Samtpfötchen und Federvieh

von Vailyn
GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
19.03.2016
25.02.2019
137
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Hallöchen und einen schönen guten Abend ihr Lieben :-D

Ich habe festgestellt, dass der Abschnitt über die Flucht aus dem brennenden Esgaroth sich doch ein bisschen mehr ausdehnt, als ursprünglich gedacht, deshalb wird er jetzt nicht in zwei, sondern in drei Kapitel aufgeteilt. Das Zweite habe ich euch heute mitgebracht und wünsche euch jetzt ohne weiteres Blabla ganz viel Spaß beim Lesen. Es wird spannend....

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Kapitel 136: 'Im Sturm (Teil 2)'

Die Kunst ist,
einmal mehr aufzustehen,
als man umgeworfen wird.



Ein einziger spitzer Schrei ertönte, bevor die kleine Tilda ins Wasser klatschte, vom schaukelnden Boot, in Kombination mit ihrer Aufregung über ihre geliebte Puppe, die ihr beim Zusammenstoß mit dem weitaus größeren Boot des Bürgermeisters aus den Händen und über Bord gefallen war, von ihren Füßen gerissen.
Der Schreckmoment dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, bevor ein kleiner Tumult in dem Boot ausbrach.
„TILDAAA!“, brüllte Sigrid ihrer kleinen Schwester hinterher, die für einen Moment lang vollständig im Wasser versank, während sich das Boot durch den restlichen Antrieb der Ruder ein gutes Stück entfernte, bevor Vailyn und Bofur augenblicklich gegensteuerten, damit es anhielt.
Das Mädchen hatte sich inzwischen wieder an die Wasseroberfläche gestrampelt und schnappte wild nach Luft.
„SIE KANN NICHT SCHWIMMEN!“, schrie Sigrid völlig aufgebracht und in ihrer Panik und Angst um ihre kleine Schwester wollte sie ebenfalls aufstehen, wurde jedoch, dank Oins rascher Reaktion, und seinem beherzten Griff um ihren Arm, davon abgehalten. „WIR MÜSSEN UMKEHREN, BITTE!“ Inzwischen liefen ihr die Tränen nur so über das Gesicht.
Mit wild wummerndem Herzen und ganz kurz von der Situation überfordert schaute Vailyn zurück zu dem panisch zappelnden Kind im eiskalten Wasser, das nicht nur von ihrer Unfähigkeit zu Schwimmen hinuntergezogen wurde, sondern auch von dem dicken Mantel, der sich mit Wasser regelrecht vollgesogen haben musste. Und nicht nur das: Schon sehr bald, wahrscheinlich handelte es sich um noch nicht einmal eine halbe Minute, würde das eiskalte Wasser sämtliche Kraft aus Tildas Muskeln saugen und sie dann erbarmungslos verschlingen.
Es verging noch nicht einmal eine Sekunde, da wusste Vailyn, was sie zu tun hatte.
„VAILYN!“, rief Bofur neben ihr und riss bereits wieder hektisch an dem Ruder in seiner Hand. „HILF MIR DAS BOOT HERUMZUDREHEN, SCHNELL!“
„NEIN!“, rief Vailyn zurück, was den Mützenzwerg ganz kurz verdutzt innehalten ließ. „Was?“, wollte er wissen und sah ihr misstrauisch in die Augen.
Vailyn antwortete nicht und löste eilig die Verschnürungen ihres Mantels.
Bofur begriff sofort. „Oh nein, nein, nein! Das wirst du schön bleiben lassen! Hast du mich verstanden?“
Sie schüttelte den Kopf und kniff ganz kurz die Augen zusammen, um sich selbst Kraft zu schenken. Auch wenn sie gerade selbst nicht ganz glauben konnte, was sie da gerade vorhatte, doch ihr Entschluss stand fest.
Es ging nicht anders.
„Du kannst doch nicht…“
„Bofur.“, unterbrach die Rothaarige ihn, warf ihren Mantel zur Seite und legte ihm eine Hand auf den Oberarm, bevor sie seine Augen eindringlich fixierte. „Bring sie hier raus!“
„NEIN, VAILYYYN!“, hörte sie nur noch, bevor die Eiseskälte des winterlichen Sees sie auch bereits umfing wie das hungrige Maul eines riesigen Monsters.

