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Sera - Das Volk der Dhaya

von Weltende
GeschichteDrama, Fantasy / P12 / Gen
OC (Own Character)
29.03.2016
29.03.2016
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1.730
 
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Langsam öffnen sich die Türen und geben den Blick frei auf einen wunderschönen Tag, der für einen Moment vergessen lässt was unmittelbar bevorsteht. Zusammen mit dem jungen König gänzlich in weiß und gold gekleidet, gefolgt von den engsten Beratern und Ministern in ihren weiten rot-schwarzen Roben, tritt der Regent hinaus auf den Balkon, von dem man den gesamten Palastvorplatz überblicken kann. Jedoch sieht man heute keinen einzigen Stein des eindrucksvollen Bodenmosaiks der den Platz ausmacht. Dicht gedrängt steht das Volk, ein buntes Meer aus Menschen aller Stände, umringt von einem gold schimmernden Reif aus Palastwachen in festlicher Rüstung, die alle hoffnungsvoll und mit freudiger Erwartung emporblicken, gespannt darauf die Worte ihres Oberhauptes zu hören, dessen zwölften Geburtstag sie seit Sonnenaufgang und nach der Ansprache bis in die späte Nacht hinein ausgelassen feiern.

Niemand ahnt was nun geschieht, hat sich der Regent doch einen überraschenden Plan ausgedacht, den Vorwürfen, er habe vor den König vom Thron zu drängen und eine eigene Dynastie zu erheben, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Würdevoll tritt er vor und hebt die Hand, worauf der Choral von Glückwünschen, Danksagungen und aufgeregten Schreien sofort verstummt. Selbstsicher lächelt Vikram. Er weiß um sein imposantes Erscheinungsbild, welches sich aus seiner ungewöhnlich großen Statur, untermalt von der goldenen Rüstung die er als Genral der königlichen Truppen trägt, und der wie in Stein gemeißelten, ausgeprägten Gesichtszüge zusammensetzt, die Härte und gleichermaßen königliche Anmut ausstrahlen. Schon seit seiner Jugend konnte er ganze Säle von Menschen auf sich lenken in dem er nur hinein schritt, jedem Respekt einflößen indem er wissend auf sein kleineres Gegenüber herabsah. Doch das Werkzeug, mit dem er die Massen auf seine Seite zog, sie dazu brachte ihm zu folgen war seine gewaltige Stimme. Ein donnerndes Grollen wie der Zorn der Götter, der die Körper seiner Zuhörer vor Erregung und Ehrfurcht erbeben lässt.
Er hätte damals die Thronfolge antreten sollen, er hat alles was einen Herrscher ausmacht, nicht wie sein dick-dümmlich gutmütiger Bruder, verloren in dem Glanz vergangener goldener Zeiten, der zu allem Überfluss weit unter Stand geheiratet hat. Eine gerissene Sirene war sie, nicht sonderlich schlau, aber hübsch und warf den Armen das Gold in den Hals wie den Tauben das Brot. Natürlich hat das Volk dieses Paar abgöttisch geliebt. Umso schwieriger war es, ihr Ableben zu verkünden, ein Giftmord, durchgeführt von dem Verbrechersyndikat welches sich selbst „Nebel“ nennt. Eine Bande niederer Geschöpfe, Mörder, Pillendreher und Giftmischer, die es wagten eine unanständig hohe Summe für das zu verlangen, was er selbst liebend gern seinem Schwert überlassen hätte.
Denn an Gründlichkeit haben sie zu wünschen übrig gelassen. Nun muss er sich einem Bengel beugen, den er in einer Hand zermalmen könnte. Jedoch muss er noch eine Weile dieses Hindernis wie einen Pokal hochhalten, mit Hilfe dieser Galleonsfigur seine Macht festigen bevor er sich ihr entledigen kann.

„Verehrtes Volk“ dröhnt es über den Platz. „Wir sind hier um den wichtigsten Tag im Jahr zu feiern. Mein über alles geliebter Neffe, euer König, der seine Eltern auf so schreckliche Weise verlor, geht einen Schritt weiter zu seiner Volljährigkeit, voll Eifer und Wissbegier, um bald eure trauernden Herzen mit der Freude und Wärme seiner Mutter und des Mutes und Güte seines Vaters zu füllen.

