Heldin des neuen Anfangs

von Nastalia
OneshotAbenteuer, Freundschaft / P12
Linkle
31.03.2016
31.03.2016
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Der Hahn krähte laut, weckte das blonde Mädchen unsanft aus ihren idyllischen Träumen. Sie murrte lustlos, verließ mehr fallend als aufstehend ihr Bett, ihre blauen Augen noch verklebt vom Schlafsand. Sie gähnte laut, kam in ihrem kleinen Waschraum an und reinigte sich das Gesicht mit eiskaltem Wasser. Nun war sie zwar noch immer müde, aber lief zumindest nicht mehr Gefahr im Gehen einzuschlafen. Das Mädchen zog sich um, trug nun ein weißes Shirt, mit kurzen, luftigen Ärmeln, die am Saum wieder enger wurden. Dazu einen hüfthohen, kurzen Rock in orange-braun mit gelben Nähten auf der Linie der Oberschenkel und einer schwarzen Hose darunter, die man unter dem Rock erahnen konnte. Ein brauner Ledergürtel mit einer ovalen Metallschnalle hing locker um ihre Hüfte, ihre braunen Lederstiefel reichten ihr bis über die Knie. Auf dem kleinen Esstisch in ihrer Hütte lagen ihre zwei Armbrüste aus dunklen Holz mit roten Bögen, sowie ihre ebenfalls braunen Lederhandschuhe. Ihre blonden Haare hatte sie sich zu zwei Zöpfen links und rechts geflochten, mit orangenen Bändern verschlossen. Um ihren Hals trug sie eine Kette aus einem breiten Lederband, an welchem ein blauer, rautenförmiger Edelstein befestigt war. Über ihrem Stuhl hing eine Mischung aus Gugel und Cape. in einem hellen Grasgrün und vorne konnte man es zusammenbinden. Ihr Name war Linkle und sie lebte in einem kleinen Dorf mitten in einem Wald, welches von der Hühnerzucht lebte.
Doch Linkle langweilte sich, das Leben im Dorf war eintönig, routiniert und bot ihr keine Abwechslung. Es passierte einfach immer das Gleiche. Das war für die lebenslustige, in Abenteuer vernarrte Linkle der blanke Horror.
Deshalb passierte es nicht selten, dass sie, während sie arbeite und auf ihre Hühner aufpasste, träumte, sich in ihrem Kopf die größten Abenteuer erleben ließ. Diese Traumabenteuer sorgten auch dafür, dass sie sich ihre Armbrüste besorgte und anfing mit ihnen zu üben. So lange, dass sie sie nun beinahe im Schlaf benutzen konnte. Aus einem Vorratsschrank nahm sich Linkle etwas Brot und begann zu frühstücken. Wenig später griff sie ihr Cape, band es sich um, fischte nach ihren Armbrüsten und befestigte sie sich an ihren Stiefeln. Dann trat sie nach draußen und die Sonne lachte ihr ins Gesicht. Der benachbarte Bauer stand gerade in seinem Vorgarten, grüßte Linkle fröhlich. Sie grüßte ihm ebenfalls und winkte.
„Hallo!“, sie lief schon während der Begrüßung weg und zwar hinter ihre Hütte zu ihrem eigenen, kleinen Stall. Schon aus ein paar Meter Entfernung konnte sie ihre Hühner laut ihm Stall gackern hören und öffnete das Gatter. Schnell schlüpfte sie durch, schloss es wieder und öffnete die Stalltür. Die Hühner eilten direkt hinaus und Linkle betrat den kleinen Stall geduckt um den Stall zu säubern und die Eier einzusammeln.
Doch neben einigen braun gesprenkelten Hühnereiern fand sie noch etwas anderes.
