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Rückblick

KurzgeschichteAllgemein / P6
Lana Arwen Lazar Sam Temple
24.03.2016
21.04.2017
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Obwohl die FAYZ das vermutlich Schlimmste gewesen war, das den Leuten in Perdido Beach hätte jemals wiederfahren können, war es ihnen nicht möglich, sie selbst nach vielen Jahren zu vergessen und hinter sich zu lassen – aber nicht nur wegen der vielen innerlichen Schäden, die sie in den Jugendlichen hinterlassen, sondern auch wegen der zahlreichen Opfer, die sie gefordert hatte. Einfach so zu tun, als hätten diese vielen toten Kinder nie existiert, war … nicht richtig. Darin waren sich alle Überlebenden einig. Man musste sie in Erinnerung behalten.
 Trotzdem gab es angenehmere Themen, über die man hätte sprechen können; vor allem, wenn man sich zu einem Kaffee‘ traf.
 Daher war Sam auch umso überraschter, als Lana ohne jedes Herumreden eine Frage bezüglich der FAYZ stellte, nachdem sie mit zwei dampfenden Tassen an den Tisch zurückkam, an den sie sich gesetzt hatten.
 „Was denkst du?“, begann sie langsam und setzte sich selbst wieder hin. „Was würdest du heute anders machen, wenn du noch etwas ändern könntest?“
 Sam hob etwas verwirrt eine Augenbraue. „Bitte?“
 „Meiner Meinung nach haben wir uns tapfer geschlagen, damals“, sagte Lana und griff nach ihrer eigenen Tasse. Sie klang recht entspannt, aber Sam sah an ihrem Blick, dass sie in Gedanken zu versinken schien. „Wir haben sie überlebt, die FAYZ – und das klingt jetzt vielleicht selbstverherrlichend, aber ich glaube nicht, dass die vielen Erwachsenen um uns herum – wären sie an unserer Stelle gewesen –, es ebenfalls geschafft hätten.“ Lana nahm einen Schluck.
 „Äh …“ Sam war etwas überfordert von der Richtung, in die ihr Gespräch wanderte und blinzelte das Mädchen vor sich nur einmal kurz an. Bevor Lana ihre Bestellungen holen gegangen war, hatten sie noch völlig entspannt über die laufende Renovierung in Sams Wohnung und die vielen Ideen, die Astrid und Diana dafür hatten geplaudert – dann hatte sie ihm ihre Frage entgegen geworfen. „Du hast recht, schätze ich mal. Das hätten sie wohl nicht“, stimmte er ihr dann zögerlich zu. Er rieb sich etwas unschlüssig den Nacken. „Das haben viele aus der FAYZ … immerhin auch nicht geschafft …“, fügte er etwas bitter hinzu.
 Sie nickte ernst. „Man kann es sehen, wie man will“, sagte sie und starrte in ihre Tasse, „aber es ist doch eine Leistung, überlebt zu haben – von uns allen.“
 Dieses Mal nickte Sam. Er griff ebenfalls nach seinem Getränk und nahm einen Schluck, Lana auch. Das Trinken verursachte einen zwar kurzen, aber seltsamen Moment der Stille.
 „Wie kommst du eigentlich auf das Thema?“, fragte Sam schließlich, als es ihm zu ungemütlich wurde – aber zumindest hatte er sich von seiner Überraschung erholt.
 „Ach.“ Lana winkte halbherzig ab. „Ich habe vor Kurzem bloß mal wieder aufgeräumt und dabei … etwas gefunden.“ Sie fuhr sich einmal selbstvergessen durch das Haar. „Es war eine alte Zeitung. Eine von denen, in der das Ende des FAYZ noch ein großes und vor allem aktuelles Thema gewesen ist. Damals haben viele Eltern aus Verzweiflung über ihre toten Kinder Skandale gemacht.“
 „Daran kann ich mich erinnern“, sagte Sam.
 „Jedenfalls gab es auch welche, die die restlichen Überlebenden darin beschuldigt haben, ihren Kindern nicht geholfen zu haben“, sagte Lana.
 Sam musste schlucken, weil seine Kehle trocken geworden war, aber irgendwie war es ihm gerade jetzt nicht danach, einen Schluck seines Kaffees zu nehmen. „Auch daran erinnere ich mich noch.“
 „Sie beschuldigen uns in gewisser Weise darin, dass ihre Kinder gestorben sind.“
 „Aber das ist Schwachsinn“, sagte Sam sofort. Früher hatte er, wenn er ehrlich sein sollte, auch so gedacht. Er hatte sich während der FAYZ als einer der Anführer einfach zu viel Schuld aufgeladen, sich viel zu oft selbst niedergemacht – aber damit war jetzt Schluss. „Wir haben uns erst mal selbst retten müssen – und selbst das ist uns gerade so noch gelungen“, fügte er grimmig hinzu und lehnte sich müde zurück. „Niemand hat das Recht, uns irgendwas zu unterstellen. Sie waren nicht an unserer Stelle.“
 „Der Meinung bin ich ganz klar auch.“ Sie blickte nicht ganz so entschlossen drein, wie sie klang, als sie das sagte. Lana war fertig mit ihrem Getränk und stützte den Kopf auf einer Hand ab, während sie zu ihm rüber blickte. „Wie gesagt … wir haben uns gut geschlagen. Aber trotzdem.“ Sie kniff die Augen zusammen. „Gibt es nicht irgendwas, was du – rückblickend – lieber anders gemacht hättest?“
 „Meintest du das mit deiner ersten Frage?“, wollte Sam wissen. „Von wegen was ich heute anders machen würde, wenn ich die Vergangenheit ändern könnte?“
 „Ja.“
 „Hmm.“ Er überlegte. „Nun, so gesehen … finde ich immer noch, dass wir alles so gut hinbekommen haben, wie man in unserem Alter eigentlich nur konnte. Einige Dinge würde ich jetzt – könnte ich in die Zeit zurückreisen – ändern.“
 „Und lassen wir mal außer Acht, dass keiner von uns auch um den teuersten Preis der Welt zurückreisen würde“, sagte Lana mit einem leichten Lächeln.
