Nirgendwo ❖ Sidestory

GeschichteDrama, Fantasy / P18 Slash
26.03.2016
27.11.2017
10
102075
4
Alle
12 Reviews
Dieses Kapitel
5 Reviews
 
 
 

❖   NIRGENDWO   ❖
Eine »Verloren im Feuer«-Sidestory
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Genre

Erotic Fantasy
Low Fantasy ❖ LGBT Romance

⚠ Warnungen
⚣ MxM ❖ Sex ❖ Gewalt
(siehe Kapitelangaben
oder VerlorenImFeuer.de)

Vorwort
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Hallo liebe Leser!
Diese Geschichte ist eine Sidestory zu »Verloren im Feuer«, meinem Hauptwerk. Diese Geschichte enthält Spoiler, deshalb solltet ihr in der Hauptstory mindestens schon bis Kapitel 14 gekommen sein, sonst kann es sein, dass ihr Wendungen in der Story schon vorher erfahrt. Zudem könnte es für Nichtkenner der Hauptstory schwierig sein, sich die Handlung zu erschließen, da sie in groben Sprüngen Momente aus dem Leben eines Hauptcharakters aufgreift. Wenn ihr sie nichtsdestotrotz lesenswert findet, finde ich das schön. Die Geschichte an sich wird in sich abgeschlossen sein, das heißt, es gibt einen Schluss. Da es sich aber um eine Vorgeschichte handelt, geht es natürlich in der Hauptstory weiter.

Die Story ist mir vielleicht wieder etwas ernster geraten als ich gedacht hatte, aber da es den Wunsch gab, einen tieferen Blick in Tarns Vergangenheit zu werfen, komme ich diesem Wunsch auch gern nach. Die Kapitel werden im Wechsel mit denen der Hauptstory im gewohnten Zwei-Wochen-Rythmus veröffentlicht. »Verloren im Feuer« wird parallel weiter geführt.

Natürlich freue ich mich wie immer über eure Rückmeldungen. Und jetzt hoffe ich, dass ihr mit dieser Sidestory ein bisschen Spaß habt :)

⚠ Warnungen für alle Kapitel: Sex ❖ ⚣ MxM


Kapitel 1 - Schuld
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Im Grunde war es nicht seine Schuld. Wie konnte es?

Was auch immer bei seiner Geburt schief gelaufen war, egal welche Hexe seine Mutter mit dem bösen Blick gestreift hatte, es war schon immer in ihm gewesen. Wenn er darüber nachdachte, in sich nachforschte, wann es begonnen hatte, fand er keinen Anfang. Es war ein Teil seiner selbst bevor er überhaupt begriff, was es bedeutete. Und weder die Schläge seines Vaters noch Gebete seiner Mutter änderten etwas daran.

Vielleicht war das der Grund, dass er irgendwann einfach aufgab. Mit fünfzehn Jahren, als er blutend am Boden lag und sein Vater ihn anbrüllte, akzeptierte Tarn, dass er es nicht los werden würde. Mit sechzehn Jahren stand er so knietief in Sünde, dass er, hätte er jemals gebeichtet, bis an sein Lebensende hätte Rosenkränze beten müssen. Zu diesem Zeitpunkt war er längst verloren. Er hatte sich damit abgefunden, dass er so, wie er war, niemals ein Zuhause finden würde. Nirgendwo.

Aber es war nicht seine Schuld. Was hätte er gegen dieses unbezähmbare Verlangen tun sollen?

Hätte man ihn gefragt, was es war, das ihn an Männern anzog, er hätte viele Antworten geben können, und doch verfehlten sie alle den wahren Grund; er war zu komplex, zu vielseitig, und doch so einfach und eindeutig. Es war ein Zusammenspiel aus vielen, kleinen Dingen, und selbst wenn der Unterschied manchmal minimal war, so bedeutete er auf der anderen Seite doch alles. Frauen mit breiten Schultern, schmalen Hüften und kantigen Gesichtern gab es schließlich genug. Aber nein, keine Frau, egal wie schön und sanftmütig, egal wie stark und robust, verursachte die gleiche Aufregung, die nervöse Unruhe oder die tiefe Erregung in ihm. Es gab keinen rationalen Grund, aber das war die Wahrheit. Es war so sicher und so unbegreiflich wie die Tatsache, dass er blonde Männer besonders liebte. So wie Antoine.

