Samtpfötchen und Federvieh

von Vailyn
GeschichteAbenteuer, Romanze / P16
Bilbo Beutlin Bofur Fili Kili OC (Own Character) Thorin Eichenschild
19.03.2016
25.04.2019
138
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Hallo Ihr Lieben!

Ich bin schon lange ein großer Fan dieser Seite und jetzt hab ich beschlossen mal meine eigene Geschichte zu veröffentlichen, an der ich mittlerweile schon seit mehr als zwei Jahren arbeite. Es handelt sich um ein Gemeinschaftsprojekt von mir und meiner Besten, die  nicht nur einen eigenen OC in dieser Geschichte besitzt, sondern die vor allem anderen der beste Mensch ist, den ich kenne, die meine wunderbare Muse ist und mich immer wieder motiviert, wenn ich mich in einem kreativen Tief befinde. Ohne sie wäre das alles so niemals zustande gekommen. Ich danke dir!

Die Geschichte spielt während den Ereignissen aus dem 'Hobbit' und noch einige Zeit danach. Das meiste hält sich an Tatsachen und Abläufe, manches wenige ist aber auch zu eigenen Zwecken leicht verändert.

Der Vollständigkeit halber noch eben schnell der Hinweis, dass, außer natürlich die beiden Haupt-OCs Vailyn und Inlaya und im späteren Geschichtsverlauf einige Neben-OCs, keine der Figuren mir gehört, sondern J.R.R. Tolkien bzw. Peter Jackson.

So, nun aber genug Vorgerede. Ich hoffe sehr, dass euch diese Geschichte gefällt! Wahrscheinlich werde ich wöchentlich posten. Wenn ihr Lust habt lasst mir doch gerne ein paar Reviews da :-)

Also dann, ich wünsche euch viel Spaß :-)

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Kapitel 1: 'Unerwünschte Gesellschaft'

Wahre Freundschaft hat immer einen Anfang,
doch ganz sicher niemals ein Ende,
denn eine Freundschaft, die endet,
hat niemals je begonnen.



