FETZEN

von Vermis
GeschichteAllgemein / P12 Slash
Joseph Kavinsky Ronan Lynch
26.03.2016
26.03.2016
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Hey. :D
Ich bin ja ein bisschen entsetzt, dass es keine Kategorie gibt, aber dann eben bei den sonstigen Büchern. x)
Die Rabenbücher gehören zu meinen absoluten Lieblingsbüchern. Sie sind wunderbar geschrieben und die Charaktere sind einfach großartig. Absolute Leseempfehlung, falls ihr sie noch nicht kennt (was tut ihr hier, wenn ihr sie nicht kennt?).
Ähm. Kavinsky. Ich weiß, er ist unbeliebt (warum?!), aber ich mag ihn! Und er ist ein lauter, aufdringlicher Charakter, der einem seine Geschichte ins Ohr schreit.
Viel.. äh.. Spaß?


FETZEN


Ronan Lynch und Joseph Kavinsky waren gleichsam selten gesehene Gestalten im Unterricht, ganz anders als Gansey oder Parrish.
So trafen sie sich auf der Straße. Mit zermatschten Insekten auf der Windschutzscheibe, dem Geruch von Abgasen und der Musik der Motoren. Mit dem Grinsen, das kein Lächeln war, auf den Lippen und der Sonnenbrille griffbereit. Mit Benzin im Blut und Hitze in den Adern.
Mit der Abhängigkeit nach Geschwindigkeit und Adrenalin. Nach dem Nervenkitzel und der Gefahr, die das letzte war, das ihr Herz wirklich zum Schlagen brachte.
Es galt das Gesetz der Straße. Es war dasselbe des Krieges und der Liebe: Es gab keine Regeln. Nur Ehre und Ehrenlosigkeit.
Joseph mochte diesen Gedanken und liebte diese Welt von Staub und durchdrehenden Rädern bei grünem Ampellicht. Er liebte es, etwas zu spüren und dieser Typ – dieser Ronan Lynch… Der war aus demselben Holz geschnitzt wie er.
Und dafür konnte er ihn fast schon leiden.

Die Erkenntnis, dass Ronan genauso wie er war, überwältigte Joseph mit einer Intensität, die er nicht für möglich gehalten hatte. Als er ihn sah, als er ihn erkannte als Träumer, erklang etwas tief in Joseph.
Und ein Gedanke war da. Ein Gedanke, dass er nicht allein war. Ein Gedanke, dass Ronan nicht nur aus demselben Holz, sondern aus demselben Baum gemacht war. Ein Gedanke, dass Ronan ein Teil von ihm war und er einer von Ronan.
Sie waren ein Puzzle und Joseph wusste, dass Ronan es auch noch spüren würde.

Joseph hasste Schwäche und über alles hasste er seine eigene Schwäche. Er hasste es, wenn jemand ihm unterstellte, etwas nicht zu können oder ihm was nicht zutraute. Er hasste die Grenzen seines Körpers und die der Autos, die er nicht erträumt hatte.
Er wollte Grenzenlosigkeit. Er wollte schneller sein. Genauer. Größer. Er wollte ultimativ sein und damit noch nicht einmal alles ausgeschöpft haben.
Joseph wollte seine Schwächen zurücklassen. Er wollte aufhören, zu fühlen und aufhören, sich nach Gefühlen zu sehnen.
Er hasste seine sich um Lynch drehenden Gedanken, denn er vermutete eine Schwäche dahinter. Und er hasste Schwäche. Sie machte ihn wütend. Wütend auf Ronan und wütend auf seinen Kopf.

Joseph hasste Ganseys Scheißfreundlichkeit. Er hasste sein Lächeln, seinen Erfolg und seine Vernunft. Wenn er sah, wie dieser Vollspaten am Steuer eines verdammten Camaros saß und nicht dem Ruf der Straße folgte, dachte Joseph, Gansey konnte kein Herz haben.
Joseph hasste es, dass Ronan sich mit so jemandem abgab.