 „Zunächst würde ich mich um das Essen kümmern“, sagte Sam und ignorierte ihren Kommentar. „Ich würde dafür sorgen, dass alle zuerst nur von Milchprodukten, statt von Süßigkeiten leben, weil diese einfach viel schneller verderben. Ich würde von Anfang an auch sparsam mit dem Wasser umgehen, denn auch das ist irgendwann knapp geworden. Ich würde viel eher in allen Häusern nachschauen, ob dort noch zurückgelassene Babys sind.“
 Er schauderte, als er sich an den Tag erinnerte, in dem er, Quinn und Edilio herumgegangen waren und dann das Haus mit dem toten Kleinkind betreten hatten. Der Gestank von Verwesung hatte ihnen sofort entgegen geschlagen und Sam konnte ihn heute noch riechen, wenn er zu intensiv an diese Erinnerung zurückdachte.
 Lana sagte nichts.
 „Ich würde Marry auch mehr Unterstützung mit den Kindern bieten. Hätte sie die gehabt, wäre es vielleicht nie so weit gekommen, dass sie den Verstand verloren hat“, fuhr Sam langsam fort und plötzlich kamen all die Selbstvorwürfe wieder hoch. „Vermutlich würde ich auch das System mit den Bertos früher einführen, weil Albert uns mit seiner Idee doch sehr weit gebracht hat. Ich würde Caine natürlich nie überhaupt erst zum Anführer werden lassen und versuchen, ihn zu stoppen. Ich würde ihn von dem scheiß Kraftwerk, aber vor allem auch von der Miene fern halten, weil er dafür verantwortlich war, dass wir am Ende ohne Strom dasaßen und er nach seinem Besuch bei der Dunkelheit völlig den Verstand verloren hat.“
 Sam sah, wie Lana bei der Erwähnung des Gaiphagen etwas versteifte, aber sie unterbrach ihn nicht.
 „Und noch etwas würde ich gerne ändern“, sagte Sam. „Ich würde Drakes Arm nicht abfackeln, weil das, was er stattdessen bekommen hat, sehr viel schlimmer gewesen ist.“ Sams Stimme wurde dunkel, das hörte er selbst.
 „Du würdest ihn nicht einfach direkt töten?“, fragte Lana und klang fast neugierig.
 „Nein“, sagte Sam nach kurzem Überlegen. „Dass er gestorben ist, hat erst dazu geführt, dass er und Brittney eins geworden sind und Drake somit Unverwundbarkeit erlangt hat. Ich würde ihn am Leben lassen – genauso verletzbar, wie er es zu Beginn der FAYZ war – und ihn dann einfach irgendwo sicher wegsperren.“
 „Deswegen würdest du ihn am Leben lassen? Wegen der Unverwundbarkeit? Und nicht, weil du es nicht über dich bringen könntest, ihn zu töten?“, fragte Lana gerade heraus.
 Sam gab ihr darauf keine Antwort.
 „Ich bin erstaunt, dass dir spontan so viel eingefallen ist“, sagte Lana beeindruckt.
 „Spontan kann man es nicht wirklich nennen“, seufzte Sam und sah zur Seite. „Immerhin habe ich, mehr oder weniger indirekt, auch schon darüber nachgedacht.“
 „Trotzdem.“ Lana begann, auf ihrem Tisch herum zu trommeln. „Das zeigt einfach, wie sehr du damals versucht hast, alles richtig zu machen.“ Sie gab etwas wie ein ganz kurzes, trockenes Lachen von sich. „Bei mir ist das nicht der Fall. Ich habe mich damals eher aus allem rausgehalten, wenn es nicht gerade ums Heilen ging und das merkt man auch, wenn man sich meine Gedanken zu dieser Frage anschaut.“
 „Was würdest du denn anders machen?“, fragte Sam.
 Lana schnaubte leise. „Ich lag gestern die ganze Zeit wach, nachdem ich diese blöde Zeitung gefunden habe und habe darüber nachgedacht – aber der einzige Schluss, zu dem ich gekommen bin, war, dass ich mir wünsche, ich hätte damals viel früher mit dem Rauchen angefangen. Dann wäre das Ganze von vorne herein viel erträglicher gewesen.“ Und mehr sagte sie nicht.
 Sam sah sie kurz überrascht an; dann formten sich seine Lippen zu einem Schmunzeln. „Verstehe“, murmelte er.  
 „Ich habe es dir schon einmal gesagt. Ich bin keine Heldin.“
 „Klar.“ Sam lehnte sich wieder zurück.
 Von sich selbst konnte er das nicht behaupten. In der FAYZ war es irgendwie immer er gewesen, der sich für die anderen eingesetzt hatte, der den Held gespielt hatte. Irgendwann war ihm diese Rolle zu viel geworden – aber wenn er sich heute noch einmal die vielen Sachen durch den Kopf gehen ließ, die er gerade genannt hatte und wenn er den inneren Wunsch, diese auch zu verhindern in Betracht zog, der gerade in ihm entflammte, dann fragte er sich, ob er nicht nur mal ein Held gewesen war, sondern es insgeheim auch immer noch sein wollte.
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