„Wen, in Durins Namen, hast du da angeschleppt, Gandalf?“
Nur ganz allmählich kam Vailyn zu sich. Die Stimmen um sie herum drangen wie durch einen dichten Nebelschleier zu ihr durch, doch war sie weder fähig sich zu bewegen noch die Augen zu öffnen, vor denen kleine Lichtblitze zu tanzen schienen.
Eine der Stimmen klang ruhig und gutmütig, die Stimme eines alten Mannes. Sie kam Vailyn bekannt vor: „Ich fand sie auf der Lichtung nahe der kleinen Anhöhe dort drüben, als ich gerade meine Pfeife entzünden wollte...“
„Zuerst ein Hobbit und jetzt eine Frau, wen willst du uns noch aufbürden?“, unterbrach die andere Stimme barsch.
„Ich kenne Sie Thorin, sie…“
„Das ist mir völlig egal Gandalf, wir werden sie nicht mitnehmen!“
Gandalf! Vailyn wusste doch, dass sie die Stimme gekannt hatte: Gandalf der graue Zauberer! Sie kannte ihn bereits seit ihrer frühesten Kindheit, in ihrer Heimat Bruchtal war er stets ein gern gesehener Gast. Wenn er zu Besuch kam, dann ließ Elrond, der Herr der Elbenstadt im Herzen Mittelerdes, jedes Mal die feinsten Speisen und den besten Wein auftischen. Doch viele Jahre waren mittlerweile vergangen, seit sie ihn das letzte Mal zu Gesicht bekommen hatte.
Die andere Stimme, rau, dunkel und streng wie der Wind in den Nebelbergen, kannte sie nicht. ‚Thorin‘ hatte der Zauberer ihn genannt. Thorin? Sie kramte in ihrem Gedächtnis, als es ihr plötzlich einfiel. Doch nicht etwa Thorin Eichenschild, der Zwergenkönig? Was tat der hier mitten in der Wildnis?
„Sie ist verletzt, eine Horde von Orks hat sie angegriffen, wir können sie nicht einfach hier zurücklassen!“, rief der Zauberer, mittlerweile hörbar aufgebracht.
Die Orks! Stück für Stück kam Vailyns Erinnerung zurück. Ein halbes Dutzend waren es. Sie ritt am Morgen von einem Ausflug zu den Grauen Anfurten auf der großen Oststraße zurück nach Bruchtal, als sie sich ihr in den Weg stellten. Brutal hatten sie sie von ihrem Pony gerissen und auf sie eingeprügelt.
Das Letzte, an das sie sich erinnerte, war ein dumpfer Schlag auf den Kopf. Danach war alles schwarz geworden. Das erklärte wohl auch die Lichtblitze…
An vielen Stellen des Körpers fühlte sie dumpfe Schmerzen, doch es schien zum Glück nichts gebrochen zu sein. Außerdem fühlte sich ihr Kopf an, als wäre er mit einem Haufen Watte gefüllt.
Langsam öffnete sie ihre Augen und versuchte den Kopf anzuheben. Diese kleine Bewegung jedoch verursachte ein heftiges Schwindelgefühl, sodass sie unwillkürlich aufstöhnte und sich wieder ins weiche Gras zurückfallen ließ.
„Vailyn!“ Gandalf tauchte in ihrem Gesichtsfeld auf. Er runzelte besorgt die Stirn.
„Gandalf!“, antwortete Vailyn mit belegter Stimme. „Wo bin ich?“
„Du befindest dich am Rande der großen Oststraße, unweit der Wetterspitze.“
„Die Orks?“, stöhnte sie.
„Du hast großes Glück gehabt, mein Kind, aus mir unerfindlichen Gründen haben sie dich am Leben gelassen. Vermutlich wurden sie gestört, manchmal durchqueren berittene Soldaten aus Bree diese Gegend.“
„Wo ist Maylia?“, fragte sie.
„Wer ist das, mein Kind?“, wollte Gandalf wissen.
„Mein Pony! Wo ist es?“ Nachdem die Orks sie von ihrem Rücken gezerrt hatten, hatte Vailyn nur noch gesehen, dass sich die Stute vor Schreck aufgebäumt hatte, dann hatte sie sie aus den Augen verloren.
„Ich habe kein Pony auf der Lichtung gesehen, aber ich sah auch keine Überreste. Vielleicht hat sie es geschafft.“
Vailyn wollten die Tränen kommen. Sie wusste nur zu gut, was Orks mit Pferden anstellten. Genau das Gleiche was sie auch mit Hirschen, Schweinen und anderen wilden Tieren machten, die das Pech hatten, ihnen über den Weg zu laufen. So etwas bedeutete für diese Meute ein Festmahl. Hoffentlich war die wunderschöne Stute diesen grauenhaften Monstern entkommen!
„Nun setz dich erst einmal auf. Du warst den ganzen Tag nicht bei Bewusstsein und musst etwas zu dir nehmen.“, sagte Gandalf sanft.
Jetzt erst fiel Vailyn auf, dass es finstere Nacht war. Über sich sah sie die riesigen Baumkronen einiger uralter Eichen und darüber konnte sie die Sterne erkennen. Der Mond, der sichelförmig fast senkrecht über ihr am Himmel stand, ließ sie darauf schließen, dass es kurz nach Mitternacht sein musste. Sie war wirklich verdammt lange bewusstlos gewesen.

