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Der weiße Wächter

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / Het
Alistair Der Wächter (männlich) Leliana Morrigan OC (Own Character)
27.03.2016
06.03.2021
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23.02.2021 4.516
 
Am nächsten Tag marschierten wir guten Mutes weiter in Richtung Redcliffe. Das Wetter war uns ebenfalls gewogener. Der Wind blies nicht mehr so stark und die Vormittagssonne wärmte uns tatsächlich ein wenig. Auch erreichten wir sehr bald Landstriche die uns vertraut erschienen und wussten, dass es nicht mehr weit bis zu Arl Eamons Burg sein wurde. Die gute Stimmung endete jedoch abrupt, als sowohl Elon, als auch Alistair ganz unvermittelt stehen blieben. Wir anderen taten es ihnen überrascht gleich. Ich begriff, was das zu bedeuten hatte, noch bevor unser Anführer es uns mitteilte. „Dunkle Brut!“, zischte er und legte die Hand an seinen Schwertgriff.
„Wie viele?“, fragte ich.
„Schwer zu sagen“, antwortete Alistair. „Aber auf jeden Fall eine größere Gruppe.“
„Was genau meinst du mit größer?“, fragte Leliana.
„Mindestens fünfzehn. Vielleicht zwanzig, fünfundzwanzig“, konkretisierte der erfahrenere Wächter.
„Könnten wir sie umgehen?“, schlug Wynne vor.
„Nicht wirklich“, meinte Elon. „Sie sind ziemlich genau vor uns. Vermutlich spähen sie die Straße nach Redcliffe aus.“
Ich seufzte. „Dann hilft wohl alles nichts. Wir haben offenbar Arbeit vor uns.“
„So sieht es aus“, sagte Elon ernst. „Haltet eure Waffen bereit.“
Wir taten, was er sagt und ich lockerte ein wenig mein Schwert in der Scheide, um es rasch ziehen zu können. Langsamer und vorsichtig marschierten wir weiter, und schließlich kamen die Ungeheuer in Sicht.
Wie von selbst nahmen wir Verteidigungsposition ein und erwarteten sie. Als sie uns bemerkten, reagierten sie auch wie erwartet und stürmten auf uns zu. Ich konnte sie nicht genau zählen, aber es waren wohl etwa  zehn Hurlocks und ebenso viele Genlocks. Allerdings hatten sie sowohl einen Hurlock-Alpha, als auch einen Genlock-Gesandten dabei.  Einen besonders starken Krieger und einen Magier also. Und die beiden hatten ihren Trupp auch sichtbar im Griff, denn die Meute stürzte sich nicht blindlings auf uns, wie es die Dunkle Brut so oft zu tun pflegte, sondern fächerte sich auf, um auch unsere Flanken angreifen zu können. Nicht schlecht. Mir kam die Idee, dass die Dunkle Brut, die während einer Verderbnis unter der direkten Kontrolle des Erzdämons stand womöglich eine Art “Intelligenzbuff“, erhielt, die es den schlaueren Exemplaren ermöglichte, ihren Untergebenen komplexere taktische Befehle zu erteilen. Das wäre schlecht für uns. Fest stand, diese Kerle hier würden nicht einfach blind in unsere Klingen laufen.
Zum Glück klappte der andere Teil unserer üblichen Taktik: Morrigan und Wynne stellten den Genlock-Magier rasch kalt, im wahrsten Sinne des Wortes. Die anderen gingen aber nichtsdestotrotz zum Angriff über. Wir wehrten uns, doch sie spielten ihre Überzahl in dem offenen Gelände geschickt aus und ich musste zwei Genlocks gleichzeitig abwehren. Das war gar nicht so einfach und ich konnte einen Hieb des linken Genlocks nur abwehren, indem ich einen kleinen Schild aus Licht um meinen Unterarm formte. Mit dem Schwert konnte ich dann allerdings den rechten auskontern und durchbohren. Ich zog rasch das Schwert aus seiner Brust und wandte mich meinem anderen Gegner zu, der jedoch plötzlich nach vorne kippte und dort leblos liegen blieb. Ein Pfeil ragte ihm aus dem Hinterkopf. Instinktiv drehte ich mich zu Leliana um, die jedoch immer noch schräg hinter mir stand. Ausgeschlossen, dass sie diesen Pfeil abgefeuert hatte. Des Rätsels Lösung offenbarte sich jedoch, als noch mehr Pfeile aus der Richtung auf die Schreckensgestalten niedergingen und einige von ihnen auch tödlich trafen. Der Rest der Biester war entsprechend verwirrt und leichte Beute für uns. Als der Kampf vorbei war, zeigten sich auch die mysteriösen Schützen. Es waren Dalish Elfen, die nun auf uns zugingen.