Eine kleine, fliederfarbene Fee lag schlafend und zusammengerollt im Stroh. Linkle hatte noch nie eine Fee gesehen, aber es musste eine sein. Sie entsprach der Beschreibung ihrer verstorbenen Großmutter. Sie ist winzig klein, die Flügel überproportional groß zum kleinen Körper und hatte ungewöhnliche Farben. Eigentlich leuchteten sie, aber diese hier glühte nur schwach. Wahrscheinlich, weil sie schlief. Linkle betrachtete sie neugierig, entschloss sich, sie zunächst noch schlafen zu lassen. Sie sah erschöpft aus, die kleine Fee. Also machte Linkle vorsichtig den Hühnerstall sauber, sammelte die Eier in einem kleinen Korb ein und stellte ihn ab.
Dann hockte sie sich hin, stupste die kleine Fee vorsichtig an.
„Hallo? Geht es dir gut?“, Linkles Stimme war hell, eine typische Frauenstimme eben, allerdings auch nicht schmerzhaft hoch, sondern weich. Die Fee gähnte einmal ausgiebig, streckte sich. Sie trug ein fliederfarbenes Kleid, kurz und mit einem freien Rücken, es war trägerlos, hatte einen herzförmigen Ausschnitt und endete unten locker fallend. Um die Hüfte hatte sie eine dünne Ranke mit kleinen weißen Blüten. Sie trug Ärmel, die nicht am Kleid befestigt, aber die selbe Farbe hatten und an den Handgelenken weit geöffnet waren. Befestigt von eben solchen Ranken, wie sie die Fee um die Hüfte hatte. Die Füße waren nackt und das Haar der Fee war ein paar wenige Nuancen dunkler als die Kleidung, war lang und fiel in sanften Naturlocken mit ponylosem Mittelscheitel bis zur Mitte des Rückens der Fee.
Als die Fee ein weiteres mal gegähnt hatte, bemerkte sie Linkle, die sie geweckt hatte, blickte sie aus violetten, großen und dicht bewimperten Augen überrascht an.
„Nanu? Wer bist denn du?“, ihre Stimme war hoch, aber sanft, momentan aber besonders verwundert.
„Ich bin Linkle. Mir gehört der Stall.“, Linkle war auch verblüfft, blickte die Fee interessiert an. Die nahm das wohl falsch auf.
„Oh, tut mir leid, ich wollte hier nicht eindringen. Ich bin schon weg!“, die Fee erhob sich, leuchtete Flieder auf und stieg in die Luft.
„Nein, warte!“, Linkle blickte sie an, wollte sie aufhalten. Sie hatte so viele Fragen. Tatsächlich blieb die Fee in der Luft stehen, drehte sich klingelnd um und löschte ihr Licht.
„Ja?“, die Fee legte den Kopf schief.
„Was machst du denn hier? Ich dachte die Feen leben zusammen im Wald.“, Linkles Blick war wirklich neugierig.
„Ich hab mich verirrt. Als ich alleine im Wald war haben mich ein paar Monster gejagt und dann hab ich die Orientierung verloren. Also hab ich die Feenquelle gesucht, aber ich bin nach Stunden hier gelandet und erschöpft eingeschlafen.“, die Fee sah traurig aus, blickte Linkle aus großen Augen an. Linkle antwortete ihr schnell.
„Ich werde dir helfen, die Quelle zu finden.“, sie lächelte die Fee freundlich an, ihre Augen glitzerten vor Vorfreude auf das kleine Abenteuer das ihr bevorstand.
„Ja? Das würdest du tun?! Danke! Ich bin übrigens Purpinea.“, das Lachen der Fee erklang glockenhell.
„Freut mich, Purpinea!“, auch Linkle lachte.
Kurz darauf war sie wieder in ihrer Hütte, packte sich Proviant für ein paar Tage ein. Als sie fertig war, ging sie zu ihrem Nachbarn, bat ihn, sich in ihrer Abwesenheit um ihre Hühner zu kümmern. Der Mann war überrascht, stimmte aber zu.
Also machte sich Linkle schon wenig später auf in den Wald, der im Norden des Dorfes lag.