Mit Gandalfs Hilfe setzte sie sich auf und sofort spürte sie, wie sich alles um sie drehte, was durch das aufkommende Rauschen in ihren Ohren noch erheblich verstärkt wurde. Doch sie atmete ruhig ein und aus und schon nach ein paar Sekunden konnte sie es wagen aufzustehen und blickte sich um.
Das Erste, was Vailyn sah, war ein kleines Lagerfeuer, das ganz in Ihrer Nähe schwach flackerte. Sie blickte auf und sah einige Gestalten um sich herum stehen. Einige saßen am Feuer und in einigen Schritten Entfernung erblickte sie noch einmal so viele Ponys.
Ihre Vermutung war richtig gewesen… Zwerge! Eine große Gruppe von ihnen, vermutlich etwa ein Dutzend. Das hatte ihr jetzt gerade noch gefehlt!
Vailyn war noch nie wirklich gut auf Zwerge zu sprechen gewesen. Hatte schon immer gefunden, dass sie ungehobelt, laut und schmutzig waren und die einzigen Dinge, die ihnen wichtig waren, waren Gold und Edelsteine.  Nicht dass sie je sehr viele Zwerge gekannt hätte, doch die Erzählungen der Elben, die mit den Zwergen seit ewigen Zeiten einen Zwist nicht mehr zweifelsfrei erkennbaren Ursprungs hegten, hatten ihr meist ausgereicht.
Außerdem rief der Anblick von Zwergen seit einiger Zeit eine unangenehme Erinnerung in ihr wach, die ihr Bauchschmerzen bereitete und die sie deshalb meist einfach in die hintersten Ecken ihres Kopfes verbannte.
Dennoch gab es da etwas, das Vailyn mit Zwergen verband, etwas das sie nur sehr ungern zugab, sich aber leider nicht verleugnen ließ. In ihren Adern nämlich floss auch ein wenig zwergisches Blut. Dies war eine Tatsache, die sie mehr als ärgerte, denn obwohl Vailyns Mutter eine Elbin und ihr Vater menschlich gewesen war, hatte sie ungefähr die Größe eines Zwergs. Ihre Großmutter, die sie nie kennen gelernt hatte, war eine Zwergin gewesen. So war sie die Einzige, mit Ausnahme ihrer jüngeren Schwester Inlaya, die in ihrer Sippe nicht die anmutige Größe eines Elben oder wenigstens die eines Menschen hatte. Sogar ihr kleiner Bruder Aragorn war mit seinen gerade einmal zehn Jahren schon fast so groß wie sie. Er würde sicher einmal so groß werden wie ein Mensch!
Doch sie konnte nichts daran ändern und hatte sich allmählich damit abgefunden. Einzig ihre Schwester, die ungefähr ihre Größe hatte, konnte ihren Ärger wirklich teilen.
Etwas im Hintergrund stehend bemerkte Vailyn jemanden, der nicht so ganz in diese Gruppe herein passte. Er war ein wenig kleiner als die meisten seiner Gefährten. Seine braunen Haare waren kurz und gelockt, sein Gesicht rund und gutmütig. Seine Kleidung war ein wenig feiner und bürgerlicher als die der anderen. Er trug keinen Bart und keine Schuhe, doch auf seinen übergroßen Füßen wuchs ein dichter Flaum von Haaren. Es war ein Halbling, oder auch Hobbit, wie diese sich selbst zu nennen pflegten. Vailyn war nur wenigen von ihnen je begegnet, doch viel hatte sie bereits in alten Geschichten von diesem kleinen und friedlichen Völkchen aus dem Auenland im Westen von Mittelerde gehört.  Was dieser wohl bei den Zwergen machte?

