Der weiße Wächter

GeschichteAbenteuer, Romanze / P18
Alistair Der Wächter (männlich) Leliana Morrigan OC (Own Character)
27.03.2016
07.02.2020
60
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Ich blickte mich erneut um. Dabei fiel mir auf, dass ich alles gestochen scharf sah, obwohl ich keine Brille mehr trug. Ich zog mein rechtes Hosenbein hoch und blickte auf meinen Unterschenkel. Ich hatte mir denselben vor ein paar Tagen gestoßen und einen kleinen Bluterguss davongetragen. Doch der war nun weg. Offenbar hatte ich hier einen neuen Körper erhalten, der meinem alten zwar aufs Haar glich, doch keine Beeinträchtigungen und Abnutzungserscheinungen mehr hatte. Mein Bluterguss war weg, meine Kurzsichtigkeit auch. Schon mal nicht schlecht. Also weiter. Wo war ich hier? Rund um mich Sumpf und Nadelbäume. In der Ferne dunkle Wolken und erstaunlich hoch aufragende Ruinen. Ich überlegte. Das einzige, was zu all diesen Punkten passte, war die Korcari-Wildnis. Würde auch zeitlich perfekt passen. Schließlich fing damit alles an: Mit dem herausbrechen der Dunklen Brut aus der Korcari-Wildnis. Die Frage war nur, war ich vor oder nach der Schlacht von Ostagar gelandet?
Um das fest zu stellen, würde ich wohl möglichst rasch die Wildnis verlassen müssen. Nur in welche Richtung sollte ich gehen? Als ich so nachdenklich zum Himmel blickte, beantwortete sich auch diese Frage von selbst. Möglichst weit weg von dieser finsteren Wolkendecke. Denn das war sicher kein irdisches Wetter, sondern der Sonnenschutz der Horde. Die Dunkle Brut hatte es ja nicht so mit Sonnenlicht. Und solange ich weder Waffen, noch Kampferfahrung, noch eine Armee hatte, sollte ich mich von der Hauptstreitmacht der Horde, so fern wie möglich halten. Sonst würde das ein verdammt kurzes Abenteuer werden.
Also ging ich von den Wolken weg. Also entweder nach Süden, oder nach Osten. Genauer konnte ich mich nicht orientieren. Doch plötzlich fiel mir etwas ein. Ich ging zum nächsten Baum und betrachtete ihn genauer. Ich hatte mal gelesen, dass Moos und Flechtwerk immer auf der nordwestlichen Seite eines Baumes wachsen. Ich hatte Glück und fand auf Anhieb etwas Moos auf dem Stamm. Damit konnte ich die Himmelsrichtungen bestimmen.
Mein Weg führte also nach Osten. Mir wurde ganz eng ums Herz, bei dem Gedanken, mutterseelenallein, wer weiß wie lange ohne Vorräte und Ausrüstung durch ein fremdes Land zu wandern. Aber ich war ja nun mal hier. „Also! An den Dynamo!“, versuchte ich, mir mit einem Scherz Mut zu machen. Ich pflegte „An den Dynamo“, statt „Andiamo“ zu sagen, nur zur Erklärung. Ich lieb einfach schlechte Wortspiel und veränderte und vermischte Redensarten. Ich stapfte also los, mich immer noch sehr über das ganze wundern. Doch mein Weg war kürzer, als ich zu hoffen gewagt hatte, denn nach ein paar Minuten Fußmarsch, tauchte vor mir eine Holzhütte auf. Eine die mir sehr bekannt vorkam, zumal ich nicht dachte, dass es hier recht viele Hütten gab. Und es kam noch besser. Als ich nähre kam, sah ich, dass vor der Hütte vier Gestalten standen.