Elon begrüßte sie sofort auf Elvhenan und wechselte einige Worte mit ihnen. Sie erzählten ihm, dass die Clans sich zu einer Streitmacht versammelt hatten, die ganz in der Nähe, in einem gewissen Abstand zum Dorf lagerte. Die Anführer waren sich einig gewesen, dass es am besten war, wenn ihre Leute möglichst wenig mit den Shemlen in Berührung kamen. Diese Tatsache war nicht zu leugnen und so hieß auch Elon diese Entscheidung gut. Weiters erzählten uns die Elfen auch noch, dass die Dunkle Brut immer wieder Spähtrupps in die Hinterlande und die Umgebung zu entsenden schien. Arl Eamon fürchtete, dass die Horde plante, Redcliffe anzugreifen und die Dalish hatten sich erboten, ihrerseits Patroullien auszusenden, im diese Spähtrupps zu jagen und möglichst rasch zu eliminieren, bevor sie Bericht erstatten konnten. Elon zeigte sich erfreut darüber, dass seine Leute trotz aller Differenzen so gut mit den Menschen zusammen arbeiteten und teilte das seinen Mit-Dalish auch eindeutig mit. Diese schienen sich durch das Lob von “ihrem“ Grauen Wächter geschmeichelt zu fühlen und verabschiedeten sich höflich von uns, um ihre Mission fortzusetzen.
Mit einem „Möge der Schreckenswolf niemals eure Fährte aufnehmen“, verabschiedete sich auch Elon und wir marschierten ebenfalls weiter in Richtung des Dorfes und der Burg. Wir kamen an einer Ansammlung von Zelten vorbei, die aufgrund der länglichen Form, die an Aravels erinnerte, und deren Stoff mit aufwändigen, elegant geschwungenen verziert war, leicht als Lager der Dalish-Krieger zu erkennen war. Das Lager lag abseits der Straße, sodass wir nur außen vorbei marschierten, auch wenn Elon die Zelte aufmerksam musterte. Vermutlich suchte er nach Anzeichen auf seinen eigenen Clan. Da würde er leider nichts finden. Sein Clan war bereits fortgezogen und saß vielleicht bereits in den Freien Marschen nahe Kirkwall fest.
Kurz nach einer kleinen Mittagsrast konnten wir schließlich Schloss Redcliffe vor uns, und das Dorf unter uns sehen. Erfreut beschleunigten wir unsere Schritte, und machten uns auf den Aufstieg zu der großen Brücke, die zum Tor der Festung führte. Auf dem Weg sahen wir, dass im Dorf rege Betriebsamkeit herrschte. Zwischen den Häusern standen auch einige Zelte. Alle fereldischen Soldaten, die nicht für oder gegen Loghain kämpften waren offenbar versammelt.
Ein Eindruck der sich weiter verstärkte, als wir das Tor der Burg passierten. Das Tor war offen und im Hof trainierte eine große Anzahl von Soldaten, unter den wachsamen Blicken und lauten Beschimpfungen ihrer Offiziere. Als wir die Stufen zur Haupthalle erklommen, kam uns bereits Bann Teagan entgegen.
„Wächter! Ihr seid zurück!“, begrüßte er uns, freudig überrascht.
„Das sind wir, Bann Teagan“, antwortete Elon. „Es ist gut, Euch wieder zu sehen.“
„Ebenso, Grauer Wächter. Ihr und Eure Gefährten seid uns herzlich willkommen. War Eure Mission erfolgreich?“
„Das war sie“, erwiderte unser Anführer. „Deshalb müssen wir mit Arl Eamon sprechen. Die Zeit ist gegen uns.“
„Selbstverständlich“, sagte Teagan. „Er erwartet Euch bereits. Folgt mir bitte.“
Wir gingen ihm nach, in die Haupthalle, und tatsächlich stand Arl Eamon bereits am Kaminfeuer und schien auf uns zu warten.