***
Inlayas Weinen war inzwischen zu einem leisen, hilflosen Wimmern geworden. Die Willensstärke nicht mehr aufbringend hinzusehen, zuzuschauen bei dem was Smaug da mit der Seestadt tat, hatte sie sich kraftlos auf den Boden sinken lassen, die Knie vor ihrem Körper aufgestellt und ihr Gesicht unter ihren Armen vergraben, als könnte sie sich so vor allem was passierte abschirmen.
Natürlich nur mit mäßigem Erfolg, denn auch wenn sie es gerade nicht sehen konnte, so hörte sie doch umso besser was geschah: Smaugs kraftvolle Flügelschläge, sein wütendes Brüllen und das Rauschen, wenn er einen todbringenden Feuerstoß nach dem anderen auf Esgaroth niedergehen ließ.
Es ließ sich einfach nicht abstellen, wie ein grelles Ohrgeräusch, das einen an den Rand des Wahnsinns oder sogar darüber hinaus zu bringen vermochte. Inlaya wünschte sich nichts sehnlicher, als dass es aufhörte, dass es endlich endete, auf welche Weise auch immer.
Irgendjemand musste diesem Wahnsinn doch ein Ende setzen können!
Und wenn es Smaug selbst war, der beschloss, dass es nun genug war und sich dann wieder ihnen zuwendete, um den endgültigen Schlussstrich unter seine Demütigung zu setzen.
Es wäre ihr egal.
Es war besser… nein, EINFACH ALLES war besser, als das hier: Dieses hilflose, ohnmächtige Abwarten und das Wissen, dass das alles von ihnen alleine zu verantworten war.

Kraftlos hob sie den Kopf, nur um festzustellen, dass es ihren Freunden kein bisschen anders ging.
Wie könnte es auch?
Es war vollkommen still, wie eine Schockstarre, die die gesamte Gruppe befallen hatte. Nur noch wenige von ihnen sahen auf den See hinaus, der ein oder andere hatte sich, wie sie auch, auf den Boden gesetzt. Ori beispielsweise, dessen Blick nach unten gerichtet war und der schwer atmete, so als müsste er ebenfalls viele Tränen zurückhalten, die tröstende Hand seines Bruders Nori auf der Schulter. Außerdem Bombur, der fast völlig regungslos dasaß, das einzige, was seine tobenden Gefühle zum Ausdruck brachte, waren seine weit aufgerissenen Augen. Sein Vetter Bifur wusste offenbar nichts mehr mit sich anzufangen, konnte sich nicht entscheiden hin- oder wegzusehen, schüttelte den Kopf und knetete seine Hände, so als suchte er verzweifelt nach einem Ausweg. Inlaya konnte noch nie so genau sagen, inwieweit sein gesunder Verstand noch in ihm arbeitete, aber sicherlich war ihm die momentane Situation so klar wie allen anderen. Auch wenn es möglicherweise nicht so aussah, doch seine Augen zeigten, dass auch seine Seele gerade höchste Qualen litt.
Balin war der einzige, dem zwei leise Worte entkamen: „Arme Menschen.“, flüsterte er mit bebender Stimme, bevor auch er sich abwendete, sodass Inlaya in seine nassglitzernden Augen sehen konnte. Sie machte sich keine Vorstellung davon, wie gerade er sich fühlen musste, als einer derjenigen, die damals bereits bei der Zerstörung Thals und Smaugs Übernahme des geliebten Erebors dabei gewesen waren, konnte es natürlich auch nicht. Doch dieser Anblick, das Bild dieses sonst so positiven Zwergs, der ihr immer so viel Mut schenkte, und dessen tiefes Trauma sich nun allein in seinen Augen spiegelte, erzählte eine Geschichte, wie es Worte wohl niemals schaffen würden.

