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Mein turbulentes Leben

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P18 / Gen
OC (Own Character) Ole Plogstedt
29.03.2016
20.09.2016
38
66.454
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10.05.2016 1.606
 
Zwanzig Minuten später standen die beiden Franks grinsend mit einem Rollbraten, Klößen und Rotkraut vor uns. „Womit haben wir das denn verdient?“ staunte Ole. „Uns war danach“, gab Papa Frank lachend zurück. Die Kinder aßen mit großer Begeisterung ihre Portionen auf, ebenso wie ihr Vater. Nur ich pickte lustlos in meinem Teller herum. „Schmeckt es dir nicht, mein Schatz?“ fragte Ole besorgt. „Doch, auf jeden Fall, aber ich bekomme einfach keinen Bissen herunter“, entgegnete ich. Fo zwinkerte mir zu. „Du bist doch etwa nicht wieder schwanger?“ „Gott möge es verhindern. Fünf Kinder und ein Enkelkind unterwegs genügen ja nun wirklich!“ Frank riss die Augen auf. „Aimee. Sie und Julian werden in einem halben Jahr Eltern“, erklärte Ole verdrießlich. Er hatte sich nur schwer damit abgefunden, dass seine kleine Tochter nun eine eigene Familie gründen würde, und nicht mehr auf Papas Schutz und Liebe angewiesen wäre. Er hatte nach der Ankündigung der Schwangerschaft drei Wochen lang nicht mehr mit Julian gesprochen.
„Aber warum isst du nicht, mein Schatz?“ fragte nun auch mein Vater. „Ach…wenn das alles immer so einfach wäre. Alle Menschen um mich herum sind glücklich, nur Andi bereitet mir Kummer. Keine Beziehung hält bei ihm länger als drei Wochen, und jedes Jahr um den Todestag seiner Frau herum verschanzt er sich und sucht sein Heil im Alkohol. Ich weiß einfach nicht, was ich mit ihm noch machen soll“, seufzte ich. „Erst gestern musste Martin ihn von der Hackerbrücke holen. Er ist einer meiner besten Freunde-da geht mir das einfach extrem nahe.“ Ole und Fo verschluckten sich fast an ihrem Essen. „Hackerbrücke? Er wollte doch nicht etwa?“ „Doch. Genau das wollte er.“ Ole kratzte sich am Kinn. „Wie wäre es, wenn wir ihn bis auf weiteres zu uns nehmen? Sein Laden läuft auch mal ohne ihn, und die Anwesenheit seines Patenkindes kann nur von Vorteil für ihn sein.“ So war es beschlossen, und Andi stand zwei Tage später wirklich mit seinem Koffer bei uns vor der Tür. Ich umarmte ihn. „Was musste ich da von Martin hören? Mach so was nie wieder!“ schimpfte ich. Andi nickte benommen. „War nicht gerade eine Glanzleistung, ich weiß.“ Ole baute sich vor ihm auf, und scheuerte ihm erst mal eine. „Ich bin fast umgekommen, als Pia mir das erzählt hat. Mensch Junge, wir brauchen dich doch!“ Ich schob mich zwischen die beiden. „Deswegen musst du ihn nicht ohrfeigen! Aber sonst geht’s dir gut?“ knurrte ich. Oles Augenbraue wanderte nach oben.