Joseph hatte nichts gegen unterwürfiges Verhalten. Zu den meisten Menschen passte es ausgezeichnet und es kam nichts Gutes dabei heraus, wenn sie eine eigene Meinung hatten.
Aber zu Ronan passte es nicht, Ganseys Schoßhündchen zu sein und Joseph hatte erst wenige Dinge gesehen, die ihn so anwiderten wie diese gezügelte und angeleinte Wildheit namens Ronan Lynch, die sich von Gansey spazieren führen ließ.
Aber Gansey hatte da einen Wolf an der Leine und Joseph konnte sich nicht vorstellen, dass das lange gut gehen würde.
Wölfe mussten mit Wölfen rennen.
Sie gehörten zusammen. Denn Ronan und er waren Wölfe und Gansey nur ein polierter Lackaffe.

Joseph träumte zu viel. Er träumte mehr, als er konnte, weil er keine Grenzen hatte. Er erträumte sich Möglichkeiten, mehr zu träumen. Er erträumte sich Ideen und Menschen und Autos und Möglichkeiten.
Er verlor den Überblick über oben und unten, wahr und falsch, möglich und unmöglich.
Er hielt sich fest an dem, was sich immer echt anfühlte. Er hielt sich an dem Adrenalin fest und an sein brennendes Herz. An der Leidenschaft und dem Hass. An Ronans Blick über den Rand seiner Sonnenbrille und dem Aufheulen des Motors.
An dem Vibrieren des Lenkrades und diesem Gefühl, das in einem anderen Leben vielleicht wilde Freude gewesen wäre.

Joseph war vollkommen überwältigt von Ronans Schönheit. Wenn er ihm begegnete, starrte er ihn an, um die letzten Details in sich aufzunehmen, damit er in seinen Träumen realistischer wurde.
Dann wäre es, als würde Ronan wirklich da sein, ohne dass sich Joseph je offenbaren musste. So konnte er im Traum mit ihm reden, stundenlang und sich einbilden, es wäre nicht sein eigener Kopf, der Ronan so machte, wie er ihn haben wollte.
Wenn er Ronan in der Realität begegnete, beschimpfte er ihn als Schwuchtel und er unterstellte ihm, mit Gansey zusammen zu sein.
Vom ersten hoffte er, dass es stimmte – und vom zweiten nicht.
Ronan war immer genauso perfekt wie in Josephs Träumen. Als könne Joseph nicht falsch von ihm denken.

Joseph träumte davon, mit Ronan zu träumen. Am Anfang hatte diese Tatsache ihn selbst verwirrt, aber es war ganz leicht:
Ronan war zwar in seinen Träumen, aber es war der Traum-Ronan, nicht der echte und wahre Ronan-Ronan.
Er wollte nicht von ihm träumen, sondern mit ihm. Verbunden.
Er wollte nicht alleine träumen.

Die Dinge waren eine Spirale und brachten Joseph immer wieder zurück.
Zurück zu seinen Träumen.
Zurück zu seinem Hass.
Zurück auf die Straße, wo die Leidenschaft geboren wurde.
Zurück in den Staub und in seinen Mitsubishi.
Immer zurück, weil Joseph nicht weiterwusste. Er kam allein nicht voran. Er kam nur weiter, wenn Ronan bei ihm war und mit ihm träumte. Er wollte Ronan, er wollte ihn. Er brauchte ihn, sonst würde die Spirale sich immer weiter drehen, bis Joseph sprang und fallen würde.
Josephs Gedanken kreisten und drehten und alles, was er wollte, war Ronan. Er brauchte ihn, er brauchte ihn, um nicht zu springen.

Einsamkeit zerriss Joseph irgendwo tief unter seinem Herzen, noch dahinter, wie ein Gewehrlauf, der gegen seine Wirbelsäule gedrückt wurde. Irgendwo da saß der Schmerz und riss an ihm.
Sie zerriss ihn in Wut und Hass und Leidenschaft und Energie. Sie zerriss ihn in das, aus dem er gemacht war.
Er konnte die Einzelteile von sich nicht sehen, aber sie stürzten sich auf ihn und rissen weiter an ihm, sich immer weiter zerfetzend.
Wenn er in der Dunkelheit war und aus einem seiner Träume aufschreckte, sah er auf den Beifahrersitz, als könne Ronan dort sein.
Aber er war es nie.
Und jedes Mal riss die Einsamkeit wieder an ihm. Ein kleines Stück weiter. Ein wenig tiefer. Bis alles in Fetzen war.
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