Stille

von Vermis
GeschichteAngst / P16
Richard Campbell Gansey III Ronan Lynch
01.04.2016
01.04.2016
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Inspiriert von Nickelbacks "Lullaby"
Gerade geschrieben und deswegen ungebetat. Verzeiht.


Stille


Gansey wachte auf, weil etwas fehlte. Es war mehr ein Gefühl als Wissen und es fühlte sich an wie das Aufwachen in seinem alten Kinderzimmer – irgendwie familiär aber doch nicht heimisch. Es war ganz vertraut. Die Schatten an den Wänden des Monmouths waren dieselben wie immer und das Mondlicht fiel auf die Bäckerei seines Miniatur-Henriettas.

Er setzte sich auf und akzeptierte die Tatsache, dass er nicht würde einschlafen können, bis er verstanden hatte, was anders war als sonst.

Dann kam ihm der Gedanke, dass es still war.

Stille konnte im Monmouths zwei Gründe haben: Entweder es war eine der seltenen Nächte, in denen alle Bewohner Schlaf fanden oder es war eine der Nächte, in denen Ronan weg war.

Gansey stand auf, weil da diese Angst war. Diese kalte Angst, die sich nicht wegdenken oder wegargumentieren ließ. Er setzte die Füße vorsichtig auf dem kalten Boden und zwischen seinen Bücherstapeln und den Papphäusern.

Die Tür zu Ronans Zimmer war nur angelehnt und Gansey stieß sie sanft auf, obwohl er schon wusste, dass Ronan weg war. Gansey starrte auf das unordentliche Bett inmitten des unordentlichen Zimmers und fast erwartete er, Blut zu sehen, aber tatsächlich lagen da nur dunkle Socken, die er für eine halbe Sekunde…

Gansey schüttelte den Kopf und atmete ganz bewusst aus. Panik brachte ihn nicht weiter. Es war das erste Mal seit… das erste Mal seit Ewigkeiten, dass er nicht davon wach geworden war, dass Ronan die Wohnung verließ.

Nein, normalerweise wurde Gansey schon davon wach, dass Ronan erwachte. Oder von dem Gedanken, dass Ronan weg sein könnte. Oder davon, dass Ronan seine Tür öffnete.

Ronan hatte sich seit… Ronan hatte sich schon lange nicht mehr unbemerkt wegschleichen können und meistens versuchte er es nicht einmal. Er akzeptierte einfach, dass Gansey wissen wollte, in welchem seelischen Zustand er das Haus verließ.

Also öffnete er seine Tür nachts um drei geräuschvoll und ließ Gansey seine Musik durch die um den Hals baumelnden Kopfhörer hören. Sein Grinsen blitzte auf und er erklärte großspurig, er würde Kekse kaufen gehen oder eine Spritztour machen oder den Zustand der Straßen prüfen oder wasauchimmer.

Manchmal ging Gansey dann mit, weil er eh nicht schlafen konnte, wenn Ronan außer Haus war. Oder er wünschte Ronan viel Spaß, weil er keine verdammte Glucke war und saß dann doch wie eine auf dem Boden und bastelte an seiner kleinen Stadt, um seine Hände zu beschäftigen und nicht ständig auf die Uhr zu sehen.

Er hatte Angst, tiefe, verzehrende, krallenbesetzte Angst, Ronan würde eines Tages nicht zurückkehren.

Gansey konnte sich kein Leben ohne Ronan vorstellen. Ohne diesen Typen, der viel zu laut viel zu schlechte Musik hörte und viel zu schnell viel zu waghalsig Auto fuhr und viel zu laut über viel zu niveaulose Witze lachte und viel, viel zu ehrlich war.

Gansey schlug mit der Faust gegen Ronans Türrahmen und die Tür zu Noahs Zimmer öffnete sich leise.

„Gansey?“, fragte Noah verschlafen, obwohl er angezogen war. „Ist alles in Ordnung?“

„Ronan ist weg“, sagte Gansey nur, obwohl Noah das schon wusste. Ansonsten würde Gansey ja kaum in Ronans Tür stehen und auf das leere Bett mit diesen verdammten Socken starren.

„Er kommt wieder“, versprach Noah leise, als sie eine Weile geschwiegen hatten.

Gansey würde gern so etwas wie „Ich weiß“ sagen – und über den früheren Ronan hätte er es sagen können. Genau das war der Grund, warum er seine Angst nicht wegargumentieren konnte. Er hatte sie nie empfunden, obwohl sie hätte da sein müssen.

Er könnte es sich gar nicht verzeihen, keine Angst zu haben.

Stattdessen fragte er „Was wenn nicht?“ in Ronans leeres Zimmer und schloss schließlich zu laut die Tür, weil er den Anblick nicht ertrug.

Zu laut, weil sonst niemand da war, der Geräusche machte, ging er zurück in sein Zimmer und knallte die Hand auf den Lichtschalter. „Was wenn nicht?“, wiederholte er zu laut, weil es Ronans Aufgabe war zu laut zu sein und Ronan nicht da war.

„Was soll ich tun, wenn nicht?“, fragte er leise und setzte sich auf sein Bett, das in der Mitte des Raumes stand, während Noah noch neben Ronans verschlossener Tür war und Gansey traurig ansah.

„Er kommt wieder. Ganz bestimmt.“ Noahs Stimme klang dünn. „Er hat versprochen, dass es nicht mehr passieren wird.“

„Ich weiß.“ Nun konnte Gansey diese Worte sagen, aber sie fühlten sich wie trockenes Laub an. Wie ein Abklatsch dessen, was er gerne hätte. Er hätte so gern Vertrauen, er würde so gern sagen, dass er Ronan glaubte.