Die Bäume des Waldes waren groß und dicht aneinander gewachsen, das Blattwerk war dicht und undurchschaubar. Alles um Linkle herum war strahlend grün, sodass sie mit ihrem grünen Cape in der Masse der Pflanzen beinahe unsichtbar wurde. Der Boden war bedeckt von Farnen, Moosen und feuchter, weicher Erde. Die Sonne schien durchs Blattwerk, hinterließ wunderschöne Muster auf Linkle und der umliegenden Umgebung, Purpinea flog klingelnd neben Linkle her. Begleitet wurden die zwei von den Geräuschen des Waldes, knisternde Äste, raschelndes Laub und das Zwitschern der vielen unterschiedlichen Vögel.
Die beiden unterhielten sich, während sie durch den Wald streiften. Dabei erfuhr Purpinea eine Menge über Linkle. Sie war bei ihrer Großmutter aufgewachsen, nachdem ihre Eltern früh an einer Krankheit gestorben waren. Die Beziehung zu ihrer Großmutter war gut und liebevoll, bis diese dann vor zwei Jahren starb. Da war Linkle vierzehn. Seitdem lebte Linkle allein ihrer Hütte, kümmerte sich um ihre Hühner und träumte von ihren Abenteuern.
Nun war die Zeit gekommen, endlich erlebte sie wirklich eines. Linkle war vollkommen aus dem Häuschen. Freudig hüpfte sie durch den Wald.
„Wie sieht denn die Umgebung der Feenquelle aus, Purpi? Gibt es besondere Merkmale?“, Linkle nahm einen Schluck aus ihrer Wasserflasche, blickte die Fee an.
„Es gibt einen großen Bach in der Nähe, der Wald ist sehr dicht und ein See ist auch in der Nähe.“, die Fee redete leise, blickte sich die Umgebung genau an. Linkle überlegte einen Moment.
„Hmm, Bäche gibt es viele hier im Wald, Seen auch mehrere über das Waldgebiet verteilt und der Wald ist auch an mehreren Stellen sehr dicht. Das hilft uns nicht...“, sie spielte mit dem Ende einer ihrer Zöpfe.
„Dann müssen wir einfach suchen?“, Purpinea schien nicht begeistert zu sein, seufzte.
„Ich befürchte, ja.“, Linkle seufzte ebenfalls. Je länger die beiden Mädchen im Wald unterwegs waren, desto langsamer wurde Linkle Gangs. Auch ihr Hüpfen lies immer mehr nach. Der Tag verging.
Am Abend erreichten die beiden einen großen, hohen Baum, mit ausladenden Ästen. Die beiden hatten sich hoffnungslos verlaufen und waren hundemüde. Erschöpft kletterte Linkle auf den Baum, setzte sich auf einen dicken Ast und lehnte sich an den Stamm. Müde aßen sie und Purpinea etwas, bevor Linkle ihr Cape weiter schloss und sich die weite Kapuze über den Kopf zog.
„Ob wir die Quelle morgen finden, Linkle?“, Purpinea hatte es sich in Linkles Haaren bequem gemacht, die diese geöffnet hatte und ihr nun in lockeren Wellen über die Schultern fielen. Müde zuckte Linkle mit den Schultern.
„Weiß ich nicht, Purpi. Wir suchen einfach weiter.“, Linkle gähnte. Sie war fix und fertig und hätte auf der Stelle einschlafen können. Die Fee nickte und dämmte ihr Licht. Das blonde Mädchen mümmelte sich in ihr Cape und schlief augenblicklich ein. Die Nacht war kalt und ungemütlich. Linkle schlief nicht sehr gut, wachte immer wieder auf, weshalb sie den Versuch, erneut einzuschlafen, am frühen Morgen des nächsten Tages aufgab. Sie weckte Purpinea, als sie sich aufsetzte.
„Wollen wir gleich los? Ich kann nicht mehr schlafen.“, unter Linkles Augen waren dunkle Ränder, ihre Haut war blass.
Purpinea machte nur ein zustimmendes Geräusch.
