Hey, mein Großer ...

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Black Widow / Natasha Romanoff Hulk / Bruce Banner
06.04.2016
06.04.2016
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Bruce sitzt im Stark-Tower auf dem langen Sofa in dieser weiträumigen Lounge, er ist allein. Er blickt hinaus aus dem riesigen Panoramfenster. Seit einer Woche wohnt er hier, er wird jedoch nicht für lange hier bleiben. Tony und Bruce schätzen sich als Wissenschaftler und auch als Freunde, obwohl die Unterschiede in Temperament und Grundcharakter kaum größer sein könnten. Tony hat ihm jederzeit Wohnraum zugesichert und sogar einen Labortrakt eingerichtet. Bruce nutzt dies unregelmäßig. Die vergangenen Monate war er in einem osteuropäischen Krisengebiet unterwegs, hat den Menschen geholfen und sie medizinisch versorgt, hat seine vielfältige Kompetenz nachhaltig und seine Sprachkenntnisse sinnvoll einsetzen können. Nun sammelt er Kräfte und Gelder für einen weiteren längeren Aufenthalt dort – finanzielle Sorgen hat er nicht, seine wissenschaftlichen Forschungen und Publikationen sind weiterhin gefragt.
Bislang ist die Avenger-Initiative nicht wieder einberufen worden, seit New York gab es  zwar noch mehrere kleinere Einsätze, doch an diesen war bspw. Thor nicht beteiligt … seit dem letzten Einsatz haben sie sich alle nur sporadisch gesehen oder gehört, wichtige Gründe dafür gab es nie. Bruce kann das nur Recht sein, die Avengers haben für ihn keine Priorität. Die Laborarbeit ist eine gute Möglichkeit für ihn die Gedanken zu zerstreuen und seinen Geist wach zu halten und zu fordern. Nächtelang sitzt er über seinen Forschungen und den Fragen der Wissenschaft.

Draußen ist der Spätsommer eingekehrt, die Nächte sind bereits frisch und Blätter wirbeln durch die Parks. Bruce mag dieses Wetter. Tony und Pepper haben sich vor ein paar Minuten in ihre Privaträume verabschiedet. Es ist bereits Abend, ab und zu bricht noch die Abendsonne durch die Wolken durch, es mag gegen 20:00 Uhr sein. Bruce hat bis jetzt seine Ruhe gehabt, er hat eine Platte von Verdi aufgelegt, das Abendlicht der Sonne beobachtet und im Moment ist er in ein Buch vertieft. An solchen Abenden genießt er die Einsamkeit...
Mit einem Mal setzt die Musik aus, es dauert einen Moment, ehe Bruce das bewusst wird. Verwirrt sieht er von seinem Buch auf, instinktiv blickt er zu der Musikquelle, welche nun stumm ist. Natasha steht neben dem Schallplattenspieler, lächelnd, recht leger in dunkler Hose und hellem Shirt, einen dünnen Pullover über dem Arm, barfuß. Er hat sie nicht erwartet. „Natasha.“, verwundert sieht er zu ihr hinüber. Sie ist und bleibt ihm ein Rätsel. Die Agentin blickt ihn fast verlegen an: „Meine Mission war schneller beendet als gedacht. Tony weiß Bescheid.“ Natürlich weiß er das. Und vermutlich hat er sich auch deswegen bereits jetzt zurück gezogen; für gewöhnlich bleibt er mindestens genauso lange in der Lounge wie Bruce und gönnt sich seine selbst gemixten Drinks bei Fachsimpelei und anderweitiger Kommunikation. Eine stets unterhaltsame, wenn auch zur fortgeschrittenen Stunde bisweilen anstrengende Gesellschaft. Heute also nicht. Bruce hätte es ahnen können. Er seufzt, dann lächelt er flüchtig zu Natasha herüber und deutet mit der Hand einladend neben sich auf das lange Sofa. Reine Höflichkeit, eigentlich hat er gerade keinerlei Muse für Gespräche oder Gesellschaft – doch dafür kann Natasha nichts, und er möchte nicht, dass sie das persönlich nimmt.

Natasha wirft ihren Pullover auf das Sofa und setzt sich neben ihn, Bruce mustert sie kurz und lächelt flüchtig und auch etwas unsicher, ehe er seinen Blick dem Panoramafenster zuwendet. Es wäre zu unhöflich einfach weiter zu lesen, also wählt er die unverfänglichere Variante. Langsam reibt er sich die Hände, so macht er es oft, wenn er sich nicht wohl fühlt. Er mag keine Überraschungen und noch weniger unangekündigte Besuche. Er ärgert sich über Tony, dass dieser ihn wissentlich in diese Situation gebracht hat, und leider ist er auch wütend auf Natasha – sie muss das doch wissen. Und genau deswegen ahnt er nichts Gutes, sie ist aus einem bestimmten Grund hier; und dieser wird ihm nicht gefallen. Soviel hat sich Bruce schon zusammen gereimt, da ist noch gar kein weiteres Wort gefallen.

