♣ Die letzte Verderbnis ♣

GeschichteDrama, Fantasy / P18
25.03.2016
17.02.2019
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Die Himmelsfeste war ruhig an diesem Morgen. Friedlich.

Seit dem Sieg der Inquisition über Corypheus war es überhaupt sehr still geworden in diesen Mauern. Elaine Trevelyan saß auf dem Bett und sah zu ihrem Schreibtisch. Berge von ihr unverständlichen Papieren, Briefen und Bittgesuchen türmten sich. Die Arbeit der Inquisitorin. Sie hatte sich nie an diesen Titel gewöhnen können. Und auch nicht an den dazugehörigen Thron. Josephine versuchte, ihr zwar so viel wie möglich der Arbeit abzunehmen, aber Elaine vermisste die Zeiten, als sie zusammen mit Dorian, Cole und Blackwell die Hinterlande unsicher gemacht hatte.

Nun ja, nicht gerade unsicher.

Sie lächelte still in sich hinein und wurde sogleich wieder ernst.
Dorian war nach Tevinter zurückgekehrt. Sie vermisste ihn jeden Tag, und seinen Briefen nach zu urteilen, vermisste er sie genauso. Blackwell war bei den grauen Wächtern angekommen, und er schien sich dort so wohlzufühlen, da er seine ehemaligen Gefährten wohl schon vergessen hatte. Und Cole? Cole war nirgends und überall. Vielleicht konnte man mit einem Geist, oder was auch immer er war, nicht befreundet sein.

Elaine starrte ins knisternde Kaminfeuer, als in diesem Moment jemand die Stufen zu ihrem Schlafgemach hinaufkam. Ein wissendes Lächeln huschte über ihr Gesicht, und noch bevor sie ihn sah, sagte sie: »Die Gemächer der Inquisitorin, ohne Erlaubnis zu betreten, kann ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen.«
Cullen kam die letzte Stufe zögerlich hinauf und bemühte sich um eine ernste Miene.
»Ist das so, Mylady?«
Sie stand auf, verschränkte ihre Arme hinter dem Rücken und versuchte ebenfalls ein möglichst ernstes Gesicht zu machen, während sie ihre Aussage mit einem heftigen Nicken unterstützte.
Cullens Mundwinkel zuckten amüsiert. Er ging langsam auf sie zu, blieb so dicht vor ihr stehen, sodass sie seinen aufgeregten Atem an ihren Lippen spüren musste, und legte seine Hände an ihre Hüften. Sanft zog er sie an sich und küsste sie. Elaine verging vor Sehnsucht nach ihm unter diesem fordernden Kuss. Und doch schob sie Cullen von sich.  »Die Inquisitorin ohne Erlaubnis zu küssen, ist sogar noch schlimmer«, erklärte sie.
Cullen verkniff sich ein weiteres Schmunzeln. »Auf was muss ich mich gefasst machen, Mylady?«
Sie ging ein paar Schritte, als würde sie darüber nachdenken, und öffnete schwungvoll die Tür zum Balkon. Die kalte klare Luft der schneebedeckten Berge strömte herein. Elaine schloss ihre Augen, sog sie tief in die Lungen und drehte sich wieder zu ihrem Templer. »Ich werde dem Kommandanten eine Meldung machen müssen. Der mag es gar nicht, wenn man die Inquisitorin küsst.«
Cullen lachte, dieses Mal laut und herzlich. Sie liebte die tiefen Grübchen an seinen Wangen, die sich nur selten offenbarten und das fröhliche Funkeln in seinen bernsteinfarbenen Augen. Damals, als sie sich kennengelernt hatten, hatte er nie gelacht. Niemals.
Der Kommandant kam wieder auf sie zu, griff ihr Kinn und sah sie mit dem schneidenden Blick eines Raubtieres an, welches seine Beute lang genug umkreist hatte: »Hm …«, brummte er. »Ich habe davon gehört. Er soll zudem ein furchteinflößender Mann sein.«
»Ja. Davon habe ich auch gehört«, sagte sie mit bebender Stimme und lächelte vieldeutig. Er wollte sie wieder küssen und dieses quälende und mehr als reizvolle Spiel beenden …  als jemand durch die Tür und dann die Stufen hinaufgepoltert kam.
Cullen wirbelte herum und hatte sofort sein Schwert bereit, um den Eindringling damit niederzustrecken.
Cassandra sah ihn erschrocken an, als seine Klinge genau vor ihrer Kehle stoppte. »Verzeiht! Ich wusste nicht, dass Ihr…«, sie verstummte und sah verlegen erst Elaine und dann Cullen an. Er ließ das Schwert wieder sinken und schnaufte wütend.
»Ich hätte Euch töten können, Sucherin!«
»Nennt mich nicht so«, sie rümpfte sichtlich verärgert die Nase. »Diese Zeiten sind vorbei.«
Elaine trat vor, lächelte beschwichtigend und legte eine Hand an ihre Schulter. »Das wissen wir, Cassandra. Vielleicht werdet Ihr bald die neue Göttliche sein und jedem in Thedas beweisen, dass diese Zeiten tatsächlich vorbei sind. Sollte Euch dann immer noch irgendjemand Sucherin nennen, könnt Ihr ihn oder sie ja töten lassen. Ich wette Leliana stellt sich gern dafür in Eure Dienste«, scherzte sie und sah kurz zu Cullen, der mit den Augen rollte. Weniger amüsiert, als sie gehofft hatte. Cassandra hingegen schien ebenfalls nicht nach Scherzen zumute. Aber das war sie ja nie.
Elaine stellte – nun auch etwas beunruhigt – fest, dass die sonst so aufrechte Kriegerin an diesem Morgen blass aussah, regelrecht fahl. Und unangemeldetes Hineinpoltern, war auch nicht typisch für sie.
»Was ist los?«
Cassandra wich ihrem Blick aus und begann unruhig im Zimmer auf und abzulaufen. Cullen, der nicht gerade für seine Geduld bekannt war, gab einen undefinierbaren Laut von sich, verschränkte die Arme vor der Brust und sagte mit etwas zu ruppigem Ton: »Hört auf wie ein Pirscher durch das Gemach der Inquisitorin zu laufen und sprecht!«
Abrupt blieb sie stehen und sah ihn mit todernster Miene an. »Die neue Göttliche wurde ernannt.«
Cullen hob die Brauen. »Und?«
»Es ist Leliana.«
»Was?«

