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Schwesterherz

OneshotAngst / P16 / Gen
Lady Lucille Sharpe Sir Thomas Sharpe
21.03.2016
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Schwesterherz


Acht Jahre sind vergangen, seit Thomas Sharpe Allerdale Hall verlassen musste. Acht Jahre, in denen er seine Schwester nicht mehr gesehen hat, doch dann bringen die Umstände sie wieder zusammen. Thomas hofft auf einen Neuanfang. Aber die Vergangenheit schläft nur und lässt sich nicht mehr rückgängig machen. Denn das Haus vergisst nicht…




Sie steht im Portal vor der Treppe und blickt der Kutsche entgegen, als er heimkehrt: eine zierliche, schlanke Gestalt mit schwarzem aufgestecktem Haar und bleichem Gesicht, die Züge angespannt, die Hände ineinander verkrampft. Sie trägt ein altmodisches Kleid mit Spitzenbesatz und hochgeschlossenem Kragen, ähnlich den Kleidern seiner Mutter. Er fragt sich, ob sie es mit Absicht gewählt hat, oder ob sie einfach nie die Zeit gefunden hat, sich für Mode zu interessieren. Es ist ein dummer Gedanke, und er rügt sich heimlich dafür. Ihre Figur – das fällt ihm auf den ersten Blick auf - ist fraulicher geworden, aber sie wird nie schön sein wie die Mädchen, die er während seines Studiums im Ausland kennengelernt hat. Unstete, leichtlebige Geschöpfe sind sie gewesen, die ihn an frisch geschlüpfte, im gleißenden Sonnenlicht taumelnde Schmetterlinge erinnerten und die er nur aus der Ferne bewundert hat. Lucille ist keine von ihnen. Sie wird es nie sein.

Finlay bringt das Gespann zum Stehen und greift nach den Koffern. Er ist alt geworden, und Thomas verspürt Gewissensbisse, als sich der Diener mit dem schweren Gepäck abmüht. Einen Moment lang denkt er daran, ihm beim Hereintragen zu helfen. Wie alt ist er jetzt, fünfzig? Sechzig? Es ist schwer zu sagen. In Thomas‘ Erinnerung ist er nie jung gewesen.

„Lassen Sie mich das machen, Sir“, wehrt Finlay gutmütig ab, als er nach dem schwersten der Koffer greifen will. „Die Missus erwartet Sie.“

Die Missus. Lady Sharpe. Herrin von Allerdale Hall, so wie er jetzt der Hausherr sein würde. Thomas spürt, wie seine Schultern hinabsinken unter der unsichtbaren Last. Er strafft sich und verzögert die Begegnung, indem er sich umsieht.

Das Haus ist groß und gewaltig wie eh und je. Furchteinflößend, selbst jetzt noch. Er hat geglaubt – gehofft vielmehr -, es wäre weniger imponierend, wenn er es nicht mehr aus Kinderaugen betrachten muss. Das Gegenteil ist der Fall. Der neogotische Bau strahlt Strenge und Kälte aus und lässt Thomas frösteln. In den Jahren seiner Abwesenheit scheint es beschlossen zu haben, langsam zu verrotten, wie ein Leichnam, den man vergessen hat zu begraben. Er sieht das Moos in den Ritzen des steinernen Treppenaufgangs, riecht die feuchte Erde, die an faulendes Laub und Moder erinnert, bis der frühe Schnee den Geruch gnädig zudecken wird. Thomas hasst den Winter, und er hasst ihn besonders auf Allerdale Hall. Es wird nicht mehr lange dauern bis Weihnachten, und bis dorthin würden sie eingeschneit sein. Diese langen, kalten Winterabende, dunkel selbst bei Tage, düster und bedrohlich und endlos. Was für andere eine Zeit der Freude ist und die Geburt des Erlösers verkündet, bedeutet für Thomas das Gefühl des Eingeschlossenseins und der Einsamkeit. Es gab keinen Stechpalmenschmuck, keinen Christbaum oder gar Geschenke. Eigentlich gab es nur ihn und Lucille, verbannt auf das Spielzimmer unter dem Dachboden, denn Lady Beatrice Sharpe vertrat die Meinung, dass man Kinder weder hören noch sehen durfte. Ihre Erziehung beschränkte sich auf Tadel und das Androhen von Strafen durch den Vater.