Die beiden frühstückten nur wenig, aßen sehr schnell bevor sie den Baum hinter sich ließen und weiter durch den Wald irrten. Dabei folgten sie den Bachläufen, fanden so mehrere Seen. Doch nirgendwo kam es Purpinea bekannt vor und so suchten sie weiter. Genau zwei Tage lang.
Die Vorräte waren so gut wie aufgebraucht und so aßen sie nur noch wenig, was dafür sorgte, dass Linkles Magen laut vor sich hin knurrte. Purpinea, die sich inzwischen mit der Hylianerin angefreundet hatte, leuchtete und flog gerade auf einen Busch zu, als Linkle stehenblieb und sich den knurrenden Bauch rieb.
„So geht das nicht weiter, Linkle. Wir müssen endlich das nutzen was uns der Wald zur Verfügung stellt.“, die Fee pflückte eine Beere, die größer war als ihr eigener Kopf, brachte sie Linkle, „Der Wald gibt uns alles, was wir brauchen.“
Die blonde Hylianerin nickte nachdenklich und aß sich an den Früchten des Waldes satt.
Auch der Tag verging. Über dem Blätterdach hörte man es rauschen, die Blätter zitterten. Es war windig, doch davon merkte Linkle im tiefen Wald nicht viel. Im Wald selbst wehte nur ein laues Lüftchen.
Momentan liefen die Fee und die blonde Hylianerin in Richtung Westen und je weiter sie vordrangen, desto stiller wurde es. Linkle sorgte sich. Das war alles, aber nicht normal, das wusste sie. Ein Wald ist niemals vollkommen still, selbst in der Nacht nicht. Linkle war es langsam leid durch den Wald zu irren, planlos und ohne richtig greifbares Ziel. Aber was sollten sie auch tun? Etwas anderes blieb ihnen nicht übrig. Also machten sie weiter. Außerdem... wusste Linkle, dass sie sich verirrt hatte. Sie wusste längst nicht mehr, wo sie war und wie sie ins Dorf zurückkommen würde. Voller Frustration musste sie hinnehmen, dass sie, beim Versuch ihrer Freundin zu helfen, sich selbst hat hilfebedürftig werden lassen. Nichts ärgerte sie mehr als das. Doch, eine Sache ärgerte sie in diesem Moment sogar fast noch mehr. Ihre Weiblichkeit und die damit entstehenden Probleme. Sie seufzte. Warum musste das in genau diesem Moment passieren? Der Zeitpunkt hätte nicht schlechter sein können. Aber es nutzte nichts, sein eigenes Geschlecht zu verdammen und eigentlich war Linkle gerne eine junge Frau. Trotz der Schwierigkeiten die es manchmal mit sich brachte. Sie war stolz. Stolz auf sich, die junge Frau Linkle, das weibliche Geschlecht allgemein und auf sich selbst, vom Geschlecht unabhängig.
Lange hing Linkle in ihren Gedanken, bis Purpinea plötzlich noch heller leuchtete und ein Stück voraus flog. Linkle erhöhte ihr Tempo, schlängelte sich zwischen den Bäumen durch und folgte ihr.
„Warte, Purpi!“, Linkle erwartete schon, dass ihre Feenfreundin die Quelle gefunden hatte, oder einen Ort den sie kannte, aber die Fee hatte etwas anderes gesehen, was ihre Aufmerksamkeit bekam.

Als Linkle sie einholte, schwebte die fliederfarbene Fee ohne Licht und regungslos neben einem Baum. Auch Linkle stoppte abrupt, als sie sah, was ihrer Freundin so den Atem raubte. Durch das viele Gestrüpp und die dicht wachsenden Bäume hatte Linkle gar nicht realisiert, wie nah sie am Waldrand waren. Erst jetzt sah sie es. Oder eher, nun sah sie sie. Die weite Ebene, die sich vor ihren Augen erstreckte. Hier war es deutlich heller als im Wald, Linkle schloss geblendet ihre Augen, öffnete sie erst in paar Sekunden später wieder.
