Verdiente Wahrheit

OneshotFamilie / P12
Jacob Reckless Will Reckless
08.04.2016
08.04.2016
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Okay, ich will niemanden lange aufhalten, also nur zwei Dinge:
1.: Alle Charaktere und diesem Oneshot vorhergehende Handlungen gehören Cornelia Funke, nicht mir.
2.: Diese Story hat sich in meinem Kopf zusammen gesetzt lange bevor Reckless 3 herauskam, also wundert euch nicht, dass im Buch alles etwas anders verlaufen ist.
Ach ja - Reviews sind erwünscht :D Lg, Johanna


Will war alleine zu Hause, Clara im Krankenhaus. Das Ticken einer Uhr klang durch die offenstehende Türe in das Zimmer. Es war das Arbeitszimmer seines Vaters. Wie so oft nach seinem Ausflug auf die andere Seite, stand er vor dem Spiegel und hatte Angst. Angst vor dem, was passiert war. Angst vor dem, was hätte passieren können. Angst vor seinen Erinnerungen. Angst vor den Dingen, an die er sich nicht erinnerte. Angst vor dem, was vielleicht noch passieren würde. Oder nicht passieren, das kam wohl auf den Blickwinkel an. Was er im Moment fürchtete, war dass er seit über einem Jahr nichts von seinem Bruder gehört hatte. Jedes mal wenn er nach Hause kam erwartete er halb, dass sein Bruder in der Küche stehen und Tee trinken würde. Tee, eine ihrer wenigen Gemeinsamkeiten. Oder dass ein Zettel am Kühlschrank hängen würde, dass Jacob auf einer Auktion oder Konferenz war und auf dem Rückweg in die Spiegelwelt kurz vorbeischauen würde. Was wenn nichts von dem geschehen würde? Jacob war schon immer über längere Zeiträume verschwunden geblieben, aber jetzt wusste Will, wie gefährlich sein großer Bruder tatsächlich lebte. Klar, Jacob hatte Fuchs, die auf ihn aufpasste. Aber trotz allem machte er sich Sorgen.
Will blickte auf die Uhr an seinem linken Handgelenk. Jacob hatte seine eigene Uhr immer rechts getragen. Jacob war Linkshänder. Es war sechs Uhr abends. Er seufzte und ging in die Küche. Er wollte nicht, dass Clara ihn schon wieder vor dem Spiegel fand. Die Gefahren auf der anderen Seite beunruhigten sie mehr als ihn. Und richtig, Will hatte den Tee noch nicht fertig aufgegossen, da hörte er wie sich der Schlüssel im Schloss zur Wohnung drehte. Er lächelte. Clara war früh dran, sie musste sich beeilt haben. Er wollte ihr schon eine Begrüßung zurufen, da hörte er Stimmen.
"Bist du sicher, dass du nicht mit willst?" Es war die Stimme einer Frau, aber es war nicht Clara. Und sie sprach nicht mit ihm.
"Ich bin sicher. Ich muss mit Will reden. Ich bin zu lange weg gewesen. Schon wieder." Die Frau sprach nicht mit ihm. Sie sprach mit dem anderen Reckless Bruder. Will stürmte in den Flur und rief: "Jacob!" Sein Bruder fuhr herum. Seine Haare waren länger geworden und seine Haut braun gebrannt. Er trug normale Jeans und T-Shirt.
"Will. Du bist zu Hause", sagte Jacob und klang nur milde überrascht.
"Wie bist du hergekommen? Wo bist du gewesen? Ich habe nicht mitgekommen, dass du gekommen bist. Und - Fuchs? Was machst du hier?"
"Das", meinte Jacob und lächelte belustigt: "Sind eine Menge Fragen und eine lange Geschichte. Aber ich glaube Fuchs sollte sich vorher auf den Weg machen."
Fuchs nickte. "Hallo, Will", sagte sie mit derselben rauhen Stimme wie ein Jahr zuvor. Aber sie war nicht diesselbe. Sie war erwachsen geworden. Innerhalb von einem Jahr, einfach so.
"Oh. Okay. Dann kommt." Zu dritt betraten sie das Zimmer mit dem Spiegel. Fuchs drehte sich um, um sich zu verabschieden.