***

Das eisig kalte Wasser biss Vailyn unbarmherzig, als sie eintauchte und sie fühlte augenblicklich, wie die Nerven in ihrem gesamten Körper schmerzten, als ob tausende winziger Nadeln zugleich auf sie einstachen, um sie zu lähmen. Für einen kleinen Moment raubte ihr dieses Gefühl beinahe sämtliche anderen Gedanken. Ihr Herz begann zu rasen und fast hätte der plötzliche Atemreflex dafür gesorgt, dass sie Wasser in ihre Luftröhre gezogen hätte.
Zum Glück schaffte sie es, sich mit zwei kräftigen Schwimmbewegungen an die Oberfläche zu kämpfen, wo sie so viel Luft auf einmal in ihre Lunge sog, wie wahrscheinlich noch niemals zuvor. Ihr Körper zitterte unkontrolliert und schon jetzt merkte sie, wie ihre Muskeln träge und schwerfällig wurden.
Doch das ging jetzt nicht…
Sie musste sich bewegen, sofort!
Sie musste Tilda aus dem Wasser holen!
Sie wollte den Namen des Mädchens rufen, doch scheiterte kläglich. Nichts weiter als ein kümmerliches Fiepen kam aus ihrem Mund, die Luftröhre benötigte sämtlichen Sauerstoff zum Atmen.
Wie machten die Leute in den Geschichten das eigentlich?
Wenn dort jemand beispielsweise durch die Eisschicht eines Sees gebrochen war, dann winkte er oder rief laut um Hilfe… oder beides. Vailyn konnte sich gerade nichts davon auch nur annähernd vorstellen. Sie war froh, dass sie überhaupt noch etwas von ihrem eigenen Körper spürte. Dem Idioten, der sich diese Geschichten ausgedacht hat, dem würde sie gerne einmal ihre Meinung geigen…
Doch das musste sie natürlich verschieben.

Hektisch blickte sie sich um, konnte Tilda jedoch nicht ausmachen. Ihr Atem ging noch schneller als ohnehin schon.
Was wenn sie die Kleine nicht fand?
Was wenn sie bereits ertrunken war?
Was wenn…?
Doch just in diesem Augenblick entdeckte sie das Mädchen, nur ein kleines Stück von ihr selbst entfernt. Nur noch ihr Gesicht ragte zwischen den ganzen Trümmern und Eisschollen aus dem Wasser.
Vailyn verlor keine einzige Sekunde mehr und auch wenn es sie gerade jegliche noch verbliebene Kraft und noch mehr Willensstärke kostete, zwang sie ihre Arme und Beine sich zu bewegen. Zielsicher schwamm sie auf die kleine Tilda zu, die inzwischen senkrecht im Wasser hing, weil aus ihren Armen und Beinen vermutlich bereits sämtliches Gefühl entwichen war. Sie bewegte sich kaum mehr, nur noch ihr Mund schnappte hektisch und panisch nach Luft. Es würde sich nun nur noch um Sekunden handeln, dass sie vollständig unterging.
Quälend lang kam Vailyn die Zeit vor, bis sie endlich bei dem Kind angekommen war. Sie packte Tilda einfach nur beim Arm und versuchte gar nicht erst etwas zu sagen. Ihre ganze Kraft musste sich nun darauf konzentrieren sich und das Mädchen aus dem Wasser zu bringen. Mit erstaunlich schnellen Handgriffen hatte sie den schweren Mantel um Tildas Körper gelöst und ließ ihn einfach nach unten sinken. Dann griff sie das Mädchen unter den Schultern und zog es in Richtung Steg, an dem glücklicherweise eine kleine, wie durch ein Wunder noch völlig unbeschädigte, Leiter befestigt war.

***

Jeden einzelnen der Gefährten traf das Schicksal Esgaroths schwer, die Last der tiefen Trauer und der beißenden Schuld lähmten sie teilweise bis zu einem ausgewachsenen Schockzustand.
Mit einer Ausnahme…
Thorin hatte sich als allererstes vom See abgewendet, doch nicht auf die Weise, wie es seine Gefährten getan hatten, nicht aus Bestürzung, nicht aus Trauer und auch nicht die Last einer großen Schuld auf seinen Schultern tragend.
Er hatte sich aus Desinteresse abgewendet, das wurde Inlaya mit jeder Sekunde klarer, die sie ihn nun schon beobachtete. Aus purem Desinteresse. Er stand absolut regungslos da, seinen Blick starr auf den Erebor gerichtet. Er sah aus, als ob er auf etwas wartete, einen Startschuss möglicherweise, ein Signal, um mit etwas Wichtigem zu starten. Die Brünette runzelte wütend die Stirn. Sie konnte sich auch fast denken, um was es dabei ging…