Tarn hätte seine Hände stundenlang in seinem dichten Haar vergraben können, und er spielte abwesend mit einigen Strähnen, die die selbe Farbe hatten wie das Stroh unter ihnen. Ein paar verirrte Lichtstrahlen streiften sie und ließen sie leuchten, und er bewunderte für einen stillen Moment den Glanz.
Er lebte für diese kurzen, völlig ruhigen Momente, in denen alles in weite Ferne rückte. Die Geräusche der Pferde und Menschen im angrenzenden Stall, die Rufe, der Lärm der Arbeit um sie herum, alles das existierte nach wie vor, aber es wurde seltsam unwichtig, verblasste zum reinen Hintergrundmurmeln. Der Strohboden der Scheune, auf dem sie sich verbargen, wurde zu einer eigenen Welt, nur geschaffen für sie beide. Es waren nur ein paar Minuten, die sie sich davon stahlen, und die Gefahr entdeckt zu werden war groß, aber seltsamerweise kümmerte Tarn das in diesem Moment nicht.

Viel wichtiger war der warme, atmende Körper unter ihm, der sich ihm entgegen streckte und jede seiner Berührungen gierig in sich aufnahm. Antoine atmete schwer, die Lippen halb geöffnet, aber er war auch still, und das war gut, denn jedes laute Geräusch hätte sie verraten können. Auch deshalb ließ er seine Hand, die er um Antoines Glied geschlossen hatte, nur langsam auf und ab gleiten. Stürmisch zu sein bedeutete nur, unnötig viel zu riskieren, und einer von ihnen beiden musste konzentriert bleiben und lauschen, also mussten sie sich notgedrungen abwechseln. Aber Tarn nahm gern hin, dass er erst als zweites an die Reihe kam, auch wenn seine Erregung jetzt schon kaum noch auszuhalten war. Es würde umso intensiver sein, wenn er erst zum Zug kam. Und bis dahin hatte Tarn viel Zeit, Antoine zu bewundern.

Mit der freien Hand streichelte er über den breiten Brustkorb, die Bauchmuskeln, die jetzt deutlich angespannt waren, und die Spur dunkelblonder Haare, die sich von dort bis hinunter zur Scham zogen. Antoine war, obwohl er nur ein Jahr älter war, einen halben Kopf größer und doppelte so breit wie Tarn, stark wie ein Ochse und deshalb auch genauso beschäftigt wie ein gutes Lastpferd. Die erwachsenen Männer verzichteten selten auf ihn, wenn es schwere Arbeit zu tun gab, und er war jetzt schon ein unentbehrlicher Teil des Haushaltes des Fürsten.
Das schlug sich in seinem Ansehen nieder, und er war der heimliche Traum vieler Mägde, die natürlich, wie es der Anstand gebot, immer Abstand zu ihm hielten und ihn aus der Ferne bewunderten. Pech für sie, da sie ihre Träume ganz umsonst träumten. Tarn durfte Antoine vielleicht nicht unverhohlen anhimmeln, aber hier, in den wenigen Minuten, die sie allein waren, gehörte er ganz ihm. Und Tarn wusste, wie er selbst den stärksten Männern weiche Knie verschaffte. Von den anderen Dingen ganz zu schweigen.

Der Gedanke trieb ihm ein Grinsen ins Gesicht, und immer noch lächelnd griff er ein wenig fester zu. Er hatte schon eine Idee was er als nächstes tun könnte, und er hörte zu seiner Zufriedenheit, wie Antoine leise aufstöhnte. Tarn hob noch einmal den Kopf und lauschte, ergründete das Gewirr der Stimmen, das Stampfen der Pferde, ferne Hammerschläge. Nein, alles keine Bedrohung für sie, niemand war in ihrer direkten Nähe; also konnte er zur Tat schreiten.

Langsam ließ er los, umarmte seinen Geliebten, fuhr mit den Händen in das weiche Haar, küsste ihn zärtlich. Antoine öffnete die Augen, die er eben noch hingerissen geschlossen gehalten hatte, und sah ihn fragend an, auch wenn er gleich darauf lächelte und den Kuss erwiderte. Für einen Moment lagen sie nur Körper an Körper, ganz ruhig, braune Augen versunken in blass grünen. Dann zog Antoine Tarn näher an sich heran und flüsterte „Hör doch nicht auf” in sein Ohr, und Tarn lächelte und küsste seine Schläfe. „Komm her, das wird dir gefallen”, flüsterte er ebenso leise zurück und zog ihn mit sich, ließ ihn über sich knien, legte seine Hände auf Antoines Hüften und öffnete den Mund, schloss seine Lippen um die zuckende Erektion.

