hochgerissen, sodass der Strick, der noch lose um ihren Hals gelegt war, Elrohirs Handflächen böse verbrannte. Der versuchte verzweifelt, das Pferd zu halten. „El! Hilf mir!“, rief er, als Gladhiaew den Zug um ihren Hals spürte und aufgebracht zu steigen versuchte.
Automatisch lief Elladan seinem Bruder zu Hilfe, musste aber dafür Legolas’ Bein loslassen, das er die ganze Zeit gehalten hatte, um dem Jüngeren Sicherheit zu geben. Der klammerte sich daraufhin wie panisch an dem ledernen Sattel fest und erhöhte den Druck seiner Beine, was das Fass zum Überlaufen brachte. Gladhiaew brach seitlich aus, indem sie ihr ganzes Gewicht nach rechts verlagerte und die Zwillinge zu Boden riss. Dann, von den lästigen Wesen befreit, spürte sie noch immer die Anwesenheit des Dritten auf ihrem Rücken, der sich eng an sie presste. Sie versuchte ihn hinunterzuwerfen, doch er hing dort wie eine Klette.
Elladan und Elrohir hatten sich indes wieder aufgerappelt und starrten fassungslos auf die rasende Stute und die kleine Gestalt auf ihrem Rücken.
Elrohir erwachte als erster aus seiner Starre, er hatte solches schon kommen sehen, aber die dunkle Vorahnung ignoriert.
„Legolas! Spring runter! Lass dich runterfallen! Schnell – Jetzt!“
Doch entweder hörte dieser ihn nicht oder er hatte, verständlicherweise, zu viel Angst davor, sich bei dieser Geschwindigkeit aus dem Sattel plumpsen zu lassen. Stattdessen rief er einmal laut „Hilfe! Helft mir!“, was die Stute noch rasender und die Zwillinge noch ängstlicher werden lies.
Auf einmal schien Gladhiaew sich zu beruhigen. Sie fiel kurz in langsamen Trab und die beiden Schwarzhaarigen hatten gerade Hoffnung, da erkannte Elrohir, was sie vorhatte.

„Sie… Elladan, sie taxiert den Zaun! Sie will da drüber! Wir müssen… Komm, El, wir müssen sie irgendwie aufhalten!“, er kletterte flink wie ein Wiesel zwischen den Zaunpfählen hindurch. Doch es war zu spät. Gladhiaew hatte eine passende Stelle gefunden und galoppierte wieder an.
„Sie springt, Legolas, halt dich fest!“, rief Elladan unnötigerweise, denn nichts anderes tat dieser im Moment.
Kurz vor dem Zaun zögerte die Stute für den Bruchteil einer Sekunde und Elrohir fiel in Panik. Entweder sie bliebe nun stehen und schleuderte Legolas von sich hinunter. Oder sie würde springen, doch aufgrund des Zögerns die Beine nicht hoch genug bekommen und mit dem Prinzen stürzen. Ihm wurde übel, als er sah, dass sie zu letzterem ansetzte.
„Halt dich fest, halt dich fest!“
Er blieb stehen, konnte nichts anderes tun, als das Unabänderbare zu beobachten. Wunderschön war Gladhiaew anzusehen, wie sie elegant über den Zaun setzte, den Rücken rund, die Muskeln angespannt. Doch wirklich, mit dem linken Hinterlauf berührte Gladhiaew die oberste Zaunstange und strauchelte kurz, da diese nicht nachgab. Momente später aber landete sie sicher auf der anderen Seite, eilte, ohne sich umzusehen, in Richtung des Waldes und verschwand mit Legolas zwischen den Bäumen. Er war nicht hinuntergefallen, was bemerkenswert war, doch im Wald lauerten mehr Gefahren für die schlanken Pferdebeine als in der Ebene und Gladhiaews Galopp war rasend, sie achtete auf nichts.

Es war totenstill geworden auf der Koppel. Elrohir schaute wie hypnotisiert zu der Stelle, an der Legolas verschwunden war. Plötzlich hörte er hinter sich Schritte, die ihn weckten.
„Ro, Ro!!! Sie ist in den Wald mit ihm! Ada hat gesagt, das ist gefährlich, so schnell durch den Wald zu reiten, zumindest an den Stellen, wo kein Weg oder Pfad ist. Dort, wo sie hinläuft, ist keins von beidem! Wir müssen zu ada – schnell!“
Sie beide liefen los wie der Wind. Sie hatten Angst vor der Reaktion ihres Vaters, doch noch mehr Angst hatten sie um Legolas, der zwar um einiges jünger als sie, doch ein guter Freund von ihnen war und den sie für so einen miserablen Streich, der nun keiner mehr war, missbraucht hatten.

Zeit war vergangen, während sie auf der Weide gewesen waren und einige Elben gingen bereits ihrem Tagwerk nach. Doch keiner von ihnen kam auf die Idee, statt ihres Vaters einen von diesen zu fragen. Wenn es ernste Probleme gab, konnte schließlich nur ada helfen!
Sie ernteten einige verwunderte Blicke, doch man lies sie, ohne zu fragen, durch.