Doch dann war sie erneut geblendet; nicht vom Licht, sondern von dem atemberaubenden Anblick, der sich ihr bot. Satte aber helle Wiesen, sanfte Hügel, die sich bis zum weiten Horizont erstreckten, hier und da mal ein Baum. Am Horizont konnte sie eine Erhöhung sehen, hohe Mauern und Häuser. Es sah aus wie ein erhöht liegender Bauernhof. Auf den Wiesen gab es helle Sandwege, die aus allen möglichen Richtungen kamen. Linkle vermutete, dass am anderen Ende der Wege wohl Dörfer oder Städte lagen. Die Fläche war groß und sie konnte, ganz klein am Horizont, Kutschen mit Pferden sehen. Doch eine Sache raubte ihr noch viel mehr den Atem. Der Himmel. Der strahlend blaue, weite Himmel, der sich über Linkles gesamtes Blickfeld erstreckte. Noch nie kam ihr der Himmel so blau vor, so weit und so unendlich.
„Wow... das ist...“, Linkles Stimme war leise, verzaubert und fassungslos.
„Unglaublich schön...“, auch Purpinea war wie hypnotisiert, starrte geradeaus und genoss den wunderschönen Anblick. Eine Weile standen die beiden da, bewunderten einfach nur die weite Fläche vor sich. Dann begann Linkle zu flüstern.
„Das ist also Hyrule... Nie hab ich das wahre Hyrule, das außerhalb der Wälder lag, gesehen. Es ist einfach atemberaubend.“, Linkle hatte schon seit einiger Zeit eine Gänsehaut.
„Ja.“, die Fee nickte, fasste sich langsam. In Linkle wuchs immer mehr das Bedürfnis einfach den Wald hinter sich zu lassen und über die weiten Wiesen Hyrule zu laufen. Sie bekam Fernweh und nur ihre Loyalität zu Purpinea hinderte sie daran, ihrem Wunsch nachzugehen. Kurz schloss sie die Augen und grübelte. Doch dann öffnete sie ihre Augen und ihre strahlend blauen Augen schienen vor Vorfreude und Entschlossenheit zu leuchten. Sie hatte eine Entscheidung gefällt.
„Komm, Purpi. Wir müssen deine Quelle finden.“, das blonde Mädchen drehte sich von der Ebene weg, grinste für die Fee ungesehen. Diese machte nur ein verwirrtes, aber zustimmendes Geräusch, ließ ihr Licht wieder erstrahlen und folgte der entschlossen voranschreitenden Linkle in Richtung Nordosten.
Der Tag ging vorüber, doch Linkles Grinsen wich nicht von ihren Lippen. Inzwischen ging die Sonne unter, das Licht würde rötlicher und der dünner bewachsene Teil des Waldes ließ Linkle weiter schauen.
Erst als sie ein schmerzhaft hohes Schreien hörte, spitzte sie die Ohren, schmiss sich blitzschnell in einen Busch. Sie fluchte tonlos, ausgerechnet einen mit Dornen erwischte sie. Purpinea war ihr in den Schutz der Pflanze gefolgt, hatte sich durch den Schrei furchtbar erschrocken. Leise fingerte Linkle nach einer ihren Armbrüste. Etwas in ihr sagte ihr, dass sie die brauchen würde. Vorsichtig legte sie den Bolzen ein, spannte sie und schob dann vorsichtig die piksenden Äste zur Seite. Was sie da sah schockierte sie. Ein Wesen, grün und mit leuchtend roten Augen, mit einem halb verdecktem und hässlichen Gesicht, stand auf der winzigen Lichtung. Nein, nicht eines, drei. Linkle schluckte. Ihr gefasster, aber dennoch ängstliche und aufgeregte Blick huschte hin und her, blieb an einem schwebenden Lichtball kleben. Er war im Gegensatz zu Purpinea hellblau, hatte aber genauso wie Purpinea im Verhältnis sehr große Flügel, die mit leuchtenden Adern im Glanz des Lichtes durchzogen waren.
„Linkle... das ist eine Fee!“, Purpinea flüsterte, war aber nervös, aufgescheucht und schockiert.