Natasha lässt ihm Zeit, sie blickt wie er eine Weile stumm hinaus auf die ruhiger werdende Stadt. Trotz seines Schweigens scheint Natasha zufrieden zu sein. Schließlich meint sie leise: „Ich wollte dich sehen. Du antwortest ja nicht auf meine Nachrichten.“, es klingt nicht vorwurfsvoll. Er ignoriert die letzte Bemerkung und fragt nur: „Wie war es in Belfast?“
„Kurzweilig und erfolgreich.“ Natashas Antwort fällt gewohnt knapp aus. Sie berichtet nie detailliert über ihre Missionen, zum Einen weil das ihre Art ist, zum Anderen, weil das sicherlich nicht im Sinne der Auftraggeber wäre.
„War Barton mit dabei?“
„Er hat mich einmal aus einer schwierigen Situation gerettet, ja.“, sie berichtet das, als wäre das nunmal nicht zu ändern. Dieses Risiko, welchem sie stets ausgesetzt ist, gefällt ihm nicht. Denn sie ist ihm nicht egal. In den vergangenen Monaten hat sich zwischen ihnen eine gute und angenehme Freundschaft aufgebaut, wobei es fast immer Natasha ist, die sich meldet oder den Kontakt sucht. Es hat mehrere Wochen gedauert, bis sie vom förmlichen Sie zum vertrauteren Du gewechselt sind. Beide brauchen für gewöhnlich sehr viel Zeit, was Vertrauen angeht. Das ist nichts, was sie leichtfertig vergeben würden – dafür ist ihre Vergangenheit zu sehr geprägt. Sie können miteinander über vieles vorurteilsfrei und verständnisvoll sprechen – sie können beide aufmerksam zuhören, klugen oder amüsanten Rat geben, mit Sarkasmus und Ironie wunderbar umgehen und ebenso unbekümmert den jeweils anderen auf den Boden der Tatsachen zurückholen oder wieder hinaufziehen. Sie sind eigentlich von sehr unterschiedlicher Art und Temperament, doch ergänzen sie sich als Freunde unverhofft gut, und zumindest Natasha würde Bruce als Freund beinahe vermissen. Sie hält ihn zwar für einen besonderen Menschen, doch noch scheint er ihr, wäre der Kontakt zu ihm für längere Zeit komplett abgebrochen, ersetzbar zu sein … zumindest redet sie sich das ein. Sie hat keine gute Erfahrungen damit gemacht, wenn ihr vertraute Personen unersetzlich wurden. Bisher war dies nur zweimal der Fall. Beides endete in Leid und Tränen. Emotionale Offenbarung. Schmerz. Gebrochenes Herz. Verlust. Und all das wurde ihr systematisch und endgültig ausgetrieben, all das kann sich Natasha nicht leisten. Wäre sie überhaupt noch dazu fähig?

Im Moment interessiert Bruce jedoch nur folgendes:
„Hast du dich verletzt?“
„Die üblichen Kratzer.“
„Definiere: üblich.“, er blickt sie von der Seite an.
„Abschürfungen, mehr nicht.“
Bruce hält kurz inne, als müsse er darüber nachdenken, ob er ihr das glauben kann oder nicht: „Sicher?“, er fragt das nur einmal.
„Sicher. Wie war es in Osteuropa?“
„Russland geht es gut....habe ich gehört.“
„Wo genau warst du?“
„Kennst du nicht.“, deutlicher kann Bruce nicht sagen, dass er nicht darüber reden möchte.
„Hattest du einen Rückfall?“, fragt Natasha unvermittelt. Darum also geht es ihr, mal wieder. Bruce spricht nicht gern darüber. Zudem verwirrt es ihn, dass sich jemand dafür interessiert. Es ist ein Tabuthema, ein Thema, was er nur mit sich selbst ausmacht, weil es schon immer so war. So rasch wie jetzt erreichen sie das Tabuthema sonst selten. Doch Natasha hat schnell begriffen, dass es bei Bruce wenig bringt, lange drumherum zu reden. Er selbst ist ein Meister darin. Also muss sie ihn aus der Reserve locken.
„Die Nachrichten haben nichts davon berichtet – was schlussfolgerst du daraus?“, erwidert Bruce und blickt sie flüchtig an.
„Nur weil die Nachrichten nicht davon berichten, heißt das nicht, dass es nicht passiert ist.“
„Du hättest davon gehört, ganz bestimmt.“, kontert Bruce, er weiß um ihre Fähigkeiten an Informationen zu kommen.
Natasha bleibt bei der Sache: „Warst du kurz davor?“, warum stellt sie ihm diese wissende Frage.
„Kurz vor was?“, Bruce kann auch wissende Fragen stellen.
Natasha bleibt geduldig: „Kurz davor, dass der Andere ausbricht. Gab es brenzlige Situationen?“
„Nein.“ antwortet Bruce sofort, doch dann korrigiert er sich: „Obwohl, einmal wurde es brenzlig. Da war eine Frau, recht hübsch, recht direkt, die mir bohrende Fragen stellte.“, er blickt sie von der Seite an: „Da war ich wirklich kurz davor.“, er lächelt unmerklich. Natasha versteht und hebt eine Augenbraue: „Und wie hast du dich beherrschen können?“, spielt sie das zweideutige Spiel mit.
„Ich habe versucht diese Person auszublenden.“
„Fiel dir das leicht?“, fragt Natasha erwartungsvoller als sie möchte.
Er blickt sie an: „Was glaubst du?“
Natasha lächelt gespielt unsicher: „Ich kenne die Frau nicht.“
Einen Moment blicken sie sich an. „Nein, es funktionierte nicht.“, sagt Bruce dann und fügt bedauernd hinzu: „Also bin ich aufgestanden und gegangen.“, er erhebt sich etwas zu schnell, als hätte er Sorge, dass er es sich nochmal anders überlegt. Im nächsten Moment spürt er ihre Hand an seinem Handgelenk. Sie hält ihn zurück. So schnell kommt er ihr nicht davon. „Geh nicht.“, bittet Natasha und zieht ihn sanft wieder auf seinen Platz zurück. Er lässt sich neben sie auf das Sofa fallen und seufzt: „Es war einen Versuch wert.“
„Er war ziemlich durchschaubar.“, tröstet ihn Natasha amüsiert.
„Findest du?“ Er blickt wieder hinaus auf die Stadt, zum ersten Mal ist er Tony dankbar für dessen Dekadenz, welche dieses riesige ablenkende Panoramafenster zustande brachte.
Erneut herrscht Schweigen.