Selten waren Elladan und Elrohir so schnell zum Arbeitszimmer ihres Vaters gekommen. Ohne zu klopfen, rissen sie die Tür auf. Und wirklich stand dort Elrond an einem der unzähligen Regale und schaute verwundert auf, wer denn da ohne sich anzukündigen in sein Arbeitszimmer kam. Er war so vertieft in einen Bericht gewesen, dass er die beiden nicht bewusst kommen gehört hatte. Als er die aufgebrachten Minen der Jüngeren sah, runzelte er die Stirn, sagte aber nichts – das war auch gar nicht nötig.
Ada, ada!“ „Gladhiaew“ „Sie ist mit Legolas…“ „Sie sind im Wald, sie ist da einfach so mit ihm reingerannt“ „Du musst ihm helfen, er kann doch gar nicht reiten, das war doch nur ein Scherz…“ „Schnell, schnell, komm mit!“ und schon fühlte er sich von seinem Jüngsten am Arm gepackt.
Elrond wurde der Ernst der Lage sofort klar. Er hatte nicht viel aus dem „Bericht“ seiner Söhne entnehmen können, nur so viel: Die Stute Gladhiaew, die ihnen schon länger Sorgen machte, war mit Legolas, Thranduils Sohn, in den Wald gelaufen – und das war schlimm genug. Er griff Elrohir an den Schultern und zog ihn herum. „Ihr habt Legolas auf Gladhiaew gesetzt und sie ist mit ihm davon. Über den Zaun. In den Wald?“ Seine Söhne nickten furchtsam und sofort setzte er sich in Bewegung, aus dem Zimmer in den Gang und beide Söhne folgten ihm wie Schatten.
Am liebsten hätte er ihnen jetzt eine Strafpredigt bester Güte gehalten. Es machte ihn unglaublich wütend, wie fahrlässig seine Söhne gehandelt hatten und in welch große Gefahr sie Legolas brachten. Er rief einige Wachen zu sich und befahl ihnen, sich so schnell wie möglich beritten bei ihm einzufinden.  Die Elben schauten verwundert - erst die Söhne des Fürsten in Aufruhr und jetzt auch noch er höchstpersönlich! - doch sie eilten davon, spürten, für lange Erklärungen war keine Zeit.
Elrond indes eilte auch auf die Ställe zu, während er bereits überlegte, welche Richtung die Stute eingeschlagen haben könnte. Er kam in die offene Stallgasse und öffnete das Gatter zu der weitläufigen Box seines Pferdes, einem Dunkelfuchs, Anganor. Der kam sofort heran, als spüre er die Eiligkeit der Angelegenheit.
Gerade wollte Elrond sich auf das Tier schwingen, als eine zaghafte Stimme hinter ihm ertönte.
„Und was ist mit uns?“
Er wandte sich um, seine Augen funkelten.
„Ihr bleibt hier, denkt darüber nach, wie ihr auf solch eine abscheuliche Idee gekommen seid und hofft, dass ich euren Freund lebendig wieder finde!“
Er wusste, seine Worte waren hart, vielleicht zu hart für seine jungen Söhne, doch leider auch die Wahrheit. Nicht umsonst hatte er seinen Kindern sowohl verboten, sich dieser Stute zu nähern als auch, ohne Weg oder Pfad durch den Wald zu galoppieren. Ein Kaninchenloch reichte, eine Wurzel… Er wollte sich nicht ausmalen, was passieren konnte. Nicht selten hatte so etwas schlimme Verletzungen hervorgerufen. Und Legolas war klein, hatte keinerlei Erfahrungen, wie man sich nach einem Sturz abrollen musste, um sich nicht den Hals zu brechen oder so unglücklich auf dem Rücken zu landen, dass man keine Luft mehr bekam. Es war ernst und seine Söhne mussten das wissen.
Es war eindeutig, dass sie verstanden hatten. Mit hängenden Köpfen standen sie dicht aneinandergedrängt da, trauten sich nicht, aufzusehen.
„Ihr geht jetzt in euer Zimmer und wehe, ich finde euch dort nicht, wenn ich wiederkomme! Und wenn das erst morgen ist! Aber du, Elrohir, lässt dir vorher von einem Heiler die Hände versorgen“, mit diesen Worten ließ er sie stehen, die gerufenen Wachen hatten sich bereits im Hof gesammelt. Er rief sie zügig zu sich, dann gab er seinem Hengst die Sporen. Wie Anganor waren auch die anderen Pferde nicht gesattelt. Als Elben hatten sie Zaumzeug und Sattel normalerweise nicht nötig.
In kurzen Worten erklärte er die Sachlage, während sie schon im Trab waren. Dann begann die Suche.

Elladan und Elrohir schauten ihnen hinterher, Angst spiegelte sich in ihren Augen wieder. Vielleicht die größte, die sie je empfunden hatten. Am liebsten wären sie nun zu ihrer nana gelaufen, denn Celebrían hatte immer ein tröstendes Wort für sie. Doch die war mit auf Jagd geritten, um zu koordinieren, welches Wild noch gebraucht wurde und welches nicht, damit nicht mehr Leben genommen wurden als wirklich nötig waren.
So schlichen sie in ihr Zimmer, kuschelten sich in  brüderlichem Zusammenhalt unter eine Bettdecke und hofften stumm, dass ihr Vater bald mit guten Nachrichten heimkommen würde.
Seine Hände hatte Elrohir nicht vergessen, sie brannten fürchterlich, doch er hatte Angst, dem Heiler die ganze Geschichte erzählen zu müssen. So ließ er es bleiben.

*

Die Sonne schien durch die Baumwipfel und die Pferdhufe machten dumpfe Geräusche auf dem Waldboden. Die Tiere waren in Trab gefallen, denn Galopp war auf diesem unwegsamen Gelände zu gefährlich. Gladhiaew hatte dies anscheinend noch nicht erkannt, denn ihre Spuren zeigten, dass sie sich noch immer in der schnelleren Gangart befunden hatte, als sie hier entlang gestoben war.
Elrond machte der Zeitverlust durch den Trab Sorgen, doch er durfte nicht sich selbst und den Rest der Suchmannschaft in Gefahr bringen, dann wäre keinem geholfen. Langsam wurden aus Laubbäumen Tannen und Fichten und der Boden war übersät von braunen Nadeln. Bald war keine Spur mehr zu entdecken. Der Fürst Imladris’ ballte die Hand zur Faust.
„Wir teilen uns auf“, rief er dann ergeben. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Schnell verteilten sich die Reiter, einige mussten gar absteigen, an manchen Stellen hatten die Tannen sehr tief hängende Zweige.
Er ritt allein weiter. Sein Blick durchkreuzte konzentriert das Gebüsch, die Tannen, tote Bäume, am Boden liegende Stämme. Doch kein herrenloses Pferd war zu sehen, kein Elbling, keine neue Spur.
Auf einmal erspähte er in naher Entfernung etwas Helles. Eine Lichtung, hell beschienen von der Sonne, die sonst nicht durch das Nadelwerk dringen konnte, bewachsen von frischem, hellgrünem Gras. Er lenkte sein Pferd durch die verbleibenden Tannen, hieß es kurz, anzuhalten.