Andi legte mir beschwichtigend die Hand auf die Schulter. „Reg dich nicht auf. Er hat es doch nicht so gemeint.“ „Trotzdem. Das geht gar nicht, ihr seid doch Freunde?“ Mein Mann seufzte. „Du hast ja recht, mein Schatz. Tut mir leid, Buddy. Ich hätte nicht so überreagieren dürfen.“
„Onkel Ändi!“ Maria zupfte begeistert an seinem Hosenbein. „Hallo Prinzessin!“ begrüßte er sie freudig. Flo schob seine Unterlippe hervor, und funkelte Andi aus braunen Augen beleidigt an. „Stöpsel, dich habe ich doch nicht vergessen! Komm zu deinem Onkel Ändi!“ lockte er unseren Sohn. Dieser ließ sich in die Arme des smarten Bayern fallen, und wedelte mit seinem Stoffelefanten vor dessen Augen herum. „Fant! Papa Zoo kauft!“ „Ole, du hast einen Zoo gekauft?“ Ich prustete los. „Nein, den habe ich ihn im Zoo gekauft. Er ist halt noch nicht so eine Quasselstrippe wie Maria in diesem Alter“, erklärte Ole. Seine blaugrauen Augen, die ich an ihm so liebte, blitzen amüsiert auf. „Onkel Ändi? Spielst du mit mir Barbie?“ fragte Maria mit zuckersüßer Mine. Andi seufzte schicksalsergeben. „Nein ist wohl keine Antwortoption?“ Maria schüttelte ihren Kopf, und ihre schwarzen Locken flogen wild durch die Luft. Sie zog ihren Taufpaten resolut hinter sich her. Flo ließ seinen Onkel ohnehin nicht los, und so verschwanden die drei, um mit den Barbies meiner Tochter zu spielen. Ich würde diese Plastikmonster ab und an gerne verschwinden lassen, aber Ole meinte, irgendwann würde sie sie von alleine langweilig finden. Leider war dieser Tag noch nicht gekommen, und die drei großen versorgten Maria fleißig mit den abgelegten Kleidern ihrer Barbiepuppen. Insbesondere Aimee fand Spaß am Spielen mit ihrer kleinen Schwester, aber seit sie schwanger war, brach sie wegen jeder Kleinigkeit in Tränen aus, worüber sich ihr Zwilling nur zu gerne lustig machte.
Bea war eines Abends verzweifelt bei uns auf der Couch gesessen, und hatte mir ihr Leid geklagt.
Aus Marias Kinderzimmer drang lachen und kichern. Auch Andis Lachen war zu hören. Ich atmete erleichtert aus, und stahl mich auf den Balkon.
Ich hatte mir dort schon vor Jahren eine kleine Raucherecke eingerichtet-mit Schaukelstuhl und kleinem Tischchen. Ich kuschelte mich in den Stuhl, und zündete mir eine an. Während ich rauchte, beobachtete ich, was in der Nachbarschaft so vor sich ging. Nebenan waren neue Nachbarn eingezogen, die ich aber bisher noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Da tauchte ein hübscher, junger, blonder Mann mit graugrünen Augen und einer Gesichtsmuschi auf dem Balkon nebenan auf. Er konnte höchstens Ende zwanzig sein. „Ach, sie sind unsere Nachbarin?“ begrüßte er mich charmant. „Die bin ich. Aber wäre es okay, wenn wir du sagen? Ich bin Pia.“ „Tobias. Deinen Mann und deine Kinder habe ich schon kennen gelernt. Die beiden sind ja wirklich süß.“ „Danke. Und du wohnst alleine, oder mit Frau/Freundin?“ „Mit meiner Freundin. Sie ist allerdings Krankenschwester und man sieht sie daher selten.“ „Und als was arbeitest du?“ Er lachte. „Du hältst mich bestimmt für bekloppt.“ „Nicht bei DEM Freundeskreis, den ich habe. Also?“ „Ich bin Nageldesigner.“ Ich grinste breit. „Prima, dann muss ich das nicht mehr in Berlin machen lassen. Wenn du noch Kundinnen annimmst?“ Tobias kletterte frech über die Brüstung seines Balkons und ließ sich neben mir nieder. „Dann zeig mal her, deine Patscherchen!“ Ich reckte sie ihm artig entgegen.
Er  begutachtete sie eingehend. „Wow, die sind perfekt! Darf ich dich als Modell für die nächste Meisterschaft benutzen?“ Ich schüttelte den Kopf. Anfragen dieser Art bekam ich schon ständig von meiner Designerin in Berlin. „Sorry, aber mit zwei Kindern bleibt dafür nur wenig Zeit, da muss ich leider ablehnen.“ Er schaute mich traurig an. „Aber diese Hände bearbeite ich doch gerne.“ „Schleimer!“ hörte ich Oles Stimme hinter uns. Tobias lachte. „Ole! Schleich dich doch nicht so an! Ich kann es mir nicht leisten, mit 27 an einer Herzattacke zu sterben!“ Er knuffte ihn.