Gandalf erhob abermals das Wort und unterbrach damit ihre Gedanken abrupt: „Vailyn, darf ich dir vorstellen, das sind Gloin, Oin, Dori, Nori, Ori, Balin, Dwalin, Bifur, Bofur, Bombur, Bilbo, unser Anführer Thorin Eichenschild und seine Neffen Fili und Kili.“
Oha, dachte sie bei sich, also nicht nur ein König, sondern auch noch zwei Prinzen, die hier mit von der Partie waren. Was auch der Zweck dieser Gemeinschaft war, offenbar handelte es sich um etwas sehr Bedeutsames.
Sie nickte kurz unverbindlich. Normalerweise hätte ihr in diesem Moment schon ein frecher Spruch bezüglich dieser größtenteils merkwürdigen, fast schon lächerlichen, Namen auf den Lippen gelegen, die sie sich vermutlich ohnehin nicht alle würde merken können. Doch sie hielt sich mit Äußerungen zurück, denn sie fing den Blick eines vergleichbar hoch gewachsenen Zwergs auf, der sich unfreundlich, streng und sogar beinahe gebieterisch in den ihren bohrte. Für einen Moment hielt sie den Atem an.
Er war unglaublich gutaussehend!
Seine große, kraftvolle Statur, seine rückenlangen, dunklen Haare mit den vereinzelten grauen Strähnen und der kurze Vollbart, der die sehr markanten Gesichtszüge noch optimal unterstrich, gaben ihm eine stolze, ja sogar adlige Erscheinung. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass dies Thorin Eichenschild war. Mit Ausnahme von Elrond, den sein überaus sanftes Wesen auszeichnete, hatte sie nie einem Anführer gehorchen müssen, doch dieser hier hatte etwas an sich, dem sie sofort Respekt zollte. Er duldete keinen Widerspruch und gewiss keine abfällige Äußerung, so sah Vailyn nur schnell nach unten, um dem Blick aus seinen stechend blauen Augen zu entgehen.
Auch die meisten anderen sahen nicht gerade freundlich aus. Viele schauten mürrisch drein und musterten sie reichlich misstrauisch. Einige der Blicke jedoch, meist von den jüngeren Zwergen, waren weniger unfreundlich als vielmehr fragend und neugierig. Ganz besonders ein haselnussbraunes Augenpaar fixierte Vailyn ohne Unterlass, was sie selbst in diesem Moment aber nicht bemerkte.
Den mit Abstand grimmigsten Blick von allen warf ihr ein hoch gewachsener und muskulöser Zwerg zu, der seitlich hinter Thorin stand. Dwalins Kopf war etwa bis zur Mitte kahl rasiert und schwarze Tätowierungen waren darauf, wie auch auf seinen breiten Unterarmen. Sein Bart war vergleichbar kurz und dunkel. Er trug einen pelzbesetzten Mantel und dazu passende Stiefel und auf seinem Rücken waren zwei gewaltige Äxte festgebunden. Er hatte etwas von einem Bären oder möglicherweise einem wilden Wolf an sich.
Seine Hand umklammerte krampfhaft das Heft eines kurzen Messers und Vailyn vermutete, dass dieser eindrucksvolle Zwerg so etwas wie die inoffizielle Leibwache des Anführers war und es wohl keine zwei Sekunden dauern würde, dass ihr dieses Messer die Kehle durchgeschnitten hätte, würde sie den Versuch machen, Thorin anzugreifen.
„Wer bist du und woher kommst du?“, fragte Thorin in einem Ton, der sie den Blick sofort wieder zu ihm umdrehen ließ. Sie zögerte kurz. War es wirklich eine gute Idee, ihm darauf ehrlich zu antworten?
„Der König hat dich was gefragt!“, bellte Dwalin sie unvermittelt an, woraufhin sie leicht zusammenzuckte.
IST JA GUT!
„Mein Name ist Vailyn und ich lebe in… ähm… Bruchtal.“ Beim letzten Wort spürte sie, dass sich alle Zwerge leicht anspannten. Ihr selbst ging es da nicht anders, wusste sie doch, dass Zwerge, und ganz besonders die Zwerge aus Durins Volk, auf alles äußerst allergisch reagierten, was auch nur ansatzweise mit Elben zu tun hatte und Bruchtal war schließlich die wohl bedeutendste elbische Siedlung in ganz Mittelerde.
Thorins Augen wurden zu Schlitzen, als er sie noch ein wenig unfreundlicher anblickte als ohnehin schon. „So, Bruchtal also… und was machst du dann hier?“
Ganz kurz wollte sich der gewohnte Trotz in Vailyn regen und die Antwort, die sie normalerweise auf eine solche Frage gegeben hätte, lag ihr auf der Zunge. Was ging es schließlich einen Zwerg an, was sie hier tat? Doch sie war keinesfalls in der Position jetzt aufzubegehren, denn Dwalin hielt noch immer das Messer in der Hand. Auf der anderen Seite war dieses Wissen auch gar nicht nötig, denn Thorin allein hatte schon eine so einschüchternde Wirkung auf sie, dass sie ihm vermutlich alles gesagt hätte.
„Ich habe eine Reise gemacht.“, antwortete sie knapp, doch wahrheitsgemäß.
„Ganz ohne Waffen?“
„Ähm… ja.“
„Ts!“, machte der Anführer nur abschätzig und drehte sich auf dem Absatz um.
„Wie ich schon sagte: Feine Leute, die sich nicht wehren können, haben in der Wildnis nichts zu suchen…“, knurrte Dwalin und steckte das Messer zurück in die Halterung an seinem Gürtel. Im Augenwinkel bemerkte Vailyn, dass der Hobbit bei diesen Worten tief durchatmete, so als ob auch er etwas sagen wollte, sich aber mühsam verkneifen musste.