Vater. Ein Fremder, der hin und wieder seine Aufwartung machte, gefürchtet mehr als respektiert, und von außergewöhnlich jähzornigem Naturell. Während Thomas ihm als Kind stets aus dem Weg ging, hatte Lucille ihm offene Verachtung entgegengebracht. Mehr als einmal hatte sie dabei Schläge kassiert. Die Narben in ihrem Gesicht und auf ihrem Körper verdankt sie Vaters Unbeherrschtheit. Die Nachricht von seinem Tod hat Thomas in Oxford per Fernschreiben erreicht. Er ist nicht nach Hause gefahren für das Begräbnis.

Zwei Jahre sind seither vergangen. Zwei Jahre, in denen Lucille ihm Briefe geschrieben hat. Zuvor ist es kaum möglich gewesen; ihre Ärzte in der Schweiz erlaubten ihr keinen Kontakt zur Außenwelt, hielten sie wie eine Gefangene. Wenn er ehrlich ist, hat es ihn kaum gekümmert. Vaters Anwalt, Sir Harvey Babcock, hat ihn schließlich schriftlich darüber informiert, dass Lucille entlassen werden sollte und sein Studium als abgebrochen erklärt werden müsse; es fehlen die Gelder, um für die jeweiligen Kosten aufzukommen. Den Nachlass, ohnehin spärlich, hat das Haus verschluckt, und als er nach London kam, musste Thomas feststellen, dass er praktisch mittellos war. Außer seinem geerbten Titel und dem Stück Land besitzt er keinen Farthing. Es ist eine ernüchternde Erkenntnis. Er kommt sich vor wie ein Bettler, als er sich die Reisekosten für die Fahrt nach Manchester von Mr. Babcock vorstrecken lassen muss.

Im Bewusstsein, von nun an dem verarmten Adel anzugehören – und der Bürde eines ehrwürdigen Namens aufgezwungen -, fuhr Thomas nach Hause. Die Zugfahrt dauert lang genug, um die Möglichkeiten zu überdenken. Heiraten ist seine einzige wirkliche Option. Er ist sehr jung, kaum zwanzig, aber es erscheint ihm die beste Lösung. Natürlich würde es schwierig sein, eine passende Partie zu finden, aber er ist gut gewachsen und recht ansehnlich, mit höflichem Benehmen und einer ausgezeichneten Bildung. Thomas hält sich nicht für sonderlich gewandt im Umgang mit dem schwachen Geschlecht, aber er ist willens, zu lernen. Doch seine mangelnde Erfahrung erweist sich nicht als das einzige Hindernis. Sein Herz wird schwer, als er das Haus betrachtet. Glanzvolle Bälle und Empfänge werden sich hier kaum ausrichten lassen.

„Thomas.“ Lucille tritt die Stufen hinunter, erst eine, dann zwei. Sie bewegt sich vorsichtig, und ihr Blick ist wachsam. Für ihn ist sie eine Fremde, und dasselbe muss er für sie sein. Sie sind Kinder gewesen, als man sie getrennt hat. Eine halbe Ewigkeit ist das her. Als sie näherkommt, fühlt Thomas einen Stich im Herzen. Das kleine Mädchen ist verschwunden, und an seine Stelle ist eine erwachsene Frau getreten. Ernst sieht sie aus und beinahe ängstlich, während ihr Blick unablässig auf sein Gesicht gerichtet ist. Das Kleid wirkt zu streng für sie. Der Wunsch, einen Scherz darüber zu machen, sie ein wenig für ihre Feierlichkeit aufzuziehen, kommt ihm in den Sinn und macht einer seltsamen Verlegenheit Platz. Er weiß nicht, was er sagen soll. Einst ist sie der Mittelpunkt seines Lebens gewesen. Es gab keine Geheimnisse zwischen ihnen, und jetzt kommt er sich linkisch vor im Angesicht seiner eigenen Schwester. Ihm fällt auf, wie groß er geworden ist, denn sie kommt ihm zerbrechlich vor wie ein Vogel, als sie zögernd die Hand zum Gruß ausstreckt. Seine Finger umfassen ihre. Wie winzig ihre Hände sind. Er kann kaum glauben, was diese Hände getan haben.