Die Lichtung war größer als gedacht – und an der von ihm am weitesten entfernten Seite stand ein braunes Pferd, eine ungesattelte braune Stute - Gladhiaew. Und daneben lag etwas im Gras. Etwas Kleines… Ein eisiger Schauer durchlief ihn. Das durfte nicht sein.
„Hey!“, rief er laut und sein Hengst sprang aus dem Stand in den Galopp, spürte die namenlose Furcht, die seinen Herrn befallen hatte.
Bald erkannte er, dass es wirklich Legolas war, der neben der Stute im Gras auf dem Rücken lag und sich nicht rührte. Stumm ließ Elrond sich vom Rücken seines Pferdes gleiten und eilte auf das Kind zu. Etwas in seiner Brust zog sich vor Angst zusammen und versuchte vergeblich, ihn zum Anhalten zu bewegen.
Gladhiaew hob den Kopf aufmerksam, blieb aber wo sie war, obwohl sie diesen Zweibeiner kannte. Auch er hatte schon öfters auf ihrem Rücken gesessen.
In seinem Kopf jedoch liefen schlimme Ahnungen ab, was geschehen würde, wäre Legolas wirklich abgeworfen worden und hätte es nicht überlebt. Noch immer lag sein kleiner Körper scheinbar regungslos im Gras.


*

„El?“
„Mm.“
„Glaubst du, dass… dass ada Legolas findet?
Nun hob Elladan den Kopf von dem Kissen, auf dem er die letzte Stunde stumm und auf die Rückkehr seines Vaters harrend gelegen hatte und sah seinen Bruder an, in seinen Augen glomm Furcht.
„Ich hoffe es, Ro. Ich hoffe es ganz doll.“
„Aber was, wenn, … also, wenn er, wenn Legolas dann nicht mehr…“, Elrohirs Stimme erstickte. „Ada muss ihn finden und wieder ganz gesund machen.“
Elladan nickte stumm und versuchte, die Tränen zurückzuhalten, welche sich hinterrücks in seine Augen geschlichen hatten. Dann plötzlich schluchzte sein Bruder auf und instinktiv nahm er ihn in die Arme. Zwar war er nur nichtige Minuten älter als Elrohir, dennoch fühlte er sich manchmal in Momenten wie diesen wie der große Bruder. Elrohir erwiderte die Umarmung und plötzlich weinten sie beide leise vor Angst um ihren Freund, hielten sich gegenseitig fest umklammert, bis sie in dieser Haltung von den Tränen erschöpft in traumlosen Schlaf fielen.

*

Er ist doch noch ein Kind…
Dieser Gedanke hatte Elrond im Griff, während er auf den blonden Elbling auf dem Boden zuhielt. Da plötzlich erkannte der Elrond, dass sich die Brust des Kleinen seicht und entspannt hob und senkte. Sollte er etwa…
„Legolas?“

Der Angesprochenen sprang wie von der Tarantel gestochen auf, er hatte sich sichtlich erschreckt.
„Herr Elrond?“, fragte er dann und senkte den Kopf.
Er wusste, der Herr Elrond war ein wichtiger Mann und man musste Respekt vor ihm haben, wie auch vor Mir... Mithri… Mintrahn… Dem großen Mann mit dem grauen Umhang, das hatte sein Vater ihm beigebracht. Doch das war gar nicht nötig, denn irgendwie hatte er sich schon immer noch kleiner als ohnehin schon gefühlt, wenn dieser große Elb mit den ernsten Gesichtszügen in der Nähe war. Er spürte den Blick des Jahrtausende Älteren auf sich ruhen und wurde nervös. Er hatte bestimmt etwas ganz falsch gemacht, wenn der ihn so lange anschaute!
Legolas traute sich nicht, den Kopf wieder zu heben, sondern starrte weiter auf die Spitzen seiner kleinen Stiefel.
„Schau mich an, Legolas“, in der Stimme lag Erleichterung, die er gar nicht bemerkte.
Er hob langsam den Kopf, als hätte er eine Straftat begangen. Elrond hockte sich vor ihm hin.
„Geht es dir gut? Bist du gestürzt?“
Legolas sah ihm groß in die Augen. Gestürzt?!
„Nein“, sagte er noch etwas zaghaft – da hockte sich der große weise Elb einfach vor hin als wäre er sein ada!, „ich bin runtergeklettert, als Gladhiaew stehen geblieben ist.“
„Sie ist einfach stehen geblieben, ja?“
„Ja! Ich wollte mir diese Lichtung anschauen und sie wollte etwas fressen. Genauso wie auf der Weide als El…“, der Kleine biss sich auf die Lippen. Jetzt hatte er sie alle verraten!
Elrond seufzte. „Sprich ruhig weiter. Die beiden haben mir schon… gebeichtet, was passiert ist.“
Der Prinz schaut erleichterter aus. „Also, ich dachte, sie wollte fressen, aber das geht ja nicht mit so einem Ding im Maul.“
„Was für ein Ding?“, der Blick des Fürsten fiel auf die Stute. Er wusste nicht, was Legolas meinen könnte. Denn vorhin schon hatte er gesehen und sich gewundert, dass seine Söhne Gladhiaew weder aufgetrenst noch gesattelt hatten. Auch das noch!
„Naja, das silberne Ding zwischen den Zähnen, wo die Ringe und die Zügel dran sind. Ich weiß nicht, wie das heißt, ada benutzt so was nie.“
Elrond ahnte, dass Legolas das Gebiss meinte.
„Und was hast du damit gemacht? Ich sehe an ihr weder Zaumzeug noch Sattel.“
Ein spitzbübisches Lächeln stahl sich auf das Gesicht des Jüngeren. „Die habe ich ja auch abgemacht! Beides – und ganz allein!“
Er sah sich suchend um. Und wirklich, nicht weit von der Stelle, an der sie waren, entfernt sah er in einer Senke beide Gegenstände liegen. Das erstaunte ihn doch. Soweit er wusste, war Legolas bisher noch nie selbst geritten, seine Zwillinge hatten es ihm ja vorhin berichtet. Sollte er das Absatteln und Abtrensen schon gelernt haben?