„New York in der Abenddämmerung ist eine schöne Stadt.“, meint Natasha beiläufig, ohne den Blick von den Stadtlichtern abzuwenden. Bruce nickt nur.
„Belfast auch.“, plaudert Natasha weiter: „Eigentlich sind die meisten Städte in der Dämmerung oder bei Nacht schöner als am Tage. Wenn man von der Kriminalität absieht.“
„Wollen wir auch noch über das Wetter reden?“, fragt Bruce zynisch.
„Möchtest du?“, Natasha blickt ihn munter an. Ja, sie spielt ganz eindeutig ein Spiel mit ihm. Bruce blickt auf die Uhr. Natasha lächelt leicht, er ist zu höflich, als dass er sie direkt aus diesem Raum schicken würde. Sie weiß, dass er sie im Moment hier nur duldet, nicht mehr. Erneut herrscht Stille. Bruce wird nervös. Das bleibt nicht unbemerkt.
„Diese Geschichte von der Frau... ich fand sie schön.“, sagt Natasha schließlich. Bruce lacht kurz und abfällig auf, er glaubt ihr kein Wort. Natasha ist alles mögliche, nur keine sentimentale Person. Doch er ahnt, dass sie auf etwas hinaus will, also schweigt er. Natasha ist viel zu gut darin, aus nur jedweder Antwort, und sei sie noch so nichtig, ein einnehmendes Gespräch aufzubauen. Und das mag er gerade gar nicht. Das mag er generell selten.
„Du hast den Anderen beherrschen können. Warum, hm?“
„Es gab schon schlimmere Situationen, in denen ich mich beherrschen konnte.“, weicht Bruce aus.
Natasha dreht sich seitlich zu ihm hin, zieht das linke Bein an, sodass sie bequemer sitzt und blickt ihn ernst an: „Bruce, das ist wichtig.“
„Für dich?“
„Für uns.“
Bruce sieht verwirrt zu ihr: „Das ist ein weites Feld, wen genau schließt uns alles mit ein?“
„Bitte, ich meine es ernst. Bis hierher war es nur ein kurzes, nettes Spiel.“ Ein nettes Spiel? Es war nervend, es war einseitig, es war alles, nur nicht nett! Bruce hebt kurz die Augenbrauen, doch Natashas Blick wird sehr eindringlich und sie macht deutlich, dass sie kein Ausweichen dulden wird.
Bruce ist sichtlich irritiert, er seufzt leise und legt das Buch endgültig beiseite, zum Lesen wird er heute nicht mehr kommen. Natasha wartet geduldig, und schließlich versucht es Bruce mit einer ehrlichen und zugleich unbeholfenen Antwort: „Wenn du diese Fragen stellst, wenn du … wenn du diese Art an dir hast, dann stehe ich mit dem Rücken zu Wand. Du lässt mir keine Ausweichmöglichkeiten. Immer wieder. Das machst du oft, ich weiß nicht, ob dir das bewusst ist. Jedes Mal wenn wir uns sehen. Das stresst mich, und das weißt du. Und was ein gewisser Stresspegel für mich bedeutet kann, das weißt du auch. Aber … aber du beeindruckst mich auch. Und dann versuche ich mich noch mehr zu beherrschen. Das ist ein Kreislauf, ein anstrengender, verwirrender Kreislauf...“, fast verlegen wiederholt er: „Ja, du beeindruckst mich. Schon damals, in Kalkutta.“
„Ich beeindrucke dich also … auch den Anderen?“, fragt Natasha leise. Bruce' skeptischer Blick weicht plötzlich der Erkenntnis, jetzt begreift er: „Natasha, bitte, das Thema hatten wir abgehakt. Es gibt keine Möglichkeit für Dritte, den Anderen zu kontrollieren.“

Sie lässt nicht locker. Bruce wehrt ab. Er glaubt einfach nicht, dass es eine verlässliche Methode gibt, den Anderen irgendwie zu beruhigen. Das kann nur er selbst. Nur er hat die Kontrolle – oder verliert sie. Natasha hingegen glaubt, dass sie ihm mit einem Beruhigungsritual zu jeder Zeit bei der Menschwerdung helfen könne, vielleicht wäre dies ja auch mitten im Kampf nötig, aus strategischen Gründen oder zum Schutz der Zivilbevölkerung. Doch Bruce ist das zu heikel, keiner der Avengers soll wegen ihm ein Risiko eingehen – zumal für eine Sache, die nicht funktionieren wird. Niemand weiß das besser als er, auch nicht Natasha. Sie führen diese Diskussion nicht zum ersten Mal. So auch jetzt.

Unbeeindruckt blickt ihn Natasha an und sagt überzeugt: „Ich habe gesehen, dass du … dass der Andere ruhiger wird, wenn wir Augenkontakt haben. Erinnerst du dich an Washington vor drei Monaten? Wenn der Andere sich auf mich konzentriert, hält er kurz inne. Er wird ruhiger. Das müssen wir ausnutzen.“
Bruce sieht sie zweifelnd an: „Das hat nichts mit dir zu tun. Er ist abgelenkt, mehr nicht.“ „Oder er ist beeindruckt.“, greift sie augenzwinkernd seine Aussage von vorhin auf. Bruce winkt ab, er kann mit Vermutungen nichts anfangen: „Natasha, ich kann dir versichern, dass dem Anderen egal ist, ob du  vor ihm stehst oder Tony oder Rogers oder sonstwer. Ihr alle seid Teil des Teams, und das lässt ihn kurz inne halten. Er kann bisweilen zwischen Freund und Feind unterscheiden, wenn er nicht völlig in Rage ist. Ihr kennt den wahren Hulk nicht. Euer Vorteil. Mehr nicht.“, wiederholt er entschieden.
Doch Natasha lächelt aufmunternd: „Das ist doch sehr gut. Wir müssen die Ablenkung länger halten, der Andere muss sich darauf einlassen, auf eine ihm vertraute Person“, sie deutet mit dem Zeigefinger auf sich: „... und damit etwas verbinden. Nämlich, dass er seine Arbeit getan hat.“
Bruce weiß gerade gar nicht, worüber er sich zuerst aufregen soll: über ihre für sie doch recht untypische Naivität, über ihre Überheblichkeit sich als ihm vertraute Person  zu bezeichnen, über ihre provokante Art ihn einfach nicht ernst zu nehmen, über ihre unerschütterliche Zuversicht – er hätte gern auch nur einen Bruchteil davon, doch er ist Realist. .... Und so sagt er einfach nur: „Der Andere hat nie Feierabend.“
„Der Andere entscheidet das nicht.“, stellt Natasha fest. Für Bruce scheint das ziemlich leicht dahin gesagt. Allmählich erreicht sie mit ihren ständigen Widerworten seine Grenzen der Geduld. Er blickt sie angespannt an, beugt sich nach vorn, stützt seine Ellenbogen auf die Knie und reibt langsam die Handflächen aneinander: „Was weißt du schon davon, hm?“
„Ich kann mich nur daran halten was ich sehe, und ich glaube, dass wir das schaffen.“, Natasha lässt sich nicht beirren.
„Und ich  glaube, dass der Andere das entscheidet, nicht du.“
„Du gibst ihm mehr Macht, als er hat.“
Wie bitte? Glaubt sie das wirklich? Bruce hebt die Augenbrauen und sucht nach Worten. Ihm bleibt nur eine ungläubige wie weiträumige Geste mit den Händen und fassungslos erwidert er: „Natasha … du …. du hast gesehen, was er anrichtet!“
„Genau. Und das muss nicht sein.“
Bruce holt tief Luft, doch Natasha lässt ihm keine Zeit zur Gegenwehr, sondern spricht ruhig und eindringlich weiter auf ihn ein: „Versteh doch, du könntest dich schneller beruhigen, du wärst nicht allein, du hättest einen Fixpunkt, wir könnten schlimmere Situationen durch den Anderen vermeiden. Gemeinsam. Was spricht dagegen?“
„Alles andere.“
„Das ist zu wenig.“
„Du machst mich fertig.“, Bruce seufzt ergeben, doch innerlich ist er alles andere als ergeben: er merkt, dass ihn ihre seltsame Unverständigkeit zunehmend wütend macht, denn es macht ihn hilflos. Er hat das Gefühl, er kann sagen was er will – für seine Gegenargumente scheint Natasha heute nicht empfänglich.