Antoine stöhnte auf, und seine Hüften schoben sich automatisch vorwärts, und Tarn musste ihn festhalten, damit er nicht zu heftig vorstieß. Antoine hielt sofort inne, und ein besorgter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht. Anscheinend wurde ihm gerade bewusst, dass er durchaus zu weit gehen konnte. „Alles in Ordnung? Ich will dir nicht weh tun”, murmelte er atemlos, aber Tarn nickte nur. Wäre Antoine ein egozentrischer Mistkerl gewesen und hätte nur seine eigene Befriedigung im Kopf gehabt, hätte er ihn jetzt wirklich verletzen können. Aber das war er nicht, und er war vorsichtig, lauschte mit all seinen Sinnen auf die kleinen Signale, die ihm verrieten, wann es zu viel wurde, und sanft zog Tarn ihn wieder zu sich, und ließ ihn dann seinen eigenen Rhythmus finden. Antoine stieß nur vorsichtig zu, aber sein hastiger Atem verriet, dass es völlig ausreichte. Tarn schmeckte Salz und wusste, dass es fast soweit war, und gleichzeitig stellte sich dieses besondere Gefühl ein, das sich immer seines Körpers bemächtigte, wenn er kurz davor war einen Mann zu befriedigen. Genugtuung, Stolz. Es gab kaum etwas in seinem Leben, auf das er stolz war, aber in diesem Moment wurde er gebraucht.

Das Gefühl verflog nicht, aber es wurde unvermittelt und heftig in den Hintergrund gedrängt, als Antoine nach ihm tastete und noch während er in seinen Mund stieß seine Hand um Tarns Erektion schloss. Es war wohl besser, dass er den Mund voll hatte, weil sein Aufstöhnen nur dadurch gedämpft wurde, bevor er stoppte und etwas ärgerlich zu seinem Geliebten aufblickte.

„He”, murmelte er warnend. Egal wie gut sich das gerade anfühlte, er würde viel zu abgelenkt sein, um noch zu lauschen, was um ihn vorging. Genau das vermied er immer, weil sie nur so verhindern konnten doch einmal durch Zufall entdeckt zu werden, und Antoine wusste das auch. Aber seltsamerweise schien es ihm wichtig zu sein, und in seinen Augen lag ein flehender Ausdruck.
„Nur heute”, flüsterte er, und nach einem Moment des Zögerns gab Tarn ihm nach. „Na schön”, murmelte er ein wenig ärgerlich; er machte nicht gern Kompromisse, und absichtlich beugte er sich zwar vor, ließ seine Zunge aber nur sacht und spielerisch über sein Glied gleiten und hielt ihn noch stärker als zuvor zurück, als er sich ihm erwartungsvoll entgegen lehnte. Wenn er die Regeln bestimmen wollte, konnte er auch warten, und Tarn würde ihn auch warten lassen.

Er hätte diesen Vorsatz gern aufrecht erhalten, aber Antoines warme, von der Arbeit rauhe Hand griff wieder nach ihm und begann ihn zu massieren. Seine ganze aufgestaute Lust, die er mühsam schon die ganze Zeit zurück gehalten hatte, traf ihn wie ein Hammer, und diesmal stöhnte er ohne dass er den Laut dämpfen konnte. Er jagte seinen Ärger zum Teufel, den brauchte er jetzt nicht, und zog Antoine zu sich heran, nahm ihn so tief wie möglich in sich auf, und auch das fachte sein eigenes Begehren nur noch mehr an.
Er musste auch nicht lange Rätsel raten, ob es nun das gewesen war, was Antoine gewollt hatte, denn er ergoss sich mit einem kaum hörbaren Seufzer schon nach wenigen Stößen in Tarns Mund, und noch während er reflexartig schluckte kam er selbst zum Höhepunkt und verkrallte sich hilflos in Antoines Hüften.

Und so schön es auch gewesen war, damit war es schon wieder vorbei. Tarn wischte sich den Mund, schwer atmend, aber er dachte schon daran, wie er verschwinden konnte.