„Du wirst dich nicht umbringen, oder?“, fragte Gansey Noah, weil der der Einzige war, um den er sich keine Sorgen machte.

Um Ronan bangte er in jeder Nacht und wenn er sich keine Sorgen um Ronan machte, dachte er über Adam und dessen Probleme nach. Über seinen Vater und seine Jobs und das Geld und seine Zukunft und darüber, wie er diesen wunderbaren Jungen retten konnte, ohne seinen Stolz zu verletzen.

Er hatte gar keine Kapazitäten mehr, um sich noch um Noah zu sorgen.

„Ganz sicher nicht“, antwortete Noah irgendwie trocken. „Gansey, ich bin schon tot.“

„Dann kannst du wenigstens nicht sterben“, murmelte Gansey nur und strich sich durchs Haar. Er ging zum Fenster und sah auf den Parkplatz hinaus. Der BMW war – wie zu erwarten – nicht mehr da, aber der Camaro stand da, wo Gansey ihn abgestellt hatte.

Er liebte dieses Auto in diesem Moment noch ein bisschen mehr, weil er sich sicher sein konnte, dass es nicht einfach verschwand. Der Camaro würde liegen bleiben – auf jeden Fall würde er das. Und seine Klimaanlage würde ausfallen oder ein Sicherheitsgurt klemmen oder der Motor seltsame Geräusche machen. Ja, ja und ja, das würde alles passieren und garantiert auch in einem total ungünstigen Zeitpunkt.

Aber verschwinden würde er nicht. Und seine Probleme waren berechenbar und lösbar.

Ronan war Gansey fremd geworden.

Der Junge, mit dem er über die Kuhweiden bei den Schobern gerannt war und mit dem er das Autofahren gelernt hatte und der immer an seiner Seite gestanden hatte wie ein Bruder – der Junge war verloren seit Niall Lynchs Tod und Gansey wollte und konnte es nicht ertragen auch noch das zu verlieren, was aus ihm geworden war.

Er brauchte Ronan und auch wenn er unberechenbar war und immer viel zu viel – er liebte ihn und er wollte ihn immer an seiner Seite wissen.

Gansey wollte auf Ronan aufpassen und er wollte wach werden, wenn er das Monmouth verließ, einfach, um auf ihn warten zu können oder ihn zu begleiten auf seinem Weg durch das nächtliche Henrietta.

Gansey trat vom Fenster zurück und sah zu der Stelle, an der Noah gestanden hatte, aber anscheinend war er wieder ins Bett gegangen. Es war noch stiller als zuvor und Gansey lief langsam durch die Straßen Henriettas, wobei er sich ein Minzblatt pflückte und es sich zwischen die Zähne schob.

Wohin könnte Ronan gefahren sein?

Sie hatten kein Klopapier mehr, aber tatsächlich schon seit zwei Tagen nicht mehr und Ronan hatte einfach eine Taschentuchbox auf ihrem Kühlschrank deponiert und gemeint, das wäre genauso gut.

Ronan konnte auch einfach irgendwo am Straßenrand stehen und zu laut zu grässliche Musik hören.

Oder er fuhr wieder einfach auf dem Highway geradeaus, bis eine Zeile im Songtext ihn daran erinnerte umzukehren.

Vielleicht ließ er aber auch gerade eine Klinge sanft über die Innenseite seiner Unterarme gleiten und flirtete mit dem Tod.

Gansey ballte die Hände zu Fäusten und presste sie gegen seine Stirn. Das Bild war so falsch für ihn und das, obwohl er Ronan in all dem Blut – all dem Blut – gesehen hatte. Die Angst war wieder da und kratzte an seiner Haut und flüsterte vielleicht, vielleicht, vielleicht…

Vielleicht hört er zu laut Musik, um die Gedanken zu übertönen.

Vielleicht trinkt er zu viel Alkohol, um sich zu vergiften.

Vielleicht fährt er zu schnell, um die Möglichkeit zu haben, das Lenkrad zu verreißen.

Vielleicht flirtet er immer mit dem Tod und in der Nacht, in der Gansey nicht mal aufwacht, um zu fragen, was er vorhat – vielleicht genau in dieser Nacht flirtet er nicht nur.

Gansey wollte das Fenster aufreißen und nach Ronan rufen. Er wollte schreien. Er wollte ihn an allem, was sie beide verband, zurück nach Hause schleifen, er wollte ihn hier haben und festhalten und nie wieder nachts losziehen lassen.

Er konnte Ronan nicht verlieren, er konnte, er konnte, er konnte nicht.

Er griff mit zitternder Hand nach seinem Handy, obwohl Ronan seins nicht dabei haben würde. Aber da war diese kleine, winzige, minimale Chance… Gansey wählte und ließ das Freizeichen so lange ertönen, bis die Mailbox ranging.

Das Piepen in seinem Ohr brachte ihn dazu, den roten Hörer zu betätigen, aber er verharrte noch kurz mit dem Finger darauf und murmelte: „Komm nach Hause, Ronan.“

Dann drückte er und legte das Handy zurück auf den Bücherstapel. Dann schaltete er die Schreibtischlampe an und ging zum Lichtschalter für das große Licht und machte es aus.

Er suchte seine Brille und sein Notizbuch und setzte sich an den Schreibtisch. Wenn er schon die restliche Nacht wach bleiben würde, konnte er sich wenigstens der Suche nach Glendower machen. Er blätterte durch die Seiten, ohne etwas darauf Geschriebenes wahrzunehmen, und lauschte.

Ronan würde bald nach Hause kommen. Er musste.

Immerhin hatte er es Gansey doch versprochen.
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