Rauchgezeichnet

von Nairalin
KurzgeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12 Slash
Elrond Erestor Glorfindel
04.04.2016
04.04.2016
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Huhu,

Dies ist ein Ersatzwichtelgeschenk für crazyblue zu Elenoriels Valentinswichteln. Ich hoffe natürlich sehr, dass ich dir damit eine Freude bereiten kann.

Vorweg muss ich aber einiges erklären bzw. ausführen.
Zugegeben, die Vorgaben waren denkbar einfachst in der Theorie. In der Praxis waren sie allerdings ein Albtraum. Nicht weil das vorgegebene Pairing schlimm wäre - nein, ich liebe Glorfindel und Erestor zusammen -, sondern weil es ein Eigenleben entwickelt hat, mit dem ich nie gerechnet hätte und wie es mir bislang in all den Jahren, die ich nun schreibe, noch nie untergekommen ist. Es hat sich hier ein Headcanon entwickelt, der mich vollkommen überrumpelt hat und der was das Kompliziertsein betrifft meine Lieblinge Curufin und Finrod aus dem Silmarillion in den Schatten gestellt hat.

Die Herausforderung nahm ich also an, scheiterte aber dezent an einem Punkt: Romantik. Liebe crazyblue, ich fürchte, das wirst du hier wenn nur andeutungsweise vorfinden, da die Figuren einmal mehr nicht so wollten wie ich. Ich hoffe allerdings trotzdem, dass ich dich für das lange Warten entschädigen kann und es noch irgendwie geschafft habe.

Ein weiterer Punkt ist, dass dieser OS wohl noch die Alphaversion einer längeren FF sein wird. Wer sich bis zum Ende durchgelesen hat, wird verstehen was ich meine.

Und dann zum letzten Punkt in diesem doch längeren Vorwort. Wie gewohnt bei mir, nehme ich Rücksicht auf die linguistischen Gegebenheiten der einzelnen Charaktere. D.h. wenn jemand ein Noldo ist, wird die Wahrscheinlichkeit, dass er Quenya spricht hoch sein, das wirkt sich dann auch auf die Wortwahl, kleinen Wörtchen im Text und die Namen aus. Des Weiteren nehme ich auch historischen Bezug auf das Silmarillion, da für mich der Herr der Ringe, Hobbit und das Silmarillion ein Werk in sich sind und ineinander übergreifen. Eine Technik, die der Meister selbst übrigens auch immer wieder angewendet hat ;)

Wichtig wäre mir auch eines: Glorfindel ist KEIN Vanya, kein Sinda noch sonst etwas in die Richtung. Er wird als Noldo in allen Werken bezeichnet, der in der Schar Turgons mitzog. Bei mir hat er aber ähnlich dem Hause Finarfin (aus dem Galadriel und ihre Brüder kommen) Vanyablut in sich, genauer gesagt ist er bei mir Halbvanya (mütterlicherseits, deshalb wird er auch dem Volk seines Vaters, einem Noldo, zugeordnet)  wie Finarfin, Galadriels Vater, weshalb er auch goldenes Haar hat. Nachdem im HdR-Fandom bei ihm so ziemlich alles vorkommt, was nicht erklärt oder nur aus Unwissenheit so geschrieben wurde, möchte ich das vorweg festhalten.

Doch nun zu den Namen und Begriffen:

[Qu.] Laurefindë = Glorfindel
[Qu.] Elerrondo Perelda = Elrond Peredhel
[Qu.] Lómion = Maeglin, der Name, den ihm seine Mutter gegeben hat, Maeglin wurde er von seinem Vater genannt

[Qu.] cundu = Fürst
[Qu.] fea, Pl. fear = Seele, Pl. Seelen

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Es war die Dunkelheit, die ihn faszinierte und Schauder der Angst über den Rücken jagte, wenn die Erinnerungen ihn zu überwältigen drohten. Es war auch die Dunkelheit, die ihn nur zu oft zu ersticken schien. Mehr als nur einmal war er deshalb abgelenkt und in Gedanken, was seinem Fürsten, dem er den Treueeid geschworen hatte, oft schon aufgefallen war. Fürst Elerrondo sagte nie etwas, wenn er es bemerkte, oder äußerte sich gar negativ dazu. Doch manchmal schien es ihm, als ob Blicke mehr sagten.

Seine Finger strichen über das Geländer der Stiege, während er hochging und seine Gemächer aufsuchte. Schweiß stand ihm im Nacken und er sehnte sich bereits nach einer Dusche. Das Training war eine der wenigen Sachen, die die Erinnerung effektiv verjagten, da all seine Konzentration nur auf dieses gerichtet war. Seine Schüler fluchten deshalb, da er mit Feuereifer dabei war und sie nie schonte. Gedankenverloren schritt er durch den Gang.

„Ihr solltet aufpassen, wo Ihr hingeht!“, wurde er schroff aus den Gedanken gerissen. Sein Blick schnellte hoch und er schaute in kühle, dunkelblaue Augen. Der Seneschall von Imladris. Seine Hände schnellten hoch, leicht gespreizte Finger und ein entschuldigendes Lächeln auf den Lippen.

„Verzeiht meine Unaufmerksamkeit“, bat er schuldbewusst. Ein Nicken folgte, doch anstatt ihn zu ignorieren und weiterzugehen, blieb Erestor stehen und sah ihn durchdringend an. Unsicher runzelte er die Stirn, während sich Unbehagen ob der Musterung in ihm breit machte.

„Ihr denkt zu viel, Cundu.“

Die Worte waren leise gesprochen, Ernst schwang überdeutlich in der Stimme mit, während sich nun eine Hand auf seine Schulter legte. Perplex starrte Laurefindë ihn an, unfähig etwas zu erwidern.

Ein Wissen stand in Erestors Gesicht, welches ihn nun doch zusammenzucken ließ.

„Ihr wisst nichts!“, zischte er schließlich und riss sich los. Zorn über sich selbst und seine eigene Unfähigkeit, seine Gedanken zu kontrollieren, ließen ihn harscher reagieren, als intendiert. Schwarzer Rauch stieg vor seinem Auge auf und er wollte nur mehr weg. Weg von den Erinnerungen, weg von der spitzfindigen Zunge und den ungewünschten Worten. Und vor allem von dem Gefühl Erestor zu kennen, auch wenn er es nicht zuordnen konnte, was ihn immer wieder zu dem Seneschall zog und faszinierte. Einem Mann, der ein Mysterium für ihn war, über den kaum mehr bekannt war, als dass er von Elerrondo aufgenommen, sich innerhalb kürzester Zeit hochgearbeitet hatte und kaum Kontakte pflegte, wenn nicht sogar mied.

„Euch plagen Rauch und Flammen“, wurde leise erwidert, als er sich umdrehen wollte, um zu gehen. Laurefindë erstarrte und blickte nun doch wieder zu dem Seneschall. Ungläubig schüttelte er den Kopf. Er holte Luft, nur um wieder auszuatmen. Erst jetzt bemerkte er den erschöpften Ausdruck, die Blässe, die durch das pechschwarze Haar schier zu leuchten schien, und den leicht zerzausten Zopf, der normalerweise streng und makellos geflochten war. Bücher und Schriftrollen lagen in Erestors Armen.

Er presste unwillig die Lippen aufeinander. Erestor hatte seine Gereiztheit nicht verdient, aber entschuldigen konnte er sich auch nicht, das ließ sein Stolz nicht zu. Unruhig fingerte er an seinem Hemd herum.

„Ich verstehe den Schmerz, den Ihr empfindet“, fuhr Erestor fort und ein schmerzerfüllter Ausdruck lag auf dem Gesicht. „Gondolins Fall hat uns alle gezeichnet. Manche mit Feuer und manche nur mit schwarzem Rauch.“ Laurefindë wurde eiskalt bei diesen Worten und ein erstickter Laut entrann seiner Kehle. „Ihr seid nicht der Einzige aus der weißen Stadt.“ Damit wandte Erestor sich ab und ließ ihn zittrig zurück. Er starrte dem Seneschall nach, der bei der nächsten Biegung verschwand.