Was hätte er auch anderes tun sollen? Je länger sie der Arbeit fern blieben, desto größer wurde die Wahrscheinlichkeit, dass sie ertappt wurden, und selbst der Umstand, dass sie nur zu zweit hier waren, würde auf manche verdächtig wirken. Tarn hatte eine gewisse, nur heimlich geflüsterte Reputation, die ihm keiner nachweisen konnte und die erst recht niemand an die Öffentlichkeit bringen wollte, zumindest nicht ohne einen Beweis. Nicht, wenn er der Sohn des Stallmeisters war, der das liebste Gut des Fürsten hütete. Aber das Eis auf dem er sich bewegte war dünn.

Hastig stand er auf und benutzte Stroh, um das Gröbste abzuwischen, und schob seine Kleidung zurück an den Ort, an den sie gehörte. Er wandte sich zu Antoine um, der sich zwar ebenfalls wieder angekleidet hatte, aber immer noch da saß und ihm zusah. Er machte keine Anstalten zu verschwinden, und Tarn ergriff eine gewisse Gereiztheit. „Wir müssen gehen”, sagte er, aber Antoine schüttelte nur den Kopf. „Hast du nicht noch einen Moment?”, fragte er, und Tarn konnte nicht anders als inne halten.

Was sollte das jetzt? Er war viel zu verwirrt zu widersprechen, als Antoine ihm die Hand hin streckte, und nach einem Moment des Zögerns ließ er sich auf den mit Stroh bedeckten Holzboden sinken und ergriff seine Hand, die warm und kräftig in seiner eigenen lag. Dennoch hielt er noch einmal inne, lauschte in die Umgebung, nur um sicher zu gehen, und wandte sich erst dann wirklich Antoine zu. „Was ist denn?”, fragte er verwirrt. Die Antwort war Stille, dann fragte Antoine leise: „Wollen wir uns nicht öfter sehen? Ich meine, einmal in der Woche… das ist zu wenig.”

Tarn lachte auf, und er musste sich zwingen damit aufzuhören. Am Ende wurden sie deswegen noch entdeckt. Aber die Frage kam für ihn aus heiterem Himmel. „Wie stellst du dir das denn vor? Denkst du, dafür habe ich Zeit?”, fragte er, vielleicht heftiger, als es nötig war, denn Antoine ließ etwas resigniert die Schultern hängen. „Ich dachte nur-”, murmelte er, und Tarn unterbrach ihn unwirsch: „Was? Was dachtest du denn?” „Ich dachte… musst du dich denn unbedingt auch mit Joel und Thomas treffen?”
Tarn traute seinen Ohren nicht, und innerlich ging er sofort auf die Barrikaden. Er erinnerte sich gerade noch rechtzeitig daran, seine Stimme zu dämpfen, aber es fehlte ihm trotzdem nicht an Empörung. „Wozu? Damit du dann den ganzen Spaß allein hast, während ich-”, begann er seine geflüsterte Tirade, aber Antoine schnitt ihm das Wort ab, bevor er ausreden konnte: „Ich habe keine anderen, nicht mehr. Da war sowieso nie viel. Ich meine es ernst, verstehst du? Ich will dich öfter sehen. Kannst du nicht wenigstens darüber nachdenken?” Jetzt klang er wirklich verletzt, und es bereitete Tarn sofort Unbehagen, aber gleichzeitig war es ihm auch völlig unverständlich.

Er begriff den Sinn und Zweck des Ganzen nicht, zumal Antoine anscheinend nicht wusste, dass Tarn es zu seltenen Gelegenheiten auch noch mit ein paar anderen trieb, aber das wollte er ihm nicht gerade jetzt auf die Nase binden. Antoine erhoffte sich irgendetwas aus diesem Gespräch, das war ihm anzusehen, nur dass Tarn absolut keine Ahnung hatte, was das sein sollte. Natürlich sahen sie sich nicht zu oft, das war die einzige Art, auf die sie nicht entdeckt wurden. Wenn der Personenkreis groß genug wurde, fiel das was sie taten nicht mehr so auf, und er hatte sich dieses Netz aus Kontakten schließlich nicht aufgebaut, um am Ende alles zusammen fallen zu lassen. Er hatte schließlich auch Bedürfnisse.
„Warum? Warum sollte ich das tun?”, fragte er direkt, und  Antoine schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ist das denn so schwer zu verstehen? Ich bin in dich verliebt. Und ich dachte… ich dachte, wir könnten-”

„Was?” Er musste aussehen wie ein Idiot, aber Tarn entglitten in diesem Moment tatsächlich die Gesichtszüge. Und obwohl er ihn schon beim ersten Mal verstanden hatte, widerholte Antoine, fast trotzig, seine Worte: „Ich bin in dich verliebt. Vielleicht… vielleicht nicht seit dem ersten Mal, aber… eine ganze Weile.”