„Ich sehe es!“, Linkle versuchte ruhig zu bleiben, aber Angst durchzog ihren Körper immer mehr. Diese... Dinger waren ihnen mit Sicherheit nicht wohlgesonnen. Linkle schluckte ihren Speichel hinunter. Sie musste der Fee helfen. Zitternd lud sie ihre zweite Armbrust, entsicherte beide. Dann zielte sie.
Der erste Bolzen flog durch die Luft, nur Sekundenbruchteile später der zweite. Beide trafen ihr Ziel, zwei der Monster. Linkle wurde schlecht, als sie das Blut sah, das aus den durchstoßenen Hälsen floss. Doch schüttelte dann den Kopf. Übergeben konnte sie sich später. Die blaue Fee sah sich um, ihr Blick suchte die Umgebung in der Richtung ab, aus der die Bolzen kamen. Das grüne Monster war nicht so schlau, es sah sich orientierungslos überallhin um. In Linkle veränderte sich etwas. Ihr Instinkt flüsterte ihr zu, dass sie ihre Chance nutzen solle, Linkle gab ihm nach. Blitzschnell war eine der Armbrüste gespannt, deutete auf das grüne Untier und der Bolzen schoss durch die Luft, traf das Monster genau zwischen die Augen. Linkle seufzte; und übergab sich kurz darauf in den Busch. Nach einigen Sekunden, die sie zum Durchatmen brauchte, verließ sie ihr Versteck. Die Fee, die sie gerettet hatte, war überrascht. Ein Mädchen?
Purpinea folgte ihr. Als die blaue Fee die fliederfarbene entdeckte, stutze sie, dann kamen ihr Erinnerungen hoch. Aus Linkle wurde ein Junge, der statt einem grünen Cape eine grüne Tunika mit passender Zipfelmütze trug. Aus dem Armbrüsten wurde ein Schwert samt Schild. Statt Purpinea sah sie sich selbst an der Seite des jungen Mannes. Erst als Linkle sie ansprach, erwachte sie aus ihren Träumen.
„Geht es dir gut?“, Linkle machte sich wirklich Sorgen, dabei versuchte sie die toten Körper zu ignorieren. Der Blick der Fee legte sich auf ihr Gesicht. Unmöglich...
„Wie heißt du?“, die blaue Fee antwortete nicht auf Linkles Frage, sondern stellte selber eine. Überrascht antwortete die Hylianerin.
„Ich heiße Linkle.“, die blaue Fee fühlte sich immer mehr in ihrem Verdacht bestätigt, als die verdutze Antwort folgte.
„Und du?“, ihr angespannter Blick lag auf Purpinea.
„Purpinea.“, die Feen blickten sich unaufhörlich an, konnten wahrscheinlich durch die hellen Lichter schauen.
„Ah, die Vermisste.“, die blaue war anscheinend erleichtert, „Schön, dass es dir gut geht.“
Jetzt waren sowohl Linkle als auch Purpinea verwirrt. Wer ist diese Fee? Sie schien deutlich älter zu sein als Purpinea. Ihr Lichtball war größer, die Flügel länger und spitzer.
„Und wer bist du?“, Linkles Blick war unsicher, aber neugierig. Die blaue Fee stutzte, Linkle kam näher.
„Oh, entschuldigt bitte. Da war ich schon so lange Zeit in Hyrule und habe trotzdem die Gepflogenheiten fast vergessen... es ist einfach zu lange her...“, die blaue ließ ihr Licht mit nachdenklicher Stimme erlöschen. Linkle erkannte eine erwachsene, reife Fee, mit langem hellblauen Haar, das länger war als die Fee selbst. Dazu dunkelblaue Augen mit einem Hauch violett, genauso wie die von Purpinea groß und mit dichten Wimpern. Das schmale, zarte Gesicht lächelte. Die Fee trug ein hellblaues, fast weißes Kleid, das nur ihre nackten Zehen, sowie Arme, Schultern und das Dekolletee frei ließ und wie Wasser ihren kurvigen Körper hinab floss.