„Thomas.“ Sie sagt seinen Namen wie den Anfang eines Gebets, andächtig und beinahe flüsternd. „Ich habe so lange gewartet. Komm herein. Ich habe uns eine schöne Tasse Tee gemacht.“

Immer noch fehlen ihm die Worte. Sie sieht traurig aus. Furchtsam. Ihre Augen erinnern ihn an ein verletztes Rehkitz, das er einmal auf einem der verhassten Jagdausflüge mit seinem Vater geschossen hat. Für seinen Fehlschuss hat Vater ihn nach der Heimkehr gezüchtigt – gleich, nachdem er dem unglücklichen Geschöpf eigenhändig das Genick brechen musste, weil die Schrotkugeln nicht für einen Gnadentod taugen.

Lucille nimmt ihn an der Hand und führt ihn über die Schwelle. Es riecht nach Tod und Erde. Der rote Schlamm, auf dem das Haus gebaut ist, hat die Farbe von Blut. In der großen Halle ist es kalt und zugig. Im Salon flackert ein Feuer, das nicht wärmen kann. Das überlebensgroße Portrait seiner Mutter an der Wand blickt missbilligend auf sie herab. Nichts hat sich verändert.

„Möchtest du dich nicht setzen?“ Lucille sieht ihn gespannt an, während sie eine der hauchdünnen bemalten Tassen mit stark gebrühtem Tee eingießt. Er mag ihn nicht trinken; zu bitter.  

Er schüttelt den Kopf. „Zeigst du mir das Haus?“

Falls sie erstaunt über seine Bitte ist, lässt sie es sich nicht anmerken. Er hofft – absurderweise, wie er sich im Nachhinein eingestehen muss -, dass eine weibliche Hand das Anwesen innerhalb weniger Wochen zum Besseren hin verändern kann, doch schon auf der Treppe zur Bibliothek stellt er fest, dass das Holz morsch ist und die Teppiche abgewetzt. Die Stufen ächzen unter seinem Schritt. Lucille geht voraus, leichtfüßig, mit erwachendem Elan. Sie hat Allerdale Hall schon immer mehr geliebt als er. Es ist, als wäre sie ein Teil davon.  

„Ich habe Mutters Schlafzimmer für dich hergerichtet“, verkündet sie betont munter. Sie klingt ein wenig angespannt, aber auch erwartungsvoll. „Ich wusste nicht, wo ich dich sonst unterbringen sollte. Dein Kinderzimmer ist zu eng geworden, und es steht allerlei Krempel darin herum; deine Bücher und Spielsachen und Mutters Rollstuhl...“ Sie beißt sich auf die Lippen und sieht plötzlich ertappt aus. Thomas ist erstaunt. Er hat Lucille nicht als schüchtern oder unsicher in Erinnerung. Da ist etwas in ihrem Blick, was er nicht deuten kann. Dann dämmert die Erkenntnis. Obwohl sie aussieht wie eine Frau, erscheint sie ihm mehr wie ein verwirrtes Kind; wie eine Gastgeberin, die nicht weiß, ob sich ihr Besucher auch heimisch fühlen wird. Plötzlich kommt er, der Jüngere, sich als der erwachsenere von ihnen vor. Entschlossen, die Distanz zwischen ihnen zu überwinden, geht er einen Schritt auf sie zu und ergreift ihre Hand, die nervös mit dem Schlüsselbund spielt.