Gondolin …

Die Erkenntnis ließ ihn frieren. Er ging so schnell es ging zu seinen Gemächern und ging ins Bad. Seine Finger bekamen fast nicht den Wasserhahn auf, als er nackt unter der Dusche stand.

Gondolin …

Bilder der weißen Stadt, die Tirion in Aman so ähnelte, drängten sich in seine Gedanken. Brunnen, Gärten, lachende Gesichter, karge Ländereien, die unter seinen Händen ergrünten und fruchtbar wurden, da er wusste, wie er die Erde bearbeiten musste trotz der Höhe und der unwirtlichen Lage. Ein weißer Turm, Flaggen mit den Wappen der Häuser und die Fürsten des Reiches.

Seine Finger vergruben sich in seinem Haar, während das Wasser auf ihn herabprasselte. Die Jahre in Mandos hatten nichts davon ausgelöscht, nur manches verschleiert, nie aber das Richtige. Die Erinnerungen waren lebendig wie eh und je, die Schmerzen immer noch real auf seiner Haut, wenn er daran dachte. Er musste den Seneschall in Gondolin begegnet sein. Es war nicht möglich, dass sein Gefühl, den anderen zu kennen, und die Aussage von vorhin anders zu deuten waren.

Nachdenklich drehte er irgendwann das Wasser ab und zog sich wieder an. Wo war er dem anderen begegnet? Erestor schien ihn zu kennen, wenn er sein Verhalten richtig deutete.

Den Weg zur Halle des Feuers nahm Laurefindë kaum wahr, ebenso wenig das Abendessen an sich. Abwesend beantwortete er einsilbig die Fragen, die an ihn gerichtet waren. Der Platz neben ihm blieb frei, was ihn aber nicht wirklich wunderte. Der Seneschall war selten bei den gemeinsamen Mahlzeiten anwesend, was ihren Fürsten immer wieder verärgerte, wie er wusste.

„Glorfindel“, wurde er angesprochen und er sah zu dem Noldo hinüber, der ihn besorgt musterte. „Was belastet Euch?“ Elerrondos helle Augen durchbohrten ihn.

„Erinnerungen“, antwortete er nur kurz.

„Wenn Ihr wünscht, leihe ich Euch gerne mein Ohr“, wurde ihm angeboten, doch er lehnte nur schwach lächelnd ab. So sehr er die beginnende Freundschaft auch schätzte, er konnte nicht darüber mit dem Jüngeren sprechen.

„Entschuldigt mich für heute“, meinte er nur leise und stand dann auf.

~*~


Tage vergingen, in denen Laurefindë immer ruhiger wurde und sich immer mehr zurückzog. Kaum ein Lächeln entfloh ihm je, zu sehr hielten in die Erinnerungen im festen Griff. Selten bemerkte er die besorgten Blicke der anderen, die ihn als eine eher fröhliche Erscheinung kannten.

Und wieder war es seine Unaufmerksamkeit, die einen Zusammenstoß verursachte, und nur seinen Reflexen verdankte er es, dass weder er, noch der andere in seinen Armen stürzte. Augenblicklich sprudelten Entschuldigungen über seine Lippen, die erst stoppten, als dunkle, veilchenblaue Augen sich in seine bohrten. Für einen Moment versank er in diesen, ließ sich dazu verleiten, seine Gedanken nur auf diesen Augenblick zu konzentrieren. Doch so schnell verschwand der Moment, dass er verwirrt losließ und sich fahrig durch die Haare strich.

„Kommt“, war alles, was sein Gegenüber sagte, seinen Ärmel packte und ihn mit sich zog. Irritiert folgte er ihm, ließ zu, dass über ihn bestimmt wurde. Irgendwann erreichten sie einen Raum, wo er zu einem Sessel geführt wurde, ehe er nur knapp die Aufforderung erhielt, sich zu setzen. Kurz darauf wurde ihm ein Kelch gereicht.

„Fragt, was auch immer Ihr fragen wollt!“, verlangte der Seneschall vor ihm und setzte sich ebenfalls.

„Ich verstehe nicht ganz“, wagte Laurefindë einzuwenden und erhielt nur einen düsteren Blick.

„Seit Tagen seid Ihr abwesend und bereitet allen um Euch herum Sorgen“, fuhr ihn Erestor gereizt an. „Und Euch brennen die Fragen förmlich auf der Zunge, jedes Mal, wenn Ihr zu mir seht. Also fragt und seid dann wieder Euer anstrengendes, fröhliches Selbst!“ Sprachlos starrte er den Seneschall an und sah dann zum Fenster hinaus, welches den Blick auf die Gärten freigab.

„Ich bin also anstrengend?“, fragte er nach einer Weile, und Erestor seufzte nur.

„Was wollt Ihr nun wissen?“

Müde schüttelte er den Kopf.

„Wo in Gondolin sind wir uns begegnet?“, fragte er schließlich doch. Die Frage bereitete ihm Kopfzerbrechen und Albträume. Die Beschäftigung mit seinen Erinnerungen führte nicht dazu, dass der Schlaf ein treuer Freund war. Der Seneschall wirkte mit einem Mal erschöpft, seine Haltung fiel in sich zusammen und ein tiefer Seufzer erklang.

„Im Haus der Quellen“, begann Erestor leise, seine Finger schlangen sich um einen eigenen Kelch, während er düster aus dem Fenster blickte. „Ecthelion war mein engster Freund, mehr noch wie ein Bruder für mich. Ihr ward oft dort, und Ecthelion hat mich oft genug in sein Haus gezerrt.“

Überrascht blickte Laurefindë ihn an. Doch dann blitzten Bilder des schlanken Fürsten in seinem Kopf auf, begleitet von einem anderen dunkelhaarigen Mann. „Ihr ward ein Mitglied seines Hauses?“, fragte er vorsichtig, doch ein Kopfschütteln folgte.

„Ich hatte zwar das Angebot dazu, aber nein“, wurde erwidert. „Ich habe Cundu Lómion gedient.“

Eiseskälte erfasste ihn, ebenso wie Wut bei der Erwähnung des Namens. Der Verrat saß immer noch tief in seinem Herzen. Scharf sog er die Luft ein.

„Ich weiß, was Ihr denkt.“

Ein tadelnder Blick traf ihn.

„Lómion hat Fehler begangen und viel Unheil angerichtet“, fuhr Erestor fort und ein bitterer Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. „Doch Ihr habt nicht die Narben und Wunden gesehen, als er nach Gondolin zurückgekehrt ist.“

„Wollt Ihr entschuldi…“ – „Nein, will ich nicht. Aber Ihr solltet nicht urteilen, ehe Ihr nicht die Hintergründe wisst. Ich habe damals nichts von dem Verrat gewusst, ich war auch nie einer der Krieger, sondern der Schriftführer, der dafür sorgte, Lómions Temperamentsausbrüche wieder zu beschwichtigen und die Situation mit den anderen Fürsten und Adeligen zu regeln, wenn er zu scharfzüngig und direkt war. Ich habe all das, was die Krieger unseres Hauses erfahren haben, nie mitbekommen … Doch ich habe gesehen, was mit ihm gemacht wurde, was in seinen Körper geschnitten wurde“, fuhr der Seneschall fort. „Im Nachhinein wundert es mich nicht, dass er unsere Lage verraten hat, die Folter, die er durchlitten haben muss …“

„Glaubt aber nicht, dass ich den Verrat deshalb gutheißen würde … ich beginne nur sehr langsam nach Jahrtausenden ihm zu verzeihen“, meinte Erestor tonlos. Laurefindë sagte nichts, auch wenn ihm eine Bemerkung auf der Zunge lag.

„Ihr seid ihm immer noch treu“, bemerkte er dann trotzdem spitz, unfähig seine Wut vollkommen zurückzuhalten. Der Seneschall schaute ihn böse an.

