Die Heldin, die nie nach dem Weg fragte

von inactive
OneshotAbenteuer, Humor / P12 Slash
03.04.2016
03.04.2016
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Ära: Hyrule Warriors, pre-Canon



Linkle war Heldin aus Überzeugung.

Als Hyrules Auserwählte hatte sie gewisse Standards zu erfüllen und sie war sicher, dass ihr das bereits großartig gelang: Niemand konnte mit ihrer selbst entworfenen, doppelten Armbrust so umgehen wie sie. Immer präzise, immer tödlich.

„Komm zurück, du Mistkerl!“

Nun gut, das mit dem Töten musste sie noch ein wenig üben. Sie konnte sich nicht einmal dazu durchringen, auf ein rachsüchtiges Cucco zu schießen, wenn ihre Großmutter bestimmte, dass es zum Abendessen Hühnersuppe geben sollte.

Aber immerhin machte niemand in dem grünen, von den Helden vergangener, glorreicher Epochen inspirierten Gewand, so eine gute Figur wie sie. Ihre Großmutter hatte den Schnitt des Gewandes als „niedlich“ betitelt. Linkle hatte drei Tage lang kein Wort mehr mit ihr gesprochen.

„Dreckiger Dieb, gib den Kompass wieder her!“

Doch so wenig sie an ihrer Bestimmung auch zweifelte, sie wünschte sich manchmal, dass Heldin sein etwas weniger anstrengend sein könnte. Sie hatte eine endlos lange Reise hinter sich, ihre Füße bestanden nur noch aus Blasen. Sie würde jene Gaukler, denen sie anfangs unterwegs begegnet war und die behauptet hatten, dass Prinzessin Zeldas Schloss sich in der Nähe ihres Heimatdorfes befinden sollte, gewiss ihrer verdienten Strafe zuführen, sollte sie ihnen noch einmal begegnen!

Gab es denn keine Rechtschaffenheit mehr auf dieser Welt?

Offenbar nicht, dachte Linkle mürrisch, als sie zu allem Überfluss auch noch einem kleinen Jungen nachjagen musste, der ihr den wertvollen Kompass ihrer Großmutter einfach entrissen hatte, weil von diversen Ästen kopfüber hängen und ehrliche Leute bestehlen eine vollkommen normale Freizeitbeschäftigung war. Zumindest in gruseligen dunklen Wäldern. Dazu hatte er ihren inneren Monolog über ihre Heldenhaftigkeit unterbrochen, wo er gerade begonnen hatte, richtig Spaß zu machen! Und er hatte nicht wenigstens so viel Anstand, brav stehen zu bleiben, damit sie ordentlich zielen konnte!

Ohne lebenswichtige Teile von ihm zu treffen, natürlich...

Er sprang im Zickzack durch das Unterholz und Linkle musste sich eingestehen, die Übung an beweglichen Zielen vernachlässigt zu haben. Ihre Armbrust nützte ihr gerade rein gar nichts, was nur dazu diente, ihren Frust noch weiter zu steigern. Konnte man das überhaupt noch als Springen bezeichnen, oder-

Moment mal. Stopp.

War zwischen mehreren Existenzebenen hin- und herschwanken auch normal in gruseligen Wäldern? Warum schien er sich aufzulösen? Hatte er sich nicht soeben ganz woanders befunden und jetzt stand er vor ihr, kichernd und dann links von ihr, noch immer kich-

Linkle kreischte gar unheldenhaft, als sie herumwirbelte und die Armbrust, nur von Instinkt geleitet, auf den riesigen Strohhut des Jungen krachen ließ, wo eine respektable Delle zurückblieb. Er fiel rücklings ins Gras, die breite Krempe des Hutes klappte nach oben und das war der Moment, in dem Linkle erst recht ausflippte.

Er hatte kein Gesicht.

Er hatte kein verdammtes-

„AAAAAH!“

Sie hob die Armbrust, durchaus dazu bereit, die Waffe noch einmal zweckentfremdet einzusetzen, oder vorsichtshalber besser fünf mal. Doch das harte Holz der Armbrust prallte nur von goldenem Metall ab. Der Kompass vollführte einen kleinen Hüpfer und blieb dann reglos liegen.