„Ich bin froh, zu Hause zu sein. Ich habe dich vermisst.“ Es sind gleich zwei Lügen auf einmal. Sie gehen ihm nicht leicht über die Lippen, doch er freut sich, als sich Erleichterung in ihren Gesichtszügen spiegelt. Es ist ein hartes, trauriges Gesicht, und wie kann es anders sein nach all den Jahren, in denen sie weggesperrt gewesen ist? Er will sie glücklich machen. Er will alles dafür tun, dass ihr Leben von jetzt an ein besseres wird. War es nicht sie, die ihn seine gesamte Kindheit hindurch beschützt hat; die ihm Lieder vorgesungen und ihn getröstet hat, wenn es nötig war? Als ihr Bruder hat er die Pflicht, für sie zu sorgen, und er will es gern tun. Was vergangen ist, ist vorbei und vergessen. Sie waren nur Kinder. Von jetzt an wird alles anders werden.

Er lässt sich nur kurz sein neues Schlafzimmer zeigen und bewundert es gebührend, bevor es ihn nach oben zieht. Die Räume, in denen seine Eltern gewohnt haben, will er nicht sehen. Der Gedanke daran, im Bett seiner toten Mutter schlafen zu müssen, erfüllt ihn mit Grauen. Beim Betreten des Korridors zum Badezimmer überfällt ihn Herzrasen, und er verspürt ein Engegefühl in der Brust. Lucille hält immer noch seine Hand umklammert. Ihre Finger fühlen sich kalt an, und in ihren Augen liegt ein merkwürdiger Glanz, als sie ihn ansieht. „Ich habe alles so gelassen, wie es war“, sagt sie. „Es ist dir doch recht, oder nicht?“

„Natürlich.“ Noch eine Lüge. Diesmal fällt es ihm nicht mehr so schwer. Zum ersten Mal erscheint ein zögerndes Lächeln auf Lucilles Lippen. Es macht ihn glücklich, sie lächeln zu sehen. Er berührt ihre Wange; es ist die erste zärtliche Geste, die er sich gestattet; die erste in Jahren.

Sie führt ihn nach oben. Unter dem Dach fühlt es sich endlich so an, als würde er heimkommen. Alles ist so, wie er es verlassen hat: das ehemalige Spielzimmer, in dem er für Lucille Puppen und Spielzeug aus Holz und Blech gefertigt hat; aus Wachs und Ton modellierte Köpfe und Hände; bewegliche Figuren, die er nach dem Studium von Vaters Büchern und Unterlagen aus der Bibliothek entworfen hat. Schon damals zeigt er ein besonderes Geschick für Mechanik. Die Automaten bringen Lucille zum Lachen. Dafür baut er sie. Es gibt nicht viel, was Lucille ein Lächeln entlocken kann. Er ist es ihr schuldig.

„Weißt du noch?“ Zärtlich streifen ihre Finger über den kahlen Kopf eines Hütchenspielers. „Du hast ihn mir zu meinem vierzehnten Geburtstag gemacht. Vater hatte gerade die gesamte Pacht im Club beim Kartenspiel verloren, und er brachte deswegen kein Geschenk mit nach Hause. Als Mutter ihm deswegen Vorwürfe machte, hielt er es für angebracht, mich zu bestrafen.“

Er denkt an die grausamen Narben, die Vaters Gürtel auf Lucilles Rücken und Schultern hinterlassen haben. An den schweren Ring an Mutters Finger, als sie Lucille für ihre vorlaute Zunge mit einer Ohrfeige züchtigt. Er erinnert sich an das Blut auf ihren aufgeplatzten Lippen. Der Ring steckt jetzt an Lucilles Finger; ein in Gold gefasster Rubin, rot wie das Blut, das er fortgeküsst hat. Er erinnert sich in aller Klarheit daran. „Niemand kann dir jetzt mehr etwas tun“, sagt er fest. „Wir sind wieder zusammen, Bruder und Schwester. So, wie es sein sollte.“

Lucille lächelt unbestimmt und lässt den Blick schweifen. Unter den offenen Dachbalken nisten Spatzen. Irgendwo gurrt eine Taube. „Es ist alles ziemlich heruntergekommen. Wir werden das Spielzimmer nicht mehr brauchen. Ich dachte daran, eine kleine Werkstatt hier oben für dich einzurichten. Dann kannst du an deinen Erfindungen arbeiten. Ich könnte dir dein Essen hinaufbringen und dir Gesellschaft leisten.“