***
Vailyn konnte nicht sagen, wie sie es geschafft hatte, doch irgendwie hatte sie Tilda und sich selbst auf den schmalen Steg gehievt und war dann völlig entkräftet neben dem Mädchen zusammengebrochen. Und nun lagen sie beiden da auf dem kalten, nassen Holz, hustend, nach Atem ringend und am ganzen Körper unkontrolliert zitternd.
Glücklicherweise lag Tilda auf dem Bauch, denn ihr Husten brachte Würgegeräusche mit sich und schließlich entlud sich ein kleiner Schwall Wasser aus ihrer Kehle.
Vailyn lief ein Schauer über den Rücken als ihr klar wurde, wie knapp das hier anscheinend ausgegangen war. Noch einmal so viel Wasser in der Luftröhre und das Kind wäre mit großer Sicherheit ertrunken. Gerade so schaffte sie es, ihren Kopf in Richtung des Mädchens zu drehen und musterte es prüfend. „Ti… hil…dahaa, bi… hist du…hu ok… ay?“, brachte sie unter großer Anstrengung heraus, weil ihre Zähne aufeinander klapperten.
Tilda nahm ein paar ganz tiefe Atemzüge, bevor sie schwach den Kopf schüttelte und einmal kräftig schniefte. „I… hich spü… hü… rehe m… mein… ehe Bei… hei… ne ni… hicht me… her.“, weinte sie angstvoll.
„Kei… heine A… hangst. Da… has krie…hiegen wi… hir wie… hieder hi… hin.“ Die Rothaarige versuchte, so überzeugt wie nur irgendwie möglich zu klingen, wusste nur leider gerade selbst nicht, wie es weitergehen sollte. Sie konnte Tilda unmöglich tragen, schließlich war das Kind nicht bedeutend kleiner als sie selbst es war.
Was sollte sie jetzt tun?
Hilfe würde mit Sicherheit keine kommen, nicht hier, nicht jetzt.
Doch im nächsten Moment spürte Vailyn etwas an ihrer linken Seite, das ihr schon sehr bald die Antwort geben würde.
Wärme.
Stärker werdende Wärme.

***
Das war es, oder?
Das war diese Krankheit, von der Gandalf und Elrond damals gesprochen hatten, dieser „Wahnsinn“, wie sie es bezeichnet hatten. Dieser Fluch, der Zwerge aus der Herrscherlinie befiel, wenn sie diesem Berg zu nahe kamen.
Inlaya hatte es ja bereits geahnt, schon bevor sie den Erebor überhaupt richtig betreten hatten, war Thorin verändert, so als trüge er eine zweite Person in sich, die zum Vorschein kam, wenn die eigentliche, die erste Person es ihr erlaubte. Dieses zweite Ich hatte sich auch vorhin gezeigt, als Dwalin sie mit sich geschleift hatte. Dieser kalte Blick, der aus Thorins Augen gesprochen hatte, als er sie zurechtgewiesen hatte, das war nicht mehr er, das war mit Sicherheit nicht mehr Thorin. Diese zweite Person in ihm war furchteinflößend und machte Inlaya gleichzeitig stinkwütend, denn sie war gemein und herrschsüchtig und absolut nicht bei klarem Verstand. Aber vor allem war sie eines: Gewissenlos.
Und genau das zeigte sich hier gerade.
Thorin interessierte es nicht, dass in diesem Augenblick hunderte von Menschen ihr Leben ließen, größtenteils wegen ihm und seiner Unternehmung. Dass sich die Söhne seiner Schwester mitten in einem Flammenmeer befanden, vielleicht schon längst von selbigen verschluckt.
Es war ihm egal.
Der zweite Thorin schien sich mehr und mehr durchzusetzen und den eigentlichen Zwergenkönig tief in ihm drin einzusperren.