„Hat dein Vater dir das beigebracht?“
„Was denn beigebracht, Herr Elrond?“
„Das Absatteln.“
„Mm…“, der Gefragte druckste herum. „Nein, eigentlich nicht.“
„Aber wie hast du Gladhiaew denn sonst von den Sachen befreit?“
Und Elrond fielen beinahe die Augen aus dem Kopf, als er Legolas’ Antwort hörte – besser gesagt zu sehen bekam. Der zog nämlich strahlend einen kleinen Gegenstand aus einer Tasche, die in seiner Kleidung versteckt war und hielt ihn ihm direkt unter die Nase.
Erst einmal starrte er nur abwechselnd auf das kleine Ding und Legolas Gesicht, dessen Ausdruck mit jeder verstreichenden Sekunde unsicherer wurde. Hatte er etwa wieder etwas falsch gemacht?

Elrond brauchte nicht lange, um zu erkennen, dass das kleine Messer in der Hand des Blonden keineswegs stumpf war. Die Klinge war gerade in etwa so lang wie sein Ringfinger, ebenso wie der Schaft, und ließ sich in eben diesen einklappen. Der Schaft war aus edlem Holz und perfekt geformt für kleine Hände, für Legolas’ Hände.
In seinem Kopf rasten die Gedanken. Hatte er dieses Messer schon einmal gesehen? Es kam ihm gänzlich unbekannt vor. Doch woher sollte der Elbling es sonst haben? Andererseits, wirklich vorstellen konnte er sich nicht, dass Legolas stahl, wenn auch nur aus Spaß. Er kannte dessen Vater gut, er würde solcher gleichen bestimmt nicht zulassen.
Er beschloss, danach zu fragen. Ob Legolas die Wahrheit sagte, würde er ohne Probleme erkennen können, kein Zweifel.
„Wo hast du das denn her, Legolas?“
In Legolas’ Augen war keine Lüge, als er antwortete. „Das hab’ ich von ada bekommen. Es ist schön, nicht wahr?“
Der Herr von Imladris schluckte nur. Von seinem adar hatte er es!? Er konnte es kaum glauben. Er für seinen Teil hätte keinem seiner Söhne in Legolas’ Alter ein scharfes Messer anvertraut, nicht einmal ein kleines. Mit Waffen umzugehen lernten sie schon früh genug. Allerdings…
Er konnte sich ebenso gut vorstellen, dass Thranduil seinem Sohn das Messer gegeben hatte. Thranduil liebte sein Kind mehr als alles andere was auf Arda ein und ausging und er würde niemals riskieren, dass Legolas etwas zustieße. Zu viele hatte der König verloren in seinem Leben; seine Heimat, seinen Vater, Freunde in der Schlacht, dann seine Gemahlin. Elrond ahnte, dass er seinen Sohn so früh wie möglich im Umgang mit Waffen zu schulen gedachte, denn Thranduil war Realist. Er würde nicht immer bei seinem Sohn sein können und das wusste er mit Gewissheit – doch umso früher dieser selbst lernte, sich selbst zu verteidigen, desto besser war es wohl in Thranduils Augen.
Innerlich seufzte Elrond auf. Er wusste wie es war, ohne Mutter aufzuwachsen. Nun war die seine nicht tot, doch in seinen jüngsten Jahren war sie im Krieg vor den Söhnen Feanors geflohen und seitdem hatten er und sein Bruder sie nicht mehr gesehen. Es schmerzte zu wissen, dass hier vor ihm einer stand, der ein ähnliches Schicksal erfuhr – und es vielleicht noch nicht einmal richtig verstand.

Er bemerkte nicht, wie seine Gedanken weit abschweiften, bis er plötzlich zurück in die Realität gerufen wurde.
„Ist das schlimm, was ich gemacht habe, Herr Elrond?“
Legolas hatte seine Hand längst wieder sinken lassen und spielte nun nervös mit dem zusammengeklappten Messer in seiner Hand.
Er blinzelte kurz, als wollte er noch die letzte Erinnerung bei Seite schieben, dann lächelte er. „Das sehe ich mir mal an.“
Er stand auf und ging zu der Stelle, wo Sattel und Zaumzeug lagen. Ein neuer Gedanke kam ihm in den Sinn und er untersuchte schnell das Zaumzeug. Es war beinahe unversehrt, nur den Kehlriemen hatte der Junge feinsäuberlich durchtrennt. Dann hatte er vermutlich einfach an dem Leder gezogen oder Gladhiaew hatte es abgeschüttelt. Das Tier war schließlich gerissen und schien es zu lieben, Elben zum Narren zu halten.
Der Kehlriemen!
Siedend heiß fiel ihm ein, dass Legolas mit seinem scharfen Messer am Hals eines besonders unruhigen Tieres herumgewerkelt hatte… Er drehte sich um und lief zu der Stute, langsam, um sie nicht zu erschrecken. Neben ihr stand Legolas und streichelte unschlüssig ihre Flanke.
„Ist es schlimm?“, fragte er furchtsam, als Elrond herankam. Der antwortete nicht sofort, sondern trat erst an die Stute heran und untersuchte ihren Hals dort, wo sich bei angelegtem Zaumzeug der Kehlriemen befand. Erleichtert stellte er fest, dass dort keinerlei Verletzungen zu finden waren. Auch dort, wo der Sattelgurt anlag, welchen Legolas auch zerschnitten haben musste, da er den festen Knoten hoch oben am Sattel wohl kaum lösen konnte, war alles in Ordnung. Und wieder überraschte Thranduils Sohn ihn, als er mit seiner Untersuchung fertig war.