„Er nimmt Befehle von Cap entgegen, er hört zu.“, erinnert Natasha ihn nicht nur an New York. Bruce lacht kurz auf: „Du meinst wirklich, du kannst ihn manipulieren? Ernsthaft?“ er lächelt sie mitleidig an: „Er ist kein Hund, den man dressieren kann.“
„Lass es mich ausprobieren.“
Bruce schließt kurz die Augen und holt tief Luft. Er fühlt sich gerade ziemlich erniedrigt. Natasha verteilt heute einige verbale Ohrfeigen, die lange nachbrennen werden. Doch er schweigt auch dazu. Im Grunde ist das seine Antwort, doch Natasha kann sehr hartnäckig sein. Bisweilen treibt ihn das ziemlich in die Enge und das mag er nicht. Der Andere mag das noch weniger. „Natasha...“, beginnt Bruce schließlich. So beginnt er immer einen Satz, wenn er ihr gegenüber unsicher ist oder sie mahnen muss. „Ich weiß nicht, warum du unbedingt –“
„Warum willst du es unbedingt nicht  versuchen?“

Bruce fährt sich nervös mit der Hand durch den wirren Haarschopf, er weicht Natashas fragenden Blick aus. Natasha lässt die Frage schweigend und unerbittlich im Raum stehen. Bruce schüttelt kurz den Kopf und verbirgt dann stumm das Gesicht in seinen Händen. Er atmet tief durch. Und noch einmal. Kalter Schweiß steht auf seiner Stirn, er ist gestresst. Das ist nicht gut … Noch einmal tief Luft holen. Er beruhigt sich etwas; zumindest für den Moment. Dann blickt er Natasha resigniert an: „Warum tust du das?“
„Was?“, Natasha hebt eine Augenbraue. Ganz ruhig und sachlich stellt Natasha diese Frage, mit einer Stimmlage, die sie sich durch die unzähligen Verhöre ihrer Agentenlaufbahn angeeignet hat. Und genau diese Art bringt Bruce in Rage.
„Das weißt du!“ Bruce macht erneut eine weiträumige Geste mit beiden Händen: „Ich hätte längst gehen können. Ich muss mir das nicht anhören, ich muss mich für nichts rechtfertigen! Doch ich bin noch hier, und warum? Weil es nichts ändern würde. Weil es nie aufhört, weil du  nie aufhörst! Immer wieder haben wir dieses Thema, dabei kennst du meinen Standpunkt! Warum lässt du mich nicht, wie ich bin, warum mischst du dich ein?!“, Bruce ist aufgestanden, er muss auf sie herab blicken, um der Situation Herr zu bleiben: „Du hast den Anderen erst zwei- oder dreimal gesehen und maßt dich an, ihn einschätzen zu können. Das kann nicht mal ich selbst!! Du sprichst mit mir, als würdest du mir erklären müssen, wie der Andere tickt. Kennst du sein Leben, kennst du mein Leben?!“ Natasha blickt ihn ruhig an und sagt leise: „Ich würde gern.“ Bruce hält kurz inne, es dauert einen Moment bis er ihre Worte begreift, dann erwidert er nur: „Nicht zu diesem Preis.“
„Es ist meine Entscheidung, ob ich ihn zahle.“
„Aber ich muss damit leben. Du denkst, du kannst mir helfen. Doch brauche ich Hilfe? Habe ich um Hilfe gebeten? Habe ich jemals gesagt, dass ich dich brauche?!“ Er spricht nie so emotional, er macht Natasha nie Vorwürfe – doch jetzt muss es sein, er braucht Abstand.
Natasha hört ihm stumm zu, sie blickt zu ihm hoch und erwidert: „Nur noch einen  Versuch, Bruce.“
„Das sagst du mir nun schon zum dritten Mal. Und ich sage Nein. Das letzte Mal war schlimm genug. Stichwort: Vancouver.“
„Das war meine Schuld, ich war zu übermütig. Ich dachte, ich hätte dich... ihn im Griff.“
„Das glaubst du? Ernsthaft? Den Anderen kann man nicht im Griff  haben. Du hast nur knapp überlebt, und auch nur, weil Steve zur Stelle war.“, erinnert sie Bruce fassungslos.
„Ich weiß, was ich falsch gemacht habe.“ Natasha lächelt flüchtig: „Und glaub mir, ich begehe einen Fehler niemals zweimal.“
„Manche Fehler können auch beim ersten Mal sehr konsequent sein. Für manche Fehler gibt es kein zweites Mal.“
„Ich bitte dich, nur noch einen Versuch.“, beharrt Natasha.
Bruce reicht es. „Mit einem Versuch ist es nicht getan!“, er wird ungewohnt laut und geht vor ihr auf und ab: „Verstehst du das denn nicht?! Ein Ritual braucht Wiederholungen, es muss Automatismen entwickeln. Es braucht mehrere Chancen, und die haben wir nicht! Ich habe sie nicht. Ich kann nicht sagen, wie oft es noch halbwegs gut ausgeht, und ich möchte nichts riskieren! Ich möchte dich  nicht riskieren. Mit einem Versuch allein erreichen wir gar nichts!“
Natasha hebt eine Augenbraue, ein Lächeln huscht über ihr Gesicht: „Es scheint dich zu beschäftigen.“
„Du lässt mir ja keine andere Wahl!!“
Natasha bleibt weiter ruhig, es bringt nichts, nun ebenfalls laut zu werden. Und sie bleibt beim Thema: „Ein Versuch, ein Resultat. Das haben wir schon zweimal geschafft. Damit können wir arbeiten. Schritt für Schritt zur Lösung. Diese Methode müsste dir doch bekannt sein.“
„Wissenschaft und Experimente haben ihre Grenzen. Und die würde ich  gerne setzen, nicht du.“
„Bei gescheiterten Versuchen gibt es keine Grenzen. Die Sachlage ist eindeutig. Es wäre immer wieder ein neuer Anfang, und eine neue Chance. Sieh es doch mal so.“
„Es wäre jederzeit dein Tod! So sehe ich  das!“ Begreift sie das denn wirklich nicht? Resigniert blickt er aus dem Fenster, er ist wütend und verzweifelt – keine gute Kombination. „Du würdest sterben dabei.“, wiederholt er nachdrücklich.
„Du weißt, dass das nicht stimmt. … doch du befürchtest es.“, sie blickt ihn mit großen Augen an. „Was?“, er blickt sie kurz verwirrt an, dann versteht er und zuckt mit den Schultern: „Ja, vielleicht befürchte ich es.“
„Bei Dr. Bruce Banner gibt es kein vielleicht.“, setzt ihm Natasha weiter zu.
„Ja, gut, ich habe Angst, dass ich dich töte! So wie ich jeden anderen in diesem Zustand töten kann. Ist das denn so abwegig?!“
„Nein. Aber du hast gerade Angst vor Dingen, die rein hypothetisch sind. Situationen, die noch nicht mal geschehen sind.“
„Ja, und dafür bin ich sehr dankbar!“
„Ich habe schon einmal einen Wutausbruch von dir überlebt, der gezielt gegen mich gerichtet war.“
„Da war Thor dabei. Und du hattest Angst! Das ist keine gute Basis gegenüber einem wütenden Koloss!“
„Angst ist ein natürlicher Instinkt in so einer Situation, alles andere wäre lebensmüde.“
Bruce fährt herum und macht eine bestätigende Geste in ihre Richtung: „Und genau das bist du, du bist lebensmüde, wenn du dich auf deine Idee einlässt!“