„Bist du nicht”, antwortete Tarn, und er lachte, aber plötzlich war er auch wütend. Antoine starrte ihn verwirrt an. Er hatte alles erwartet, aber nicht diese plötzliche und heftige Ablehnung. „Doch”, versuchte er gegen den Widerspruch anzugehen, aber Tarn ließ ihm überhaupt keine Zeit, noch mehr zu sagen, weil er wütend ausspieh: „Das bildest du dir ein! Und wie stellst du dir das überhaupt vor? Denkst du das hat irgendeinen Sinn? Denkst du, das bleibt lange geheim?” „Und wenn nicht, na und?”, fragte Antoine plötzlich ebenso heftig, und griff grob nach Tarns Schulter. „Wir könnten auch einfach abhauen, und es wäre doch auch egal, oder? Wir schlagen uns irgendwo anders durch! Du kannst so viel wie ein Stallmeister, und ich kann schuften bis zum Umfallen! Wir könnten-”

„Es gibt kein »Wir«”, sagte Tarn mit Grabesstimme und schlug seine Hand weg, und damit beendete er es. Er konnte es in Antoines Gesicht sehen.

Und war es nicht besser so? Ja, natürlich. Antoine hatte etwas Besseres verdient. Er sollte nicht blutend auf dem Boden liegen und sich anhören, was für eine Missgeburt er war. Und er wollte im Grunde nicht Tarn. Er wollte das, was alle Männer irgendwann hatten, die Grundpfeiler eines normalen, stabilen Lebens.
Das war schließlich das, was auch die anderen sagten, was sie Tarn im Vertrauen erzählten. Das was sie taten war nur eine Ablenkung, ein Ausbrechen aus der Routine. Wenn sie nicht sofort verschwanden, sondern einen Moment erschöpft neben ihm lagen, waren sie manchmal in der Stimmung zu reden, und die Ziele, von denen sie sprachen, klangen alle gleich. Tarn wusste, dass Antoine irgendwann das gleiche wollen würde: Ein Zuhause, eine Frau, ein paar Kinder; lauter kräftige Söhne mit dem gleichen, blonden Haar wie ihr Vater. Antoine würde es weit bringen, mit Stärke und Geduld, und irgendwann würde er vergessen, dass er sich einmal, für ein paar verwirrte Tage in seiner Jugend, eingebildet hatte, er hätte sich verliebt. Wenn Tarn selbst schon wieder irgendwo anders war.

Irgendwo anders, nur nicht hier. Tarn rappelte sich auf, und ohne sich noch einmal umzudrehen stieg er vom Strohboden und verließ die Scheune, und niemand hielt ihn auf. In einer schwachen Sekunde fragte Tarn sich, was er getan hätte, wenn Antoine darauf beharrt hätte, dass sie zusammen sein sollten. Wenn er ihm gefolgt wäre, nicht locker gelassen hätte.

Aber warum hätte er das tun sollen? Wo wären sie hin gegangen? Wo gab es schon einen Ort, an dem sie unbehelligt sie selbst hätten sein können? Nirgendwo.

Tarn hatte zu tun; zumindest die Pferde brauchten ihn, aber es gab auch genug andere Arbeiten. Das war das wesentliche an Arbeit, sie nahm kein Ende. Zäune mussten ausgebessert, Zaumzeug geflickt, Tränken gefüllt werden. Stupide Arbeiten, bei denen er sich heute, selbst wenn es die Gelegenheit gab, aus allen Gesprächen heraus hielt. Für den Rest des Tages war er allein mit sich selbst und seinen Gedanken. Aber war er das nicht immer?