Ole nahm mich von hinten in den Arm, und küsste mich liebevoll auf die Schläfe. Ich lehnte mich vertrauensvoll an ihn. „Dein Typ wird drin verlangt“, erklärte er mir. Tobias schwang sich wieder über die Brüstung. „Du weißt, wo du mich findest!“ meinte er, bevor er wieder nach drin verschwand. „Mein Typ wird verlangt?“ „Ja, Andi ist mit den Kindern in den botanischen Garten gegangen, und dein Mann verlangt nach Aufmerksamkeit“, flüsterte er, und sah mich treu an. Ich küsste ihn. „Und an welche Art der Aufmerksamkeit hast du da gedacht?“ Oles Blick wurde zweideutig. „Habe verstanden. Dann wollen wir meinen armen, vernachlässigten Mann doch mal betreuen!“ Er führte mich ins Schlafzimmer. Als er mich unsanft aufs Bett schubste, musste ich lächeln. Solche Momente waren selten geworden, seit die Kinder da waren, und umso mehr genoss ich sie.
Anderthalb Stunden später lagen wir erschöpft, aber glücklich nebeneinander. Ich hatte mich an Oles Brust gekuschelt, und lauschte seinem Herzschlag. Er strich mir immer wieder liebevoll durchs Haar. „Hörst du meinen Herzschlag?“ Ich nickte. „Es schlägt nur für dich. Seit dem Tag, an dem ich mit dem Bier vor dir gestanden habe.“ Ich schaute ihn an. Ja, mein Mann war älter geworden, seine Haare waren eher grau als schwarzgrau, und die eine oder andere Falte mehr durchzog sein Gesicht. Aber ich liebte ihn nach wie vor über alles. An mir waren die letzten Jahre ja auch nicht spurlos vorüber gezogen. Silberne Fäden zogen sich langsam auch durch meine Haare, und durch die Schwangerschaften war ich etwas aus der Form geraten. Aber genau das machte unsere Ehe aus. Wir standen zu einander, egal was da kam. Ich wusste, ich konnte mich in jeder Lebenslage auf meinen Ole verlassen. Früher war ich eher eine Flirterin, beließ es aber bei Unverbindlichkeiten. Seit Ole in meinem Leben war, interessierten mich andere Männer nicht mehr die Bohne.
Ich strich ihm vorsichtig mit dem Finger übers Gesicht. „Ich liebe dich, Ole“, sagte ich. Er lächelte mich warm an. „Ich dich auch, mein Schatz. Aber es macht mir immer etwas Angst, wenn du meinen Vornamen benutzt.“ „Stimmt schon, den benutze ich normalerweise nur, wenn ich sauer auf dich bin, oder wenn du etwas ausgefressen hast. Aber jetzt im Moment meine ich es nur lieb.“
Er küsste mich auf die Schläfe. „Wir sollten langsam aufstehen, nicht dass die Kinder und Andi uns noch so finden.“ Ich nickte. Kaum dass wir das Wohnzimmer betreten hatten, saß ein breit grinsender Andi auf der Couch und klatschte Applaus. „Wie lange sitzt du da schon?“ „Lange genug. Aber damals warst du lauter, Pia!“ Ich wurde knallrot. Ole bedachte ihn mit einem wütenden Blick. Andi lachte. „Spaß. Ich sitze seit zehn Minuten da, und habe ins Blaue geraten. Aber gut zu wissen, dass ich recht hatte.“ „Andreas Schweiger! Mit dir bekomme ich mal noch einen Herzstillstand!“ brummte ich. Er nahm mich in den Arm. „Ach Mäuschen, sei doch nicht so, ich necke euch nur.“ „Aber schön, dass es dir besser geht, Schätzle!“
Einen Monat später konnten wir Andi beruhigt wieder ziehen lassen. Er hatte sich vollständig wieder gefangen, und auch den Todestag seiner Frau ohne das übliche Besäufnis überstanden. Er hatte sich einen Therapieplatz in München gesucht. Maria war etwas traurig, dass ihr geliebter Taufpate sie verließ, aber er versprach ihr, nach wie vor regelmäßig vorbei zu kommen. So verlief unser Leben in ruhigen Fahrwassern.
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