Sie blickt ihn ernst an: „Bruce, du weißt, dass ich es versuchen werde. Egal, was du sagst. Du kannst mich nicht aufhalten, wenn der Andere da ist.“ Ihre letzte Trumpfkarte. Und sie sticht.
Bruce kann nicht glauben, was er da gerade hört, fassungslos sieht er sie an: „Dann lässt du mir also wirklich keine Wahl?“, für einen Moment ist er ein gebrochener Mann, und Natasha tut es weh ihn so zu sehen. Doch sie darf sich jetzt nicht beirren lassen, sie hat ihn gleich dort wo sie ihn haben wollte. Daher nickt sie nur: „Ja, du hast keine Wahl.“
„Also gut.“, Bruce macht eine entsprechende Handbewegung: „Dann trete ich aus der Avenger-initiative aus. Und wir sehen uns nie wieder.“, für ihn ist das eine logische Konsequenz.
„Das kannst du nicht.“
„Wer verbietet es mir?“
„S.H.I.E.L.D.“
„Provozierst du mich gerade?“, er hebt die Augenbrauen. Natasha bewegt sich aus seiner Sicht im Moment auf sehr dünnem Eis. „Überlege dir gut, was du jetzt sagst.“, fügt er hinzu.
„Ich sage dir nur, dass du dich im Kreis drehst. Dass du dein Schicksal weniger in der eigenen Hand hast als du glaubst! Wenn bestimmte Leute es wollen, werden wir uns immer wiedersehen. Wir finden dich. Immer. Du bist eine Marionette in jeglicher Hinsicht, gesteuert durch Selbstzweifel und Kontrollverlust. Mehr nicht.“, sagt sie ihm auf den Kopf zu. Und sie hat ihn damit getroffen, denn sie hat Recht.
„Ich bin mehr als das!“, wehrt sich Bruce.
Für einen kurzen Augenblick ist Natasha nah daran einzuknicken und ihm genau das zu bestätigen, er ist für sie wirklich mehr als das. Doch das gehört jetzt nicht hierher. „Dann zeig es mir. Dann lass dich darauf ein und mache den Anderen gefügig.“
„Natasha...“, sein Tonfall ist eine Mischung aus Bitten und Hilflosigkeit, Bruce fährt sich angestrengt mit beiden Händen über das Gesicht und macht eine hilflose Geste: „Damit sind wir wieder am Anfang. Wir drehen uns beide im Kreis!“
„Nur du. Ich habe meine Entscheidung getroffen.“ Es klingt endgültig.
„Nein, Natasha! Zwing mich nicht. NEIN!“ Nein. Nein. Nein. Das will und kann er nicht zulassen! Bruce holt tief Luft, doch ihm fehlen die Worte. Er merkt, dass er die Beherrschung verliert, schnell wendet sich von ihr ab und blickt hinaus in den friedlichen, orangenen Abendhimmel. Er wird nicht ruhiger. Er schließt die Augen, versucht einen klaren Kopf zu bekommen. Er fühlt sich gerade von einem Strom Emotionen fortgerissen, die er nicht einordnen kann und die ihn aufwühlen. Sehr aufwühlen. Natasha  ist zu weit gegangen, sie hat ihn in die Enge getrieben, sie hat ihn provoziert, er hat sie angeschrien, sie hat ihm klar gemacht, dass er mitziehen muss, dass er keine Wahl hat, doch er will nicht derjenige sein der sie  ... Er merkt, dass sein Geist sich in einem Strom von Fragen und Schuldgefühlen verliert, das stresst ihn, macht ihn noch wütender, er will ausbrechen, er will sich fallen lassen... er will nur noch raus hier. Weg von hier. „Bruce?“, Natasha erreicht ihn kaum. Er spürt, dass er zu zittern beginnt, dass er die Kontrolle verliert. Das darf er nicht. Nicht hier. Er versucht einen Fixpunkt in dem Abendpanorama zu finden. Das Bild verschwimmt vor seinen Augen. Er kneift sie zusammen und fühlt, dass seine Beine schwach werden. Der bekannte brennende Schmerz zieht sich durch seine Venen und seinen Körper, es wird unerträglich. Die Adern treten hervor, sein Hemd spannt und beginnt zu reißen. Die Haut verändert sich, ein leichter Grünschimmer wird erkennbar. Bruce fällt nach vorn auf die Knie und stützt sich mit den Händen ab. Gleich kommt das Dunkel, gleich kommt der Fall...