„Grauer Wächter“, begrüßte er uns, auf seine übliche ernste Art. „Ich bin erleichtert Euch und Eure Gefährten gesund wieder zu sehen. Was führt Euch zu mir.“
„Die Pflicht, Arl Eamon“, antwortete Elon, erhobenen Hauptes. Als Dalish beugte er schließlich vor keinem Menschen das Haupt und als Grauer Wächter konnte er sich das auch leisten. Ich für meinen Teil, hielt es für ratsam, zumindest zur Begrüßung leicht den Kopf zu senken.  Eamon war schließlich ein Arl, ein Fürst und ich ein einfacher Mann. Mochte dieses Konzept in meiner Heimat glücklicherweise längst überholt sein, hier war es die vom Erbauer gegebene Ordnung und ich hatte mich anzupassen. Zum Glück war Eamon unabhängig von seinem Titel ein anständiger und respektabler Mann, sodass mir das nicht allzu schwer viel.
„Wir haben alle Verbündeten versammelt, die in der Lage sind, Ferelden beizustehen“, berichtete Elon. „Die Zwerge von Orzammar senden ihre Truppen, die hoffentlich bald hier eintreffen dürften. Mein Volk ist, wie ich festgestellt habe bereits nahe des Dorfes versammelt. Gemeinsam mit Euren Truppen und den Magiern haben wir nun eine beachtliche Streitmacht zur Verfügung. Doch wir brauchen noch den Rest Fereldens. Wir brauchen alle Soldaten und Kämpfer, die Euer Königreich aufbieten kann vereint unter unserem Banner, wenn wir eine Chance haben wollen. Wir müssen uns also um das Problem mit Loghain kümmern. Er ist das letzte und größte Hindernis, vor unserem eigentlichen Feind.“
„Dann seid Ihr also bereit, Loghain auf dem tückischen Schlachtfeld der Politik entgegen zu treten?“, fragte Eamon.
„Die Politik der Menschen hat mich nie interessiert, wie Ihr Euch wohl denken könnt“, erwiderte der Dalish. „Aber es muss wohl sein. Also ja, wir sind bereit.“
„So sei es“, legte der Arl fest. „Ich werde heute noch Boten aussenden und die Nachricht verbreiten. Morgen werden wir nach Denerim aufbrechen.“
„Wie lange wird das dauern, bis das Landthing stattfinden kann?“, wollte Elon wissen.
„Das lässt sich schwer sagen. Eine bis zwei Wochen müssen wir einrechnen. Die Verderbnis und der Bürgerkrieg werden viele der Lords und Ladys beschäftigen und wir müssen ihnen die Zeit lassen, zumindest ihre dringendsten Angelegenheiten zu regeln, bevor sie ihr Land in diesen unsicheren Zeiten verlassen.“
„Ich verstehe“, sagte Elon. „Sinnlos, zu betonen dass jeder Augenblick zählt, wenn am Ende noch etwas von Ferelden übrig sein soll, das man retten könnte. Es lässt sich wohl nicht ändern.“
„Mit Verlaub, Elon“, meldete ich mich.
„Ja?“, erlaubte er mir, zu sprechen.
„Wir können die Zeit konstruktiv nutzen. Wir haben noch etwas zu erledigen, in Ostagar und, womöglich auch bei einer gewissen… Dame in der Wildnis.“
„Stimmt“, erwiderte der Wächter nachdenklich, bevor er sich wieder an Arl Eamon wandte.
„Mein Gefährte hat mich gerade auf einige Angelegenheiten hingewiesen, die wir noch bereinigen sollten. Angelegenheiten, die die Wächter betreffen. Wir werden Euch also nicht direkt nach Denerim begleiten, sondern einen kleinen Umweg nach Süden machen, und wohl erst ein paar Tage nach Euch in der Stadt eintreffen.“
„Das sollte keine Problem sein“, meinte der Arl. „Ich muss Euch aber anraten, vorsichtig zu sein. Euer Weg führt Euch in Gebiete, die die Verderbnis bereits fest in ihrem Griff hat. Ich maße mir nicht an, einem Grauen Wächter zu sagen, wie er seine Aufgabe zu erfüllen hat, aber wir brauchen Euch und Alistair, wenn dieses Landthing Erfolg haben soll.“
„Das weiß ich“, sagte Elon. „Wir werden auf uns Acht geben, und rechtzeitig in Denerim eintreffen.“
„Das hoffe ich“, erwiderte Eamon, der sichtbar besorgt war. „Wenn Ihr in der Stadt angekommen seid, sucht mich in meinem Anwesen beim Marktplatz auf.“
„Verstanden“, sagte der Dalish. „Wenn Ihr morgen nach Denerim aufbrecht, würdet ihr uns dann für heute Nacht Eure Gastfreundschaft gewähren? Meine Gefährten haben zumindest eine kleine Pause verdient, bevor wir uns in das Gebiet der Dunklen Brut wagen.“
„Selbstverständlich“, antwortete der Arl. „Ich werde unverzüglich Räumlichkeiten für Euch und Eure Begleiter vorbereiten lassen. Ihr seid hier herzlich willkommen.“
„Ich danke Euch, Arl Eamon“, sagte Elon und neigte tatsächlich leicht das Haupt. Ich tat es ihm höflich gleich.
