This unruly mess I've made

GeschichteDrama, Romanze / P18
19.03.2016
14.11.2017
53
65248
1
Alle
56 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 
 
Bens p.o.v.:

„So, jetzt bitte nochmal die Schuhe ausziehen, ja?“
War das ihr Ernst? Ich seufzte und band meine Schleife auf. Seltsamerweise musste ich dabei an meine Kindheit denken. Wie ich gelernt hatte, Schleifen zu binden. Ein Grinsen schlich sich auf mein Gesicht.
„Sie nehmen mich wohl nicht besonders ernst, Mr. Hagerty? Tja, so ist das mit diesen amerikanischen Rappern.“
Ihr deutscher Akzent war so dick, dass ich ihn hätte schneiden können und mein Grinsen wurde noch breiter.
„Es… es liegt nicht an Ihnen, verzeihen Sie“, stotterte ich und reichte ihr den ersten Schuh.
Die Mitarbeiterin des Frankfurter Flughafens musterte den Schuh, als wäre er ein Objekt aus einer fernen Galaxie.
„Sieht gut aus“, schnaubte sie schließlich und warf mir den Schuh vor die Füße.
„Sehr gütig“, knurrte ich und reichte ihr wiederum den zweiten. Was hatten Flughafenmitarbeiter bloß gegen mich?
„Meine Tochter ist ein Riesenfan von Ihnen, kann ich gar nicht verstehen.“
Ich hob eine Augenbraue. „Jedem das Seine. Wenn sie eben gern Hip Hop hört...“, war meine lässige Antwort.
Die Frau untersuchte meinen Schuh eingehend.
„Hmm… Ist das eine Einlegesohle?“
Am Liebsten hätte ich geantwortet: ‚Oh nein, das ist eine Bombe, die ich extra aus Seattle für sie mitgebracht habe und bei der nächsten dummen Antwort zünde ich sie!‘
Aber ich sagte nur freundlich: „Sieht so aus, nicht?“
Sie warf mir auch den zweiten schuh vor die Füße.
„Sie können gehen.“
Erleichtert aufatmend band ich meine Schuhe wieder und  verließ das Gebäude. Diese Frau hatte mir fast den letzten Nerv geraubt.
Im Gedränge suchte ich nach jill und ihrer Mutter, die mich abholen wollten. Bevor die große Hallentour durch Deutschland begann, wollten wir noch ein wenig Zeit bei Jill zu Hause verbringen und außerdem wollte sie mir ihre eigene Wohnung zeigen. Zusammen würden wir dann nach Köln fahren und ich würde mit ihr und meiner übrigen Crew den Tourauftakt feiern.
Wie jedesmal, wenn ich am Flughafen war, war ich fasziniert von den Menschenmengen, die sich drängten. Jeder dieser Leute hatte eine Geschichte. Jeder wollte irgendwo hin, um eben diese Geschichte fortzusetzen oder sie in eine völlig andere Richtung zu lenken. Um ehrlich zu sein, wusste ich nicht, wohin die Geschichte von Ben Haggerty aka Macklemore führen würde. Aber wer weiß das schon? Wer kann genau sagen, wohin sein Weg ihn führt?

Als ich Jill schließlich entdeckte, drängte ich mich durch die Menschenmenge. Mehrere Leute zogen an mir, wollten Fotos mit mir, das Übliche. Ich schenkte ihnen ein höfliches Lächeln und machte mich auf den Weg zu Jill.
„Jilly!“
Ich umarmte sie, mein Herz schlug schneller vor Glück.
„Ben!“
Freudentränen benetzten meine Jacke. Jills Mutter stand daneben und musterte mich mit einem strengen Blick. Sie sagte auf Deutsch irgendwas zu Jill, was ich nicht verstand.
Randnotiz an mich: Deutsch lernen.
„Meine Mutter sagt, du bist herzlich willkommen bei uns.“
Ich konnte mir schon vorstellen, was sie stattdessen gesagt hatte, ihr Blick hatte ja nicht so gewirkt, als würde sie mich willkommen heißen.
„Ehm … Sag ihr, dass ich mich sehr freue.“
Was für eine unangenehme Situation! Schwiegermütter waren von Grund auf kein einfaches Thema und wenn man sie dann noch absolut nicht verstand…
Ich nahm Jills Arm und wir verließen den Vorplatz.