Linkle starrte. Der Junge konnte sich also in Luft auflösen. Sie hatte nicht halluziniert. Das war gut. Oder nein, das war eventuell doch nicht so gut. Ihre Knie schlotterten, als sie nach ihrem endlich wiedererlangten Kompass griff.

Helden haben keine Angst, Helden haben keine Angst, Helden-

Langsames Applaudieren unterbrach ihr Mantra.

„Sehr unkonventioneller Kampfstil, muss ich sagen.“

Linke (mittlerweile der Ohnmacht nahe) hob langsam den Blick und begegnete dunklen, amüsierten Augen. Dort oben auf einem dicken Ast hockte ein Mann, der merkwürdigste Mann, den sie jemals gesehen hatte, ein Knie an die Brust gezogen, während er ein langes, schlankes Bein lässig baumeln ließ.

„I-Ihr...“, krächzte Linkle. „Ihr habt es gesehen?“

„Aber natürlich. Ich habe das ganze Drama atemlos mitverfolgt.“

Er lächelte. Zu ihrem Ärger spürte Linkle Hitze in ihre Wangen aufsteigen. Es war ein recht hübsches Lächeln.

... Er war... war sehr... attraktiv.

Und sie stand da, verschwitzt und zitternd und kam sich dumm und unheldenhaft vor.

„Dann hättet Ihr mir auch helfen können, anstatt auf einen blöden Baum zu klettern“, hörte sie sich sagen und krümmte sich dann innerlich. Bei den Göttinnen, hatte das zickig geklungen...

Der Mann blinzelte.

„Klettern?“, fragte er verdutzt und lachte dann, leise und spöttisch. „Hm. Ich hatte wohl fälschlicherweise angenommen, dass du mit der Situation problemlos zurechtkommen würdest...“

Linkle straffte die Schultern. Immerhin hatte sie gerade ein Monster besiegt!

„Ich kann auf mich aufpassen!“, behauptete sie im Brustton der Überzeugung.

„Nein, nein. Ich will nichts davon hören“, schnurrte er und lehnte sich zurück an den Baumstamm. „Ich gebe dir absolut recht, nicht einzugreifen war furchtbar unritterlich. Ein junges, unerfahrenes Mädchen, ganz allein im dunklen Wald, finsteren Gestalten wehrlos ausgeliefert... Monstern... Stalfos... Horror Kids...“

Er hob eine Hand, schnippte mit den Fingern-

Und war einfach fort.

Nicht noch einer von denen. Linkle keuchte auf und sah sich hektisch nach allen Seiten um - nur um zur Salzsäule zu erstarren, als warme Finger ihre Schultern umfassten.

„Oder Dämonen“, raunte eine samtige Stimme direkt in ihr Ohr.

Sein Körper schmiegte sich an ihren und die Finger zogen verspielte Linien an ihren Armen herab. Linkle konnte sich nicht einmal rühren vor Schreck und... und etwas... anderem.

„Wie unhöflich von mir, mich nach alldem nicht einmal vorzustellen...“ Er legte sein Kinn auf ihrer Schulter ab. „Ich bin der Dämonenfürst Ghirahim. Stets zu Diensten.“

„D... D-Dämonen... Fürst...“, stammelte Linkle mit dünner Stimme.

„Ach, wer so besonders hinreißend ist, darf mich auch einfach Ghirahim nennen. Ich bin, was Titel betrifft, nicht so kleinlich.“

Da war ein Mann, der sie auf schamlos intime Weise von hinten umarmte, sich warm und muskulös anfühlte und herrlich roch. Also tat Linkle das einzig Richtige: Sie holte aus und trat ihm, so fest sie nur konnte, gegen das Schienbein.

Das hart wie Stahl war. Es fühlte sich an, als ob ihre Zehen im Stiefel pulverisiert worden wären. Sie jaulte laut auf und nur ihr letzter, verbliebener Rest Würde hielt sie davon ab, sich den Fuß haltend umherzuhopsen. Der Typ - Ghirahim - bog sich vor Lachen.

„Du gefällst mir, Kleine.“ Er wischte sich eine Träne aus dem Auge. „Ich muss meine Aussage revidieren, was dein... ‚auf dich selbst aufpassen können’ angeht. Du bekommst extra Punkte... fürs Bemühen.“

Linkles Blut kochte. Für den Moment vergaß sie ihren schmerzenden Fuß, oder dass Ghirahim anscheinend nicht nur behauptete, ein Dämon - ein waschechter Dämon! - zu sein. Sie ballte die Fäuste an ihren Seiten

„Ich bin also hilflos, weil ich ein Mädchen bin, ja?“, keifte sie empört.