Dann wandte sich unser Anführer uns zu und sagte: „Also gut. Wir werden uns den Rest des Tages hier ein wenig ausruhen. Es steht euch frei, euch im Dorf umzusehen, aber denkt daran, wir marschieren in aller Frühe weiter.“
Wir nickten, oder artikulierten unsere Zustimmung anderweitig. In einer Traube verließen wir die Haupthalle und zerstreuten uns dann. Am Ende blieben nur Leliana und ich stehen und sahen uns unschlüssig an.
„Was hältst du von einem Spaziergang runter zum See?“, schlug ich unsicher vor?
„Gerne“, antwortete sie lächelnd.
Ich lächelte zurück, das flattern in meinem Bauch mit Mühe ignorierend. Obwohl wir gewissermaßen offiziell ein Paar waren, war ich immer noch unglaublich nervös neben ihr. Nebeneinander verließen wir das Schloss und stiegen hinab, zum Dorf. Als wir auf halber an der Windmühle vorbeikamen, blickte Leliana erinnerungsselig zu ihr auf und sagte: „Eine Windmühle. Ich bin mal auf den Flügeln von so was geritten. Keine gute Idee.“
Ich hatte das zwar im Spiel schon mal gehört, aber es warf jedes Mal Fragen auf. Und nun hatte ich endlich die Gelegenheit, sie zu stellen.
„Nicht dein Ernst“, antwortete ich also amüsiert. „Wie kam es denn dazu?“
„Lange Geschichte“, meinte sie.
„Wir haben Zeit“, sagte ich. „Ausnahmsweise.“
„Stimmt“, meinte sie. „Also gut. Es war noch während meiner Zeit in Orlais. Ich war als Bardin noch jung und unerfahren, voller Aufregung Einer meiner ersten Aufträgge führte mich auf das Landgut eines Adeligen nahe Val Chevin. Ein großes Gelände, mit eigenen Getreidefeldern und eben auch einer Mühle. Er hatte ein Vermögen damit verdient und nutzte seinen Reichtum um Hofdamen, die weniger begütert waren zu verführen. Eine dieser Damen hatte sich an Majorlaine gewandt, um ein paar peinliche Beweise für seine zahlreichen Liebschaften, sowie andere, unlautere Geschäfte zu sammeln. Du musst wissen, Affären untereinander sind im orlaisianischen Hochadel durchaus üblich.“
„Es ist aber auch üblich, sich dann gegenseitig damit zu erpressen oder bloßzustellen“
„Richtig“, sagte Leliana. „Zumindest gilt das für die Sorte von Affäre, die auf Abhängigkeit beruht.“
„Du meinst, wenn zum Beispiel eine verarmte Edeldame, mit einem reichen Gönner schläft, um ihre Position bei Hofe erhalten zu können?“, schaltete ich schnell.
„Richtig. Eine solche Beziehung beruht, zumindest für eine Seite definitiv nicht auf Leidenschaft, sondern eher auf Überwindung. Nicht selten werden dann Barden zu Rate gezogen, um den ungeliebten Liebhaber zu beseitigen. Allerdings wäre es sehr plump und unvorteilhaft, das direkt durch Mord zu erledigen.“
„Viel besser ist es, belastendes Material zu sammeln um das Verhältnis umzukehren“, begriff ich.