„Ich kannte ihn seit dem ersten Tag in Gondolin.“

Er wollte etwas erwidern, doch dann wurde ihm eines bewusst – Lómion war ein junger Mann gewesen, die ersten Tage in Gondolin waren für den späteren Fürsten ein Albtraum gewesen und die Verluste hatten ihn massiv verändert.

„Wie alt ward Ihr, als Ihr ihn kennen gelernt habt?“, fragte er nun doch vorsichtig.

„Ich wurde in Aman geboren“, kam es trocken, und Laurefindë sah beschämt zur Seite.

„Ihr standet euch nah“, murmelte er das Offensichtliche und begann langsam zu verstehen. Erestor nickte nur.

„Ich muss seine Handlungen nicht richtig finden oder gar gutheißen – das tue ich auch nicht, Cundu –, aber deshalb muss ich ihn nicht auf ewig verdammen.“ Erestors Stimme hatte einen rauen Unterton angenommen. „Und ich erwarte auch nicht, dass Ihr es ebenso seht. Nur gebt nicht dem ganzen Haus des Maulwurfes die Schuld. Vielen, die nicht bei den Kriegern waren, ging es wie mir.“

„Ich … ich muss darüber nachdenken“, brachte er nur hervor. Er sah Erestor mit einem Mal mit neuen Augen – und er wusste nicht, ob ihm das gefallen sollte. Der Schmerz und der Zorn über den Verrat ließen sich nicht verdrängen. Laurefindë stand auf und öffnete eines der Fenster, um die kühle Luft hereinzulassen, die hoffentlich seinen Zorn etwas beschwichtigte.

Seine Hände waren zu Fäusten geballt.

„Ihr könnt mir höchsten dafür die Schuld geben, dass ich versagt habe, ihn auf dem richtigen Weg zu halten.“

Er presste die Lippen zusammen und schloss die Augen. Als er sich wieder umdrehte, war Erestor verschwunden. Nachdenklich blickte er zur Türe und fragte sich, wie er damit umgehen sollte. Allein der Gedanke, dass ein Mitglied des Hauses des Maulwurfes anwesend war, ließ ihn sich innerlich verkrampfen. Doch noch schlimmer war das Wissen, dass dieses Mitglied in einer solch hohen Position in Imladris war.

Denn er konnte nicht glauben, dass Erestor nichts von den Plänen seines einstigen Herren gewusst hatte.

~*~


Seine Bedenken hatten sich bis jetzt nicht bestätigt, auch wenn er diese Elerrondo mitgeteilt hatte. Sein Fürst war nicht begeistert gewesen, und das war noch gelinde ausgedrückt gewesen. Natürlich hatte er gesehen, wie sich die nebelgrauen Augen geweitet hatten, aber dann hatte dieser Erestor sofort verteidigt und ihm untersagt, diese Information irgendjemand anderem zu geben.

Laurefindë hatte selbstverständlich geschwiegen und dem Befehl Folge geleistet. Auch wenn es ihm nicht gefiel. Seine Aufmerksamkeit lag auf dem Noldo, seine Augen klebten schier an diesem und misstrauisch verfolgte er jeden Schritt und jedes Wort. So, dass es niemand bemerkte verständlicherweise. Er wusste, dass Elerrondo ihm eine Standpauke halten würde, sollte er dies je mitbekommen.

In der Öffentlichkeit verhielt er sich wie immer. Freundlich, höflich und zuvorkommend behandelte er den düsteren Seneschall, der seine Erinnerungen wach und lebendig hielt. Doch Blicke oder auch ein spitzfindiger Kommentar hielt er nicht zurück. Erestor hatte aber die Gleichgültigkeit, ihn zu ignorieren.

Und es gefiel ihm nicht, ignoriert zu werden. Ebenso wenig, dass der dunkelhaarige Noldo keinerlei Angriffsfläche bot. Dass dieser sich ihm offenbart hatte, ihm Vertrauen entgegengebracht hatte, verdrängte er. Er wollte nicht sehen, dass er Unrecht haben könnte. Ebenso wenig wollte er den Fleiß, die Loyalität Elerrondo gegenüber sehen, wie Erestor sich abmühte, plante und organisierte. Er konnte und wollte es nicht sehen.

Jahre vergingen, in denen sie einen kalten Krieg ausfochten, auch wenn dieser mehr von seiner Seite geführt wurde. Jahre, in denen ihn die Dunkelheit nicht losließ, seine Gedanken regierte, ihn zu Erestor zog, der ihm die kalte Schulter zeigte, eisig reagierte und auf giftige Weise seine Argumente verdrehte.

Doch irgendwann fiel ihm auf, dass Erestor blasser wurde. Erst nahm er es nicht bewusst wahr, zu beschäftigt damit, Dinge zu finden, die sein Misstrauen bestätigten. Aber dann, kam er einmal in einen der Gänge und kam gerade in dem Moment, als Erestor sich schwer an der Wand abstützte und sich den Kopf hielt. Laurefindë hatte es nicht kommentiert. Allerdings fielen ihm danach immer mehr feine Details auf, die ihm einen schuldbewussten Stich versetzten.

Irgendwann bemerkte er auch, dass Erestor dünner würde. Die Roben, die er sonst trug wurden weiter, flatterten mehr – was dem Noldo eine imposante Figur verlieh, wenn er durch den Sturm ging oder viel mehr marschierte.

Irgendwann bemerkte er, dass der Noldo nicht mehr bei den gemeinsamen Mahlzeiten erschien. Erst war er verwundert – er hielt sich komplett zurück beim Essen, provozierte nie und war auch freundlich, da er beim Essen selbst Ruhe wollte -, aber dann machte sich allmählich Sorge in ihm breit.

Auf seine Nachfrage antwortete ihm Elerrondo nicht. Doch die Sorge leuchtete auch aus seinem Gesicht heraus.

Irgendwann fand er Erestor und wusste beinahe sofort, dass dies alles seine Schuld war. Der Moment, in dem er die schmale Gestalt am Boden liegen sah, die Pergamente am Boden liegend und das Tintenfass zerbrochen, ließen sein Herz aussetzen und seinen Atem stocken. Er fand sich schneller an der Seite des Seneschalls, als er denken konnte, zerschnitt sich die Finger. Es war ihm egal. Es gab Wichtigeres.

Laurefindë hatte ihn sofort auf den Armen und eilte nur mehr Richtung Heilertrakt. Elerrondo würde dort sein, da einige Menschen der momentan anwesenden Delegation krank geworden waren.

„Glorfindel, was soll das?“, wurde er angefahren, als er mit dem Ellbogen die Tür öffnete und mit dem Rücken erst hereinkam. Doch als der Blick auf den schwarzen Haarschopf fiel, erklang ein Fluchen und er wurde hereingerufen und direkt in den nächsten Raum gebracht.

„Was ist passiert?“, fragte Elerrondo scharf nach und rief einer anderen Heilerin etwas schnell zu.

„Nichts!“, verteidigte Laurefindë sich empört. „Ich habe ihn nur so in einem der Gänge aufgefunden und direkt hierher gebracht!“

Ein skeptischer Blick wurde ihm zugeworfen.

Kurz darauf kam die Nís herein, und er wurde hinausgeworfen. Frustriert ging er im Flur auf und ab, sich weigernd zu gehen, ehe er nicht wusste, was mit dem Noldo los war. Stunden schienen zu vergehen, und er wurde nervös.

Als Elerrondo endlich herauskam, ging Laurefindë sofort zu ihm. Der düstere Blick versprach nichts Gutes.

„Wir konnten keine Ursache finden …“

Ein flaues Gefühl machte sich in seinem Magen breit.

„Ich werde sehen, was ich machen kann“, begann sein Fürst und schaute ihn ernst an. „Aber, Lauro, er wird keine Sticheleien oder Streitereien deinerseits vertragen.“

Dass Elerrondo seinen Spitznamen verwendete, ließ ihn zusammenzucken. Normalerweise nutzte dieser lieber seinen Sindarinnamen.