„Ich habe schon aufgepasst, dass ich ihr nichts tue. Und bei mir hat sie den Kopf auch nicht so herumgewackelt wie jetzt“ – und dabei war sein Blick in seiner kindlichen Art sosehr mit dem Thranduils identisch, dass Elrond schmunzeln musste. Wie der Vater, so der Sohn. Dieser Spruch entsprach bei den beiden wirklich mehr als der Wahrheit. Wenn er da an seine Söhne dachte… Jeder einzelne von ihnen hatte mehr Flausen im Kopf als er und Elros, sein Zwillingsbruder, zusammen, als sie in diesem Alter waren.
Obwohl… manchmal…
„Ja, ich muss zugeben, du hast das gut gemacht, du warst vorsichtig und hast Gladhiaew deshalb nicht verletzt. Auch wenn ich es lieber hätte, du würdest das nächste mal dein Messer in der Tasche lassen und es allein mit deinen Händen versuchen…“
Legolas schaute beschämt. „Ich würde gern, aber, … Ich kann das noch gar nicht… und ich musste ihr doch helfen. Ich wollte nichts kaputtmachen. Aber ich wusste nicht, was ich sonst machen sollte“, er blickte traurig zu Boden. Erneut ging Elrond da vor ihm in die Hocke und lächelte ihm zu. „Dann wird es dir wohl jemand beibringen müssen.“
Und schon strahlte der Kleine wieder.
„Aber jetzt sollten wir uns erst einmal auf den Heimweg machen. Es ist nach Mittag und ich kann mir vorstellen, nach deinem Ausflug hast du ein bisschen Hunger!“ „Und ich habe mit meinen Söhnen noch ein Hühnchen zu rupfen“, fügte er im Stillen dazu.
Legolas nickte zustimmend. Etwas unsicher fragte er dann: „Darf ich wieder Gladhiaew reiten?“

Elrond verstand die Welt nicht mehr. Legolas war zum ersten Mal allein auf einem Pferd gewesen, diese Stute ging mit ihm durch, sprang über einen Zaun und raste wie ein Sturmwind durch den Wald – und er wollte auf ihr zurück reiten?
Der junge Prinz schien aus welchem Grund auch immer zu merken, wie er zweifelte.
„Sie war auch ganz lieb zu mir und hat nicht versucht mich runter zu werfen. Also, mm, vielleicht am Anfang, aber dann nicht mehr. Ich hatte auch nur ganz am Anfang ein kleines bisschen Angst. Und dann hab ich angefangen, mit ihr zu reden, denn ada macht das auch immer. Und dann ist sie auch ganz lieb stehen geblieben, als ich sie darum gebeten habe. Ich glaube, sie hatte einfach Angst, vorhin. El und Ro haben Recht – sie ist ein sehr nettes Pferd und hat sich bestimmt nur erschreckt. Ich hab sie gern!“
Bruchtals Fürst stöhnte innerlich auf – dieser Elbling meinte es wirklich ernst! - hatte aber keine Wahl. So gern er den Jungen auch reiten gelassen hätte, dessen Vater würde ihn, Elrond, mindestens für drei Jahrhunderte nicht mehr ansehen, erführe er davon. Schon jetzt würde er alles dafür tun müssen, dass Thranduil seinen beiden Söhnen für ihren „Streich“ nicht den Hals herumdrehte oder – in den Augen der beiden bestimmt schlimmer als ersteres – sie zu einiger Zeit Zwangsstallausmisten im Waldlandreich gezwungen wurden. Obwohl er sie am liebsten persönlich dorthin schicken würde. Es war schließlich pures Glück, das verhindert hatte, dass Legolas heute von Gladhiaew gestürzt war und diesen Sturz vielleicht nicht überlebt hätte.

Glück?

Sein Blick fiel auf Legolas, der „seiner“ braunen Stute gerade etwas ins Ohr flüsterte. War es wirklich Glück gewesen, das Legolas hatte im Sattel bleiben lassen – oder war es vielmehr das Pferd gewesen – besser gesagt der Kleine selbst?
Er dachte weiter nach.
Sowohl Thranduil als auch sein Sohn waren beide Sindar, keine Waldelben. Nun, die Königin stammte aus dem Volk der Tawarwaith, von ihr hatte er auch seine dunkle Augenfarbe, dennoch wurde Legolas zu den Sindar gezählt, da sein Vater einer war.
Doch Legolas war, abgesehen von seinem Vater, nur unter Tawarwaith aufgewachsen. Und diese waren der Natur und den Tieren am meisten von allen Erstgeborenen verbunden und verstanden sich auf den Umgang mit allem, was wuchs und gedieh, wie kein zweites Volk. Der Wald war Legolas’ Heimat, er ging mit Tieren schon seit seiner Geburt um und saß oft bei seinem Vater vorn mit auf dem Pferd. Elrond ahnte, dass der Grund, weshalb Legolas noch nie allein geritten war, der war, dass er von der Statur einfach noch zu klein für die Pferde des Waldlandreiches war. Wenn Thranduil wüsste…
Aber ihm gefiel sehr, dass Legolas dem Volk, dem er Prinz war und später König sein würde, schon von Anfang an ohne Zwang so nahe stand. Anders als sein Vater, allein aus dem Grund, dass dieser nicht unter den Blättern des Eryn Lasgalen, sondern in den Wäldern Doriath aufgewachsen war.
Ihm, Elrond, war bereits jetzt aufgefallen, dass Legolas seine Umgebung immer etwas anders wahrnahm als Thranduil, dass er immer noch etwas sah, das seinem Vater entging – und das lag nicht allein an seiner Neugier ob seines geringen Alters.
Allerdings war ihm erst an diesem Tag durch den Ausbruch Gladhiaews bewusst geworden, dass dahinter vielleicht mehr stecken könnte als ein paar Zufälle oder die natürliche Freude an der Natur, die jedem Elben, egal aus welchem Volk, gegeben war.