Elaine trat vor Cullen, dessen Miene und Körperhaltung augenblicklich eingefroren waren. »Oh, das tut mir wirklich leid für Euch«, log sie.
Cassandra setzte sich auf einen der Sessel und stützte ihr Gesicht in die Hände. Cullens Erstarrung löste sich. Er räusperte sich, als wolle er etwas sagen und Elaine blickte ihn kurz an, doch er blieb stumm, also hockte sie sich vor Cassandra, legte ihre Hände auf deren Oberschenkel und sagte: »Ihr wärt sicher eine gute Göttliche geworden. Auch wenn ich glaube, dass Ihr Magier gegen ihren Willen in Zirkel gesteckt und Abtrünnige besänftigt hätt-«
»Elaine«, unterbrach Cullen sie mit warnendem Blick. Sein sanftes Kopfschütteln verriet, dass sie mal etwas zu offen und ehrlich war.

Cassandra schien das gar hingegen nicht mitbekommen zu haben. Sie stand abrupt auf, sodass Elaine Mühe hatte, sich selbst schnell genug zu erheben, um ihr Platz zu machen, und schimpfte: »Es geht doch gar nicht um mich. Es geht darum, was Leliana als Kirchenoberhaupt anrichten kann.«
Elaine zog die Stirn in Falten. »Anrichten kann? Also, soweit ich weiß, ist sie für die Gleichheit aller. Egal ob Mensch, Elf, Zwerg, Magier. Für mich klingt das nicht zwingend nach einer Katastrophe.«
Cullen mischte sich ein. »Das mag schon sein. Aber was, wenn nicht alle gleich sein wollen? Was denkt Ihr, wie Leliana ihre Vision von einer Welt, in der alle gleich sind, umsetzen wird? Wird sie beten und hoffen, dass der Erbauer sich darum kümmert? Oder wird sie sich darum kümmern?«

Elaine sah Cullen schweigend an. Das waren genau die Momente, in denen sie es hasste, die Inquisitorin zu sein, Entscheidungen zu fällen über Dinge, die noch nicht passiert waren und vielleicht niemals passieren würden. Eventualitäten einbeziehen und dementsprechende Vorkehrungen treffen. Was erwartete er von ihr? Was erwarteten sie alle von ihr?

Cullen war ihr plötzlicher Stimmungsumschwung nicht entgangen. Er kannte sie inzwischen so gut, dass er ihre Gedanken hin und wieder erahnen konnte. Er wusste, dass sie weder die Inquisitorin sein, noch Entscheidungen oder Urteile für oder über die Bewohner Thedas fällen wollte. Sie war ein freier Geist. Eine Kämpferin vielleicht, eine Abenteuerin auf jeden Fall, aber genauso auch eine verträumte Romantikerin und Idealistin. Politik war ihr ein Graus und die Kirche für sie ein überflüssiges Konstrukt längst vergangener Tage. Aber er wusste auch, dass er sie mehr liebte als sein Leben. Und er hatte Angst davor, sie gehen zu lassen. Wie sollte er denn ohne sie weitermachen? Cullen war ein starker, mutiger und überaus pflichtbewusster Anführer, aber auch sehr gläubig. Und Elaines Haltung zur Kirche machte ihm manchmal Angst.
»Wir sollten uns morgenfrüh mit Josephine im Ratsraum treffen und darüber beraten, Lady Penthagast«, sagte er ruhig.
Cassandra nickte. »Ja, ihr habt recht. Wir könne uns auch morgen noch Sorgen machen.« Sie sah etwas unsicher zur Inquisitorin und ließ die beiden wieder allein.