Mein Herz begann wie wild zu klopfen. Ich erkannte die Personen sofort, obwohl ich sie noch nie in echt gesehen hatte. Flemeth, in der Gestalt einer unscheinbaren alten Frau, neben ihr Morrigan, soweit ich das beurteilen konnte genauso schön und ungezähmt wie in den Spielen. Und dann stand da ein junger dunkelblonder Mann in Kettenrüstung mit einem Schild auf dem Rücken. Das musste Alistair sein. Und die vierte und wichtigste Person konnte ich noch nicht erkennen, da Flemeth mir den Blick verstellte. Ich war ganz aufgeregt.
Wer würde der Held von Ferelden sein? Wo würde er oder sie herkommen? Wie würde er oder sie sein? Ich trat ein paar Schritte näher und die Gruppe bemerkte mich. Flemeth drehte sich um und gab den Blick auf einen Elfen in Lederrüstung frei. Langes, nach Elfenart geflochtenes Haar umrahmte sein ebenmäßiges Gesicht. Wache grüne Augen blickten mich wachsam und misstrauisch an. Kunstvoll geschwungene schwarze Tätowierungen zierten sein Gesicht. Vallaslin. Also ein Dalish. Ich wusste nicht, ob das gut oder schlecht war. Ich mochte und respektierte die Dalish zwar, aber ich wusste, wie sie und die Menschen in der Regel zueinander standen und hoffte, dass das zumindest für ihn keinen negativen Einfluss auf eine Zusammenarbeit mit Menschen hatte. Auf dem Rücken trug er ein Schwert und eine Dolch. Offenbar bevorzugte er den Kampf mit zwei Waffen.
Alle vier blickten mich grimmig an und ich hob meine Hände und rief: „Ich bin kein Feind! Im Gegenteil! Ich habe euch gesucht!“ Hoffentlich verstanden sie mich überhaupt.
„Ach tatsächlich?“, rief Morrigan spöttisch und misstrauisch zurück.
Das war zu erwarten. Aber immerhin verstanden sie mich und ich verstand sie. Gott, oder besser dem Erbauer sei Dank! Keine Sprachbarriere. Ich trat langsam näher und sagte: „Überzeugt euch selbst, ich bin unbewaffnet. Und ich bin auch kein Magier. Ich komme als Freund.“
„Als Freund?“, fragte der Elf? Er hatte eine durchaus melodische Stimme, in der aber Entschlossenheit und Wachsamkeit mitschwangen. Ein waschechter Elfenkrieger eben.
„Ja, als Freund. Und als Verbündeter.“ Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen, legte meine rechte Hand an mein Herz und sagte: „Andaran atish’an, Wächter Mahariel!“
Einen kurzen Moment lang wirkte er überrascht. Dann sagte er: „Eine mangelhafte Aussprache, die wohl Eurer menschlichen Zunge geschuldet ist, aber ich weiß die gute Absicht zu schätzen. Doch woher kennt ihr mich?“ Er blickte mich dabei bohrend an.
Ich überlegte fieberhaft. Was sollte ich jetzt da auf die Schnelle antworten? Sollte ich direkt mit der Tür ins Haus fallen? Wie sollte ich das erklären? Ich entschied mich, erst mal im ungefähren zu bleiben: „Ich kenne euch, weil es meine Aufgabe ist, möglichst viel zu wissen. Natürlich grüße ich auch Euch, Wächter Alistair.“
Dieser nickte mir knapp und nicht weniger misstrauisch zu.
„Und auch Euch, Lady Flemeth, oder wie die Dalish euch nennen, Asha’bellanar.
Mahariels Gesicht nahm einen verblüfften Ausdruck an. Flemeth hingegen reagierte nicht.
„Und natürlich grüße ich auch Euch, werte Morrigan.“
Der Blick, den sie mir zuwarf, lies mich schaudern. Es hätte mich nicht überrascht, wenn Blitze aus ihren Augen geschossen wären. Sie traute mir wohl überhaupt nicht. Ich konnte es ihr nicht verdenken.
„Und wer seid ihr?“, fragte Mahariel.