„Bruce...“, Natasha hat sich neben ihn gehockt. Das ist sehr mutig von ihr.
„Verschwinde!“, seine Stimme klingt tiefer als sonst. Kein gutes Zeichen. Bruce fährt herum und nimmt sie nur noch schemenhaft wahr. Ist es das hier, was sie wollte? Hat sie ihn deshalb solange in Enge getrieben, bis er sich nicht mehr beherrschen konnte? Er ist wütend auf sie, wütend auf sich selbst, der Andere ergreift Besitz von seinem Blickfeld, und im nächsten Moment wird Natasha beiseite gefegt. Sie prallt gegen das Sofa und bleibt kurz reglos liegen. Verschwommen nimmt sie wahr, wie dort am Fenster der grüne Hüne Gestalt annimmt. „Nein, nein, nein.“, murmelt Natasha verzweifelt, und tastet nach ihrer Hosentasche. „J.A.R.V.I.S.?!“, ruft Natasha, und versucht zugleich mit fahrigen Fingern den winzigen Funkknopf in ihrem Ohr zu aktivieren: „Aktiviere Code –!“ Doch der Große ist schneller, wutschnaubend springt er mit einem Satz zur ihr herüber, verfehlt sie nur knapp, zertrampelt dabei die Finger ihrer sich abstützenden Hand, es knackt eklig, Natasha schreit dumpf auf ... hastig und bleich vor Schreck und Schmerz krabbelt sie rückwärts an die Wand, der grüne Riese vor ihr hebt die Faust… Natasha hält schützend und nahezu um Verschonung bittend die gesunde Hand hoch, blickt ihrem Gegenüber in die Augen, reiner Reflex. Doch der grüne Riese hält tatsächlich kurz inne, er blickt auf ihre ihm entgegen gestreckte Handfläche, blickt Natasha in die Augen, geht zwei Schritte zurück und wieder vor, die Faust noch immer erhoben, wütend, irritiert und unsicher, was er tun soll. Natasha merkt sofort, dass der Hulk offenbar noch nicht gänzlich in Rage ist, dass er sich seiner Umgebung und ihrer Präsenz bewusst ist … das alles muss ihm eine unglaubliche Beherrschtheit abverlangen. Sie blicken sich an. Nichts geschieht,  nur das Wutschnaufen des Riesen ist zu hören. Und so sagt Natasha zaghaft und mit hoffnungsvollem Lächeln, obwohl die Angst in ihr tobt: „Hey, mein Großer ...“, mehr fällt ihr gerade nicht ein, sie hält den Blickkontakt, bringt ein zuversichtliches Nicken zustande. Der Riese lässt die erhobene Faust sinken, die vergleichsweise winzige blasse Hand Natashas streicht ihm vorsichtig über die Faust, sie öffnet sich langsam... der Hüne reißt kurz die Augen auf, er taumelt und bewegt sich von Natasha weg, verzieht sich in die andere Ecke des Panoramafensters, krümmt sich dort im Schatten der Abendsonne zusammen, wird kleiner …

„J.A.R.V.I.S.?“, sagt Natasha noch immer atemlos und nur so laut, wie sie es für vertretbar hält, ohne die in sich zusammengesunkene Gestalt dort in der Ecke wieder aufzuwühlen: „Code Grün Ende.“
„Ich hatte keinen eindeutigen Befehl, Verzeihung.“, erwidert die K.I. bedauernd. „Zur Sicherheit kann ich Mr. Stark --“
„Ist schon gut, Tony muss nicht alles wissen.“, murmelt Natasha, „Bitte achte in den nächsten Minuten auf meine Worte, Code Grün ist wichtig. So wie wir es abgesprochen haben.“
„Wie Ihr wünscht.“
Natasha erhebt sich lautlos und etwas mühsam, langsam und angespannt geht sie zu dem Anderen hinüber.