Es rührt ihn, dass sie sich über seine Zukunft Gedanken gemacht hat. Zum ersten Mal fragt er sich, was aus Lucille werden soll. Heiraten steht außer Frage – niemand würde um die Hand einer ehemaligen Insassin einer Nervenklinik anhalten, klangvoller Name und alter Adel hin oder her -, doch er kann sich auch nicht vorstellen, mit ihr auf Allerdale Hall zu leben. Das Haus erdrückt ihn. Es scheint, als würden sich die Mauern um ihn herum verengen, allen Atem aus ihm pressen. Nein, nichts hat sich verändert. „Möchtest du denn hierbleiben?“ hört er sich fragen.

Sie sieht erstaunt aus. „Wohin sollten wir gehen?“

„Nun, ich könnte Babcock bitten, Allerdale zu verkaufen…“ Noch ehe er den Satz zu Ende sprechen kann, weiß er, wie dumm sein unbedachter Vorschlag ist. Lucille entzieht ihm ihre Hand und wendet sich ab.

„Es ist alles, was uns geblieben ist.“

„Ja, aber sieh dich doch um.“ Er sagt es wider besseren Wissens. „Das Haus verrottet unter unseren Füßen und über unseren Köpfen. Das Dach ist undicht. Der Winter steht vor der Tür, und wir können uns kaum das Holz zum Heizen leisten. Wir sind mittellos, Lucille. Wenn wir das Land zu einem guten Preis loswerden, könnten wir uns vom Erlös eine kleine Wohnung in der Stadt kaufen. Oder ein Cottage irgendwo auf dem Land. Es würde dir sicher gefallen.“

„Aber hier ist unser Zuhause.“ Lucille dreht sich zu ihm um. In den blassgrauen Augen steht Unverständnis und Furcht. „Wir haben doch eine Verpflichtung, Bruder.“

Er fragt sich, ob sie es wirklich so meint, nach allem, was sich vor Jahren hier zugetragen hat. „Wir waren nie glücklich hier, Lucille“, versucht er es noch einmal. „Das Haus… Es ist nicht gut für uns, weder für dich noch für mich. Es birgt zu viele Erinnerungen.“

Sie schweigt, und ihr Gesicht verrät nicht, was in ihr vorgeht. Es kann nicht sein, dass sie alles vergessen hat. Oder doch? Acht Jahre in den Händen von Ärzten sind eine lange Zeit. Sie kommt ihm verändert vor, als ob ihr Verstand gelitten hätte. Ihr Geist ist nicht mehr derselbe, so viel glaubt er als medizinischer Laie beurteilen zu können. Sie war nie mehr dieselbe, nachdem sie geschworen hat, sich zu rächen. Wie blutig und monströs ihre Rache sein würde, davon hat er sich damals keine Vorstellung machen können.

„Denke darüber nach“, bittet er. „Wir müssen nicht hierbleiben.“

„Wie erwachsen und vernünftig du geworden bist“, sagt sie endlich. „Ich muss mich wohl daran gewöhnen, dass du von jetzt ab das Sagen hast. Es ist zugegebenermaßen eine komische Vorstellung.“

Zuerst will er wütend werden – niemand mag es, ausgelacht zu werden -, aber das vage Lächeln, das immer noch ihre Lippen umspielt, besänftigt ihn rasch. Sie zieht ihn nur auf, wie sie es schon als Kind gern getan hat. „Du machst dich lustig über mich.“

„Nein, Thomas.“ Sie tritt näher an ihn heran. „Ich bin nur sehr stolz auf dich. Wie groß und stark und entschlossen du geworden bist. Und schön. So schön…“ Sie lächelt wehmütig.  „Du warst immer ein so zartes Geschöpf. Ich dachte immer, ich müsse dich vor allem Bösen da draußen beschützen.“

„Das hast du auch getan.“ Sacht umfängt er ihre Hände und zwingt sich zu einem Lächeln, nach dem ihm nicht zumute ist. „Und wie du es getan hast. Aber diese Zeiten sind vorbei. Ich bin ein Mann, kein kleiner Junge mehr, der deine Hilfe braucht.“