Ghirahim legte den Kopf schief und sah für einen kurzen Augenblick überrascht drein, bevor sein gewohnt arrogantes Lächeln auf seine zu Linkles Verdruss sehr nett anzusehenden Gesichtszüge zurückkehrte.

„Diese Idee ist mir, offen gestanden, gar nicht in den Sinn gekommen. Du bist hilflos, weil du untrainiert bist und amateurhaft kämpfst. Du hast ein Horror Kid in die Flucht geschlagen. Glückwunsch. Was tust du, wenn es eine ganze Horde von ihnen ist?“

Linkles Stolz fiel in sich zusammen, als sie realisierte, wie recht er hatte; sie konnte wohl kaum Feinde mit der Armbrust verprügeln. Das würde als dauerhafte Methode vermutlich nicht funktionieren.

Außerdem bist du hilflos, weil du den womöglich unpraktischsten Aufzug trägst, den ich jemals das Missvergnügen hatte, erblicken zu müssen.“ Er hob eine elegante, schmale Braue und maß sie mit einem herablassenden Blick. „Von den modischen Aspekten ganz zu schweigen. Sind das allen Ernstes Overkneestiefel? Das ist so was von vom letzten Jahr.“

„Ihr kennt Euch ja aus“, murrte Linkle verärgert und mehr als nur ein wenig gekränkt.

„Aber selbstverständlich. Ich bin modisch auf den neuesten Stand, aus dem schlichten Grund, dass mein Stil völlig zeitlos ist. Zudem bin ich ein exzellenter Schwertkämpfer.“

„Ach so! Ganz ohne Schwert, dafür halbnackt?“, fragte Linkle, froh, dass ihre übliche Schlagfertigkeit nicht komplett verloren gegangen war, obwohl Ghirahim sie unerfreulich wirkungsvoll einschüchterte. Was sich nicht besonders heldenhaft anfühlte...

„Du dürftest gerade festgestellt haben, dass ich mir meinen... modischen Minimalismus auch im Kampf durchaus erlauben kann. Du hingegen... Weißt du, das ist ein Aspekt an Frauen, den ich nie so recht verstanden habe. Männliche Soldaten hüllen sich in Kettenhemden und hartgegerbtes Leder. Sie sind entweder klüger - oder feiger. Kriegerinnen hingegen... bloß weil sie Frauen sind, tragen sie offene Rüstungen und setzen ihre Prioritäten dahingehend, dass man ihr Dekollete bewundern kann, anstatt ihre essentiellen Körperteile zu schützen. Dazu kommt oft...“

Ein gebogenes Schwert, so schwarz, dass es alles Licht zu verschlucken schien, nahm zwischen Ghirahims behandschuhten Fingern Gestalt an, in einem rieselnden Diamantenschauer. Linkle beäugte es schluckend.

„... dass sie offenbar noch nicht wissen, wie gemein ein Schnitt in den Oberschenkel wehtun kann. Und auch nicht um noch empfindlichere Stellen fürchten...“

Ghirahim hob den Saum ihres kurzen Lederröckchens mit der Schwertspitze an, grinsend. Nach einer erneuten Sekunde völliger Erstarrung zuckte Linkle vor ihm zurück und hob ihre Armbrust - beide Teile - fest entschlossen, Ghirahim zeugungsunfähig zu machen.

Er schnaubte und verschränkte die Arme.

„Warum denn gleich so kratzbürstig, Liebes?“

Zwei Bolzen sirrten durch die Luft. Linkle konnte sich nicht erinnern, den Abzug betätigt zu haben, durch den roten Schleier, der sich um ihren Verstand gelegt hatte. Ghirahims Lachen ertönte direkt hinter ihr. Es hätte ihr so klar sein müssen, dass er nur mit ihr spielte, wie die Katze mit der Maus, nur um sie dann möglichst blutig zu verspeisen... Bevor sie auch nur daran denken konnte, zu reagieren, war sie schon wieder in seiner Umklammerung gefangen.

Und eine enorm lange Zunge wabbelte in ihr Blickfeld.

Linkle schrie wie ein kleines Mädchen.

Linkle fühlte sich wie ein kleines Mädchen.