"Schön dich zu sehen, Will. Wenn auch nur kurz." Sie schüttelte ihm unbeholfen die Hand und nahm dann Jacobs. "Wir sehen uns in zwei Tagen bei Chanute." Jacob nickte. Die beiden schüttelten sich nicht die Hände. Sie hielten einander einfach nur fest.
"Hör dich um, aber sei vorsichtig. Wir sind erst ein paar Wochen weg. Man wird noch nach uns suchen."
"Ich kann auf mich aufpassen", antwortete Fuchs knapp.
"Ich habe nie etwas anderes behauptet", erwiderte sein Bruder in ähnlichem Tonfall. Fuchs lies seine Hand los und legte die andere auf das Spiegelglas.
"Vergiss es nicht. Zwei Tage!" Und damit war sie verschwunden. Jacob lächelte und führte Will in die Küche zurück. Sie schenkten sich jeder eine Tasse Tee ein und setzten sich schweigend an den Tisch. So verharrten sie einige Minuten. Keiner von beiden wusste, wo er anfangen soll.
"Du und Fuchs", fragte Will auf einmal ungewöhnlich direkt: "Seid ihr zusammen?" Jacob lachte auf.
"Weil sie eben meine Hand gehalten hat? Nein. Nein, wir sind nicht zusammen. Fuchs ist viel zu schlau, als dass sie den Fehler machen würde."
Will runzelte die Stirn, hakte aber nicht nach. Stattdessen wechselte er das Thema. "Wann seid ihr gekommen? Wir haben nichts mitbekommen und -"
"Wir sind nicht durch den Spiegel gekommen", sagte Jacob ruhig und beobachtete Will dabei genau: "Nicht durch diesen Spiegel jedenfalls."
Sein Mund klappte auf. Nach dem ersten Spiegelpaar hätte ihn das eigentlich nicht so sehr schockieren sollen - aber es war, als hätte er aufs neue eine andere Welt entdeckt. "Es - es gibt mehr als einen Spiegel?"
Jacob nickte. "Wir haben ihn in einem verlassenen Schloss gefunden und sind irgendwo in Polen wieder rausgekommen. War ziemlich mühsam, es bis nach New York zu schaffen."
"Wieso seid ihr nicht durch denselben Spiegel zurück gegangen?"
"Ich habe ihn zerschlagen", antwortete Jacob.
"Du hast WAS?", fragte Will ungläubig.
"Wir wurden verfolgt", erklärte Jacob Schulter zuckend: "Ich hatte nicht wirklich eine Wahl. Es war ein sehr... chaotischer Tag, könnte man sagen."
"Du würdest mir nicht die Wahrheit erzählen, selbst wenn ich fragen würde. Oder?" Jacob biss sich auf die Lippe. Er hörte den Schmerz in Wills Stimme. Er wollte nicht, dass sein Bruder alles erfuhr. Aber andererseits - Will hatte die Wahrheit verdient. Er hatte ihn zu oft mit einer Lüge auf seine Rückkehr warten lassen.
"Wir haben nach einem Schatz gesucht. Das heißt, eher eine Waffe, eine Armbrust. Eine Erlelfwaffe. Sie hat einmal einem König gehört. Es heißt..." Jacob erzählte Will die Legende über den grausamen Hexer. Er erklärte, was es mit der Waffe auf sich hatte und warum sie so begehrt war. Er erzählte von dem Kopf, der Hand und dem Herz. Von dem Bastard, dem Prinz von Lothringen, dem Krieg. Er ließ den Teil aus, als er glaubte ihren Vater gesehen zu haben und fasste den Teil über Troisclerq den Blaubart so kurz wie möglich.
"Wow. Das klingt furchtbar. Was mich an eine Frage erinnert, die du trotz der langen Geschichte nicht beantwortet hast: Warum das ganze? Eine Armbrust, die eine ganze Armee vernichten kann - das ist nicht dein Stil, Jacob. Hast du es wegen der Herausforderung getan? Oder weil du endlich ernst zu nehmende Konkurrenz hattest? Was hattest du mit der Armbrust vor? An wen wolltest du sie verkaufen?"