Am Wagen angekommen, schloss Jills Mutter auf und ließ uns Platz nehmen. Wir machten es uns hinten bequem.
„Hattest du einen angenehmen Flug?“, wollte Jill wissen. „So angenehm, wie Flüge eben sein können. Die Mitarbeiterin eben beim Checkout hat wohl gedacht, ich sei ein Terrorist.“
Sie lachte ihr glockenhelles Lachen, das ich in real so vermisst hatte. Fast ein halbes Jahr hatte es gedauert, bis wir uns wiedersehen konnten.
Wie durch Zufall lief sofort „neon cathedral“, als die Mutter den Wagen startete. Das Lied, mit dem wir uns kennengelernt hatten.
„Weißt du noch?“, flüsterte sie.
„Wie könnte ich das vergessen?“
Die Hochhäuser Frankfurts zogen an uns vorbei. Ich seufzte glücklich. Endlich hatte ich sie wieder bei mir und würde sie auch so schnell nicht mehr verlieren.
„Wie geht’s Ryan?“, fragte Jill. „Ach, dem geht’s gut. Er ist auch zuCath geflogen und die Beiden verbringen vor der großen Tournee noch ein wenig Zeit miteinander.“
„Freut mich für die Beiden“, sagte sie.
„Ja, in den letzten Wochen war mit Ryan nichts mehr anzufangen. Und das ist nicht grade förderlich, jetzt, wo wir das Album promoten müssen.“
Sie fing sofort an, loszusprudeln: „Ich liebe dieses Album einfach! Es ist so … ehrlich.“
Jill liebte meine Arbeit. Jeden einzelnen Track nahm sie in sich auf, analysierte ihn von vorne bis hinten und stellte mir Fragen, die ich teilweise nicht mal selbst beantworten konnte. Nun ja, vielleicht war dieses Album ein wenig zu ehrlich. Denn seit ein paar Wochen hatten meine Träume wieder angefangen.
Ab und zu warf Jills Mutter uns im Rückspiegel seltsame Blicke zu, dienur ich sehen konnte. Jill bemerkte davon nichts.
„Findest du Frankfurt schön?“
Die Frage traf mich unerwartet.
„Uhm … naja … es ist wie jede andere Großstadt. Wir haben dort mal eine Show gespielt. 2013. Viel hab‘ ich aber nicht mitgekriegt von der Stadt.“
Wir bogen ab und kamen in die Randbezirke der Stadt.
„Ich würde sagen, die Vororte sind eindeutig schöner. Viel … grüner.“
Für mich war es immer noch schwer, Jill alles zu beschreiben, was ich sah. Seltsam, dass man Tag für Tag Lyrics schreibt, aber seiner eigenen Freundin nicht die Umgebung beschreiben kann.
„Ist irgendwas?“, fragte sie schließlich, als hätte sie meine Gedanken gelesen.
„Nein, alles klar…“
Aber einer Jill konnte man nichts vormachen. Sie nahm meine Hand und drückte diese.
„Ben, wenn was ist, musst du mir das erzählen, ja?“
Früher hätte ich wohl gesagt, dass ich gar nichts musste, aber heute war das was anderes. Heute war ich ein anderer Mensch, glaubte ich.
„Das mache ich, Jilly, ich verspreche es.“
Auch ich drückte noch einmal ihre Hand.  
Nun würde ich wieder mein Leben mit jemandem teilen müssen, jemanden in meine Geheimnisse einweihen müssen, so, wie ich es mit Tricia gemacht hatte …
Und hatte ich Tricia vertrauen können…?
Nein.
Aber das hier war etwas anderes, das hier war Jill.
‚Also reiß dich zusammen, Haggerty und fall nicht in alte Muster zurück‘, hörte ich Ryan in mir sagen.
‚Werde ich nicht, Ry, werde ich schon nicht.‘

Jills p.o.v.:

Die Stimmung war seltsam geworden. Was war bloß mit ihm los? Hatte ich etwas falsches gesagt?
Dass wir uns gleich am Anfang anschwiegen, war kein gutes Zeichen. Meine Hand lag immer noch in seiner, es fühlte sich gut an, aber auch irgendwie befremdlich. Und schon wieder stellte sich mir die Frage, ob nicht alles ein wenig zu schnell gegangen war. Konnte man das zwischen uns schon eine wirkliche Beziehung nennen? Und was war mit den Dingen, die Ben in sich trug? Seine ganzen Geheimnisse? Was war, wenn ich etwas falsches tat, das irgendetwas in ihm auslöste?
Wir gerieten in einen Stau und standen erstmal. Ich fühlte mich immer unwohler.
„Ich hasse das hier, ständig hängt man fest“, seufzte ich und legte den Kopf auf Bens Schulter.
„Tja, nichts anderes als in den Staaten.“ Er lachte etwas, aber dieses Lachen hatte etwas bitteres.
Versuchte er, etwas zu überspielen? Wie gern ich in seinem Gesicht gelesen hätte! Wie gern ich in seine Augen gesehen hätte!
Und wie gerne ich ihm gesagt hätte, dass alles okay ist.
„Wann sind wir da?“, fragte ich meine Mutter, obwohl ich wusste, wie lange es noch dauern würde, bis ich endlich aus dieser Situation rauskam.
„Du weißt doch, wie lange es dauert“, murrte diese von vorn.
Ja, schon klar. Es würde Stunden dauern. Stunden, in denen Ben und ich uns vielleicht nur anschweigen würden. Die anfängliche Freude schien seinerseits verflogen.
„Wir haben total viele Pläne“, fing ich an und hob den Kopf von seiner Schulter. „Ich will dir unbedingt zeigen, wo ich wohne. So wie du damals.“
Damals. Das war grade mal ein halbes Jahr her und fühlte sich trotzdem so weit weg an. Auf einmal war eine Barriere zwischen uns entstanden.
„Ich bin gespannt“, sagte Ben nur. Der schelmische Unterton in seiner Stimme war wahrscheinlich auch nur gespielt.
„Es gibt wirklich schöne Ecken in Thüringen. Habt ihr eigentlich mal meine Gegend besucht, als ihr in Deutschland wart?“
„Ich wollte, aber die Zeit war nie da, leider.“
Unser Gespräch drehte sich um Belanglosigkeiten, obwohl wir doch so viel zu besprechen hatten. Ein Paar, das sich lange nicht gesehen und nur über Skype kommuniziert hatte, verhielt sich nicht so.
Die Minuten tickten im Zeitlupentempo, während wir uns, ebenfalls im Zeitlupentempo, über die Straße schoben und ich mich immer schlechter fühlte.
„Meinst du, es kommt komisch, wenn ich mir das Album kaufe und dich mitnehme?“, fragte ich und lachte etwas. Die Stimmung musste doch besser werden! Es konnte doch nicht so bleiben!
„Versuch es doch einfach mal. Ich glaube, die Leute werden echt seltsam gucken.“
„Genauso wie der Typ, dem du eine geknallt hast, als er meine Tasche nehmen wollte. Der hat bestimmt auch komisch geguckt.“
Nun kam wieder das warme Lachen von Ben, das ich so liebte. „Der? Der hat gar nicht mehr geguckt. Der war einfach nur perplex.“
Langsam wurde die Atmosphäre wieder lockerer. Zu gern hätte ich nach Tricia gefragt, aber es war besser, das Thema für’s Erste zu lassen.

Schließlich kamen wir zu Hause an. Ich wollte ihm alles zeigen – mein ganzes Leben – und war gespannt, wie er reagieren würde.
„Sieht von außen schonmal echt gut aus“, sagte Ben, nachdem wir ausgestiegen waren.
„Du hast das Drinnen noch nicht gesehen“, sagte ich und lief neben ihm. Es war gut, in einer Umgebung zu sein, in der ich mich auskannte. Die Ruhe vor dem Sturm sozusagen, denn in ein paar Wochen würde das ganz anders sein. Ich, die kleine Jill, würde an der Seite von Macklemore die Tour eröffnen.
„Wow“, ließ Ben sich vernehmen, als wir langsam in das Haus eintraten.
„Dass er sich bloß die Schuhe auszieht, dein Rapper! Meine Teppiche waren teuer!“
Meine Mutter konnte es einfach nicht lassen. Ich verdrehte die Augen.
„Mama, das weiß er selbst. Dafür hat er einen Blick.“
Und das stimmte. Wenn es um alte Sachen ging, war Ben Experte.
„Zieh lieber die Schuhe aus“, flüsterte ich, „sonst kriegt sie einen Nervenzusammenbruch.“
„Wie die Security-Frau vorhin“, meinte Ben müde und tat, wie ihm geheißen.
„Du musst doch echt fertig sein.“
„Geht schon.“
Meine Mutter, die nichts von unserem Gespräch verstanden hatte, mischte sich wieder ein: „Um Punkt sieben gibt’s Essen. Hier läuft es nicht ab wie bei euch Studenten. Bei uns wird noch zusammen gegessen, ja?“
„Mum, er ist zehn Stunden und länger unterwegs gewesen. Lass ihn doch erstmal ankommen.“
„Nenn mich nicht so! Nur, weil du einen Rapper mit ins Haus schleppst, brauchst du nicht auch noch so zu reden.“
Ich seufzte und suchte Bens Hand. „Lass uns hochgehen, okay?“
Ich küsste seine Hand kurz, bevor wir hochgingen.
Es wurde wirklich Zeit, dass wir bald in meine eigene Wohnung fuhren. Nur konnte meine Mutter unglaublich stur sein. Sie wollte unbedingt den Mann kennenlernen, der nun an meiner Seite war.
Macklemore, der Mann an meiner Seite.
Ben, der Mann an meiner Seite.
Ben und Jill.
Es klang immer noch seltsam. Aber trotzdem war es schön, ihn hier zu wissen nach dieser langen Zeit des Wartens.