Er ging spät nach hause, wie immer. Meist blieb er nach der Arbeit eine Weile bei den Pferden, redete ihnen gut zu und untersuchte sie auf Anzeichen von Krankheit, auch wenn es meist unnötig war. Er arbeitete länger als viele andere, aber er tat es nicht, weil er die Arbeit an sich so liebte, auch wenn sie ihn nicht störte. Er tat es, weil er wissen musste, wie die Stimmung war, bevor er seinem Vater unter die Augen trat, und das konnte er nur, wenn der schon heimgekehrt war.

Heute war kein guter Tag, das hörte er schon wenige Meter vor dem winzigen Haus. Es gab einige wenige Häuser im Inneren Bereich der Burg, der Rest des Dorfes erstreckte sich außerhalb. Vielleicht war es früher einmal ein Privileg gewesen dieses Haus zu besitzen, denn Tarns Großvater hatte nur einen Sohn gezeugt und war dann unerwartet von einem Pferd zu Tode getreten worden. Doch statt einer Witwe mit ihrem einzigen Sohn, die das winzige Haus als Zuflucht bekommen hatten, wurde es jetzt von einer Familie mit vier Kindern bewohnt.

Aber vielleicht war der geringe Platz nicht einmal das Problem. Vielleicht wäre alles einfacher gewesen, wenn sie eine glückliche Familie gewesen wären. Oder wenigstens eine ruhige. Nichts davon war ihnen vergönnt, und Tarn hörte schon von weitem den Lärm.
Sein Vater brüllte jemand an, wer auch immer es gerade war, und etwas zerbrach mit lautem Klirren, das ihn zusammen fahren ließ. Er blieb stehen, lauschend. Für einen unbeteiligten Betrachter hätte er wie ein Hund ausgesehen, der den Kopf schief legte und auf die Stimme seines Herren horchte. Ein armseliger, geprügelter Hund, treu, aber mit eingeklemmten Schwanz, immer Schläge erwartend.

Er hörte den Unterton, die ineinander zerfließenden Worte, schließlich heraus. Er war gut darin geworden, ihn zu erkennen, und noch besser darin, den Grad der Trunkenheit zu ermitteln. Heute hatte er kein Glück. Sein Vater war betrunken, aber längst nicht genug, um bald bewusstlos umzukippen. Wie oft hatte Tarn sich gewünscht, dass er endlich, in einer gnädigen Nacht, nicht mehr aus seiner Bewusstlosigkeit erwachte? Aber dazu war es natürlich nie gekommen.

Ohne zu zögern drehte Tarn um. Heute würde er im Stall schlafen, irgendwo im Heu. Wie so oft; die Nächte, die er zuhause verbrachte, nahmen ab. Er riskierte nichts, blieb seinem Zuhause, sofern man es so nennen konnte, schon bei den geringsten Anzeichen von Ärger fern. Und außerdem war es sowieso zu eng. Sie teilten sich zwei schmale, zusammen geschobene Betten zu viert, und Hers klammerte sich entweder so fest an ihn, als wolle sie in ihn hinein kriechen, oder strampelte, weil sie wieder Alpträume hatte. Er konnte es ihr nicht verübeln, bei dem, was sie immer häufiger von ihrem Vater zu sehen bekam.

Es wurde schlimmer, und ohne es zu bemerken bezog Tarn es auch auf sich. Es war ein Abstieg, der sich seit Jahren abzeichnete, aber die Wut und die ständige Trunkenheit seines Vaters hatten zugenommen, seit er wusste, dass sein ältester Sohn eine verdorbene Missgeburt war. Es war ihm verhasst, dass all die Mühe, all das Wissen und all seine Zeit in die Ausbildung einer so minderwertigen Kreatur investiert hatte. Als ältester Sohn hätte Tarn das Werk seines Vaters fortführen und selbst irgendwann Stallmeister werden müssen, und oberflächlich gesehen brachte er alle Vorraussetzungen dafür mit. Er kam gut mit Pferden zurecht, schmiedete passable Hufeisen, beschlug die Pferde sorgsam und kümmerte sich gut um ihre Gesundheit, alles Dinge, die den Fürsten zufrieden stimmten. Aber seine Vorlieben machten ihn, ohne dass der Fürst es jemals erfahren durfte, völlig unbrauchbar, und nachdem Tarns Vater ihn nicht tot geschlagen hatte, Gott weiß, wieso, hatte er ihm befohlen, so bald wie möglich zu verschwinden.