Als der Name Gladhiaew in seinen Gedanken auftauchte besann er sich seiner Aufgabe, den jungen Elben davon zu überzeugen, nicht auf Gladhiaew zurück zu reiten.

„Selbst wenn ich es wollte, Legolas, ich darf dich nicht auf Gladhiaew setzen. Dein Vater wäre nicht sehr glücklich darüber und ich möchte keinen Streit anfangen, verstehst du das?“
Legolas schaute zerknirscht, nickte aber leicht. „Aber wie komme ich dann zurück?“
„Na, ich werde dich doch nicht laufen lassen!“, Elrond schmunzelte. „Anganor hat bestimmt nichts dagegen, noch ein Leichtgewicht wie dich zurück nach Bruchtal zu tragen.“
Braune Augen begannen zu leuchten. „Ich darf wirklich…“ Denn Elronds Dunkelfuchs Anganor war ein prachtvolles Tier, sowohl schön als auch kraftvoll und wendig in seinen Bewegungen.
Ob des Erstaunens und der Begeisterung in seiner Stimme musste Elrond leise lachen, während er ein Seil holte, das am Sattel seines Pferdes befestigt war. Er ging damit auf die Stute zu, die, Legolas’ Streicheleinheiten genießend, genüsslich frisches hellgrünes Gras verzehrte. Sie blieb ruhig, doch das verwunderte ihn nicht. Solange er keinen Sattel oder Zaumzeug dabei hatte, verhielt sie sich wie ein Lamm. Zumal ihr kleiner Freund bei ihr stand. Als der aber das Seil in seiner Hand erblickte, schüttelte er den Kopf.
„Nicht, nicht mit dem Seil! Das mag sie nicht, das macht ihr Angst.“
„Und wie soll sie dann mit uns kommen?“
Legolas war offensichtlich verblüfft. „Na, sie geht uns einfach hinterher.“

Dieser Junge erstaunte ihn immer wieder!
Doch Elrond sagte nichts. Neugierde war in ihm erwacht, ob das Pferd ihnen wirklich folgen würde, einfach so. Er hätte, anders als bei anderen Pferden, bei dieser Stute niemals die Hand dafür ins Feuer gelegt. Doch in seinem kindlichen Ernst schien Legolas das ganz anders zu sehen. Es interessierte ihn, ob der kleine Thronfolger des Waldlandreiches mit seiner Annahme richtig liegen würde. Insgeheim vermutete er dies, eine innere Stimme sagte es ihm. Der Kleine hatte etwas Besonderes an sich, zumindest, wenn es um Tiere ging.
„Na, wenn du meinst…“, mit diesen Worten rollte er den Strick wieder zusammen und machte ihn an Anganors Sattel fest.
Legolas nickte wie wild, dass die blonden Strähnen flogen.
„Dann machen wir uns mal auf den Weg.“
Erst hob er den jungen Elben, dessen Augen aufgeregt glänzten, auf Anganors Rücken und schwang sich dann selbst hinter ihn auf das Pferd.
Gladhiaew, plötzlich ihres Begleiters beraubt, hob rasch den schönen Kopf.
Elrond schenkte ihr willentlich keine Beachtung, sondern lenkte sein Pferd von ihr weg.
„Komm, Gladhiaew, wir gehen nach Hause!“, rief Legolas vor ihm dem nun beunruhigt schnaubenden Tier zu.
Elrond lauschte nach hinten, während der Kleine sich umwand, fast von dem Hengst herunterrutschte um ein Blick auf die Braune zu erhaschen und nochmals vergnügt „Komm!“ rief, ohne jeglichen Zweifel in der Stimme.
Und plötzlich waren langsame Huftritte zu vernehmen, die sich bald beschleunigten, als Gladhiaew merkte, dass sie den Anschluss verlor, denn Anganor trabte nun.

„Sie kommt wirklich“, meinte der Fürst mehr zu sich selbst. Eine Antwort folgte prompt.
„Ja. Sie hat mich…“, mit einem bestürzten Blick auf Elrond verbesserte der Jüngere seine scheinbare Unhöflichkeit schnell, „sie hat uns ja auch lieb.“
Er schmunzelte in sich hinein. Er bezweifelte nicht, dass Legolas’ erster Satz mehr der Wahrheit entsprochen hatte. Diese Stute war vernarrt in den jungen Sinda!
Gladhiaew indes trabte nun zu ihrer rechten und Legolas beobachtete sie und seine Umgebung strahlend und wand sich mal nach rechts und mal nach links, um auch nichts zu übersehen. Manchmal hatte Elrond Mühe, ihn zu halten.
Doch bald wurden Legolas’ „Ausbrüche“ seltener und der Kleine lehnte sich stärker an ihn.
Er schmunzelte und legte unwillkürlich den rechten Arm fester um Legolas’ kleinen Körper, vermittelte Sicherheit, Geborgenheit und Wärme. Dass der Elbling müde war, war kein Wunder, es wunderte ihn eher, wie lange dieser bereits durchgehalten hatte. Doch noch kämpfte er gegen den Schlaf an.
„Hattest du eigentlich gar keine Angst, dass du nicht mehr zurück finden würdest?“
Legolas schaute kurz zu ihm auf, mit müden Augen.
„Nein“, er gähnte so unauffällig wie möglich, „Gladhiaew hätte mich ja zurück gebracht.“
Er schaute wieder geradeaus, doch bald konnte Elrond spüren, dass er in den Schlaf hinüber geglitten war. Er verstärkte den Griff, der Legolas davor bewahrte, hinunter zu fallen.