Cullen trat vor Elaine und hob sanft ihr Kinn, damit sie ihn ansah. Er musste unweigerlich schmunzeln. Da war diese junge Frau mit der Macht, Risse ins Nichts zu schließen, doch gerade stand sie vor ihm, wie ein bockiges Kind. Auch dafür liebte er sie. Er wollte sie küssen, dort weitermachen, wo Cassandra die beiden unterbrochen hatte, als sie ihn sichtlich verärgert von sich schob. »Das ist Eure Antwort?«
»Was war die Frage?«, wollte er erstaunt wissen.
»Was erwartet ihr von mir? Was soll ich dagegen tun? Leliana wurde zur neuen Göttlichen gewählt. Also was? Wie soll ich dieses angebliche Problem lösen, Kommandant? Soll ich sie töten lassen, damit Ihr und Cassandra ruhiger schlafen könnt?«
»Hm«, machte Cullen und rieb sich das Kinn, als würde er ernsthaft darüber nachdenken. »Ich hatte da an eine etwas diplomatischere Lösung gedacht.«
»Behandelt mich nicht, wie ein Kind.«
»Dann benehmt Euch auch nicht so.« Sein Blick wurde ernst und der Klang seiner Stimme verriet, dass er es auch so meinte.

Erschrocken sah sie ihn an. Ihre Ohren begannen vor Scham zu glühen. Er hatte recht, und das machte die ganze Angelegenheit noch schlimmer. Sie wandte sich ab, ging auf den Balkon und lehnte sich mit dem Rücken an die Brüstung.
Zu weit, wie er fand. Er wagte es jedoch nicht, sie darauf anzusprechen. Seine letzten Worte waren schon harsch genug und er wollte ihr nicht das Gefühl geben, sie zu bevormunden.
»Leliana und ich waren nie eng befreundet«, sagte sie plötzlich. »Sicher, wir haben uns respektiert, aber gemocht haben wir uns nie. In einem habe ich sie jedoch immer bewundert. Ihre Hingabe für die Kirche. Nicht wegen der Kirche, die ist mir egal. Aber, dass jemand so überzeugt von etwas ist, dass er dafür sterben würde und dann ihre Idee, dass niemand weniger wert ist als ein anderer – egal welcher Herkunft, Rasse oder Gesinnung – das hat mir gefallen. Ich bin sogar der Meinung, dass die Wahl der Göttlichen nicht besser hätte ausgehen können.«
Cullen hatte es bereits geahnt. Elaine war es also, die Leliana dabei unterstützt hatte, auf den Sonnenthron zu kommen. Er nickte leicht.
Sie kannte dieses Nicken, es war kein zustimmendes Nicken.
»Ihr habt recht«, sagte er. »Es ist ein edler Gedanke. Und ja, Leliana würde eher sterben, als ihre Überzeugung aufzugeben. Doch sie wird auch eher töten. Und jetzt hat sie jede Macht dazu, anderen ihre Überzeugung aufzuzwingen.«
»Warum sollte sie sie jemandem aufzwingen? Es profitiert doch schließlich jeder von so einem Frieden?«
»Sicher. Doch das weiß nicht jeder. Und auch nicht jeder möchte gleich sein. Was passiert mit denen? Mit den Nichtgleichen? Und wo ist ihr Platz in dieser neuen Welt, wie sie Leliana vorschwebt?«
»Soweit wird sie nicht gehen. Sie ist weder blind noch fanatisch. Wir haben gemeinsam gegen fanatische Vints, rote Templer und aufständische Magier gekämpft. Und sie hat gesehen, was Hass und Fanatismus anrichten kann.«
Cullen schwieg und sah zu Boden.
Elaine sehnte sich nach seinem Lachen und der Unbeschwertheit von eben zurück. Wieso hatte Cassandra nicht einfach bis zum Morgen warten können, anstatt einfach hier hereinzuplatzen und … sie ging auf ihn zu und strich mit dem Daumen zärtlich über die kleine Narbe an seiner Oberlippe. »Leliana würde niemals so handeln oder denken wie diese Monster«, sagte sie. »Wir sollten ihr mehr Vertrauen schenken. Findet Ihr nicht?«
Cullen hatte im Moment keine Lust mehr, darüber zu reden oder darüber nachzudenken. Er drückte ihren zierlichen Körper fest an seinen, küsste ihre Stirn und seufzte sorgenvoll. Sie schloss die Augen und genoss die feste behütende Umarmung und den vertrauten Geruch ihres Geliebten. Wenn es nach ihr ginge, müsste dieser Tag nicht enden. Eine ewige Nacht nur mit diesem Mann, nicht mehr denken, nur noch sein und fühlen ...

Die größten und verheerendsten Lügen sind die, die man sich selbst erzählt. Hätte Elaine zu dieser Zeit schon gewusst, was sie ein paar Monate später wusste, hätte sie Leliana noch am gleichen Tag getötet.
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