Bruce krallt sich vergeblich haltsuchend in dem glatten Boden der Lounge fest, die Schmerzen der Rückverwandlung betäuben seinen Verstand, er orientiert sich nur mühsam … immer wieder krümmt er sich zusammen, nur ganz langsam wird er wieder zum Menschen. Sein Herz rast noch immer, seine Muskeln sind angespannt, er ringt nach Luft … und wird sich im selben Moment seiner unangenehmen Situation gewahr, als er um sich herum das zerfetzte Hemd erfühlt und den nun viel zu locker sitzenden Hosenbund... schließlich ist er hier nicht allein in diesem Raum, das sagt ihm zumindest sein Instinkt. Fahrig tastet er nach dem Deckenzipfel der Sofadecke und rollt sich darin ein... Natasha hält diskreten Abstand, sie will es ihm nicht noch unangenehmer machen als es für ihn ohnehin schon ist. Bruce erhebt sich mit wackligen Beinen, knotet die Decke mit zitternden Fingern fest um seine Hüfte, und stützt sich dann am Panoramafenster ab. Das letzte Licht der Abendsonne blendet seine noch empfindlichen Augen schmerzhaft, er zuckt kurz zurück und hält die Hand schützend davor, keuchend ringt er nach Luft... er spürt, dass er sich noch immer in seinem verheerenden Kreislauf von Wut und Ohnmacht befindet. Er kämpft dagegen an ...er ballt die Hand zur Faust, hämmert gegen das unzerstörbare Glas der Panoramascheibe, versucht so seine Anspannung los zu werden...
„Die Sonne steht schon tief.“, hört er plötzlich eine vertraute rauchige Stimme neben sich. So unvermittelt, so ohne Zusammenhang. Natasha reißt ihn für einen kurzen Moment heraus aus dem erneut drohenden Dunkel. Er spürt ihre Hand an seinem Handgelenk, sein Puls rast, ihre warmen Finger greifen vorsichtig in seine geballte Faust, er öffnet sie nur langsam, als müsse er sämtliche Konzentration dafür aufbringen. Dann hält ihre Hand die seine. „Die Sonne steht schon tief, sieh nur.“, wiederholt sie leise neben ihm. Er öffnet mühsam die Augen und blickt in das trübe und zugleich schöne Abendlicht, die letzten Sonnenstrahlen erreichen nur noch die höchsten Etagen der Hochhäuser, ein Bild wie aus einer anderen Zeit. Die Nacht wird bald die Stadt umgeben. Ruhe. Für einen flüchtigen Moment. Bruce nutzt diesen, er holt tief Luft, dreht sich zu Natasha um, er umklammert unbewusst ihre verletzte Hand so fest, dass Natasha leise aufschreit, und presst hervor: „Bitte, lass nicht zu, dass er … dass er … nicht hier. Nicht hier. Nicht noch einmal.“ Er ist in Panik, unruhig wandert sein Blick hin und her. „Hey, sieh mich an.“, sie dreht sein Gesicht mit der gesunden Hand sanft zu sich und blickt ihm in die Augen: „Ich bin da. Es ist alles gut, Bruce. Es ist alles gut.“ Er kann sich nur mit Mühe davon abhalten ihre Hand wegzuschlagen. Sein Puls verlangsamt sich nicht. Natürlich nicht, wenn die Ursache seiner hilflosen Aggression direkt vor ihm steht.
„Du machst mich wütend.“, flüstert er angestrengt.
„Ich dachte, ich beeindrucke dich.“ sie sieht ihn flüchtig lächelnd an, das Lächeln strengt sie an. Sie hat Angst, sie hat Angst davor, dass Bruce sich erneut verliert. Doch er soll und muss ihr glauben, dass sie die Kontrolle über die Situation hat, dass sie seinem Willen vertraut: „Lass dich beeindrucken, Bruce.“, sie zwingt ihn, seinen Blick nicht von ihr abzuwenden. „Sieh mich an, ich bin es, Natasha. Natasha Romanoff. Wir sind allein, es besteht keine Gefahr. Wir sind sicher. Du bist sicher. Konzentriere dich auf mich, nicht auf ihn.“ Hört er sie? Sie nickt ihm vertrauensvoll zu. Einen langen Moment sehen sie sich nur an. Bruce atmet schwer, er kämpft mit sich. Sie kann nur erahnen, was er gerade durchmacht – für einen kurzen Augenblick ist Natasha abgelenkt, ihre Finger beginnen zu zittern. Sie lässt ihre Hand bemüht langsam sinken, streift ihm über den Arm, damit der körperliche Kontakt bestehen bleibt, damit er spürt dass sie noch da ist. Er zuckt kurz zurück. Sie hält den Augenkontakt und beobachtet aufmerksam jede seiner Regungen im Gesicht. Er hat die trockenen Lippen zusammengepresst, die Haare hängen ihm strähnig und verschwitzt in die blasse Stirn. Doch seine Augen scheinen wieder aufmerksamer und fixierter zu sein. Fixiert auf sie. Natasha lächelt leicht. Er will sich wegdrehen, instinktiv, doch Natasha umfasst seine Taille und hält ihn zurück: „Du musst nicht allein da durch.“, es bedarf viel Selbstbeherrschung, dass ihre Stimmlage so ruhig bleibt. Er will sich von ihr losreißen, doch sie merkt, dass das nur noch halbherzig ist. Er taumelt nach hinten, kippt zur Seite weg, sie fängt ihn auf und hält ihn fest. Sie spürt dass seine Atmung gleichmäßiger wird ... er hat es geschafft. Einen Moment verharren sie so, Bruce tastet schließlich nach ihrer Hand, um sie zu lösen und ihr damit das Zeichen zu geben, dass er jetzt wieder allein zurecht kommt, doch dann schwinden ihm die Sinne und er fällt in ein anderes, angenehmes Dunkel. Natasha lässt ihn vorsichtig zu Boden gleiten, kniet sich hinter ihn und hält kurz inne, sie atmet schwer und schließt die Augen. Eine Weile bleibt sie so sitzen, einen Arm quer über seine Brust gelegt, seinen ruhigen Herzschlag fühlend. Allmählich fühlt sie sich wieder sicher...
Es hat sie Kraft gekostet. Doch sie muss jetzt weiterhin die Nerven behalten und holt tief Luft. Dann rückt sie etwas von Bruce ab, streicht ihm ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, legt ihm vorsichtig ihren Pullover unter den Kopf, deckt ihn mit einer weiteren dünnen Decke vom Sofa zu, … Sie hat ihn so sehr provoziert heute, hat ihn bewusst in unangenehme Situationen gebracht, da möchte sie nun vieles wieder richtig machen. Und sei es nur, dass er bequem liegt.

Natasha sitzt vor dem Panoramfenster, die Beine angezogen, die Arme um die Knie geschlungen. Seit Minuten hat sie sich nicht bewegt. Bruce ebenso wenig, er schläft seinen traumlosen Schlaf in tiefer ergebener Ruhe. Doch die Ruhe und auch die Erleichterung erschlagen Natasha förmlich – nun kommt in einem Rundumschlag die geballte Angst von vorhin innerhalb von Sekunden in ihr hoch. Ja, sie hatte Angst. Ihre Hände zittern noch immer leicht. Der kleine und der Ringfinger ihrer linken Hand stehen in merkwürdigem Winkel zu den anderen ab … sie sind ausgerenkt, oder gebrochen, oder beides. Bruce wird das nachher schon genauer feststellen, inklusive vieler Selbstvorwürfe, Natasha muss flüchtig lächeln bei diesem Gedanken – er wird sich in dieser Hinsicht nie ändern. Im Moment fühlt sie den Schmerz in ihrer Hand nicht, noch nicht, dafür sorgt das Adrenalin und ihre tiefe Versunkenheit in ihren Gedanken. Es hätte verdammt schief gehen können. Sie wusste um das Risiko. Natasha beißt sich auf die Lippen und schließt kurz die Augen: es ist alles gut gegangen.
Nur langsam kommt auch die Erkenntnis in ihrem Bewusstsein an: sie und er – sie haben es geschafft,  sie hat ihn beruhigen können. War es Zufall, oder war es der richtige Weg? Sie blickt hinaus in die nur noch schwache Dämmerung, … Die Sonne steht wahrlich tief. Natasha hat das Gefühl, dass sie heute einen entscheidenden Schritt geschafft haben. Und dafür nimmt sie gern zwei lädierte Finger in Kauf …

Schließlich erhebt sich Natasha.
Die Sonne versinkt am Horizont.
Die Nacht legt sich über die Stadt.
„J.A.R.V.I.S.?“, bittet Natasha die K.I. mit gedämpfter Stimme um Aufmerksamkeit, während sie einen Datenstick in das Aufzeichnungsmodul nahe der Bar einloggt...