Stille legte sich über seinen Weg. Friedliche Stille, untermalt von leisem Vogelgesang und den kaum hörbaren Tritten der Pferde und auch er schloss für kurze Zeit die Augen, konnte er doch seinem Hengst vertrauen. Der fand schon den Weg heim.
Er genoss die Ruhe, genoss die Tatsache, dass dort vor ihm im Sattel ein junges Leben saß, das friedlich schlafen konnte, ohne Angst haben zu müssen vor dem nächsten Tag und dem übernächsten.
Elrond streckte sein Gesicht der Sonne entgegen.
So sehr erinnerte ihn dieser Ritt an die Zeit, als Elladan und Elrohir noch vor ihm und Celebrían im Sattel gesessen hatten und sie sie festhielten und ihnen die Welt zeigen durften. Die Welt, die sie nun selbst erkundschafteten, was einerseits schön, andererseits jedoch… ja, was? Als Vater war er froh und stolz, dass seine Söhne begannen, ihre eigenen Wege zu gehen – wenn es auch nicht immer die vernünftigsten waren. Und dennoch begann ihm etwas zu fehlen…
Er seufzte. Eigentlich war er geübt darin, loszulassen. Freunde, Heimat. Dennoch gab es ein Ziehen in seiner Brust, als er daran dachte, dass seine Söhne eines Tages gänzlich ihre eigene Wege gehen würden – fort von Bruchtal, ins Abenteuer… Vielleicht in den Krieg, Tod, Gefangenschaft… Die Welt war nicht so sicher, wie sie schien, nicht so friedlich, wie sie sich gab. Er spürte, dass etwas im Untergrund rumorte, sich noch Zeit lassen würde, ganze Menschenalter Zeit, doch irgendwann hervor brechen würde. Und, dass es nichts Gutes bringen würde.
Krieg, Tod, Gefangenschaft…

Elrond öffnete die Augen, entfloh seinen Gedanken. Die Sonne schien und wärmte ihn von innen, er sah auf den blonden Haarschopf herab. Der Anblick des jungen, so unschuldigen Elben vertrieb die düstere Stimmung, die ihn beschlichen hatte, wie so oft, wenn er die Gedanken kreisen ließ – und seine geliebte Celebrían nicht da war, um ihn aus diesen zu befreien. Und er ahnte einen weiteren Grund, weshalb Thranduil sich so sehr Zeit ließ, Legolas das Reiten beizubringen. Denn damit würde er ihn der Welt freigeben, machte ihm sie zugänglich und sie ihm zugänglich. Hatte vielleicht Angst, die Nähe zu verlieren, zu dem einzigen Mitglied seiner Familie, das er noch hatte. Augenblicke wie diesen hier zu verlieren, seinen schlafenden Sohn haltend, damit dieser nicht fiel, über seine Träume wachend.
Elrond könnte es verstehen, doch es war eigentlich bereits zu spät. Legolas hatte heute bereits von der süßen Frucht gekostet und, wie er den Kleinen kannte, würde es sich nicht nehmen lassen, bald das Reiten richtig zu erlernen.
Was hatten seine Söhne da angerichtet?
Doch schließlich musste auch Thranduil wissen, dass dieser Zeitpunkt eines Tages kommen musste.
Er schmunzelte. Schließlich hatte es auch seine guten Seiten, nun, es war eine bittersüße Angelegenheit, wie so viele andere Dinge im Leben. Nicht alles war schlecht; die Sonne schien, Blätter raschelten, Wolken zogen am Himmel, Celebrían würde bald heimkehren…
Letzterer Gedankenzug schlich sich einfach so in seinen Schädel, brachte ihn allerdings dazu, Anganor anzuspornen, sodass dieser in langsamen Galopp fiel.
Er würde es seinem treuen Hengst nie sagen – es würde die stolze Seele seines Pferdes sicherlich kränken -, doch es war der reinste Schaukelpferdgalopp. Aber es war nur gut so, denn es würde den Sohn Thranduils nicht wecken.
Sein Schmunzeln wurde zu einem entspannten Lächeln und für diesen Ritt in der lebendigen Natur, die Pflichten weit weg in seinem Arbeitszimmer, verzieh er seinen Söhnen beinahe ihre Untat – zumindest für den Moment.

Bald kreuzte einer der Elben seinen Weg, die den Suchtrupp unterstützt hatten. Elrond nahm wieder etwas mehr Haltung an und sprach leise, um den Prinzen nicht zu wecken zu ihm, dass die Suche beendet werden konnte. Der Elb machte sich sogleich erleichtert auf den Weg, die anderen Suchenden zu benachrichtigen und das Sattelzeug der entflohenen Stute zu bergen und Elrond zog allein weiter. Gladhiaew trabte hinterdrein, als wäre es das natürlichste der Welt.
Kaum kamen sie der Stadt näher, war spürbar, dass sich dort etwas verändert hatte. Als Elrond erkannte, dass die Jäger früher als erwartet zurück waren, begann er ganz und gar wie ein Kind zu strahlen, wusste er doch, wen er bald wieder in die Arme schließen konnte. Und kaum machte er eine bestimmte Gestalt auf dem großen Platz aus, die geschäftig hin und her wuselte, wusste er, die Standpauke seiner Kinder musste noch bis zum Abend warten.