„Ich habe nichts getan“, fauchte er aufgebracht. „Nur die Jahre davor mit deinen Spitzfindigkeiten, die unnötig waren und bei denen ich dir immer gesagt habe, dass du sie unterlassen sollst!“

Elerrondos Kommentar ließ ihn verstummen. Und das Gefühl, Schuld an allem zu sein, blieb und wurde stärker.

„Wie steht es um ihn?“, fragte er nach einer Weile, unsicher, was er sagen oder tun sollte.

„Er hat alle Symptome des Schwindens“, kam nur knapp. Eine Entschuldigung folgte, und Elerrondo ließ ihn alleine, um nochmals nach Erestor zu sehen. Laurefindë war kalt und er zitterte leicht. Schwinden … Eru, er hatte vieles gewollt, nur nicht das.

Still ging er zu seinen Gemächern und dachte über all das nach, was in den letzten Jahren vorgefallen war. Das Klopfen an seiner Tür irgendwann ignorierte er. Die Rufe nahm er nur am Rande wahr und auch die Sorge in den Stimmen konnte ihm in dem Moment nicht weniger egal sein. Laurefindës Gedanken verweilten in den Tiefen seines Verstandes, rekonstruierten jede Situation, jedes Gespräch.

Irgendwann verstummten die Stimmen, die Schritte entfernten sich.

Als er wieder bewusst seine Umgebung wahrnahm, bemerkte er verblüfft, dass es dunkel war. Es war mehr Intuition, denn bewusste Entscheidung, dass er aufstand und die Räume der Heiler aufsuchte. Niemand war mehr auf, was ihn nicht wunderte. Er hatte nicht nur das Abendessen verpasst, sondern auch den Abend an sich. Als er die Türe öffnete, konnte er das Schnarchen der Sterblichen hören, an denen er lautlos vorbeischlich. Im nächsten Raum war Stille vorherrschend, auch wenn er kaum vernehmbare Atemzüge zu hören glaubte. Seine Schritte brachten ihn zum Bett.

Einzig ein schwarzer Haarschopf war deutlich zu erkennen, die Haut selbst war weiß wie die Decke, die den schmalen Körper bedeckte. Seine Finger streiften den Stoff, ehe er sich an den Rand setzte und den Mann musterte, der mit geschlossenen Augen schlief.

„Es tut mir leid“, brachte er leise hervor, nachdem sich das fragile Bild in sein Gedächtnis eingebrannt hatte. „Ich war verblendet und dumm.“ Reue erfüllte ihn und er verzog das Gesicht. „Mir war nicht bewusst, welch gewaltigen Einfluss ich auf Euch hatte. Ich habe Euch misstraut, obwohl Ihr nur ehrlich zu mir ward.“ Bitter starrte er an die gegenüberliegende Wand. Seine Finger berührten zaghaft die Hand auf der Bettdecke, die leblos und kalt war. „Ich hätte es besser wissen müssen, anstatt immer und immer wieder zu sticheln. Ich … ich wünschte, ich könnte etwas tun, um Euren Schmerz zu lindern, die Wunden zu heilen, die ich Euch zugefügt habe“, wisperte er und hielt die Hand fest, strich darüber, um etwas Wärme an sie abzugeben.

„Ich wusste nicht, dass ich Euch so treffen konnte, wollte es wahrscheinlich nicht wahrnehmen. Ich kann meine Taten nicht entschuldigen, nur erklären, und selbst das … ich hätte mich nicht von meinen Emotionen so beeinflussen lassen dürfen“, fuhr er reuig fort. Er hob die Hand hoch und blies vorsichtig warmen Atem auf sie, während er seinen Griff nicht locker werden ließ. Doch statt wärmer, schien ihm Erestors Hand immer kälter zu werden. Nervös berührte er mit der anderen Hand Erestors Hals, um den Puls zu ertasten.

Dieser war allerdings so schwach, dass er sich nicht sicher war, ob er nicht seinen eigenen Herzschlag in den Fingerspitzen spürte. Vorsichtig hielt er die Finger zur Nase und stellte erleichtert einen leichten Luftzug fest, der ein Atmen bestätigte. Denn die Brust schien sich auch nicht zu heben, was ihm Sorgen bereitete.

Er ging erst, als der Morgen graute und Schritte erklangen. Lautlos stellte er sich so, dass er unbemerkt an der Person vorbei hinaustreten konnte. Jede Nacht kam er, während er davor die Abende in der Bibliothek verbrachte, um auch nur etwas zu finden, was Erestor helfen könnte, wenn Laurefindë an all dem Schuld trug.

Bis er eines Abends auf einen kurzen Text in einem alten Buch stieß, das wohl aus Doriath zu kommen schien. Schrift und Sprache deuteten zumindest darauf hin. Erschöpft fuhr er sich durchs Haar und begann alles zu lesen. Die Mittel waren denkbar einfach – sein Wille und der Wunsch zu helfen. Er las den Text nicht weiter, sondern sprang einfach nur auf. Er wusste dank Elerrondo, dass es Erestor schlechter ging. Er wusste auch, dass es seine Schuld war.

Wieder schlich er sich in Erestors Krankenzimmer und setzte sich an dessen Bett. Es war zu einem Ritual geworden, dass er die Hand des Seneschalls hielt und leise zu Elentári betete. In Gedanken ging er die Worte durch, die sich ihm eingebrannt hatten. Worte, die Erestor hoffentlich halfen, Stärke zu fassen, das Schwinden zu stoppen und seine Schuld zu begleichen. Er stellte sich alles genau so vor, wie er es gelesen hatte, konzentrierte sich. Schmerzen schossen durch seinen Kopf, als hätte er über Stunden ohne Pause über Schriftwerk, Verträgen und Briefen gesessen.

Als er Erestors Fea spürte, berührte er sie mental zaghaft. Schwäche überrollte ihn schier und vollkommen unerwartet, doch er hielt stand und ließ sie in sich. Er merkte sofort das Ziehen, die Verzweiflung und den schieren Durst nach Sicherheit und Energie. Er ließ es zu. Die Worte aus dem Buch begannen in seinen Gedanken zu schwirren, endlos repetitiv, eindringlich, betäubend. Emotionen überrollten ihn. Laurefindë überkam leise Angst, ein erstickendes Gefühl, welches ihn warnte, dass er keinerlei Ahnung auf diesem Gebiet hatte und es bereuen würde.

Aber Erestor schwand – wegen ihm, er war sich sicher –, und er konnte das nicht tolerieren. Er musste helfen. Er konnte nicht anders. Stur hielt er daran fest und brach die mentale Verbindung nicht ab. Er spürte die feinen Fäden, die sich zwischen ihnen spannten. Er spürte den Wunsch nach Leben, die verworrenen Gedanken, die Verwirrung. Dunkelheit verband sich mit ihm, und er hielt immer noch stur an seinem Plan fest.

~*~


Ein Rütteln an der Schulter ließ ihn blinzeln und erschöpft und verwirrt sich umblicken. Laurefindë runzelte die Stirn, ehe er sich desorientiert umsah.

Wieso war er nicht …? Oh …

Elerrondos helle Augen musterten ihn streng, aber besorgt, was ihn noch viel mehr irritierte. Doch er ignorierte den Halbelben und sah zu dem Noldo, an dessen Bett er immer noch saß. Ein großes schwarzes Loch war in seinen Erinnerungen. Er wusste, dass er gestern Erestor eine Bindung geben wollte, über die dieser Kraft ziehen konnte. Er wusste auch noch, dass er die zaghaften Bande gespürt hatte. Doch dann war alles schwarz.

„Glorfindel?“

Erestors Gesichtsfarbe wirkte wesentlich gesünder und – er mochte sich das einbilden – hatte sogar einen Hauch Röte auf den Wangen. Erleichterung erfasste ihn. Das konnte nur ein gutes Zeichen sein. Doch auf die Erleichterung folgte Erschöpfung. Laurefindë fühlte sich ausgelaugt. Und dann bemerkte er den Fremdkörper. Fäden getränkt in Düsternis, die sich in seiner Fea festgesetzt hatten. Und helle, leuchtende Fäden, die zu der Düsternis führten.