Jacob schloss die Augen. Er schuldete Will diese Erklärung. Er hatte sich selbst ein Jahr Aufschub genehmigt, aber es war Zeit.
"Ich wollte sie nicht verkaufen. Selbst ich habe ein Gewissen, weißt du?", meinte er düster und sah Will in die Augen: "Ich habe die Armbrust versteckt. Es ging mir nicht um eine Belohnung oder darum, meinen Ruf als bester Schatzjäger zu waren. Ich brauchte die Armbrust selbst."
"Wofür? Weshalb solltest du so viele Menschen umbringen wollen? Außerdem hast du doch gerade gesagt, du hättest die Armbrust versteckt, obwohl du sie noch gar nicht benutzt hast!"
"Du verstehst nicht. Ich wollte auf niemanden damit schießen. Fuchs hätte schießen sollen, aber dann hat der Bastard es getan. Du hast die Geschichte doch gehört. Weil der Hexenkönig ursprünglich aus der selben Welt kam, konnte die Waffe mich nicht töten. Der dritte Schuss."
"Du WOLLTEST, dass Fuchs auf dich schießt? Aber wieso..." Wills Augen weiteten sich. "Weil du sonst gestorben wärst. Jacob... der dritte Schuss - das hattet ihr geplant! Oder gehofft, die Legende war ja doch eher wage, wenn du mich fragst."
"Es war meine letzte Hoffnung. Alles andere hat nicht gewirkt." Jacob schluckte. Die Wahrheit kam weiter unausweichlich auf sie zu. Und dann stellte Will die Frage.
"Gegen was hat es nicht gewirkt?"
Jacob holte tief Luft. "Einen Feen Fluch. Den Fluch der dunklen Fee."
"Nein. Nein, das kann nicht... Das war der Preis, nicht war? Für mich. Du hast mein Leben gegen deins getauscht."
"So einfach ist es nicht. Die dunkle Fee hat keinen Preis genannt. Die Gewissheit, dass ich sterben würde war ihr glaube ich genug. Falls sie überhaupt bezahlt werden wollte. Je mehr Intrigen an den kaiserlichen Höfen sich auftun, desto weniger sicher bin ich mir, wer eigentlich die guten und die schlechten sind. Es war die rote Fee. Ich habe sie verlassen, Jahre bevor du krank wurdest. Und sie hat die Gelegenheit genutzt, um sich zu rächen. Sie hatte einen Plan, der mich und ihre Schwester gleicher Maßen aus dem Verkehr ziehen sollte. Es war die rote Fee, die mir den wahren Namen ihrer Schwester nannte. Sie hat nur nicht erwähnt, dass jeder, der diesen Namen laut ausspricht, sterben muss." Will schauderte. Er fühlte sich immer noch schuldig. Schließlich war Jacob seinetwegen zu der roten Fee zurück gegangen. Doch die Tatsache, dass der Zorn der roten Fee lange vor seinem erscheinen in der Spiegelwelt gesäht worden war, machte es erträglich. Und eine wichtige Sache durfte er nicht vergessen.
"Aber du hast überlebt. Und die dunkle Fee ist frei. Die rote Fee ist bestimmt rasend vor Wut. Genau so die ehemalige Kaiserin von Austrien, der König von Lothringen, der Bastard - die alle wollen dich tot sehen und trotzdem gehst du zurück."
"Nicht heute. Ich bleibe bis morgen, wenn das in Ordnung ist."
"Du könntest auch länger bleiben. Wenn du willst." Jacob lächelte. Er wusste, dass Will es so meinte. Jahre lang war sein kleiner Bruder wütend auf ihn gewesen. Nicht offen, aber er war es gewesen. Es schien, als hätte Jacob seine Schuld endlich beglichen. Nicht, weil er Wills Leben gerettet hatte. Sondern weil er ihm vertraut hatte. Er hatte ihm die Wahrheit erzählt. So nahe waren sich die beiden Brüder seit über zehn Jahren nicht gewesen.
Aber Jacob konnte nicht bleiben. Er lächelte und wusste, dass er nicht mehr als zwei Worte brauchte, damit sein Bruder verstand.
"Fuchs wartet."
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