„So ist es“, sagte meine Liebste. „Also schickte Majorlaine mich aus, um ein paar peinliche Dokumente aus dem Anwesen zu stehlen. Als Bänkelsängerin verkleidet, kam ich dorthin und mit meinem Lautenspiel, Gesang und ein paar netten Worten gewann ich schnell die Zuneigung der Dienerschaft.“
„Kann ich mir vorstellen“, entfuhr es mir. Die Vorstellung von ihr, noch ein paar Jahre jünger, scheu und mit Laute, sanfte Waisen vor sich hin singend war  geradezu entzückend.
„Danke“, meinte sie lächelnd. „Leider endete es nicht so gut, wie es angefangen hatte. Ich verschaffte mir zutritt zu den Gemächern des Barons, aber ich wurde leider erwischt, als ich die Dokumente einsteckte. Ich floh durch ein Fenster und lief durch das Gelände. Der Gutshof war mit hohen Mauern umgeben, die ich ohne Seil nicht erklettern konnte. Ich musste mich irgendwo verstecken, bis die Wachen dachten, ich wäre schon weg und ich durch das Tor schlüpfen konnte. Da fiel mein Blick auf die Windmühle. Ich wusste, dass die Wachen sie durchsuchen würden, aber sie würden doch sicher nicht damit recheen, dass jemand auf dem Dach der Mühle sein würde.“
„Also hast du dich auf die Flügel des Mühlrades geschwungen, um dich zum Dach hoch tragen zu lassen?“, vermutete ich.
„Richtig“, sagte sie, verlegen lächelnd. „Es war eine sehr schmerzhafte Angelegenheit, die auch nicht wirklich den gewünschten Erfolg brachte. Ich schaffte es nicht auf das Dach und landete ziemlich mitgenommen wieder auf der Erde. Obwohl ich es mehrmals versucht hatte.“
„Mehrmals?“, lachte ich. „Du gibst nicht so einfach auf, was?“
„Nein, normalerweise nicht“, lachte auch sie. „Selbst dumme Ideen wie diese, versuche ich zu verwirklichen, wenn ich sie mir erst einmal in den Kopf gesetzt habe.“
„Naja, ein kluger Mann sagte mal: Konsequenz heißt, auch Holzwege zu Ende zu gehen, meinte ich, immer noch amüsiert. „Und wie bist du dann letztlich da raus gekommen?“
„Nun, ich hatte Glück. Ich versteckte mich schließlich doch in der Mühle, unter einem Stapel Heu. Die Wachen entdeckten mich dort zunächst nicht. Erst eine Magd fand mich, doch ich hatte ihre Sympathie gewonnen, sodass sie mir ein paar ihrer Kleider gab. Durch meine unrühmliche Landung und das Versteck im Heu war ich so verdreckt und zerzaust, dass ich mit dem Kleid, das sie mir gab tatsächlich als Magd durchging und mich die Wachen passieren ließen. Zum Glück sehen für die meisten Soldaten alle Bäuerinnen gleich aus.“
„Verstehe. Glück gehabt“, sagte ich. „Und konntest du deinen Auftrag zu einem erfolgreichen Ende führen?“
„Das konnte ich“, sagte sie. „Ich übergab Majorlaine die belastenden Briefe und sie war sehr zufrieden. Am Anfang war sie schockiert, über mein ungepflegtes Aussehen, bis ich ihr erklärte, dass ich mit dieser Tarnung entkommen war. Ich muss gestehen, die Geschichte mit der Windmühle war mir selbst so peinlich, dass ich es Majorlaine nicht erzählte und meinen Bericht so klingen ließ, als sei es von Anfang an mein Plan gewesen, mich als Magd aus dem Gut zu schmuggeln. Davon war sie dann sogar beeindruckt, und lobte mich ausgiebig dafür, dass ich eine wichtige Lektion unseres Handwerks begriffen hätte, nämlich dass eine Bardin in der Lage sein muss, viele Rollen zu spielen und schnell und spontan von einer Rolle in eine andere schlüpfen können muss.“
„Verstehe. Das war dann wohl wirklich dein Glückstag“, meinte ich lächelnd.
„Im Nachhinein betrachtet, ja das kann man wohl so sagen“, bestätigte sie. „Ich war jung und unerfahren und dieser Auftrag war mir in vielerlei Hinsicht eine Lehre. Ich hatte mich ganz und gar auf meinen Charme als Bardin und Bänkelsängerin verlassen, geblendet von dem Glanz dieses Lebens. Von da an hatte ich mich immer abgesichert und mir mehrere Fluchtpläne überlegt. Ich hatte gelernt wie schnell eine Situation sich verändern kann, und das man auf alles gefasst sein sollte.“
„Und dass man nie auf den Flügeln einer Windmühle reiten sollte“, meinte ich schmunzelnd.