„Glorfindel!“

Dann spürte er den Schmerz, der eindeutig nicht seiner war. Verzweiflung und Resignation. Plötzlich verstand er, dass dies Erestor war – und dass etwas nicht so ganz so gelaufen war, wie er es gelesen hatte. Unsicher berührte er die Fäden. Sollten sie so fest verankert sein? Er meinte sich erinnern zu können, dass es anders in dem Buch beschrieben worden war.

„Laurefindë!“

Eine Hand packte und schüttelte ihn an der Schulter.

Was hast du getan?“

Die Schärfe in der Stimme durchschnitt die Luft und riss ihn aus seinen Überlegungen. Er wollte etwas erwidern, doch er merkte, wie ihm erneut die Sinne zu schwinden begannen.

„Du verdammter Narr!“

Das Fauchen war nur mehr gedämpft in seinen Ohren.

~*~


Laurefindë erwachte von einem Gewicht auf seiner Brust. Müde öffnete er die Augen, was ihn zu der Annahme verleitete, dass er in einen Heilschlaf verfallen war. Zaghaft tastete er nach dem Gewicht und fühlte schon bald feines Haar unter seinen Fingerkuppen.

Eine seltsame Ruhe und Zufriedenheit erfüllte ihn in dem Moment, die sich nur verstärkten, als er ein leises Seufzen vernahm. Verwundert schielte er auf seine Brust und erkannte nur pechschwarzes Haar. Als er dann eine Bewegung fühlte und der Kopf sich drehte, bemerkte er die abgemagerten Züge des Seneschalls, der tief und fest zu schlafen schien.

Verwirrt versuchte er, eine Erklärung zu finden. Doch als er sich selbst nun bewegte und Erestor grummelnd neben ihn rutschte, immer noch Laurefindë berührend, war er endgültig fassungslos. Er verstand nicht so wirklich, was hier vor sich ging. Ihm fiel auch auf, dass das Bett viel breiter war, als die normalen Krankenbetten. Und dann erkannte er erst, dass er nicht in Elerrondos Heilerflügel war. Er wollte aufstehen, rutschte auch vorsichtig weg. Allerdings folgte Erestor seinen Bewegungen und schmiegte sich an ihn. Wäre da nicht dieses weiche, warme Gefühl in seiner Brust, wäre er normalerweise zurückgezuckt. Doch nun reagierte sein Körper, ehe er es selbst realisieren konnte, und drehte sich zu Erestor, der nun sein Gesicht in seinem Hemd vergrub. Und er brachte es nicht über sein Herz, diese schmale Gestalt von sich zu stoßen, die vertrauensselig im Schlaf an ihn geschmiegt dalag.

Unruhe erfasste ihn. Irgendetwas war gewaltig falsch gelaufen.

Wieder war es allerdings Elerrondo, der ein Zeitgefühl für die richtigen Momente zu haben schien. Er erschien in Laurefindës Sichtfeld, die Arme verschränkt. Und dann bemerkte er ein Buch in Elerrondos einer Hand und ihm wurde leicht übel.

„Wärest du nicht bereits lange erwachsen, würde ich dich für so viel Dummheit übers Knie legen. Freundschaft hin, Freundschaft her!“

Die grauen Augen funkelten mit unterdrückter Wut.

„Was hast du dir dabei gedacht?“, wurde er gefragt, doch er wusste keine Antwort. Wie sollte er erklären, was in seinem Kopf vorgegangen war? Es erschien ihm selbst nicht ganz greifbar, auch wenn für ihn logisch. Das Buch wurde vor ihm hingehalten. „Hast du dieses Buch fertiggelesen?“ Schuldbewusst sah er zur Seite und wollte sich erneut von dem anderen Noldo lösen.

„Ich nehme das als ein Nein“, meinte Elerrondo gefährlich ruhig. Es war die Hand seines Fürsten, die ihn letztendlich davon abhielt Erestor beiseitezuschieben. „Die Bindung ist bereits zu tief und du schadest dir, sowie auch ihm, wenn du gehst.“

Er wusste nicht, was er darauf sagen sollte. Er wusste nicht einmal, was er jetzt tun sollte. Und es schien tiefgehend genug zu sein, um für Elerrondo erkennbar zu sein. Seufzend setzte er sich zumindest auf.

„Ich wollte das wiedergutmachen, was ich verursacht habe“, wisperte er nach langem Überlegen.

„Und dafür bindest du dich in derartiger Weise an eine Person, die du offenbar nicht leiden kannst und deren Wohlergehen dir in den letzten Jahren nie am Herzen lag?“ Die Augenbrauen wanderten halb in den Haaransatz hoch. Laurefindë presste die Lippen zusammen.

„Das stimmt nicht“, meinte er tonlos, auch wenn er wusste, dass es so wirken musste. „Ich war nur misstrauisch wegen seiner Vergangenheit …“ Selbst in seinen Ohren klang die Erklärung hohl und widersprüchlich.

„Verstehe“, erwiderte der Halbelb sarkastisch und sah ihn kritisch an. „Dir sind die Konsequenzen deines Handelns bewusst?“ Unwohl deutete er ein Nicken an, auch wenn er sich sicher war, dass die Konsequenzen mehr waren, als geplant.

„Dir ist bewusst, dass diese Bindung mehr ist, als reines Kräfteübertragen? Dass körperliche Nähe essentiell ist, da du absichtlich oder nicht diese Bindung tiefer werden ließest, als gut ist?“

Sein Herz schlug hart gegen seine Brust bei diesen Worten, und er schluckte. Die Passagen, die er gelesen hatte, sprachen von Bindungen, die bei den Sindar auch unter Kriegern genutzt wurden, wenn einer ihrer Kameraden verletzt und durch den Kraftverlust am Sterben war. Natürlich wurde dies meist nur unter Freunden genutzt, aber es war nicht vergleichbar mit der Bindung zweier Partner in einer Beziehung. Hatte diese hunderte Stränge, die die beiden Fear verbanden, so war eine solche freundschaftliche Bindung mit wenigen Strängen bildlich darstellbar. Genau das hatte er angestrebt.

„Wundervoll …“

Elerrondo begann im Zimmer auf und ab zu gehen.

„Wie sind wir in meine Gemächer gelangt?“, wollte er wissen und versuchte zu verdrängen, was er sich selbst eingebrockt hatte.

„Ich habe euch hierher verlegen lassen, nachdem ich bemerkt habe, was du angerichtet hast“, kam die scharfe Erwiderung. „Ich habe keine Ahnung, was du dir dabei gedacht hast, Laurefindë, aber viel kann es nicht gewesen sein. Weißt du, was das für die Zukunft von euch beiden bedeuten wird?“

Die Frage ließ ein zutiefst schlechtes Gewissen in ihm aufkommen. Darüber hatte er tatsächlich nicht nachgedacht. Er hatte mit einem anderen Ausgang gerechnet, der solche Gedanken nicht notwendig gemacht hatte.

„Hast du darüber nachgedacht, wie Erestor dein eigensinniges Handeln aufnehmen wird, was dies bei ihm auslösen wird?“

„Elrond, bitte …“, brachte er gepresst hervor. Jeder Gedanke daran machte sein Herz mit jedem Atemzug schwerer. Der Fürst schien wenig über seine Worte begeistert zu sein, schwieg aber. Es wirkte aber, da Elerrondo mit den Worten, er würde nachher nochmals nach ihnen sehen, ging.

Laurefindë blieb alleine mit seinen Gedanken und einem zierlichen Noldo im Arm. Es würde nicht einfach werden, und das war noch optimistisch. Er wusste, dass Elerrondo Recht hatte. Er wusste, dass er die Situation verkompliziert hatte, dass er Erestor womöglich nun noch mehr belastete und womöglich noch mehr verletzte. Anstatt den ersehnten Erfolg zu haben, hatte er alles verschlimmert. Verzweifelt schloss er die Augen. Natürlich mussten sie es niemandem sagen, aber wenn es Elerrondo bemerkte, wer würde es nicht noch erkennen?