„Mein Name ist Joachim“, antwortete ich. Und ich komme mit einer Bitte zu Euch, die euch wohl vermessen, oder gar wahnsinnig erscheinen wird: Ich möchte mich Eurer Gruppe anschließen.“
Daraufhin blickte mich drei der vier ungläubig an. Nur Flemeth murmelte einfach: „Interessant.“
Wer wusste schon, was sie sich wieder dachte. Ich würde es wohl nie erfahren.
„Und warum wollt ihr das?“, fragte Mahariel, der immer noch ungläubig dreinblickte.
Ich holte kurz Luft, um in der Zeit nachzudenken, was ich da am besten antwortete und sagte dann: „In der Kurzfassung: Ich habe mich in der Wildnis verirrt und kann nach der Schlacht nirgends hin. Und ich weiß, dass ihr die Verträge aus dem Archiv dazu nutzen wollt, um Verbündete gegen die Verderbnis zu rekrutieren. Außerdem wollt ihr Arl Eamon aufsuchen, um seinen Einfluss im Landthing und seine Truppen zu nutzen.“
Dass ich das alles wusste, schien sie nun richtig zu überraschen. Schließlich hatten sie das selbst doch gerade eben erst beschlossen.
Dementsprechend kam die zu erwartende Frage von Alistair: „Woher wisst ihr das?“
Ich antwortete: „Wissen ist der Grund, warum ich hier bin. Ich bin kein Krieger, Magier oder Schurke. Ich habe weder Waffen, noch die Fähigkeit, mit ihnen umzugehen. Doch ich weiß vieles. Ich weiß was ist, was war und was vielleicht sein wird.“
„Und woher wollt ihr das alles wissen?“, fragte Mahariel.
Oje! Was antwortete ich darauf jetzt am besten? „Das ist schwer zu erklären. Aber ich kann euch beweisen, dass ich nicht lüge. Ich weiß etwas von jedem von euch, was ein Außenstehender nicht wissen kann. Wenn jeder von euch mir genug dafür vertrauen würde, würde ich jedem von euch sein Geheimnis ins Ohr flüstern.“
Alle sahen mich zweifelnd an. Nur Flemeth lächelte hintergründig, strich ihr Haar zur Seite und hielt mir ihr Ohr hin. Ich trat an sie heran, zunehmend nervöser, (was schwer vorstellbar ist) und flüsterte ihr zu: „Seid gegrüßt, Lady Mythal. Solas ist nicht tot. Fen’Harels Erwachen ist nahe.“
Flemeth warf mir einen Blick zu, der für einen kurzen Moment echte Überraschung verriet. Doch dann sagte sie, wieder lächelnd. „Nicht schlecht. Ihr sagt offenbar die Wahrheit. Mich würde wirklich interessieren, was ihr über meine Tochter wisst.“
„Das werde ich nur ihr selbst verraten.“
„Natürlich“, sagte sie. „Morrigan, komm her!“
Sie gehorchte, wenn auch etwas missmutig. Als ich an sie heran trat, warf sie mir einen drohenden Blick zu, der eindeutig sagte: „Fass mich an und du bist tot!“
Ich verschränkte demonstrativ die Hände hinter dem Rücken und flüsterte ihr zu: „Ich hasse es, alte Wunden aufzureißen, aber ich weiß, dass ihr bei einem euerer ersten Ausflüge in die Zivilisation einen Spiegel mit Goldrand gestohlen habt, und dass Flemeth ihn zerbrochen hat.“
Sie funkelte mich wütend an und zischte: „Wagt es nicht, dass irgendjemandem zu erzählen!“
„Werde ich nicht“; antwortete ich knapp und deutlich.
Mahariels Neugier schien geweckt, und auch er bot mir sein Ohr an.