„Richtig“, erwiderte sie lächelnd.
Inzwischen hatten wir fast das Dorf durchquert und suchten einen ruhigen Platz am Ufer des Sees. Wir kamen dabei auch am Haus des Zwergs Dwynn vorbei, aus dem gerade Elon kam, in beiden Händen ein großes Schwert haltend, das offenbar für einen Krieger von der Größe eines Qunari angefertigt worden war. Ich winkte ihm zu, und als er mich bemerkte, grinste ich breit und reckte den Daumen nach oben. Er nickte, lächelte zurück und ging dann seines Weges.
„Das dürfte Sten freuen“, sagte ich. „Wenn er sein Schwert wieder hat, darf er wieder nach Hause zu seinem Volk.“
„Darf er das sonst nicht?“, fragte Leliana überrascht.
„Nein“, sagte ich. „Die Qunari sind ein sehr strenges Volk. Sie folgen den Lehren ihres Propheten Koslun, dem so genannten Qun. Deshalb nennen sie sich Qunari. Eigentlich heißt ihre Art Kossith. Die Qunari sind eine Splittergruppe davon, die von ihrer ursprünglichen Heimat weit im Norden in die Länder gezogen sind, die sie heute bewohnen.“
„Das heißt, irgendwo weit im Norden gibt es ein Land, in dem Volk lebt, das den Qunari ähnlich und doch ganz anders ist?“
„So ist es“, sagte ich. „Aber genaueres weiß niemand. Selbst die Qunari haben vergessen, wie ihre Verwandten im Norden leben. Oder eher, sie haben es wohl verdrängt. Ich vermute sie unterscheiden sich nicht so sehr von Menschen, Elfen und Zwergen, wie es die Qunari tun. Die Qunari sind der Ansicht, dass die Lehren Kosluns die ultimative Antwort auf alles Übel der Welt bieten. Ihrer Meinung nach wäre die Welt ein viel besserer Ort, wenn alle nach den Lehren des Qun leben würden. Für mich persönlich eine scheußliche Vorstellung.“
„Warum das?“, fragte Leliana. „Ist es nicht üblich, seinen Glauben verbreiten zu wollen? Auch die Kirche verkündet, dass der Erbauer zu seinen Kindern zurückkehren würde, wenn der Gesang des Lichts in allen vier Ecken der Welt erklingt.“
„Das stimmt, aber man kann das Qun nicht wirklich mit dem Gesang des Lichts vergleichen“, erwiderte ich.
Inzwischen spazierten wir nebeneinander am Seeufer entlang und ließen uns von der Nachmittagssonne wärmen.
„Der Gesang des Lichts formuliert die Grundsätze des Glaubens und grundlegende Regeln, wie man ein gutes Leben führt, zum Wohl seiner Mitgeschöpfe und zum Gefallen des Erbauers. Innerhalb dieser Grundsätze stellt er es aber jedem frei, sein eigenes Schicksal zu schmieden und nach persönlicher Erfüllung zu streben. Das Qun erlaubt das nicht. Es regelt alle Aspekte der Lebensführung streng und unnachgiebig. Das Qun kennt kein Individuum. Man ist kein vollwertiges Lebewesen mehr, mit eigenem Willen, eigenen Wünschen, Träumen und Zielen sondern ein Zahnrad in einem Getriebe. Ihre Kinder werden nicht von ihren Eltern aufgezogen, sondern von speziellen Erzieherinnen. Sie haben keine Namen sondern nur Nummern. Wenn sich zeigt, wo ihre Stärken liegen werden sie einer Aufgabe zugeteilt und müssen diese ihr Leben lang erfüllen. Ihre Namen sind auch keine Namen in unserem Sinn, sondern eher Titel, beziehungsweise Berufsbezeichnungen. Sten heißt so etwas wie Hauptmann und jeder Offizier in der Armee der Qunari heißt so. Frag mich bitte nicht, wie sie sich gegenseitig auseinander halten, ich habe keine Ahnung.“
„Das klingt ja wirklich furchtbar“, sagte Leliana.