Und wie sollten sie damit umgehen? Er spürte den Noldo in seinen Armen, physisch, mental, aber auch emotional. Er fühlte die momentane Ruhe im Gemüt des anderen. Und wenn er Erestor fühlen konnte, würde es umgekehrt mit hoher Wahrscheinlichkeit auch so sein. Er wollte nicht wissen, wie dieser reagieren würde, wenn er es bemerkte. Er wollte es wirklich nicht wissen …

Es löste beinahe Angst in ihm aus, wenn er an die Ablehnung und Abscheu dachte, die folgen könnten. Seine Intentionen wären irrelevant, gerade nach all diesen Jahren. Er versteifte sich im ersten Moment, als sich Arme um ihn schlangen und Erestor etwas in sein Hemd murmelte. Erschöpft blickte er auf den Mann, ehe er die Augen schloss.

Sein Kopf schmerzte, und die Müdigkeit ergriff ihn erneut.

~*~


Es war ein emotionales Chaos, welches ihn aus dem Schlaf riss. Verzweiflung, Angst und Unverständnis überschwemmten seine Brust. Das Ziehen an seinem Herzen ließ ihn vor seinem inneren Auge einen Faden erkennen, über den seine Stärke zu Erestor wanderte. Irritiert bemerkte Laurefindë, dass die Wärme an seiner Seite verschwunden war, auch wenn er sich sofort selbst schlagen wollte.

Er begann, Elerrondos Wut immer besser zu verstehen. Er spürte bereits jetzt die Abhängigkeit dieses Bundes. Doch er musste da durch, ob er wollte oder nicht. Dies hatte er sich perfekt selbsteingebrockt. Schritte waren in seinen Gemächern zu vernehmen. Erestor musste also vor seinem Bett auf und ab gehen. Vorsichtig versuchte er all seine Ruhe zu Erestor zu schieben, da dieser einem Nervenzusammenbruch nahe schien. Beinahe sofort blieb der Noldo stehen und ein erstickter Laut erklang.

Laurefindë ließ seine Augen immer noch geschlossen. Gespielt schlafend rollte er sich auf die Seite. Sein Arm lag ausgestreckt, sein Kopf darauf ruhend. Der emotionale Tumult ließ einen Knoten in seiner Brust entstehen. Erestor schien vollkommen aufgelöst zu sein. Bitter und schuldbewusst schluckte er. Sofort wurde es über die Verbindung ihrer Fear ruhig und kalt.

Und dann spürte er ein Bewusstsein in seinem Kopf, was dazu führte, dass er sich versteifte. Die Präsenz war schier übermächtig, wenn auch nicht schmerzhaft, wie er es erst befürchtet hatte.

„Ich weiß, dass Ihr wach seid“, kam vollkommen ruhig. Weder Schärfe, noch Kälte waren in der Stimme zu vernehmen. Sie war geisterhaft ruhig und neutral. Er blinzelte gespielt verschlafen. Erestor stand dort mit geballten Fäusten vor seinem Bett, eine Armlänge entfernt. Die Augen wirkten wie dunkle Murmeln in dem seltsamen Zwielicht. Laurefindë fragte sich, ob es Morgen oder Abend war, so unbestimmbar erschien ihm das Licht.

„Warum?“

Mehr kam nicht. Der Zug auf seine Fea wurde stärker, und er bemerkte, wie Erestors Gesicht immer mehr gesunde Farbe annahm. Unruhig fuhr er sich mit der einen Hand übers Gesicht und blinzelte erneut.

Erestor kniete sich vor das Bett und sah ihn eindringlich an.

„Warum?“

Die Frage war nun drängender. Doch er konnte keine Antwort geben. Elerrondo hätte es schon nicht verstanden, wie sollte dann Erestor dies tun, wenn selbst Elerrondo als guter Freund seine Beweggründe nicht zu erfassen schien, seine Gedanken nicht nachvollziehen konnte, noch seine Gefühle.

Laurefindë war eine emotionale Person, der oft auf seine Intuition hörte. Die auch in Extremsituation Emotionen folgte, die nicht so gut waren. Der Schmerz wollte ihn überwältigen, doch dann war da diese Ruhe, die nicht von ihm kam, die ihn besänftigte. Die Stirn des Seneschalls war gerunzelt, angestrengt genug, dass Laurefindë einmal mehr die hervorstechenden Wangenknochen auffielen, die seine Schuldgefühle erneut aufleben ließen, Öl in das selbstzerstörerische Feuer gossen.

Einmal mehr fragte er sich, wie er – als ehemaliger Fürst eines der Häuser von Gondolin – so hatte agieren können. Er hätte es besser wissen müssen und nicht nur können.

Unsicherheit war durch die Verbindung zu spüren, was ihm nur verdeutlichte, wie tief dieser Bund sein musste. Viel zu tief, viel zu komplex. Und dann war da ein Funke von Zorn, der sich gleißend in Laurefindës Herz brannte. Ein Funke, der sofort wieder erstickt wurde. Doch er hatte ihn gesehen und verstanden, dass Erestor besser im Gefühle-Verstecken war, als er es sollte.

Finger berührten seinen Arm und er spürte eine seltsame Wärme, ein Verlangen, welches ihm vollkommen fremd war.

„Laurefindë“, vernahm er Erestors leise Stimme, Wärme durchströmte seine Brust bei der Nennung seines Namens. Unwirsch schob er diese Gefühle beiseite. Ein Seufzen erklang.

„Ich sollte wütend sein, dafür, was Ihr hier angerichtet habt … nur ich fühle mich momentan nicht im Stande dazu …“, sagte der Noldo und sah ihn müde an. „Ich hoffe sehr, dass Ihr wisst, was das für uns beide bedeutet …“

„Zu viel“, murmelte Laurefindë niedergeschlagen und deprimiert. „Ich wollte gutmachen, was ich angerichtet habe.“ Der Gedanke, dass er nie auch nur derartig verletzen wollte, blieb unausgesprochen.

„Das ist ehrenwert, aber unnötig.“

Finger berührten sein Gesicht. Wieder fühlte er einen Funken Zorn, der viel zu schnell verschwand. Dann nur mehr Resignation. Die Gefühle seines Gegenübers waren so dominant in seinem Bewusstsein, dass ihm Erestors bitteres Lächeln entging.

„Was habt Ihr erwartet, wie ich reagiere?“

Die Frage traf ihn unvorbereitet. Die Finger verschwanden, und Laurefindë wünschte sie sich fast zurück. Er setzte sich auf, starrte zur Wand, während Erestor sich auf die Bettkante setzte. Instinktiv wollte er nach ihm greifen, hielt sich aber im letzten Moment davon ab.

„Daran habe ich nicht gedacht …“, antwortete er ehrlich. „Ich konnte nur nicht zulassen, dass Ihr wegen meiner Unfähigkeit sterbt … ich …“ Er schüttelte nur den Kopf. Was sollte er wirklich sagen? Dass er egoistisch und kindisch an seinem Groll festgehalten und ihn auf Erestor übertragen hatte?

„Also ging es Euch nur um Euch selbst“, erwiderte Erestor nüchtern, brennende Wut klar fühlbar. Bei diesem Satz machte sich eine Panik in ihm breit, die er nicht unterdrücken konnte.

„Nein!“, schoss er nur hervor, da dies das letzte gewesen wäre, worum es ihm ging. Verzweifelt suchte er nach Worten, wie er seine Gedanken transportieren konnte, damit kein Missverständnis erneut aufkam. Er war so durcheinander, so abgelenkt, dass er erst die Veränderung bemerkte, als seine Gedanken fremd geordnet, Struktur hineingebracht und seine Panik weggeschoben wurde. Sein Gesicht schien zu gefrieren, als er für sich selbst merkbar bleich wurde.

Sein Mund öffnete sich, als er die Präsenz klar in seinem Kopf fühlte, wie sie Sequenzen berührte und sich schließlich zurückzog.

Resigniertes Verständnis war spürbar.