Ihr Blick ging leicht nach links, wo Bilbo stand, der Thorin ebenfalls beobachtete, seine Stirn sorgenvoll gerunzelt. Auch der Hobbit spürte anscheinend, dass etwas ganz und gar nicht stimmte mit seinem guten Freund.
Offenbar im Augenwinkel Inlayas Blick wahrgenommen, blickte Bilbo zu ihr herunter. Die beiden mussten nicht sprechen, um sich zu verstehen. Sie dachten beide dasselbe, daran bestand keinerlei Zweifel.
Inlaya spukte eine Frage im Kopf herum, eine ziemlich absurde, für die sie sicherlich von einigen Leuten für endgültig geisteskrank erklärt würde. Doch eigentlich war es eine sehr gute und, wie sich die Dinge mit Thorin zurzeit entwickelten, sogar extrem sinnvolle Frage, von der sie gerne gewusst hätte, ob Bilbo das ebenfalls gerade im Kopf herumging:
Was wäre, wenn der Drache tatsächlich nicht zurückkehrte?

***
Ganz kurz stieg in Vailyn der absolut irrsinnige und völlig hirnverbrannte Wunsch auf, einfach liegen zu bleiben, die Wärme ihre, von dem kleinen Bad im Eiswasser völlig geschwächten, Glieder wieder zum Leben erwecken, sich völlig davon einhüllen zu lassen, wie von einem warmen, trockenen, kuscheligen Mantel.
Noch nie, ohne Übertreibung, hatte sich Wärme so wundervoll angefühlt.
Doch auch wenn dieser Wunsch gerade sehr stark war, schaffte es Vailyn sich davon loszureißen. Sie wusste, dass das, was hier langsam auf sie und Tilda zukroch, schon bald keine wohlige Wärme mehr war, dann konnte es nicht mehr heilen, nicht mehr beleben, dann konnte und würde es nur noch töten…
Das Haus, vor dem die beiden auf dem Steg lagen, stand lichterloh in Flammen.
„Tilda…“ Ihre Stimme wurde nicht mehr vom Zähneklappern beherrscht, ob wegen der Wärme, die ihrem Körper tatsächlich innerhalb kürzester Zeit ein wenig neues Leben eingehaucht hatte oder einfach, weil ihre Motivation gerade um ein zehnfaches angestiegen war, das konnte sie nicht so genau sagen.
Es war ihr auch egal.
Das einzige, was jetzt wichtig war, war das Aufstehen, das Weitermachen.
Sie waren vielleicht dem Wasser entkommen, doch jetzt war das Feuer an der Reihe. Es hatte quasi das Zepter sofort vom Wasser übernommen. Fehlte nur noch, dass ein starker Wind aufkam und sie mit sich riss oder dass sich die Erde auftat, gerade in dem Moment, wenn sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, und sie einfach verschlang. Wenn sie sich schon mit den Elementen anlegte, dann doch auch gleich mit allen, damit es sich auch so richtig lohnte, oder nicht?
Wütend wie sie war floss endlich eine Menge von Vailyns Kraft in ihren Körper zurück, dass es regelrecht spürbar war. Sie stellte sich auf die Beine, das unangenehme Kribbeln darin und auch den aufkommenden Schwindel ignorierend.
„Tilda, komm! Wir müssen sofort hier weg!“
„Ich kann mich nicht bewegen!“ Das Mädchen blieb stocksteif liegen, inzwischen mehr aus Angst als wegen der lähmenden Kälte, wie Vailyn vermutete. Ihre Stimme klang wieder klar, also musste auch ihr gesamter Körper sich langsam wieder erholen. Nur ihre Panik hielt sie davon ab, sich zu bewegen.
„Doch das kannst du!“ Die Rothaarige kniete sich neben das Kind hin und strich ihr durch die Haare, in denen kleine Eiskristalle klebten. „Hörst du mich? Du kannst es, ich kann es auch, siehst du? Steh auf!“
Weiterhin keine Veränderung, als ihr etwas einfiel: „Weißt du noch, was du mir erzählt hast? Dass du einmal das Bogenschießen erlernen willst, wenn du groß bist, so gut wie eine Elbin willst du werden, deine Familie beschützen. Das alles kannst du nur, wenn du jetzt aufstehst.“
Fast schon befürchtete Vailyn, Tilda würde weiterhin liegen bleiben, zu nichts fähig, von ihrer Angst gelähmt, doch zum Glück hatte sie sich getäuscht, die letzten Worte waren anscheinend der richtige Auslöser gewesen. Das Kind blickte ihr kurz in die Augen und stemmte dann vorsichtig ihre Arme auf den Boden.
Sie hatte es doch genau gewusst: In diesem Menschenmädchen steckte so viel mehr, als man vermuten würde!