Die Gruppe tat es ihrem Anführer gleich und wendete sich wieder anderen Beschäftigungen zu, denen sie vermutlich bis eben nachgegangen war. Der Hobbit warf ihr noch einen kurzen Blick zu, dessen Bedeutung Vailyn unter Verständnis und Mitgefühl einordnete, und wandte sich dann auch ab. Sie war erleichtert, dass sie nicht mehr von allen Seiten angestarrt wurde und entspannte sich etwas.
„Hast du Hunger? Mein Bruder Bombur hat einen Eintopf gemacht!“ Bofur, ein dunkelhaariger Zwerg mit einer seltsam geformten Mütze, einer derjenigen, die beim Feuer standen, hatte sich aus der Gruppe gelöst und hielt ihr, begleitet von einem breiten Grinsen, eine kleine Schüssel hin, die gefüllt war mit einer sehr gut duftenden Suppe. Das Wasser lief ihr im Mund zusammen und auch ihr Magen gab einen kleinen flehenden Laut von sich.
Dennoch lehnte sie ab. „Nein, vielen Dank auch!“, antwortete sie schroff. Sie würde gewiss nichts essen, was ein Zwerg gekocht hatte, auch wenn es noch so verführerisch roch!
„Na schön, aber schon in ein paar Minuten wird alles weg sein.“ Schelmisch zwinkerte er ihr zu und gegen ihren Willen war Vailyn für einen kurzen Moment gefesselt von dem Glitzern in seinen Augen. An ihm war irgendetwas anders, als an den anderen. Er strahlte etwas derart Positives aus, wie sie es bei noch keinem Mitglied seines Volkes je gespürt hatte.
Diese Erkenntnis ließ sie kurz abfällig schnauben. Schnell drehte sie ihm und der restlichen Gruppe den Rücken zu und entfernte sich ein Stückchen den Hügel hinunter, denn sie war sich ziemlich sicher, dass sich dort ein kleiner Bachlauf befand.

Bereits nach ein paar Schritten hörte Vailyn ein leises Plätschern. Ein kleiner Bach, nur etwa zwei Schritt breit, von wunderbar klarem Wasser floss am Fuß des Hügels in westlicher Richtung dahin.
Sofort kniete sie sich ans Ufer und erschrak, als sie ihr eigenes Spiegelbild im Wasser betrachtete. Sie hatte viele Schrammen und Blutergüsse davongetragen und ihr langes kupferfarbenes Haar, das sie am Morgen noch kunstvoll geflochten hatte, war zerzaust und schmutzig. Um ihre Kleidung war es ebenfalls nicht besser bestimmt. Ihr ehemals weißes Hemd hatte viele kleine Risse, durch die die zahlreichen Schrammen auf ihrer Haut sichtbar wurden.
Sie streckte ihre schmerzenden Arme ins Wasser und genoss einen Moment lang die kühle Frische auf der Haut. Dann wusch sie sich, so gut es ging, das Blut von Gesicht und Hals. Auch ihr Haar öffnete sie  und spülte es in dem klaren Wasser aus.
Anschließend blickte sie schlecht gelaunt zum Lager der Gemeinschaft zurück. Ein bisschen ärgerte es sie, dass sie ihr Leben ausgerechnet dem mürrischen Zauberer und seinem zwergischen Anhang verdankte und ganz besonders, dass sie sie in diesem desolaten Zustand gesehen hatten.
Doch, egal wie es ihr jetzt dabei ging, niemand sollte ihr nachsagen, sie hätte keine gute Erziehung genossen! Denn das hatte sie, sie war nicht nur gut, sondern hervorragend gewesen, wie sollte es auch anders sein, wenn man mitten unter Hochelben aufwuchs?
Sie wusste jedenfalls was sich gehörte, also würde sie zurück gehen, sich artig bedanken und dann wieder ihrer Wege ziehen. Ihr Pony war zwar auf und davon, doch für sie gab es noch eine andere Fortbewegungsvariante, eine eigentlich sogar wesentlich schnellere, auch wenn sie nur selten darauf zurückgriff. Die Hauptsache war jetzt, dass sie schnell nach Hause zurückkam, denn die Lust an dieser Reise war ihr natürlich mittlerweile gründlich vergangen.