Und Tarn war verschwunden. Für ein paar Wochen zumindest. Aber wo hätte er hin gehen sollen? Instinktiv begriff er, dass, wenn er zuhause nicht willkommen war, er es nirgendwo sonst sein würde. Für eine Weile suchte er in einem Dorf Zuflucht, arbeitete, hielt den Kopf unten. Und erstaunlicherweise funktionierte es, für eine Weile. Er funktionierte. Und dann packte ihn Heimweh, und er zerschlug alles mit der Wahrheit und ließ dieses kurze, neue Leben zurück. Kehrte heim.

Es kümmerte niemand, dass er weg gewesen war. Schon am ersten Tag entband er eine trächtige Stute, zusammen mit seinem Vater, und auch wenn es zwischen ihnen keine große Zuneigung gab, so herrschte doch zumindest Ruhe. Oberflächlich war alles gut. Eine Weile.
Dann ging es wieder von vorn los, die Beschimpfungen und die Schläge wurden häufiger, und immer öfter fragte er sich, warum er überhaupt zurück gekehrt war. So lange, bis er zum zweiten Mal verschwand.

Inzwischen war er schon drei mal für ein paar Wochen verschwunden, und fast schien es ihm, dass es wieder Zeit wurde. All seine Beziehungen, so nannte er sie in Ermangelung eines besseren Wortes, waren flüchtig und nur Zeitvertreib. Sie pausierten, so lange er fort war, und wurden dann ebenso kommentarlos wieder aufgenommen. Warum auch nicht? Liebe… was für ein Blödsinn.

Er schlief im Stall, und am nächsten Morgen verließ er ohne Abschied sein Zuhause, wanderte weiter, als er jemals gekommen war. Und irgendwann kehrte er zurück, und Antoine war fort, selbst auf Wanderschaft gegangen. Und obwohl es ihm einen Stich versetzte, akzeptierte er es.

Die Welt drehte sich ohne ihn weiter, das hatte er begriffen. Und im Gegenzug hinterließ er nie mehr als die vage Erinnerung, dass er irgendwann einmal da gewesen war.  Es spielte keine Rolle, wo er hin ging oder was er tat. Kaum jemand vermisste ihn. Nicht wirklich.
Seine Mutter begrüßte ihn wie immer, wenn er durch die Tür ihres winzigen Hauses trat, egal ob er für eine Stunde oder zwei Wochen verschwunden gewesen war, und sie fragte nie, wohin er gegangen war. Sie sah ihn nur mit dem gleichen, besorgten Blick an, und dann schwieg sie. Seine Geschwister, vor allem Hers, wichen ihm ängstlich aus, bis sie sich wieder an seine Anwesenheit gewöhnten. Aber er sah in ihren Augen, dass sie immer mit den Zweifeln lebten, wann er wieder gehen würde. Wann er sie mit ihrem Vater allein ließ.

Im Grunde war es nicht seine Schuld. Das redete er sich immer wieder ein. Wie konnte es? Wie konnte man von ihm erwarten, ein guter Mensch zu sein, wenn die Welt ihm nur die Zähne zeigte? Wie konnte er irgendwo ein Zuhause finden, wenn er nicht einmal wusste, wie es aussehen könnte?

Aber die Wahrheit war, dass er seinen Schmerz nicht hätte verwenden müssen, um andere zu verletzen. Dieser Schmerz würde sich noch viel tiefer fressen, ihn aushöhlen und zu einem Menschen machen, den andere fürchteten. Er war kurz davor, sich selbst zu verlieren, und für lange Jahre würde er nur ein Schatten seiner selbst sein. Das verstand er viel später, und auch diese Erkenntnis war eine von vielen Narben, die er sich selbst zufügte.

Doch jetzt war er sechzehn, und das Schlimmste stand ihm noch bevor. Er war irgendwo zwischen Kindheit und Erwachsensein, und im Grunde war ihm alles egal. Manchmal verharrte er für einen Moment an einem Ort, und dann wurde ihm bewusst, dass nichts von Dauer war, und er zog weiter, und verließ doch nie wirklich sein Zuhause. Und er ließ keine Liebe zu, weil er tief in seinem Inneren wusste, dass er nicht geliebt werden konnte. Nicht so.

Am tiefsten Punkt, nach einem langen, qualvollen Abstieg in die Dunkelheit, ohrfeigte ihn Anssi ins Leben zurück.