Beziehungs(un)fähig

GeschichteDrama, Romanze / P16
30.03.2016
30.03.2018
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TEIL I Das Mädchen im Zug



PROLOG Beziehungsunfähig?




S
ie ist nicht gerade ein Topmodel, aber unbedingt hässlich auch nicht. Für Schminke hat sie wenig übrig, auch Klamotten kauft sie nur selten – meist trägt sie auf, was Bekannte von ihr aussortieren. Ihre roten Locken sind selten länger als bis zum Kinn, weil sie vom Haare frisieren kaum mehr versteht als vom Schminken. Und sie ist gern allein. Sie hat Freunde, keine Frage. Die meisten davon sind Jungs, die sie noch aus der Schulzeit kennt. Zu Beginn ihres Studiums hat sie versucht, sich eine typische Mädchenclique aufzubauen, am Wochenende in Clubs zu gehen und zu Musik zu tanzen, von der sie Kopfschmerzen bekam… Funktioniert hat es nicht.
Das ist auch in Ordnung, denn Jungs sind schlichtweg die einfacheren Freunde. Und die Mädchen, mit denen sie befreundet ist, sind so wie sie. Unkompliziert, mit Hobbys, die mit Mode und Styling so viel zu tun haben wie der Geschichtsunterricht damals in der Schule – gar nichts.
Jungs sind einfacher zu handhaben – bis ihnen auffällt, dass man ein Mädchen ist. Das hat ihren Freundeskreis schon mehrfach erschüttert.
Keiner ihrer Freunde hat eine feste Freundin… und als der erste von ihnen merkte, dass sie ein Mädchen war, das man auch küssen konnte, waren sie schon 17. Er war zu schüchtern, um es je auszusprechen, und es hat sich wieder im Sande verlaufen, obwohl sie sich inzwischen schon fragt, was daraus hätte werden können. Sie hat diesen einen Jemand seit Jahren kaum gesehen, die Uni hat sie ihre Heimat verlassen lassen, sodass sie nur noch selten bei ihren Eltern ist.

Den zweiten Korb musste sie sehr viel direkter austeilen. Ein zweiter Freund besuchte sie in der Uni, übernachtete in ihrem Zimmer, wie es früher bei verlängerten LAN-Partys in seinem Zimmer oft vorgekommen war mit der ganzen Runde – und machte ihr eine Liebeserklärung. Sie hat ihn abgewiesen und flüchtete dann aus ihrem eigenen Zimmer, um Abstand zwischen sie beide zu bringen.
Wirklich verliebt war sie noch nie. Zumindest glaubt sie, noch nie wirklich verliebt gewesen zu sein.
Sie hat sich oft dabei ertappt, eifersüchtig auf die verschiedenen Freundinnen ihres besten Freundes zu sein… aber warum eigentlich? Sie hatte ihre Chance gehabt und sie aus Angst vor Veränderung abgelehnt – die dritte gescheiterte Fast-Beziehung in ihrem Leben… und so war sie auch mit Anfang zwanzig noch immer eine ungeküsste Jungfrau, die es zwar spielend leicht schaffte, sich mit Jungen anzufreunden, mehr aber nie erreichen konnte – oder wollte.
Sie weiß nicht einmal genau, woran es eigentlich liegt – wie jedes Mädchen hatte sie so manchen Schwarm während der Schulzeit, und schon bei der Vorstellung, mit irgendeinem Mädchen intim zu werden, schüttelt es sie – daran liegt es also sicher nicht. Sie hätte gern einen Freund… aber die liegen nun einmal nicht auf der Straße herum. Und wenn man sein eigenes Leben schon kaum auf die Reihe bekommt, wie soll man da noch Zeit finden, ein anderes Leben mit dem eigenen zu verweben?

In der Schule redete sie sich immer ein, auf der Uni würde es sich bestimmt ergeben. „Ich spreche einfach den ersten süßen Typen an und verwickle ihn in ein Gespräch“. Hat sie gemacht – jetzt sind sie gut befreundet. Aber eben nicht mehr. Wieder nur ein guter Freund, den sie nicht missen will – den sie aber niemals auch nur küssen würde. Nicht einmal betrunken.
An der Uni also hielt sie Ausschau nach dem Mann ihrer Träume – nicht so einfach bei ihrem doch eher weiblichen Studiengang. Die wenigen Männer, die sie dort traf, waren wahlweise schwul, vergeben oder nicht ihr Typ. Und mit Männern aus nicht geisteswissenschaftlichen Studiengängen hatte sie schlichtweg kaum Kontakt, weil der Campus groß und die Gebäude weit darauf verteilt waren.
Ansonsten hatte sie nur wenige Gelegenheiten, andere Männer kennenzulernen.
Sie lebte im Studentenwohnheim, in dem zwar hunderte Studenten wohnten, von denen sie aber nur wenige je zu Gesicht bekam – die meisten beim Barabend, den sie in unregelmäßigen Abständen besuchte, oder während der AG-Abende, an denen sie jedoch meist schon alle Jungs kannte und aussortiert hatte.
Wo lernte man einen süßen Typen kennen, wenn man nicht Feiern ging? Einfach so auf der Straße? Definitiv nicht, denn in einer Großstadt sahen die Menschen einander kaum an – und in ihrer Heimat kannte sie die Leute ja schon. Gäbe es dort einen Mann nach ihrem Geschmack, wäre sie bestimmt schon auf ihn aufmerksam geworden.