Tränen glitzern in ihren Augen, während sie zu ihm aufsieht. Ihre Finger schließen sich so fest um seine, dass es schmerzt. „Dann bin ich überflüssig geworden. Ich bin nichts als eine Last für dich; eine weitere Bürde, die du zu tragen hast. Es wäre besser für dich, sie hätten mich als lebende Tote in meinem Gefängnis gelassen.“

In ihrer Stimme liegt so viel Kummer, dass es ihm das Herz in der Brust zusammenzieht. Er will sie an sich ziehen, ihr die geschwisterliche Umarmung geben, die sie verdient und auf die sie seit seiner Ankunft gewartet hat. „Lucille…“

„Es gab andere, nicht wahr?“ Sie klingt plötzlich bitter. „Hübschere, geistreichere, liebenswertere als mich. Es muss so sein. Du bist so stattlich geworden, so begehrenswert… Du durftest erblühen, während ich in einer Zelle verdorren musste.“

„Das ist nicht wahr.“ Er hält ihre Hände fest. Will ihr etwas sagen, was sie glauben kann. Schließlich entscheidet er sich für die Wahrheit. „Ich habe mich deswegen schlecht gefühlt, Lucille. Kein Tag ist vergangen, an dem ich nicht daran gedacht habe. Es tut mir leid. Es tut mir leid, dass du büßen musstest für etwas, woran wir beide Schuld tragen.“

„Lass uns nicht mehr daran denken. Du bist zuhause“, flüstert sie. „Wir sind zuhause, Thomas.“  

Ihr Kopf ruht an seiner Schulter. So klein, so zerbrechlich. Unter dem Stoff ihres Mieders kann er die Stäbe des Korsetts fühlen. Und obwohl sie zart und nachgiebig in seinem Arm liegt, spürt er die stahlharte, rücksichtslose Kraft, die in ihr ist. Eine Kraft, die töten kann. Thomas kann nicht anders, als sie dafür zu bewundern. Die vergangenen Jahre haben sie nicht zerbrochen. Wenn überhaupt, hat sie die Zeit stärker werden lassen. Er kommt sich schwach vor neben ihr, wie eine Blume, die inmitten einer Dornenhecke erblühen muss.    

Es ist nicht richtig, denkt er. Es sollte nicht so sein.

Sie lächelt. Ihre Finger sind eiskalt. Er spürt ihren Atem an seinem Gesicht, rasch und leicht, wie ein Hauch nur. Als er die Augen schließt, lehnt sie sich gegen ihn. Eine weiche und doch feste Brust streift seinen Arm. „Niemals getrennt“, flüstert sie. „Niemals wieder getrennt.“

„Niemals getrennt“, wiederholt er, folgsam und artig wie der kleine Junge, der er eigentlich nicht mehr ist. Ihr Körper ist warm und weich, voller Verheißungen. Sie riecht nach Maiglöckchen, und ihr Haar duftet nach Verbene. Es ist das einzig Lebendige in diesem Grab, das er von jetzt ab wieder sein Zuhause nennen muss. Er möchte weinen. Er möchte sie von sich stoßen und bringt es nicht fertig, denn er weiß, dass er sie niemals verletzen kann, weil es sie beide umbringen wird. Sie ist wie ein Stück Glas, wie ein Splitter, der sich tief in sein Fleisch bohren kann, wenn er es zulässt. Sie würden beide daran verbluten.    

Lucille entzieht sich ihm und geht langsamen Schrittes die wenigen Stufen hinab auf die Galerie.

Er folgt ihr. Weiß, wohin sie ihn führen wird. Weiß, was sie vorhat. Weiß, warum sie ihm Mutters Zimmer überlassen hat, in dem er nicht schlafen kann. Ihr Ziel ist die kleine Kammer unter einem der Giebel; dieses kleine verbotene Zimmer, Lucilles Reich, ihr Reich.

Das verbotene Paradies, ein Vorort Babylons, der Durchgang zur Hölle.

Thomas weiß es, und doch folgt er ihr.            



~ Ende ~
 
 
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