Sie wollte nach Hause. Am liebsten jetzt sofort. Sie wollte den Apfelkuchen ihrer Großmutter verschlingen und in ihrem eigenen Bett schlafen, mit der gestärkten, sauberen Bettwäsche, aufwachen und alles für einen Traum halten oder besser, sich nie daran erinnern. Sie wollte Cuccos hüten und keine Heldin mehr sein.

„Ah, vergib mir, Kleines. Du siehst so appetitlich aus, wenn du dich fürchtest... und dein Adrenalin duftet so köstlich...“

Ghirahim war nach wie vor da und sehr real, doch seine unnachgiebigen Arme waren fort und als sie zitternd von ihm wegtaumelte und sich umdrehte, wirkte sein Gesicht vollkommen... normal. Da war kein Anzeichen dafür, dass er seine Zunge weiter herausrollen konnte, als das widerlichste, schleimigste Reptil.

„Ich fürchte mich nicht!“, protestierte Linkle. Das Fiepen hörte sich sogar in ihren eigenen Ohren erbärmlich an.

„Du bist sehr unterhaltsam“, stellte Ghirahim gönnerhaft fest. „Menschen langweilen mich üblicherweise bereits nach kürzester Zeit.“

Alles in Linkle verlangte, von ihm fortzukommen. Doch das Wenige von ihrem Verstand, das er ihr noch übrig gelassen hatte, teilte ihr gnadenlos mit, dass der Mann sie jederzeit einholen könnte. Es würde ihm so leicht fallen wie ein Fingerschnippen.

„Wenn ich es mir recht überlege, reagierst du auf meine harmlosen... Annäherungen auf exakt die gleiche Weise, wie ein gewisser junger Mann, den ich einst kannte...“

„Oh“, brachte Linkle hervor. „Und wer soll das sein?“

„Der Held der längst vergangenen Himmelsära. Link.“

Linkle hätte sich längst daran gewöhnen sollen, von Ghirahim mit bloßen Worten in eine reglose Statue verwandelt zu werden.

„Doch hier und jetzt ist er schon lange fort, denn ich bin so weit durch Zeit und Raum gereist... nur um mich an einem Ort wiederzufinden, wo es öder kaum sein könnte. Immer die gleiche Leier, für Cia arbeiten, die aus mir unerfindlichen Gründen mit der Zelda dieser Zeit ein Cucco zu rupfen hat, hylianische Soldaten abschlachten, die mir nicht einmal irgendeinen Widerstand entgegensetzen, versuchen, die Prinzessin für meine Auftraggeberin gefangen zu nehmen, auf ein gutes Duell hoffen und keines bekommen, weil es hier keinen Auserwählten der Göttin gibt. Schlafen, Make-up auftragen, wiederholen.“

Linkles Knie gaben fast unter ihr nach.

Es stimmte also. Das Schloss stand unter Angriff - und dieser Mann war anscheinend daran beteiligt. Sie war nicht umsonst hergekommen...

Sie richtete sich zu ihrer vollen Größe auf (was sich leider als nicht besonders groß erwies) und zehrte von dem Bisschen an heldenhaften Reserven, das noch da war.

„Ich, die auserwählte Heldin, bin dazu vorbestimmt, dir und deinen Schergen das Handwerk zu legen!“

Ghirahim unterbrach sein nervöses Auf- und Abschreiten der Lichtung und blinzelte sie irritiert an.

„Wie bitte?“ Er runzelte die Stirn. „Ich kann mich nicht erinnern, dir das Du angeboten zu haben.“

Linkle weigerte sich, einzuknicken und wandte nicht den Blick ab, obwohl sie noch immer am liebsten ganz weit weg gerannt wäre.

„Wie sagtest du, war dein Name?“, fragte Ghirahim und klang belustigt und verärgert zugleich.

„Ich habe ihn dir nicht gesagt.“

Ghirahim verschränkte die Arme vor der Brust und die Belustigung auf seinem Gesicht wich nun kompletter Verärgerung. Linkle mutmaßte, dass sie seine Geduld nicht überstrapazieren sollte. Er wirkte durchaus wie jemand mit der Frustrationstoleranzgrenze eines Fünfjährigen.

„Ich bin Linkle, die Reinkarnation des Helden in dieser Ära!“

Sie warf sich in die Brust, doch es war gar nicht mehr nötig. Ghirahim sah ordnungsgemäß beeindruckt aus.