Laurefindë zitterte nur mehr, fühlte die Präsenz und Leere zugleich, wurde erneut panisch, weil er die Kontrolle verlor und er ein offenes Buch zu sein schien, das man nur zu öffnen brauchte. Er wollte das nicht, wollte nicht jemand Fremdes in seinem Kopf haben, so offen sein. Er hatte das noch nie gemocht, immer mit größtmöglicher Skepsis betrachtet. Der Geist war frei und niemand sollte gegen den Willen eines anderen eindringen.

„Ihr hättet mich jederzeit hinausschmeißen können. Beziehungsweise mir auch genau das sagen können.“

Die Augen durchbohrten ihn.

„Sehr witzig“, zischte Laurefindë. Doch dann legten sich Finger über seine Hand, und er wurde augenblicklich ruhiger. Fluchend wollte er sie wegziehen, doch das Gefühl zwang ihn regelrecht, die Hand dort zu belassen.

„Was mich dazubringt, wie wir weitervorgehen“, meinte Erestor und wirkte ebenso irritiert. „Ich nehme stark an, so wie Ihr jetzt reagiert, geht es Euch ähnlich, wenn es um den Körperkontakt geht?“ Unsicherheit war über die Verbindung zu spüren.

„Es lässt mich ruhiger werden“, nuschelte Laurefindë unwillig. Ein zustimmendes Nicken war zu erkennen. „Und mein Körper reagiert intuitiv …“

„Nachdem Ihr so glorios mein Schwinden gestoppt habt, müssen wir uns arrangieren.“

Laurefindë nickte zähneknirschend.

„Es wird nicht gehen, dass wir uns ignorieren oder so fortfahren, wie bisher“, sagte Erestor ruhig.

„Das hatte ich nicht vor!“, fauchte Laurefindë aufgebracht, die Emotionen bereits am Hochkochen, seine Nerven angespannt bis zum Äußersten. Die Finger umschlossen nun seine Hand, was ihn minimal beruhigte.

„Das wollte ich nicht aussagen“, meinte der Seneschall, und Schuldbewusstsein war durch die Verbindung zu spüren. „Aber wir müssen reden, Laurefindë …“

Erschöpft fuhr er sich über die Augen.

„Das heißt, wir müssen vor allem zusehen, wie wir das mit der physischen Nähe regeln.“

Laurefindë nickte gequält.

„Wir müssen austesten, wie lang wir ohne auskommen“, brachte er leise hervor. „Es wäre ein Albtraum, wenn wir nicht mehrere Stunden am Stück auseinander sein könnten.“

„Wir sind kein Paar“, erwiderte Erestor mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Dann sagt das meinem Körper, der zufriedener wäre, wenn er Euch in seinen Armen halten könnte wie zuvor“, grollte er frustriert. Er spürte erneut Unsicherheit und einen Stich der Angst. „Es muss Wege geben und wenn ich jedes verdammte Buch lesen muss.“

Er merkte den Stimmungsumschwung sofort, was ihn dazubrachte die Hände entschuldigend zu heben.

„Es …“ – „Ihr braucht nicht mehr zu sagen, Cundu.“

Erestor erhob sich und wollte zur Tür gehen, doch Laurefindë war schneller aufgesprungen und hatte seinen Arm umfasst. Zittrig atmete er aus.

„Ich habe nichts dagegen, an Euch gebunden zu sein“, brachte er nur hervor, Verlustangst ließ seine Stimme schwach werden. „Ich habe mich dumm und kindisch verhalten in den vergangenen Jahren. Und ich hätte mich nicht dafür entschieden, eine solche Bindung zu errichten, auch wenn sie viel tiefer ist, als geplant, wenn ich etwas gegen Euch hätte. Ich … ich weiß nur noch nicht, wie ich mit dieser Tiefe umgehen soll, wie ich diese Gefühle einordnen soll und wie ich mich selbst nicht darin verliere …“

Erestor wirkte verwundert, auch wenn dieser emotionale Tumult endlich nachließ. Es war erstaunlich wie gut der Noldo vor ihm dies verstecken konnte.

„Ich würde trotzdem gerne nun etwas Zeit für mich haben“, meinte sein Gegenüber ruhig – zu ruhig für Laurefindës Geschmack – und löste sich. Er nickte nur verstehend und schloss gequält die Augen. „Das verstehe ich“, murmelte er deshalb und sah dem Noldo nur nach.

~*~


Es vergingen Tage, in denen Laurefindë mehr als nur einmal an sich zweifelte, voller irritierender Sehnsucht auf ein Zeichen wartete und versuchte, sich abzulenken. Er trainierte seine auszubildenden Soldaten, trieb sie solange voran, bis sie erschöpft am Boden knieten und um Gnade flehten, weil er sie immer und immer wieder aufzwang. Seine Laune war unausstehlich und er war schnell gereizt. Dafür ließ er Erestor alle Zeit, die dieser benötigte, zwang sich selbst dazu, nicht zu ihm zu gehen, nachzufragen und dessen Nähe zu suchen.

Elerrondos spitze Kommentare ignorierte er ebenso wie dessen besorgte Blicke. Er wollte seinen Freund und Fürsten nicht auch noch anfahren, wofür er im Endeffekt allein selbst etwas konnte.

Manches Mal fragte er sich, was Ecthelion wohl zu dieser verfahrenen Situation sagen würde, was eine solche Trauer und einen solchen Schmerz in ihm heraufbeschwörte, dass er sich oft lieber unter seiner Bettdecke verkriechen wollte, wenn sein Verantwortungsgefühl ihn nicht aufzwang. Seine Versuche seine Gefühle vor Erestor zu verstecken waren wohl ebenso fruchtlos, denn immer wieder fühlte er Sorge von der anderen Seite der Verbindung herüberschwappen, was die einzige Regung war, die er noch spüren konnte.

Und er nahm ab. Laurefindë merkte es erst, als der Hosenbund zu locker saß, die maßgeschneiderten Gewänder weiter wurden. Doch irgendwann sah er es auch im Gesicht, als die Wangenknochen schärfer hervorstachen, als sie es sollten. Panik bekam er aber erst, als er eine goldene Haarsträhne beim Kämmen hervorzog. Das war der Moment, in dem er am liebsten zu Erestor gerannt wäre, ihn an den Schultern gepackt und geschüttelt hätte. Doch Laurefindë wusste auch, dass er es nicht besser verdiente und nur einen kleinen Vorgeschmack dessen zu spüren bekam, was er Erestor wohl all die Jahre angetan hatte.

Er wollte weinen, als er erneut auf die Strähne blickte, die in der Bürste hing. Seine Haare waren sein Stolz. Es war ihm egal, ob er durchtrainiert und muskulös war oder doch normal wie manch anderer Elb. Es war ihm aber nicht egal, wie seine Haare aussahen.

Er ließ sich an der Wand herabgleiten und zog die Knie an die Brust, vergrub sein Gesicht darin und versuchte Ruhe zu bewahren. Doch das tiefe Ein- und Ausatmen half nicht im Ansatz. Ruhe fand er erst, als auf einmal Finger durch sein Haar strichen und leise Nichtigkeiten gemurmelt wurden. Er lehnte sich in die Berührungen und schloss die Augen, während die Verbindung zwischen Erestor und ihm wieder offen war und er den anderen endlich wieder spürte.

„Warum seid Ihr nicht gekommen, wenn es Euch so quält?“, vernahm er die leisen Worte und wollte am liebsten Schreien.

„Weil ich Euch die Zeit geben wollte, die Ihr braucht“, würgte er schon fast hervor, während sein Herz viel zu schnell schlug. Es schien, als ob der Bund von seiner Seite aus tiefer ging als von Erestors. Wäre dieser sonst nicht früher gekommen? Denn es wirkte nicht so, als ob diese Zeit der Distanz große Wirkung auf den Noldo gehabt hätte.