„Gandalf, ich habe dir schon einmal gesagt, dass wir nicht in die Nähe dieses Ortes gehen werden.“
Als sich Vailyn der Gruppe wieder näherte sah sie alle ums Lagerfeuer herum sitzen und hörte, dass eine hitzige Diskussion im Gange war.
„Wieso nicht? Die Elben sind sehr klug und hilfsbereit, Thorin. Dort könnten wir essen, schlafen, uns Rat holen…“, entgegnete der Zauberer.
„Ich brauche keinen Rat von denen!“, blaffte der Zwerg.
„Wir haben eine Karte, die wir nicht lesen können. Herr Elrond könnte uns helfen.“, sagte Gandalf beschwichtigend.
„Helfen?“ Thorins Blick verriet große Abneigung. „Ein Drache hat den Erebor angegriffen, welche Hilfe kam von den Elben? Orks plünderten Moria, schändeten unsere heiligen Hallen, die Elben haben nur tatenlos zugesehen. Und du verlangst, dass ich eben jene aufsuche, die meinen Großvater verrieten, die meinen Vater verrieten?“
Vailyn wurde wütend. Die Hochelben von Bruchtal hatten mit alldem nichts zu tun. Es waren die Waldelben aus dem Düsterwald, die ihre Hilfe damals verweigerten. Wie konnte Thorin sie alle einfach über einen Kamm scheren?
„Du bist keiner von beiden!“, blaffte der Zauberer zurück. Allmählich schien auch er wütend zu werden und dementsprechend nahm seine Stimme den ärgerlichen Klang an, den Vailyn schon bereits sehr gut von ihm kannte. Grundsätzlich war Gandalf ein recht friedliebender und durchaus geduldiger Zeitgenosse, doch ließ man sich auf eine Diskussion mit ihm ein, dann konnte er auch schnell aufbrausend werden. „Ich gab dir Karte und Schlüssel nicht, damit du an der Vergangenheit festhältst!“
Karte und Schlüssel? Vailyn kniff die Augen zusammen. Um was ging es hier und was hatte Elrond mit der ganzen Sache zu tun? Sie konnte sich nicht dagegen wehren, dass sich tatsächlich ein kleiner Funken Neugier in ihr regte. Wohin war diese Gemeinschaft unterwegs?
Der Zwerg öffnete den Mund, um noch etwas zu sagen und der Streit hätte sich vermutlich hochgeschaukelt, hätte sich nicht jemand dazwischengeschoben.
„Gandalf, glaubst du nicht, dass die Elben etwas gegen unseren Plan haben?“, warf Balin mit ruhiger Stimme ein, ein älterer, sehr kleiner Zwerg mit einem weißen Bart, der einen gütigen und nachsichtigen Gesichtsausdruck hatte.
„Das haben sie, doch wir brauchen ihre Hilfe, um unser Ziel erreichen zu können.“, antwortete der Zauberer.
„Wenn du diese Frau nach Bruchtal zurück bringen willst…“, herrschte Thorin, „…dann tu das gefälligst alleine, wir anderen werden einen großen Bogen um diesen verfluchten Ort machen!“
Nach Bruchtal zurück bringen? Vailyn dachte sich verhört zu haben. Wurde hier tatsächlich davon ausgegangen, sie brauche Begleitschutz nach Hause zurück?
„Thorin, versteh doch, der einzige, der uns helfen kann, das Geheimnis der Karte zu lüften, ist Herr Elrond von Bruchtal.“ Gandalfs Stimme nahm beinahe einen resignierten Ton an. Offensichtlich führte er solche Diskussionen mit dem Zwergenkönig öfter und Vailyn vermutete, dass es sich dabei nicht selten um den sprichwörtlichen Kampf gegen Windmühlen handelte. „Du wirst vermutlich niemand anderen finden… zumindest niemanden, der dir bereitwillig helfen würde. Es geht mir dabei ganz sicher nicht nur um Vailyn.“