„Link... le?“, stammelte er, was angesichts seiner sonstigen Redegewandtheit ziemlich schockierend war.

Sie hätte über den Armvoll Ghirahim gar nicht mehr überrascht sein sollen. Sie war es dennoch, als er die Arme um sie schlang. Diese Berührung war so anders, als die vorhergehenden. Er tat es nicht, um sie zu verängstigen, sondern...

Ghirahim klammerte sich bebend an ihr fest und barg das Gesicht an ihrer Halsbeuge. Schniefend. Linkle stand stocksteif da.

„Es gibt dich also doch auch hier... ich bin so glücklich...“

Er hob den Kopf und als er ihr Gesicht zärtlich umfasste, waren seine Augen verdächtig gerötet und sein Lächeln hatte nichts Überhebliches mehr an sich. Linkle war geradezu erschüttert.

„Das ist wundervoll. Ich hätte nicht erwartet, dich in dieser Gestalt vorzufinden... nicht, dass ich mich beschwere-“

„E-entschuldigung“, wagte Linkle zu unterbrechen, „aber wovon redest du?“

Ghirahim fiel das Lächeln regelrecht aus dem Gesicht. Er sah so flehentlich drein, dass Linkle fast schon Mitleid mit ihm bekam.

„Erkennst du mich denn gar nicht? Deinen geschworenen Feind? Und Geliebten?“

„W-was...?“

Linkles Mund klappte vor Schock auf. Doch sie kam nicht dazu, noch Fragen zu stellen, weil Ghirahim sie an den Schultern packte und ein wenig schüttelte, als ob er darauf hoffte, dass Links Seele in ihrem Körper rattern würde.

„Weißt du nicht mehr, wie wir uns versprochen haben, immer zusammen zu sein?“

„Nein, es tut mir leid-“

„Warte einen Augenblick. Wo ist dein Heldengewand?“

„D-das ist mein Heldengewand...?“

„Schwachsinn! Das ist Rotkäppchen in Grün!“

Linkle schnappte entrüstet nach Luft, doch Ghirahim war mit dem Verhör wohl nicht fertig:

„Wo ist Phai?“

„Wer ist Phai?“

„Du weißt nicht, wie dein verdammtes Schwert heißt? Nun? Wo ist dein Schwert?!“

„Ich brauche kein Schwert, ich kann sehr gut mit der Armbrust umge-“

Er griff ziemlich unsanft nach ihrer Hand und zerrte an ihrem fingerlosen Handschuh.

„Wo ist dein Triforce?“

„Im Heiligen Reich, natürlich? Ich verstehe nicht-“

„Belästigt Euch dieser Mann, Fräulein?“

Linkle sackte in sich zusammen vor Erleichterung. Den Göttinnen sein Dank. Jemand würde ihr helfen. Nicht, dass sie Hilfe nötig hatte, als Heldin und so.

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und lugte über Ghirahims Schulter. Da stand ein Ritter, gehüllt in eine Uniform der königlichen Garde; sie erkannte die Symbole sofort. Er war jung, blond, gutaussehend und hatte stechendblaue Augen - wenn sie nicht schon die Auserwählte gewesen wäre, hätte er es glatt sein können, nach dem, was die alten Legenden darüber erzählten.

Der junge Mann trat einen Schritt vor, Blick misstrauisch verengt.

Und da sah sie es.

Das Licht, das sogar durch seinen ledernen Handschuh drang.

Ihr wurde nicht vergönnt, den Anblick zu verarbeiten. Zu begreifen, dass sie sich ihr ganzes Leben lang dummen Illusionen hingegeben hatte. Ghirahim hatte es ebenfalls gesehen und sie konnte geradezu hören, wie die Rädchen sich in seinem Kopf drehten, während er den Neuzugang mit Blicken verschlang.

Dann stürzte er auf ihn zu und warf sich ihm zu Füßen.

„B-bitte! Ihr müsst mir helfen, sie... sie hat mich angegriffen! Sie ist verrückt!

Linkle konnte nur starren. Ihr hatte es die Sprache verschlagen. Dieser miese Verräter!

„Sie hat... Euch angegriffen?“, hakte der Ritter nach. Immerhin schien er Ghirahim die Geschichte nicht unbedingt abzukaufen, der, noch immer auf Knien, anbetend zu ihm aufsah.