Auch in der Uni war das nahezu unmöglich – entgegen aller Klischees waren auch Männer fast immer nur in Grüppchen unterwegs. Oder sie starrten auf ihre Smartphones, hörten grässlich laut über Kopfhörer abscheuliche Musik oder sprachen eine Sprache, die sie trotz ihres Studiums nicht beherrschte.
Sie hatte die Schnauze voll, keine Frage.
Während ihre beste Freundin, mit der sie seit Monaten nicht gesprochen oder auch nur geschrieben hatte, längst schon über Hochzeit und Kinder nachdachte, war sie noch immer Jungfrau. Während ihr bester Freund mit seiner Freundin in den Urlaub fuhr und ihr liebe Grüße aus der halben Welt schickte, sagte sie selbst einen Kurztripp mit Freundinnen ab, weil ihr die Decke auf den Kopf fiel.

Und nun saß sie im Zug, mit den Nerven am Ende, und starrte auf die Regenschlieren, die am Fenster fast waagerecht entlangliefen. Sie hatte ihr Studium geschmissen, in ein paar Wochen startete sie ihre Ausbildung. Drei Jahre verschenkte Zeit. Sie war Anfang zwanzig, hatte in ihrem Leben kaum etwas erreicht und würde jetzt wieder in ihrem Kinderzimmer leben, das noch immer so aussah, wie sie es sich als 11-Jährige gewünscht hatte.
So hatte sie sich ihr Leben sicher nicht vorgestellt, als sie ihr durchaus gutes Abiturzeugnis entgegennahm und Bewerbungen für ein Psychologiestudium abschickte, die allesamt abgelehnt wurden. Das Schicksal hatte nicht gewollt, dass sie ihren Traum der Psychologin verwirklichte – inzwischen war sie ganz froh darüber, denn sie war sich mittlerweile sicher, dass sie dabei schon sehr viel früher zusammengebrochen wäre. Ihr Studium war ein Klacks verglichen mit Psychologie – trotzdem hatte sie vorzeitig aufgegeben.

Sie hatte große Pläne gehabt… und würde jetzt mehr oder weniger in die Fußstapfen ihrer Mutter treten. Buchhändlerin würde sie werden – was im Grunde nichts anderes war als Einzelhandelskauffrau speziell für den Buchmarkt. Eine Verkäuferin… Was sie nie hatte werden wollen. Sie hatte einen Ausbildungsplatz in ihrer Heimat bekommen. Obwohl sie in dem kleinen Dorf oft die Frage „Bist du etwa schon fertig mit dem Studium?“ würde beantworten müssen.
Aber sie hatte schlichtweg kein Geld für eine eigene Wohnung irgendwo anders – das abgebrochene Studium hatte sie unangenehm hoch verschuldet, weil sie das Darlehen vom Staat vollständig würde zurückzahlen müssen. Sie hatte sich immer eingeredet, sie würde den Abschluss schon hinbekommen, allein der eingesparten Schulden wegen… aber sie war an einfachen Seminararbeiten schon gescheitert, wie hätte sie da je eine Bachelorarbeit schreiben sollen? Es war besser so, als noch ein weiteres Jahr zu verschwenden und dann doch zu scheitern.

Sie bereute den Abbruch nicht; Sie war froh darüber. Sie war es leid gewesen, Dinge zu lernen, die ihr nutzlos vorkamen. Mit Dozenten zu diskutieren, die sie eigentlich nur loswerden wollten. Verwaltungskram hinterherzurennen, der dann doch wieder danebenging.
Sie würde nicht viel mehr vermissen als ihre Freunde an der Uni, das gute Internet der Großstadt und den kurzen Weg zwischen Bett und Badezimmer. Enge Freundschaften hatte sie in der Uni keine geknüpft, die meisten waren eher lose Bekanntschaften, mit denen sie sich gut verstand, die sie aber nicht unbedingt täglich sehen musste.
So war es mit all ihren Freunden. Mit ihrem Wegzug aus der Heimat war der Kontakt zu den meisten Freunden eingeschlafen, aber wenn sie sich dann wieder einmal trafen, war alles wie früher. Wie würde wohl ihre beste Freundin darauf reagieren, dass sie jetzt wieder zuhause wäre?
Dass sie 3 Jahre ihres Lebens mehr oder weniger verschwendet hatte, nur um zu lernen, dass sie sich mal wieder übernommen hatte?

„Ist es in Ordnung, wenn ich hier parke? Sonst motzt der Schaffner wieder, dass ich im Weg sitze“, unterbrach die Stimme eines jungen Mannes ihre trüben Gedanken.




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