„Ich werde niemandem zur Last fallen!“ Keiner hatte bislang Vailyns Rückkehr bemerkt und alle schauten überrascht vom Feuer auf, als sie das Wort ergriff. „Geht einfach weiter, ich schaffe es schon alleine nach Bruchtal zurück!“
„Du bist schwer angeschlagen, läuft dir noch einmal jemand wie diese Orks über den Weg, hast du sicherlich nicht mehr so viel Glück.“ Gandalf sah sie streng an.
„Ich kann gut auf mich selbst aufpassen, ich brauche keine dahergelaufenen Zwerge, die mich beschützen!“ Mit einer abschätzigen Handbewegung zeigte sie in die Runde, Thorin hatte sie mit seinen abwertenden Worten über ihre Heimat wirklich sauer gemacht und im Moment war ihr daher herzlich egal, dass sie für diese Äußerung vornehmlich wütende Blick erntete und ein entsprechend empörtes Schnauben durch die Gruppe ging.
„Ja das hat man gesehen, Mädchen!“, sagte Oin, ein älterer Zwerg mit dichtem grauen Haar, der einen silberfarbenen Trichter an sein Ohr hielt, weil er sehr schwerhörig war.
Auf diese Äußerung hin fingen einige der Zwerge an zu kichern, was Vailyn nur noch wütender machte.
„Nenn mich nicht Mädchen!“, knurrte sie ihn an, woraufhin der Zwerg nur beschwichtigend die Hände hob.
Gandalf wandte das Wort wieder an den Anführer: „Thorin, du willst nicht verantworten, dass sie stirbt, das weißt du auch!“
„Gandalf, behandle mich gefälligst nicht wie ein Kind!“, rief Vailyn dazwischen.
Thorin wand sich sichtlich und atmete schließlich tief aus. „Na schön, Gandalf wir nehmen sie ein Stück mit, aber wie sie nach Bruchtal kommt, dafür bist du selbst verantwortlich!“
War sie unsichtbar?
„Einverstanden.“, lenkte Gandalf nach kurzem Überlegen ein.
„NEIN!“ Sie erhob die Stimme.
„Zwing mich nicht, dich am Sattel festzubinden, kleines Fräulein, du kommst mit uns, ob du willst oder nicht!“ Gandalf war zwischenzeitlich aufgestanden und hatte sich zur Unterstreichung seiner Worte zu voller Größe aufgerichtet. Das hatte Vailyn ebenfalls nicht vergessen: Wenn der Zauberer einmal wütend war, konnte er einem manchmal ganz schön Angst einjagen. Sie wich automatisch einen Schritt zurück und grummelte genervt, beschloss aber, es für heute gut sein zu lassen, morgen würde sie sich überlegen, wie sie diesem verfluchten Zauberer und seinem Gefolge entkommen könnte.


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Sooo, das war das erste Kapitel. Ich hoffe, es hat euch gefallen und ich hab euch ein bisschen neugierig gemacht :-)

Ein paar von euch werden sich bei der Erwähnung von Aragorn etwas gewundert haben. Natürlich war weder Aragorns Mutter eine Elbin, noch seine Großmutter eine Zwergin, doch da er zum Zeitpunkt von Thorins Unternehmung etwa zehn Jahre alt war und in Bruchtal lebte, fand ich es eine nette Idee, dass er Vailyns und Inlayas jüngerer Bruder sein könnte. Ich hoffe, ihr verzeiht mir das. Ich werde ihn ganz bestimmt nicht verunstalten ;-)
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