„Würdet Ihr jetzt nicht in diesem Zustand sein, würde ich Danke sagen“, meinte Erestor nur leise und strich weiterhin durch seine Haare. „So jedoch war es eindeutig eine Dummheit.“ Laurefindë erwiderte nichts, auch wenn er wahrscheinlich etwas sagen sollte. Er schloss einfach nur erneut die Augen und ließ zu, dass Erestor ihn hielt, diese Gefühle und diese Sehnsucht endlich verstummten.

„Nächstes Mal kommt Ihr eher und zwingt Euch nicht, solange zu warten, bis es Euch schlecht geht.“

Er nickte nur kläglich, auch wenn er fürchtete, dass er sich nicht daranhalten könnte. Er wollte sich Erestor nicht auf- und noch weniger ihn bedrängen.

„Die Bindung ist nun einmal vorhanden, und wenn Ihr meine Nähe braucht, dann könnt Ihr diese auch einfordern. Ich lebe dank Euch immer noch, obwohl ich am Schwinden war“, erklärte der dunkelhaarige Seneschall. Ein warmes Gefühl machte sich in ihm breit, als er diese Worte hörte, auch wenn er es nicht wollte. Es irritierte ihn immer noch, wie sehr er auf Erestor reagierte, seitdem er diesen Bund regelrecht erzwungen hatte, um diesen am Leben zu halten. Dass er sich schon davor immer zu dem anderen hingezogen gefühlt hatte, ignorierte er gekonnt, da er mittlerweile genau wusste, warum dieser Bund so tief hatte werden können. Das konnte er nicht zugeben.

Doch was ihm keine Ruhe ließ, war Erestors Verständnis, dieses Mitgefühl und im Endeffekt Selbstlosigkeit. Insbesondere nachdem Laurefindë ihn in die Situation gebracht hat. Und wieder war es Erestor, der seine Gedanken zu lesen schien.

„Lómion war in mancher Hinsicht sehr ähnlich. Er hatte oft nicht die nötige Empathie, wenn sein Temperament mit ihm durchging, um zu erkennen, was er mit seinen Worten tatsächlich anrichtete“, sagte dieser gepresst. Schmerz war über die Verbindung zu spüren. „Er hatte vor allem den Drang sich und anderen zu beweisen, dass er besser argumentieren konnte und man ihn nicht kleinbekam. Ich denke, das hatte er unbewusst durch seinen Vater erlernt, der ihn wohl sehr unterdrückt hatte.“

Laurefindë schwieg und lauschte nur. Er wollte dieses Mal nicht überreagieren, sondern es besser machen als beim letzten Mal.

„Deshalb kann ich Euch nicht allzu wütend sein, weil Ihr nicht einmal bemerkt hattet, wie Eure Worte und Handlungen wirken.“

Scham erfüllte ihn, doch eine verständnisvolle Ruhe wusch wie eine Welle über ihn. Trotzdem löste er sich und sah direkt in Erestors Augen.

„Ich könnte besser damit umgehen, wenn Ihr wütend wärt, was nur verständlich wäre“, wisperte er und erwiderte offen den Blick.

„Und was würde uns das bringen?“, meinte Erestor ruhig. Laurefindë wollte etwas sagen, doch ihm fiel nichts ein, was das begründen würde. „Nichts, denn es würde uns keine Lösung liefern, wenn ich vor Wut toben würde. Nicht, dass ich nicht wütend genug im ersten Moment war. Aber Wut führt zu Irrationalität und zu Schaden, wenn das die Motivation hinter unseren Handlungen ist.“

Er seufzte bei diesen Worten.

„Wie oft habt Ihr das Lómion gesagt?“, wollte er wissen, Resignation schwang in seiner Stimme mit.

„Zu oft … er tendierte dazu seinen Zorn auszuleben und mit Worten andere zu verletzen, um seine Verletztheit zu überspielen“, kam die Antwort, die nur zu erschöpft klang. „Er war in mancher Hinsicht noch das kleine Kind, das von seinem Vater vernachlässigt wurde. Prinzessin Itarillë hat mit ihrem kühlen Verhalten nicht dazubeigetragen, dass er darüber hinwegkam, sondern er sich noch mehr auf sie fixierte – ohne ihr einen Vorwurf machen zu wollen. Es wäre nur vieles anders verlaufen, denke ich, wenn sie ihren Cousin nicht so kalt und distanziert behandelt hätte.“

„Wie nahe standet Ihr ihm?“, wollte Laurefindë irgendwann wissen, nachdem er die Worte auf sich hatte wirken lassen.

„Er hat mich immer an meinen Neffen erinnert“, gab Erestor nach einer Zeit zu. Der Blick war an die Wand gerichtet, als würde er dort etwas sehen, was sonst niemand sah. Erinnerungen wie Laurefindë annahm.

„Mein Neffe hat seinen Vater in jungen Jahren verloren und als der Zug nach Gondolin kurze Zeit später kam, weigerte sich meine Schwester wie auch der Rest meiner Familie mitzukommen. Ich habe sie danach nie wieder gesehen, aber ich werde nie den Ausdruck im Gesicht des Kindes vergessen“, erzählte er leise. Für einen Moment nur glaubte Laurefindë heftiges Blinzeln zu erkennen. „Derselbe Ausdruck war in Lómions Gesicht wenige Stunden nachdem seine Mutter getötet worden war und er weinend im Flur gestanden hatte. Ich konnte mich dem nicht entziehen, auch wenn es später tägliches Chaos bedeutet hatte. Ich schätze, er hat die Lücke in meinem Herzen gefüllt und mich davon abgelenkt. Wir hatten beide alles verloren, was uns wichtig war.“

Laurefindë schluckte.

„Ich schätze Eure Ehrlichkeit, Erestor. Ihr habt keinen Grund mir all das zu erzählen, umso dankbarer bin ich“, seufzte er und sah in die dunklen Augen.

„Je eher Ihr versteht, desto leichter wird es für uns beide.“

Ein feines Lächeln hob die schmalen Lippen.

„Ich bewundere Eure Rationalität“, murmelte Laurefindë nur. „Wenn Ihr jemanden wie Lómion auf dem richtigen Weg halten müsst und ihn auch dazubringen sollt, Einsicht und Demut zu lernen, dann könnt Ihr nicht anders werden.“ Das Glucksen verriet, wie erheitert der Noldo war.

„Und nun schaut uns an“, er begann offen zu lachen, was Laurefindë fasziniert bemerkte. Es musste ihm wirklich besser gehen. „Wir sitzen am Boden Eures Bads und stellen uns wie Jugendliche an.“

„Nun ja, sind wir das nicht gerade?“, wagte Laurefindë einzuwenden. „Wir stehen schließlich vor einer Situation, die so außerhalb unseres Weltbildes ist, dass wir uns nur vorsichtig vorantasten können.“

Ein Nicken folgte.

„Wie wäre es, wenn wir damit aufhören, so höflich umeinander herumzuschleichen?“, bot er daher direkt an, auch wenn sein Herz dabei einen Satz machte.

„Das könnten wir tun.“

Unsicher blickte er zu Erestor, der nur die Stirn gerunzelt hatte. Lange Finger berührten seine Schläfe.

„Dann wäre es wohl um einiges angenehmer, wenn wir in Dein Gemach gehen?“

Eine seltsame Betonung lag noch auf dem ‚Dein‘, aber mit einem Male spürte er Verlegenheit und zum ersten Mal bemerkte er einen zarten Rosé-Ton auf Erestors Wangen. Nervosität und Unglauben waren zu fühlen.

„Ich meinte …“ – „Schon gut, ich weiß, wie Du es meinst“, erwiderte Laurefindë mit einem Hauch Humor in der Stimme.

Als sein Blick wieder die Bürste streifte, kniff er nur die Augen zusammen. Er rappelte sich auf und hielt dann Erestor seine Hand hin.

„Dann lass uns erwachsen sein“, meinte er mit einem schelmischen Lächeln, auch wenn er nicht wusste, woher diese seltsame gute Laune kam. Seine Hand wurde ergriffen und schnell standen sie sich gegenüber.

„Sieh nicht hin“, war alles, was Erestor sagte, ehe sie das Bad verließen und damit auch die Strähne, die so viel aussagte.
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