Papa Geno

von Rune
GeschichteAbenteuer / P16
29.03.2016
09.04.2016
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„Worauf wartest du, Thomas?“, frage David.

Ich schenke ihm keine Beachtung. Das unerbittliche Dröhnen unzähliger Motoren am Himmel drängt sich an meinem bewussten Verstand vorbei direkt in die Regionen meiner Wahrnehmung, die nur Flucht oder Angriff kannten. Es lässt meine Muskeln zucken, will mich dazu verleiten, aufzuspringen, zum Lichtschalter zu stürzen. Aber das würde nichts nutzen, selbst im Sitzen sehe ich die Straßenlaternen, all die beleuchteten Fenster auf der anderen Straßenseite.
Ein Impello gegen den Stromverteilerkasten dort unten, und die Versorgung wäre immerhin für diesen Stadtteil lahmgelegt.

Das monotone Dröhnen weicht dem schrillen Heulen, das niemand, der es einmal vernommen hat, wieder vergisst. Junkers 87, deutsche Bomber im Sturzflug.
Ich merkte, dass ich aufgesprungen bin, mein Puls rast. Ich muss mich zwingen, wieder Platz zu nehmen.
Etwas krabbelt dabei hastig fort, verschwindet in den Falten zwischen Matratze und Decke. Großer Gott, wie ich das hasse! Von all den Unannehmlichkeiten ist der permanente Schmutz eine der ärgsten. Lieber eine dünne, sauberer Decke und dafür Kälte in Kauf nehmen, als eine verdreckte, in der es von Ungeziefer wimmelt.

Ich schließe die Augen. Da sind keine Nazi-Bomber. Kein David in meinem Zimmer.

„Worauf wartest du?“, fragt er erneut. Echte, für ihn so typische Neugier, schwingt in seinen Worten mit.

Er sitzt mir gegenüber im Sessel neben meinem Bett, sieht nicht älter aus als ich dieser Tage, nur müde, unendlich müde. Seine Uniform ist mit Asche und Blut befleckt, die Stiefel bis zu den Knöcheln mit Schlamm. Seine bleichen Züge sind unbewegt, wie auch seine Stimme, als er sagt: „Komm, nun bring es schon hinter dich, alter Junge.“

Die Kapsel in meiner Hand. Ich sehe auf sie hinab. Ihr Inhalt würde auch nach Jahrzehnten nichts von seiner Wirksamkeit eingebüßt haben. Er wird umschlossen von einer Glashülle, diese wiederum ist als Schutz gegen leichte Stöße und Druck von einer weiteren, siegellackartigen orangen Schicht umhüllt.
Ich könnte sie zwischen den Fingern zerquetschen. Der Hautkontakt reicht, ich müsste mich nicht einmal am Glas schneiden. Natürlich könnte ich sie auch in den Mund nehmen und zerbeißen: Bittermandelgeschmack, nur wenige Sekunden lang Atemnot, Schwindel, dann Bewusstlosigkeit, aus der es kein Erwachen mehr gäbe.
Es wäre eine Lüge, würde ich behaupten nicht zu wissen, warum ich die Kapsel all die Zeit aufbewahrt habe. Für den Fall, dass mir alles zu viel werden würde: Die Erinnerungen, die Schuld überlebt zu haben. Die Sinnlosigkeit meines Daseins nach dem Verlöschen der Magie. Die Einsamkeit.
Wegen all dem habe ich sie behalten. Und aus denselben Gründen habe ich sie nie genommen. Ich hatte kein Recht auf diesen billigen Ausweg.
Doch nun – nun gibt es einen legitimen Anlass.

„Es ist letztendlich die einzige sichere Lösung“, bestätigt David meine Gedanken.

Nicht die einzige, mein Freund.

„Nein, nicht die einzige, Thomas“, bestätigt er und lächelt müde.
Er erhebt sich, geht zum Fenster, schwer auf seinen Stock gestützt. Dort, wo sein Hinterkopf sein sollte, ist nur ein blutiger Krater. Er beugt sich vor, um auf die Straße zu sehen.
„Dritter Stock. Da bleibt zu viel Zeit, um einen Zauber zu wirken, der den Fall bremst. Letztendlich sind wir doch nur Tiere mit einem animalischen Überlebensinstinkt, nicht wahr?“

Ich kann meinen Blick nicht von seinem Hinterkopf abwenden. Schwarzes, getrocknetes Blut klebt ihm das Haar an den Schädel. Da ist etwas Helles in der Dunkelheit des Kraters. Es bewegt sich, zappelt.

Dumm “, kommentiert eine kleine Stimme in mir. „Ekel. Selbsthass. Furcht. Widersprüchliche Emotionen, anstatt einer einzigen, zielgerichteten.“

Überwältigender Zorn durchfährt mich wieder so jäh und heiß wie ein Anfall von Übelkeit.

"Du bist tot, David!", herrsche ich ihn an und springe auf.

Ich stecke die Kapsel in die Brusttasche meines Jacketts, wo sie leicht erreichbar ist, doch die Wahrscheinlichkeit gering, sie versehentlich zu zerdrücken. Als ich an der Tür anlange, lassen entfernte Detonationen die Scheiben in ihren Rahmen klirren.

Auf dem Flur laufe ich fast in den Jungen.

"Sir … !", stößt er hervor, weicht einige Schritte zurück, steht aber weiter im Weg.

Ich hebe meinen Stock, um ihn damit beiseite zu schieben. Er reißt eine Hand empor, ein Funke in ihr. Mein Feuerball umschließt und assimiliert seinen. Peter schreit vor Schreck und Schmerz, fährt so hastig zurück, dass er zu Boden fällt. Wie kann er es wagen, seinen eigenen Meister anzugreifen?!
Ich setze ihm die Stockspitze auf die Kehle, drückte zu.

"Zu langsam", spotte ich. "Viel zu langsam!"

Er starrt zu mir empor, Augen und Mund in Panik aufgerissen. Es lässt ihn aussehen wie eine dieser unsäglichen Karikaturen, die man von Vertretern seine Rasse zu zeichnen pflegt.
Großer Gott!
Ich zwinge mich, den Stock von seinem Hals zu nehmen. Muss jedes Quäntchen Energie aufbringen, um meine Hand zu zwingen, sich zu öffnen. Weiter. Noch ein Stück, bis ihr der Knauf entgleitet. Meine Faust ballte sich um nichts als leere Luft. Narr! Eine Waffe freiwillig aufzugeben! Das klagende Heulen der Sirenen wird lauter, es riecht nach Steinstaub, Kerosin und Phosphor. Die Detonation lässt den Boden unter meinen Füßen wanken. Ratten huschen in Panik aus ihren Verstecken über die Stufen.

Nein!  Das. War. Nicht. Wahr.

"Nimm ihn“, stoße ich hervor, „und geh mir aus dem Weg!"

Der Junge kriecht hastig zurück. Ich beiße die Zähne zusammen, als ich an ihm vorbeitrete.
Er wird nach dem Stock greifen. Mir in den Rücken fallen. Mein Nacken prickelt warnend und meine Finger krümmen sich, bereit zum nächsten Zauber, bereit ihn auszuschalten.
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