Er wird schon bald den Thron besteigen, die schwere Bürde auf sich nehmen sein Land für sein Volk in Wohlstand und Frieden zu formen, eine Aufgabe für die ich ihn mit alle meiner Kraft und meinem gesamten Wissen vorbereite. Es erfüllt mich mit Stolz, schon so früh in ihm die Weisheit und Reife zu erkennen, in die ihr euer Vertrauen setzen könnt. Daraufhin habe ich beschlossen, ihn bereits am heutigen Tag seinen ersten königlichen Erlass verkünden zu lassen, ein erstes Zeichen von den vielen guten Taten die von ihm in Zukunft zu erwarten sind. Es wird ein Wunsch sein, den zu formulieren ich ihm selbst überlassen habe, im Wissen und vollem Vertrauen, eure Erwartungen übertroffen zu sehen. Doch jetzt habe ich euch lang genug die Geduld abverlangt, den Schwärmereien eines alten Mannes zu lauschen.“ Verhaltenes Gelächter dringt aus der gebannten Masse.

„Begrüßt nun denjenigen, der diesen Tag so besonders macht, König Kasai von Dhayran!“ Jubelschreie überschwemmen den Balkon vom königlichen Gemach, Fahnen und Banner wehen über den Köpfen der festlich gekleideten Menge.
Der Regent tritt beiseite, beugt sein Haupt vor dem herannahenden Jüngling und gesellt sich zu seinen treuen Ministern.
Dieses kleine Frettchen hat es gewagt sich aus der perfekten Falle zu winden, gerade in dieser Nacht heimlich die alten Greise aus dem Tempel zu rufen, um ihn mit uralten Geschichten in den Schlaf zu wiegen, eine Abart die seine Eltern einem Balg in dem Alter längst abgewöhnt haben sollten.

Dieser verfluchte Zufall gefährdete alles wofür er lange gearbeitet und teuer bezahlt hat. Denn als die Meuchler, dieses unfähige Pack, endlich das Zimmer erreicht hatten, fanden sie nicht ein verängstigtes Kind, sondern einen unbeschreiblich schmerzvollen Tod, die alles zerschmetternde Faust der Kranga - Die Mönche Dhayrans. Wer hätte gedacht, dass in den klapprigen Knochen noch so viel Kraft steckt.
Es kostete einige Anstrengung die Leichen schnell fortzuschaffen und den jeglichen Verdacht der Beteiligung des Hofes abzulenken. Ein Sündenbock war schnell hingerichtet und die königstreue Palastwache verbannt, ersetzt durch Elite-Soldaten, die direkt dem neuen Regenten unterstehen, natürlich um die Sicherheit des Thronfolgers zu garantieren.
Vom Schicksal belohnt darf die Brut jetzt brav seinen ihm eingebläuten Vers aufsagen, viel unverdientes Gejubel genießen bevor er wieder weggesperrt versauert bis sein Nutzen verflogen ist.

Kasai war überrascht, als ihm der Vorschlag überbracht wurde, einen Befehl aussprechen zu dürfen, vor dem Volk, so dass es jeder hört, den es, gleich wie er lautet, auszuführen gilt.
Die erste Vorfreude dämmte sich, als zusammen mit dieser Nachricht bereits seine Rede und eine knappe Auswahl von erlaubten Befehlen eintraf, von der Errichtung eines kleinen Mahnmals für seine Eltern bis hin zu einer kaum spürbaren Senkung der Steuern. In diesem Moment durchschaute er den Schachzug seines Onkels, den er für die tragischen Ereignisse im Land verantwortlich macht.

Gefangen in erdrückender Trauer und hoffnungsloser Machtlosigkeit hat er zugestimmt, wohl wissend, nur eine Marionette zu sein deren Fäden gefährlich dünner wurden.
Nun jedoch, als er in die nichtsahnenden Gesichter blickt, überkommt ihn eine Welle von Schuld. Sich selbst dem Schicksal zu ergeben ist die einfachste Wahl, aber wenn damit unzählige Leben zur ständigen Angst vor Tod und Siechtum verdammt sind, ist die Wahl auch die verwerflichste. Zu warten bis er erwachsen ist, alt genug den Thron zu besteigen, dann erst alles zu ändern, ist töricht und naiv zugleich. Die Wunden im Leib Dhayran wären zu tief um sich davon zu erholen, ganz zu schweigen von den seinen, die er ohne Frage erhält sobald er eine Gefahr darstellt. Nein, er kann nicht mehr zögern. Die Gelegenheit ist gekommen, die Gabelung des Weges liegt vor ihm, jetzt muss er sich entscheiden welchen er wählt.