„Ich weiß, dass euer Vater der Hüter eures Clans war und dass es leider euren Eltern nicht mehr vergönnt war, euch aufwachsen zu sehen. Und dass Tamlen durch den Eluvian verderbt wurde.“
Auch aus seinem Blick sprach erstaunen. Er sagte nichts und winkte einfach nur Alistair heran. Auch dieser lieh mir skeptisch sein Ohr. „Ich hoffe, dass ihr mir nicht alle meine Verstöße gegen die Klosterregeln aufzählt“; überspielte er seine Nervosität wieder einmal mit einem Scherz.
„Keine Sorge“, flüsterte ich. „Aber ich weiß, wer eure Eltern sind, Alistair Theirin.“
Er blickte mich überrascht und irgendwie verdrossen an. Ich wusste, was wahrscheinlich in ihm vorging und sagte: „Keine Sorge. Ich werde es für mich behalten und für mich persönlich macht es keinen Unterschied. Ihr seid vor allem ein Grauer Wächter.“
Ich blickte in die Runde und sagte: „Ich hoffe, ich habe euch soweit überzeugt, dass ich nicht lüge. Ich verstehe, dass ihr noch viele Fragen habt, aber die Zeit drängt. Ich weiß, was euch auf eurer Reise im Wesentlichen erwarten wird. Ihr werdet vor vielen Entscheidungen stehen. Bei manchen davon ist es hilfreich, die Zusammenhänge zu kennen. Und dabei kann ich helfen. Ich weiß, dass die Reise, die vor Euch liegt lang, beschwerlich und sehr gefährlich wird. Aber ich lerne schnell und werde mich sicher auch im Kampf nützlich machen können. Meine größte Waffe, die ich in eure Dienste stellen will, ist aber mein Wissen. Wenn ihr mich Euch begleiten lasst, werde ich euch mit der Zeit alle erklären, was ihr wissen wollt. Darauf mein Wort. Nehmt ihr meine Hilfe an?“
Alistair und Mahariel blickten sich an. Plötzlich sagte Flemeth: „Nehmt ihn mit! Der Junge mag grün hinter den Ohren sein, aber er wird euch sicher nützlich sein. Er zeigt interessantes Potenzial. Ihr werdet es schon sehen.“
Ich hätte nicht gedacht, dass Flemeth mir helfen würde, und ich fragte mich auch warum, aber nichtsdestotrotz war ich ihr dankbar.
„Also gut, wir nehmen ihn mit“, sagte Mahariel.
„Ich danke euch“, sagte ich.
Mahariel fixierte mich und sagte: „Aber glaubt nicht, dass wir euch schonen werden, Mensch!“
„Das will ich auch nicht hoffen“; entgegnete ich mit fester Stimme. „Schließlich drängt die Zeit und wir sollten rasch aufbrechen.“
„Ja, das sollte ihr wohl“, sagte Flemeth. „Drei Rucksäcke stehen bereit. Aber die Vorräte müssten auch für vier reichen. Zumindest, wenn Ihr sparsam seid.“
„Dann lasst uns keine Zeit verlieren!“, sagte Mahariel und legte seinen Rucksack an. „Auf nach Lothering! Morrigan, geht voran!“ Er wandte sich an mich: „Wie war euer Name?“
„Joachim, Wächter“, antwortete ich.
„Ich bin Elon“, sagte er.
„Angenehm“, antwortete ich höflich.
„Können wir dann los?“, fragte Morrigan genervt.
„Ja, können wir“, sagte Elon. „Danke für all eure Hilfe, Asha’bellanar.“ Er neigte das Haupt vor ihr und rief dann: „Alistair, Joachim, folgt mir!“
Wir taten wie geheißen. Alistair warf mir dabei einen seltsamen blick zu. Er war noch nicht ganz von mir überzeugt. Ich konnte es ihm nicht verdenken. Fürs erste liefen wir aber nur schweigend nebeneinander her, während ich mir überlegte, wie ich ihnen das alles am besten erklären sollte.
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