Bens p.o.v.:

Der Kulturschock war vorprogrammiert. Jills Mutter hasste mich irgendwie jetzt schon und ich hatte keinerlei Möglichkeit, um mich zu erklären. Als wir oben in Jills Zimmer waren, warf ich mich erstmal aufs Bett. Die Erschöpfung war doch größer, als ich gedacht hatte.
„Ist es okay, wenn ich mich kurz ausruhe?“, fragte ich meine Freundin.
„Kein Ding, du brauchst den Schlaf, Ben.“
Sie nannte mich selten beim Namen. Irgendwie fiel mir das jetzt erst auf. Bei Tricia war das ganz anders gewesen. Sie hatte immer …
Ach, was dachte ich da schon wieder für sinnloses Zeug? Tricia war ein Lebensabschnitt, der vorbei war – und das war auch verdammt gut so.
Ich drehte mich zur Wand und schloss die Augen, aber einschlafen konnte ich nicht, obwohl die Müdigkeit sehr groß war.
Schließlich griff ich mein Handy und tippte eine SMS an Ryan:
‚Angekommen. Meine Schwiegermutter hasst mich, glaube ich. Ansonsten kann ich noch nicht viel vermelden. Wie sieht’s bei dir und Cath aus? B.‘
Hoffentlich erging es den Beiden etwas besser. Besser als …
Mein Gott, was hatte ich nur? Ich hatte doch alles. Alles, was ich wollte, war Jill und jetzt war sie bei mir. Ja, es war alles gut so, wie es war.
Oder?
Schließlich schaffte ich es doch, die Augen zu schließen und einzuschlafen. Aber der Traum, den ich träumte, handelte nicht von Jill und unserem glücklichen Leben.
Er handelte von ...


„Er ist es…“
Ich schaue zuerst in das blasse Gesicht der Frau, dann in das eingefallene Gesicht meines Freundes, der vor mir aufgebahrt liegt. Jeden Moment versagen meine Beine, so fühlt es sich zumindest an.
„Ben, du kannst nichts mehr tun“, sagt sie und schaut mich mitleidig an. Ich kann ihren Blick nicht sehen, weil ich immer noch IHN ansehe, aber ich weiß genau, wie solche Leute schauen. Das Mitleid in ihren Blicken.
„Gehen Sie“, hauche ich. „Wir kommen allein klar.“
Aber ich weiß, dass Kevin nicht klarkam. Sonst würde er jetzt nicht hier liegen. Mein Blick gleitet über den eingefallenen, mageren Körper.
„Meine Schuld“, flüstere ich. „Alles meine Schuld.“
Plötzlich legt sich eine Hand auf meine Schulter.
„Ben…“
„Ry…“
Ich bin so froh, Ryan zu sehen. In diesem Chaos ist er der Einzige, der mich versteht.  Der Einzige, mit dem ich reden kann.
„Ben … Es ist alles deine …Schuld“, sagt er. Seine Hand auf meiner Schulter wird schwerer und er sackt zusammen, zieht mich fast mit runter.
„Ryan!“
Plötzlich verschmelzen die Gesichter von Kevin und Ryan und mir wird bewusst, dass ich beide verloren habe.
„Nein!“
„Hey, es ist alles gut.“
Tricia umarmt mich. Wo kommt sie auf einmal her?
„Ich bin jetzt da.“
Sie riecht so gut, sie hält mich. Und ich habe das Gefühl, dass jetzt alles besser wird. Zwar nicht gut, aber besser.
Und auf einmal löst sie sich von mir …. und fällt.
Fällt in meine Arme und verschmilzt dann mit Ryan und Kevin. Was ist das nur? Was für eine irre Welt ist das? Wo bin ich hier?