„Ja“, sagte ich. „Die Qunari selbst erfinden es allerdings nicht so, denn sie kennen nichts anderes. Für sie ist es gut und richtig so und nur die wenigsten brechen aus diesem engen Regelwerk aus. Die, die es tun, gelten als Gesetzlose, so genannte Tal Vashoth und werden gnadenlos verfolgt. Das führt dazu, dass Tal Vashoth oft brutal und skrupellos handeln um zu überleben. Das nutzen die Priester und Würdenträger des Qun aus, um ihrem Volk zu suggerieren, dass alle, die die Regeln des Qun brechen, früher oder später zu solchen mordenden Banditen werden.“
„Aber gibt es keinen Mittelweg?“, fragte Leliana.
„Den gibt es. So leben wie wir. Frei aber dennoch anständig. Aber die wenigsten Qunari finden diesen Mittelweg jemals. Ihr Leben lang lernen sie, dass es nur zwei Möglichkeiten gibt: seine zugewiesen Rolle zu akzeptieren, oder plündernd, mordend und ständig auf der Flucht durch die Gegend zu ziehen. Da kaum jemand zweiteres will, begraben die meisten, denen rebellische Gedanken kommen, diese sofort wieder. Ich habe einmal gelesen, wie Ben-Hassrath, die Spione und Abtrünnigenjäger der Qunari einen aufsässigen Qunari in einem Verhörraum eingesperrt haben und ihm dort die Leichen von Qunari vor die Füße geworden haben, die von Tal Vashoth-Banditen umgebracht wurden. Der Mann war natürlich entsetzt, und als die Ben-Hassrath ihn fragten, ob er auch so sein wolle, ein Mörder und ein Bandit, verneinte er natürlich. Dann machten sie ihm klar, dass er sich fügen müsse. Was er dann auch brav tat und das Qun nie wieder in Frage stellte.“
Leliana sah mich schockiert an.
„So zu denken wird den Qunari eingetrichtert.“, fuhr ich fort. „Jede Form von Freiheit und Individualismus führt zu Chaos und ist der Grund dafür, warum die Welt so schlecht ist. So schrieb es Koslun und so wird es allen Kindern im Qun von klein auf eingetrichtert. Sie lernen, dass man entweder nach dem Qun lebt, oder als Bandit. Deshalb sind wir, die Menschen, Elfen und Zwerge für die Qunari alle gesetzlose Banditen und Wilde. Wir haben zwar natürlich auch Gesetze, aber da diese nicht so absolut sind wie ihre, verdienen sie in ihren Augen diese Bezeichnung nicht. Für sie führen wir ein wildes, bestialisches und bemitleidenswertes Leben und sie verstehen nicht, warum wir ihnen in mehreren Kriegen und Erhabenen Märschen Widerstand leisteten, wo ein Leben nach ihren Regeln doch auch für uns so viel besser wäre.“
Ich atmete tief durch. Ich spürte, wie ich kurz davor war, mich wieder in Rage zu reden. Ich beruhigte mich ein wenig und sagte: „Der Grundgedanke des Qun ist kein schlechter. Ein Volk, das harmonisch auf ein gemeinsames Ziel hin arbeitet, nämlich das Wohl aller. Ein Versuch, Rücksichtslosigkeit und Machtmissbrauch zu verhindern. Was mich abstößt ist die Rücksichtslosigkeit mit der sie das durchsetzen wollen und dies Ignoranz allen anderen Arten der Lebensführung gegenüber. Sie sind der Überzeugung, dass sie die Weisheit mit dem Löffel gefressen haben. Sie sind im Besitz der alleinigen Wahrheit und alle anderen sind im Unrecht. Diese Art zu denken, ist mir zutiefst zu wieder. Ein kluger Mann, ein franzsöischer Schriftsteller namens André Gide sagte einmal, völlig richtig: Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben! Sicher, auch wir halten manche Dinge für wahr. Das ist auch richtig so und wichtig für uns. Ohne einen festen Glauben sind wir verloren, aber die meisten von uns, dumme Mensche und Fanatiker mal ausgenommen, sind bereit, ihren Glauben zu hinterfragen. Das heißt nicht, dass man ihn aufgeben muss, das sollte man nie tun. Aber man muss bereit sein, ihn anzupassen. Leben heißt Erfahrungen sammeln, lernen, neue Standpunkte erfahren, verstehen, seinen Horizont erweitern. Die Qunari tun das