„Vielen Dank, Vikram, für Eure aufbauenden Worte und Eure unermessliche Großzügigkeit. Ich danke Euch auch für die Gelegenheit, mein Wort an alle Menschen in Dhayran wenden zu können. Zu lang war ich zurückgezogen im Palast, fern von allen, denen zu dienen ich meinen Eltern ich versprochen habe. Ich entschuldige mich hier, jetzt, vor Euch allen für diesen Fehler und hoffe ich kann ihn mit dem Erlass, der mir vier Jahre vor der Zeit gewährt wird, zumindest teilweise sühnen.“

Das betretene Schweigen wird nur das das leise Geflüster zustimmender Worte durchbrochen, wie das Rauschen des Windes in den Baumkronen. Offenbar hat er genau das ausgesprochen, was alle bereits dachten, seine Tatenlosigkeit wird ihm zur Last gelegt und die Zeit das Handelns ist längst erwartet.
Kasai blickt zu Vikram hinauf, der dies als Zeichen der Unsicherheit deutet und ihm triumphierend lächelnd mit einem Nicken anweist, sich wieder dem Volk zuzuwenden und sich wie vorgesehen ins eigene Verderben zu reden.

„Ich habe mir von all euren Wünschen und Sorgen von den Mönchen aus dem Tempel berichten lassen und habe lang darüber nachgedacht wie ich so viele wie möglich erfüllen kann. Jedoch ist mir aufgefallen, dass ich selbst mit einer unbeschränkten Zahl an jenen Erlassen, von denen mir dieser eine jetzt gewährt ist, doch nicht alles ändern kann was es zu ändern gilt. Denn gleichgültig mit welchen guten Willen ein treuer Diener dieses Landes etwas zu ändern gedenkt, das Ergebnis wird von einer düsteren Macht, die sich wie ein undurchdringlicher Nebel über das Land legt, verzerrt und zu seinem eigenen Vorteil genutzt.“

Das Wort Nebel lässt gleichermaßen die Zuhörer vor ihm als auch hinter ihm erschrockene Laute hervorbringen. Kasai kann schon beinahe hören wie die Knöchel von Vikrams Händen knacken, als sie sich zu festen Fäusten ballen, eine Geste die unbändige Wut in sich trägt.

„Verbreitet diese Worte im ganzen Land, denn sie sind der Wille eures Herrschers, ausgesprochen zum Wohle eines jeden Menschen in Dhayran. Ich, König Kasai von Dhayran, erhebe die Mönche der Kranga, welche meine Familie immer treu gedient und geholfen haben, den Frieden des Landes zu sichern, zu meinen persönlichen Vasallen im Kampf gegen die Bedrohung mit dem Namen „Nebel“ und all denen die sie unterstützen. Mein persönliches Vermögen vertraue ich den obersten Äbten ihres Tempels Ailaemngak an, um ihnen die Mittel zu geben, unser aller Wunsch zu erfüllen. Darüber hinaus verlasse ich den Palast und begebe mich zu den Kranga um an ihrer Seite meinen Beitrag zum Sieg über die Verderbnis in diesem Land zu erbringen, in der Hoffnung euch so ein besserer König zu sein als ich es bisher war. Dies ist mein erster Befehl als euer König! Für Dhayran!“

Die Freudenschreie sind ohrenbetäubend. Die Palastwachen haben Mühe die extatische Menschenmenge zurück zu halten, von der die ersten schon den Platz singend und tanzend verlassen, auf dem Weg, die freudige Botschaft zu verbreiten. Auf dem Balkon stehen sich Vikram, der mit zusammengepresstem Lippen und knirschenden Zähnen unter großer Anstrengung die Fassung behält, und Kasai, erleichtert und mit neuem Lebensmut erfüllt, auf armes-länge gegenüber.

Anerkennend reicht Vikram ihm die Hand, hat der Junge es doch geschafft ihn zu überrumpeln und mehr Rückgrat zu beweisen als sein Vater je besessen hat. Kasai, vor dem noch ein harter und steiniger Weg liegt, erkennt die unausgesprochene Herausforderung in dieser Geste und ergreift sie mit der seinen. Der unbedarfte Beobachter sieht darin nur das Lob des Onkels gegenüber seinem Neffen, der außerordentliche Leistung erbracht hat. Allen am Hofe ist jedoch bewusst, dies war die Kriegserklärung zweier erbitterter Kontrahenten. Der Kampf hat in diesem Moment begonnen...
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