*

Leise öffnete sich die Tür.
Draußen war es Nacht geworden, Earendil hielt Wache über das Tal und der Mond beschien blass die stillen Häuser, Wege und Gärten der Stadt.
Zwei Gestalten traten ein, ohne einen Laut zu verursachen. Das Haar einer elleth reflektierte das sanfte Mondlicht, während das ihres Gemahls in Schatten gehüllt blieb.
Sie traten an eines von zwei Betten in diesem Raum, in dem zwei kleine Körper dicht aneinandergedrängt tief und fest schliefen. Dieser Anblick ihrer zwei Söhne erweichte ihre Herzen. Elrond beugte sich vorsichtig über die beiden.
Die Gesichter der Brüder waren nur auf den ersten Blick friedlich. Elrond sah ihre geröteten Augen und feine Linien, die sich von den Augen über die Wangen zogen und in feuchten Flecken auf dem Laken endeten. Es war nicht zu übersehen, dass die beiden sich in den Schlaf geweint haben.
Celebrían seufzte leise. Sie zog ihren Gatten nah an sich heran. „Ich denke, die zwei haben genug gelitten unter ihrem „Streich“ “, flüsterte sie ihm zu und er nickte leicht.
„In meiner Angst habe ich vielleicht vorschnell gesprochen. Doch sie mussten lernen; was sie angerichtet hatten, war schlimm, sogar lebensgefährlich.“
„Ich denke, das haben sie“, antwortete sie mit einem Blick auf die verweinten Gesichter und wiederum nickte Elrond.
Bevor sie den Raum verlassen wollten, warf er einen Blick auf die Hände seines Jüngsten und ihre gemeinsame Sorge bestätigte sich.
Sie schaute traurig. „Hat er es sich wirklich nicht getraut?“
Elrond nickte schuldbewusst. Das hätte er nicht zulassen dürfen! Elrohirs Hände waren noch immer rot und Brandblasen hatten sich auf der Handinnenfläche der zarten Kinderhände gebildet. Ganz sicher hatte hier kein Heiler einen Blick drauf geworfen, obwohl die Schuld dafür sicher nicht bei den Heilern lag.
Celebrían war herangetreten und verzog das Gesicht. „Das sieht nicht gut aus, Liebster.“
„Ganz und gar nicht“, antwortete der frustriert. „Gehst du mir zur Hand?“
„Natürlich“, sie nickte.
Elrond beugte sich nun erneut über seine Söhne. Elrohirs Arme waren um den Oberkörper seines Bruders geschlungen und so konnte Elrond glücklicherweise beide Hände erreichen, ohne die zwei voneinander trennen zu müssen.
Seine Gemahlin hatte derweil die paar Utensilien von dem Platz neben der Tür im Flur beschafft, wo Elrond sie wenige Minuten vorher hatte stehen lassen, falls sie nicht gebraucht würden. Er hatte die Verletzung seines Sohnes den Tag über nicht vergessen und er und Celebrían hatten geahnt, dass ihr Jüngster sich nach alldem, was er mit seinem Bruder angerichtet hatte, nicht zu einem Heiler getraut hatte.

Elrond kniete sich auf den weichen Teppich vor dem Bett seiner Söhne und begann
mit einem nassen Tuch die Hände seines Sohnes von Schmutz zu befreien, damit sich nicht auch noch etwas entzündete. Der junge Elb begann sich zu regen, doch er erwachte nicht. Denn leise hatte Celebrían begonnen zu singen, ein Lied, welches sie von ihrer Mutter gelernt hatte und diese wiederum von der ihren in Valimar. Es bewirkte seit jeher, einen Schlaf trotz aller Umstände andauern zu lassen, nicht jeder beherrschte diese spezielle Kunst des Singens. Doch Celebríans Mutter Galadriel war eine gute Lehrerin gewesen. Und so bewegte Elrohir sich nur kurz, um dann wieder in tiefen Schlaf zu fallen, während sein Vater vorsichtig Verbände um seine Hände anlegte. Die Mixtur aus einigen entzündungs- und schmerzhemmenden Kräutern roch süßlich mit einer gewissen Schärfe und der angenehme Duft verbreitete sich bald im ganzen Zimmer.
Elrond war froh, an diese Eventualität gedacht zu haben, denn während seiner still verrichteten Arbeit spürte er das Brennen in Elrohirs Händen – am nächsten Tag hätten sie gewiss noch ganz anders ausgesehen.
Bald war er mit der Prozedur fertig und lächelte seiner Gemahlin zu. Celebrían summte noch die Melodie weiter, während sie beide ihren Söhnen jeweils einen sanften Kuss auf die Stirn drückten. Dann nahm Elrond seine Sachen auf und ohne ein Geräusch zu verursachen, verließen die beiden den Raum, nachdem sie einen letzten Blick auf ihre Söhne, die sie so sehr liebten, geworfen hatten.
Ein Blick in das angrenzende Zimmer zeigte, dass auch ihr junger Gast friedlich schlief. Dieser war bei ihrer Ankunft in der Stadt gar nicht erwacht und Elrond hatte ihn direkt von Anganors Rücken in sein Bett getragen, welches in einem Zimmer stand, das durch eine Tür direkten Zugang zu dem ihrer Söhne hatte – von Legolas’ erstem Besuch an war das der unumstößliche Wunsch der Zwillinge und ihres Freundes gewesen. Deren Eltern hatten nichts dagegen gehabt, mochten sie doch den jungen Blondschopf, an dem nicht nur im Waldlandreich viele Elben einen Narren gefressen hatten, sehr gern.
Auch diese Tür schlossen sie und schauten sich eine Weile einfach nur an, voller Liebe in ihren Augen. Dann ließ Elrond auf einmal seine Lippen auf die seiner Gemahlin sinken, die den Kuss sanft erwiderte, bis sie sich in einer innigen Umarmung wiederfanden.
„Hab ich dir schon einmal gesagt, wiesehr ich dich liebe?“
„Nicht, dass ich wüsste“, er fühlte ihr Schmunzeln, „wofür denn?“
„Dafür, dass du uns zwei so wundervolle Söhne geboren hast und dafür, dass du vor so langer Zeit „Ja“ gesagt hast zu dem sich in seiner Furcht, auf Ablehnung zu stoßen, immer verhaspelnden Elben.“
„Habe ich das wirklich?“
„Ja.“
„Dann“, und wieder spürte er ihr Lächeln, „war das eine gute Entscheidung.“
„Was nun, die Söhne oder der stotternde Elb?“
Nun grinste sie. „Beides.“

Es dauerte noch einige Zeit, bis sie sich voneinander lösten und beschwingt von der Anwesenheit des anderen ihr Schlafgemach aufsuchten, nach diesem langen, erlebnisreichen Tag, der schon bald in einem neuen Morgen endete.




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Ich hoffe, ihr hattet den gewünschten Spaß, lasst gerne einen Kommentar da :-).
Euch ein frohes weiteres Schreiben und Lesen auf fanfiktion.de,
liebe Grüße, Ichtys :-)

Übrigens: Tipps für einen besser passenden Titel dieser Fanfiktion werden gerne angenommen. Bisher trägt sie noch den Arbeitstitel...
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