„Jawohl! Sie hat auf mich geschossen - die Bolzen müssten noch immer dort liegen!“ Ghirahim zeigte mit einem zitternden Finger auf eine kleine Baumgruppe.

„Er lügt!“ Linkle fand nur schwer ihre Stimme wieder. „Er ist selbst bewaffnet, er hat ein Schwert!“

„Seht Ihr? Verrückt, sage ich Euch! Ich bin bloß ein ehrlicher Zirkusakrobat und absoluter Pazifist!“ Ghirahim griff nach der angebotenen Hand des Ritters, erhob sich, warf sein Haar zurück und seine weißgeschminkten Lippen verzogen sich zu einem anzüglichen Lächeln. „Ihr könnt mich aber gern durchsuchen, wenn Ihr denkt, ich hätte irgendwo ein Schwert versteckt.“

Der junge Mann betrachtete Ghirahim, dessen „Bekleidung“ kein Detail seiner Anatomie der Vorstellungskraft überließ (und unter der Ghirahim nicht einmal einen Grashalm hätte verbergen können) und lief rot an.

„D-das wird nicht nötig sein.“

Zu Linkles Entsetzen ging er in die Richtung, die Ghirahim ihm flüsternd wies. Sie schloss die Augen. Sie war so was von geliefert.

„Ihr seid verhaftet.“ Der Ritter hielt ihr zwei Bolzen unter die Nase.

Wie schon erwähnt - sie war sehr, sehr geliefert.

„Aber... aber ich bin von weit her, über Ozeane und Wüsten, aus Oran gereist, um Prinzessin Zelda beizustehen!“, sagte Linkle unglücklich.

„Von weit her?“ Der junge Mann betrachtete sie verwirrt. „Oran liegt doch direkt hinter diesem Wald?“

„Vollkommen wahnsinnig, wenn Ihr mich fragt“, fügte Ghirahim schadenfroh hinzu und schnippte gegen ihren Kompass, als der andere Mann gerade nicht hinsah. „Scheint dir nicht viel zu nützen, hmm?“

Linkle seufzte tief in sich hinein, als Link - der echte Link - ihr Handschellen anlegte, wenn auch behutsam und ihr bedeutete, ihm zu folgen. Danach achtete der Ritter gar nicht mehr auf sie, sondern ging viel lieber auf Ghirahim ein, der so massiv mit ihm flirtete, dass ihr schon übel wurde.

Link hörte ihr gar nicht zu, als sie immer wieder erfolglos versuchte, ihm klar zu machen, dass er gerade den Feind hinter die Frontlinien brachte, dass er die Prinzessin gefährdete, dass Ghirahim und er sich bald auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen würden. Dafür hörte ihr Ghirahim zu, mit einem mitleidigen und zugleich siegessicheren Lächeln. Wenn er aber Link ansah, wurde sein Lächeln anders. Verliebt und irgendwie traurig. Hätte sie Ghirahim nicht dermaßen gehasst, dann hätte er ihr leid getan.

Sie ertrug tapfer die tiefen, verknallten Blicke, das zuckersüße Geflüster, die mehr oder weniger zufälligen Berührungen und irgendwann die verstohlenen Küsse der beiden. Die ganze verdammte Zeit über. Das würde eine lange Reise werden...

Da Linkle aber von Grund auf Optimistin war, entdeckte sie doch etwas Gutes an der Sache:

Sie würde endlich Zeldas Schloss finden.



A/N 16.04.2016: Dies ist mein Beitrag zum „Hyrule Warriors Legends“-Wettbewerb (nun in polierter, verbesserter Endversion). Ich freue mich sehr, dass diese Story so viel Anklang gefunden und es auf den ersten Platz geschafft hat - danke an alle Leser!

Dem Blogbeitrag zum Wettbewerb füge ich noch einige Informationen aus diversen englischen Zeldapedias hinzu:

- Linkle wird im Spiel tatsächlich von einem Horrorkid angegriffen, das ihr den Kompass stiehlt.

- Sie hat ungefähr so viel Orientierungssinn vorzuweisen, wie ihre Cuccos. Trotz Kompass.

- Nintendo hat sowohl verneint, dass Linkle ein weiblicher Link, als auch, dass sie Links Schwester sein soll. Nintendo hat gesprochen! Amen xD
 
 
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