Tilda stand, jedoch mehr schlecht als recht, denn ihre Beine waren noch sehr schwach und daher wackelig. Vailyn runzelte die Stirn. Das musste jetzt schnell besser werden, wesentlich besser, denn so würde sie nie und nimmer laufen können…
Ihr Herz setzte beinahe aus, als Tilda erschrocken und geräuschvoll einatmete. „Was ist mit Smilla?“, wollte das Mädchen wissen, erneut den Tränen nahe. „Wir können sie nicht hier lassen, wir müssen sie finden!“
Verdammt!
Vailyn fluchte innerlich. Diese Puppe, die ihnen all das hier erst eingebrockt hatte… Sollte sie tatsächlich so wahnsinnig sein und, erneut ihr eigenes Leben aufs Spiel setzend, nach einer Puppe suchen, die vermutlich ohnehin schon längst weit abgetrieben war.
Doch Tildas nasse, blutunterlaufene Augen gruben sich tief in Vailyns Gewissen. Diese Puppe bedeutete dem Mädchen alles, sie war nicht vollständig ohne dieses schmuddelige, völlig abgeliebte Ding aus Stoff.
„Meine Mutter hat sie mir genäht, bitte Vailyn, wir müssen sie finden! Sie kann doch nichts dafür!“
Kurz hielt Vailyn noch inne, wusste aber bereits, dass sie keine andere Wahl hatte.

Und tatsächlich: Sie hatten Smilla wirklich gefunden, nach nicht einmal einer Minute. Ihre leuchtend roten Haare waren von den ganzen Trümmerteilen im Wasser deutlich zu unterscheiden gewesen. Vailyn hatte sie mit einem herumliegenden Besenstiel zu sich gezogen und Tilda hatte sie sich in ihr Kleid gestopft, wo die Puppe jetzt vermutlich den gesamten Rest ihres Lebens verbringen durfte, denn sicherlich wurde sie jetzt niemals wieder losgelassen.

Das brennende Haus gab gefährliche Knacklaute von sich und Vailyn wusste, dass jetzt endgültig keine Zeit mehr zu verlieren war. „Okay, es geht los.“, sagte sie und griff nach Tildas Hand. „Meinst du, dass du laufen kannst?“
„Mhm!“ Das Mädchen nickte eifrig. „Ja, ich denke schon, meine Beine werden immer stärker.“
„Gut, dann bleib immer bei mir und unter keinen Umständen wirst du…“
Den Satz konnte Vailyn nicht beenden, als es auch bereits krachte. Das Haus zerfiel nach und nach in seine Einzelteile und bereits der erste riesige Holzbalken versperrte den beiden den Weg. Rückwärts war ebenfalls nicht möglich, weil dort bereits ein weiteres ehemaliges Haus von den Flammen zerlegt worden war. Die einzige Chance von hier wegzukommen war jetzt der Steg am anderen Ufer, doch wie in aller Götter Namen, sollten sie diesen nur erreich…
„Hör zu, Tilda…“, sagte sie nach einer kurzen Pause, die sie genutzt hatte, um gewissen Dinge miteinander abzuwägen, und drückte die Hand des Mädchens ein bisschen fester. „Du weißt doch, dass du mir immer vertrauen kannst, oder?“


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Oha... schon wieder ein solcher Cliffhanger, sorry!!! ♥♥♥

Was denkt ihr hat Vailyn jetzt vor?

Schreibt mir doch ein kleines Review, wenn es auch nur ein kleiner Satz ist. Ich freue mich über alles ;-)

Bis in zwei Wochen dann, wenn wir endgültig erfahren, ob es alle heil und gesund aus der Stadt heraus schaffen werden...
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