Tony und Pepper genießen ihren gemeinsamen Abend in ihren Privaträumen. Tony hat Pepper auf seine charmante Art und Weise durchaus gut unterhalten, er hat ihr zudem eine lange Rede über seine neuen Pläne vorgetragen, wie etwa jeden dritten Abend, und jedes Mal klingen seine Ideen anders. Und wie so oft ist er von dem Kernpunkt wirklich jeden Themas abgeschweift. Bisweilen hat er sich bei J.A.R.V.I.S. erkundigt, ob alles gut sei. Pepper hat das verwundert, und sie hat schon befürchtet, dass Tony wieder irgendeines seiner berüchtigten Spielchen spielt, wo alle anderen nur Figuren sind. Doch Tony hat sie beruhigen können, das kann er gut. Genauso gut, wie sich selbst etwas vormachen. Pepper ist es wichtig, dass Tony überhaupt Zeit für sie hat und sich nicht ablenken lässt. Das gelingt ihm nun schon immerhin seit zwei Stunden. J.A.R.V.I.S. hat sich nicht nochmal gemeldet. Der Abend ist entspannt und witzig, sie reden viel, Pepper genießt es. Sie liebt diesen Mann, und er liebt … „Natasha?“, er hält eine Hand an sein Ohr, offenbar hat er einen Funkknopf dort drin. Pepper wirkt etwas resigniert, als sich Tony mit entschuldigender Geste erhebt und im Raum auf und ab geht.
"Wir brauchen den Hulkbuster heute nicht mehr.", Natashas Stimme klingt etwas verzerrt und aufgebracht, doch sie scheint erleichtert.
„War er wirklich wütend?“
"Es war kritisch, ja.“
„Wie hat er sich beruhigt?“
„Ich habe mit ihm geredet.“
„Was hast du ihm erzählt?“
Für einen Moment herrscht Schweigen, dann sagt Natasha leise: „Eine Gute Nacht Geschichte.“, Tony muss nicht alles wissen, findet sie. Er sieht ihr Lächeln zwar nicht, doch er kann es förmlich heraus hören.
„Und in Wahrheit?“, Tony glaubt ihr nicht, und er ist unverbesserlich neugierig.
„Danke für deine Hilfe. Grüße an Pepper. Macht euch einen schönen Abend.“, sagt Natasha nur und stellt den wieder Funkkontakt ab. Sie hat mit Bruce viel zu besprechen, dieses Mal in Ruhe, dieses Mal wird sie ihm zuhören und ihm Zeit geben … der Abend wird nun auch für sie beide entspannter und angenehmer werden, erneut lächelt sie vor sich hin.

In Tonys Ohr herrscht Funkstille. Er verzieht kurz den Mund, dann fährt er mit der Hand über das Hauptschaltpult, öffnet einen Diagrammbildschirm in Augenhöhe und kommandiert: „J.A.R.V.I.S.; Aufzeichnungen aus der Lounge von heute Abend.“
„Aufzeichnungen von Agent Romanoff gesperrt, Sir.“, erwidert die K.I.
„Entsperren.“
„Nur mit der Erlaubnis von Agent Romanoff möglich, Sir.“
„Das hätte sie wohl gerne...“, murmelt Tony und gibt seinen Zugangscode ein.
„Aufzeichnungen wurden soeben auf fremden Datenträger archiviert und aus dem System gelöscht, Sir.“, erklärt J.A.R.V.I.S. unbeirrt. Verdammt.
„Warum lässt du das zu?“, Tony tippt weiter auf dem Bildschirm herum, es öffnen sich Fenster und Eingabefelder. Er weiß, was er tut. J.A.R.V.I.S.offenbar auch: „Ich führe nur Befehle aus, Sir.“
„Du sollst dich von keiner Frau herumkommandieren lassen, J.A.R.V.I.S.“
„Ich bin neutral.“
„Und ich bin hier immer noch der Boss.“, murmelt Tony, er loggt sich in das Überwachungssystem des Stark Towers, dann gibt er einen Zusatzalgorithmus ein: „Sperrungen sämtlicher Aufzeichnungen aufheben. Gelöschte Daten rekonstruieren.“
„Rekonstruktion nicht möglich, Sir.“
Tony holt tief Luft und murmelt dann verbissen: „Also gut, wenn Romanoff Krieg haben will, dann bekommt sie ihn!“, dann befiehlt er: „J.A.R.V.I.S., aktiviere –“
„Tony!“, mahnt Pepper hinter ihm auf dem Sofa, sie hat seine Versuche, sein eigenes Sicherheitssystem zu überlisten eine Weile stumm beobachtet. Sie macht ihm keine Vorwürfe, dass er sie einfach sitzen lässt, das klären sie später – und auf ihre Weise. Denn Tony hört im Moment ohnehin nicht zu. „Anthony Edward Stark!“, widerholt sie nun nachdrücklicher, Tony hält kurz inne und blickt sie fragend an. Pepper ist aufgestanden und stellt sie sich neben ihn: „Natasha wird ihre Gründe haben.“
„Und genau die möchte ich wissen!“
„Hast du schonmal etwas von Privatsphäre gehört?“
„Nicht in diesem Etablissement!“
„Wenn das so ist, wüsste ich gerne, was das hier gerade zu bedeuten hat.“, kontert Pepper ihn aus. Tony macht den Mund auf, doch Pepper blickt ihn mahnend an: „Bleib ehrlich, Tony.“
Er lächelt schief: „Du verlangst zuviel von mir.“








ENDE