„Ich bin Navi.“, sie flog zu Linkle, hielt kurz vor ihrem Gesicht, „Du erinnerst mich in mehreren Punkten an jemanden, den ich vor langer Zeit kannte.“
Die Stimme Navis war äußerst nachdenklich. Könnte es sein? Sie versank in Erinnerungen. Dieser junge Mann in ihren Erinnerungen... Link, er alterte, wurde älter und älter, verliebte sich, heiratete, bekam Kinder... doch das passierte nicht hier, es passierte ganz woanders in Hyrule. In der Hauptstadt, im Schloss. Sie konnte nicht mit ihm verwandt sein. Navi wusste es. Sie war nicht mit Link verwandt. Zumindest nicht im Blut. Ihr letztes Gespräch mit ihm kam ihr in den Sinn. Link war schon alt gewesen, ein inzwischen klappriger Mann mit tiefen Falten und gebeugtem Rücken. Sein Gesicht zierte eine Narbe über sein eines Auge. Doch seine Augen waren klar, glücklich und ohne Furcht. Er war fast hundert Jahre alt, zu der Zeit galt das beinahe als ein Wunder und war inzwischen ein Urgroßvater. Seine Frau, eine ehemalige Königin und wunderschöne Frau, war blind geworden, hatte aber ,genau wie er, auch im Alter nie die Lebensfreude verloren. Auch fast achtzig Jahre nach ihrer Hochzeit liebten sie sich noch immer. Navi war in die Wälder zurückgekehrt, hatte selbst inzwischen Feenkinder und einen Mann. Für sie waren achtzig Jahre nichts. Feen wurden Jahrhunderte, ja oft auch tausend Jahre alt. Doch Link war an seinem Lebensende angekommen. Dennoch machte er sich noch einmal auf die beschwerliche Reise durch das halbe Land, nur um sie zu sprechen.
„Navi. Mein Leben geht vorbei. Ich hab nicht mehr lange.“, waren seine Worte gewesen, trocken gesprochen und ohne Angst, „Aber ich hatte einen Traum, nein, eine Vision. Eine Wiedergeburt von mir wird Unterstützung brauchen, sie wird weniger Anhaltspunkte haben als ich es jemals hatte und sich von mir und meinen vorherigen Leben unterscheiden. Ich weiß nicht worin, aber es wird so sein. Ich weiß, du wirst ihr begegnen, meiner Wiedergeburt. Und wenn es soweit ist, gib ihr das.“
Mit diesen Worten überreichte er ihr eine Kiste, oder eher, er stellte sie vor ihr ab und nutzte seine Zauberkraft, um sie auf feengerechte Größe zu schrumpfen. Damals spürte Navi, dass er recht hatte und tatsächlich – nur zwei Wochen später starb Link, Held und ehemaliger König von Hyrule, friedlich im Schlaf. Konnte es sein? Viele Zeichen sprachen dafür. Im Königshaus war vor sechzehn Jahren ein Junge geboren wurden, mit dem Mal des Triforce bereits auf der Hand und auch bei dem Mädchen konnte Navi es mit ihrer Magie sehen. Für Normalsterbliche allerdings noch unsichtbar. Das war also die Besonderheit, von der Link vor zweihundert Jahren sprach, aber selbst nicht wusste, was für eine es sein würde. Die Geschlechter wurden getauscht. Mut wurde nun von einer jungen Frau repräsentiert und Weisheit von einem jungen Mann.
„Tatsächlich?“, Linkle riss sie aus ihren Gedanken.
„Ja, aber er ist schon seit zweihundert Jahren tot.“, Navi schmunzelte. Es war schon lange her und es war der Lauf des Lebens, trotzdem fehlte ihr ihr treuer Freund.
„Er?“, Linkle blickte Navi fragend an. Diese nickte, Purpinea schwebte fassungslos neben Linkle.
„Link, Held der Zeit und König von Hyrule.“, Navi lächelte ihr entgegen. Linkle starrte sie fassungslos an, plumpste zu Boden.