nicht. Sie sammeln keine neuen Erfahrungen, suche keine neuen Perspektive, wollen ihren Horizont nicht erweitern. Sie meinen, bereits alles zu wissen, was es zu wissen gibt, und lehnen alles andere als Unsinn ab. Inzwischen sind sie darin gefangen. Das Gefühl, alles zu wissen, die Illusion die Welt verstanden zu haben, der die Qunari anheim gefallen sind, ist  offenbar ein so wunderbares Gefühl, dass sie nichts mehr fürchten, als dieses Gefühl zu verlieren. Deshalb fürchten sie jede Form von Abweichung so und gehen so brutal dagegen vor. Sie glauben, das Qun würde sie frei machen, von fleischlichen Schwächen, aber das Gegenteil ist der Fall. Es macht sie zu Gefangenen einer großen Schwäche. Der Angst. Der Angst vor der Welt und allem was sie an schlechtem aber auch an gutem zu bieten hat. Ich weiß, dass ich an der Lebensweise der Qunari nichts ändern werde und ich respektiere sie. Aber ich persönlich lehne das Qun ab und bemitleide alle, die darunter leben. So wie die Qunari mich bemitleiden, weil ich nicht dieser wohligen Illusion anheim gefallen bin. Und sie haben Recht. Dieses wohlige Gefühl absoluter vermeintlicher Gewissheit wird mir wohl mein Leben lang verwehrt bleiben. Aber darauf verzichte gerne, wenn ich dafür ein Leben haben kann, dass er mir erlaubt, zu lernen, zu wachsen, zu lieben, kurz, das es verdient, Leben genannt zu werden.“
Ich hielt inne und zügelte mich. Da war es wieder mit mir durchgegangen. Inzwischen standen wir an einer Sonnenbeschienen Stelle am Seeufer und blickten hinaus auf das Wasser. Ich sah Leliana verlegen an, ob meines Redeschwalls, doch sie bedachte mich mit einem liebevollen Blick, einem Lächeln, und ehe ich wusste, wie mir geschah, gab sie mir einen raschen Kuss. Ein herrliches Gefühl, wie immer, aber es ließ mich auch etwas perplex zurück. „Womit habe ich den denn verdient?“, fragte ich.
„Ich konnte gerade nicht anders“, meinte sie, verlegen lächelnd wie ein Schulmädchen. „Du hast gerade wieder so großartig geredet, so überlegt und gefühlvoll, und doch so treffsicher. Du bist wirklich ein Meister der Worte.“
Mir schoss, das Blut in die Wangen, angesichts dieses, meiner Ansicht nach, völlig übertriebenen Lobes. „Danke, aber ich bin kein großer Redner. Ich habe nur gesagt, was mir durch den Kopf ging.“
„Und genau, das macht es so großartig“, beharrte sie. „Man merkt bei deinen Reden, dass sie aus dem Herzen kommen. Schade, dass du nicht als Frau geboren bist. Du hättest eine wunderbare Ehrwürdige Mutter abgegeben.“
„Danke für das Kompliment“, sagte ich. „Ich habe tatsächlich in meiner alten Heimat mal darüber nachgedacht, Priester zu werden. Aber es gab zu viel was mich davon abhielt. Zu viel was mich von der Kirche trennt. Viele Verfehlungen der Kirche, die sie weder büßt noch bereut, zu starke Abweichungen zwischen Predigten und dem gelebten Vorbild, und  vor allem das Keuschheitsgebot. Deshalb wäre wohl auch die andrastinische Kirche nichts für mich. Würde sie mich doch ebenfalls des großen Quells der Freude und des Glücks berauben, der nun neben mir steht.“
Leliana gab einen entzückten Laut von sich, schlang die Arme um mich und küsste mich lang und innig. Ich lehnte mich in den Kuss und genoss ihn mit all meinen Sinnen. Endlich ein bisschen Zeit zu zweit.
Als wir uns voneinander lösten, setzte ich mich in das Gras und forderte sie auf, es mir gleichzutun. Sie tat es, und wir lehnten uns aneinander und blickten auf den See. Ich spürte, wie ihre Hand nach meiner tastete und ergriff sie. So verharrten wir und blickten auf den See hinaus, und für mich war die Welt in diesem Moment, so wie sie war in Ordnung, egal was die Qunari, oder sonst irgendjemand von ihr halten mochten.
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