„Du bist seine Fee?“, sie hauchte die Frage fassungslos und war vollkommen verloren in ihrer Verwirrung. Navi nickte ruhig.
„Vor zweihundert Jahren.“, lächelnd setzte sie sich auf Linkles Knie, ließ die Kiste von Link erscheinen und auf normale Größe wachsen, „Und du bist seine Wiedergeburt, von der er träumte und mir prophezeite, dass du anders sein würdest und dass ich dich treffen würde. Die hier soll ich dir von ihm geben.“
Die Kiste legte sich sanft in Linkles Schoß. Es verging viel Zeit, in der Linkle die Nachricht verdaute. Genauer gesagt zwei Stunden in denen sie regungslos da saß. Navi redete in der Zeit auf Purpinea ein, erklärte ihr etwas. Dann begann Linkle zu sprechen, der Wald war dunkel und die Sonne längst untergegangen.
„Was ist in der Kiste?“, sie flüsterte nur, ihre Stimme belegt und kratzig.
„Ich weiß es nicht.“, Navi zuckte mit den kleinen, schmalen Schultern, „Es wird dir helfen. Auf deiner Reise.“
„Und wenn ich es nicht zu nutzen und verstehen weiß?“, Linkle murmelte unsicher.
„Was auch immer da drin ist wird dich leiten. Link war niemand, der etwas unverständlich machte. Vielleicht wirst du deine Zeit brauchen, aber du wirst den Gegenstand verstehen.“, Navi lächelte, „Öffne die Kiste.“
Linkle folgte der Anweisung zögernd, klappte das Scharnier und den Deckel der Kiste um. Der Inhalt ließ sie die Luft anhalten. Ein Kompass, etwas größer als eine von Linkles Handflächen, schwer und mit einer Schnur zum Umhängen, lag im grünen Samt. Er war komplett golden, die Windrose von Glas geschützt. Kurz gesagt, er war wirklich schön. Auch Navi staunte.
„Er war schon immer für Überraschungen gut.“, sie schmunzelte anschließend.
Eine Zeit lang blickte Linkle den Kompass ruhig an, strich über seine Oberfläche, studierte die Windrose. Dann hob sie den Kopf, ihre blauen Augen funkelten vor Entschlossenheit.
„Wo muss ich hin?“, ihr Blick lag auf der ehemaligen Fee des Helden der Zeit.
„Sag du es mir.“, diese grinste, zuckte mit den Schultern. Linkle zögerte kurz, überlegte und blickte dann auf den Kompass, die Lösung sprang ihr ins Auge, schließlich hing sie sich den Kompass um.
„Erst ins Dorf. Ich muss dafür sorgen, dass meine Hühner in meiner Abwesenheit versorgt werden. Dann nach Hyrule, ins Schloss.“, ihre Stimme war die einer Kriegerin, entschlossen, wild und unverwüstlich.
„Der Kompass hat es dir gesagt?“, Purpinea sah sie fragend an. Linkle nickte. Eine angenehme männliche Stimme hatte ihr ihre nächsten Ziele in ihr Bewusstsein geflüstert. Linkle vermutete, dass es die Stimme des Helden der Zeit war. Navi lächelte.
„Dann gehe deines Weges, Heldin des neuen Anfangs.“, Navi ließ ihr Licht hell erstrahlen, stieg hoch hinauf, „Und du Purpinea, begleite sie, sei ihre treue Gefährtin und Freundin auf ihrer Reise. Ich werde den anderen Bescheid sagen, sorge dich nicht.“
Linkle nickte und eilte mit Purpinea entschlossen davon. Eine Linie aus Licht, nur für Linkle sichtbar, wies ihr den Weg.
Die blaue Fee lächelte in ihrem Licht.
„Geh und passe gut auf dich auf, kleiner, grüner Schmetterling...“, Linkle konnte Navi in ihren Gedanken hören, den sanften, liebevollen und stolzen Klang der Stimme der Fee. Sie lächelte. Das würde sie.