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Hamburg City Girl

Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Nils Egtermeyer OC (Own Character)
14.03.2016
01.04.2016
19
30.636
 
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14.03.2016 1.737
 
Ich saß im Park, leicht versteckt hinter einem Baum. Ich hatte bis vor 10 Minuten im parkeigenen Biergarten gearbeitet, und nun genoss ich die Tatsache, frei zu haben. Ich schloss leicht die Augen, und lehnte mich  an den Baum. Der Geruch nach Holz und Harz beruhigte mich. Ich angelte eine Zigarette aus meiner Jackentasche und zündete sie an. Kaum hatte ich den zweiten Zug genommen, stand ein Mann vor mir.
Er war knapp 1,95 groß, schätzte ich, hatte bunt tätowierte Arme, ein Basecap auf dem Kopf und schelmisch funkelnde blaue Augen. Ich beachtete ihn jedoch nicht weiter, und tippte eine Nachricht in mein Handy. Er räusperte sich. „Ignorierst du mich eigentlich mit Absicht?“ meckerte er. „Wieso sollte ich einen wildfremden beachten, der mich einfach nur doof anstarrt“ gab ich zurück, den Blick immer noch auf mein Handy gerichtet. „Lena, das meinst du doch nicht ernst, oder erkennst du mich wirklich nicht mehr?“ Ich schaute genauer hin. „Andi? Bist du das wirklich?“ Ich erhob mich. „Ja, ich bin es wirklich. Schön, dich wieder zu sehen“, grinste er, und ich ließ mich in seine Arme fallen.  „Wir haben uns ja gefühlt hundert Jahre lang nicht mehr gesehen“, brummte ich. „Ja, du weißt doch, unser Umzug, dann die Ausbildung und so weiter.“ „Du hast mir geschworen, mich zu heiraten!“ witzelte ich. „Lena, da war ich 10 und du 4!“ „Ja und jetzt bist du kurz vor 40, und ich noch das blühende Leben“, gab ich zurück. Andi kniff mich in die Flanke, wie er es früher gern getan hatte. „Das tut immer noch weh, Schweiger!“ knurrte ich spielerisch. „Oh, die kleine putzige Lena hat ein Aua!“ stichelte er zurück.
„Jetzt mal ohne Scheiß, was machst du in Hamburg?“ fragte mein Weggefährte aus Kindertagen. „Ich lebe seit vier Jahren hier. Meine Eltern haben beschlossen, nach Paraguay auszuwandern, worauf ich keine Lust hatte. Also habe ich mir hier einen Job gesucht, und wenn ich nicht gerade unter Bäumen sitze, arbeite ich hier drüben im Biergarten. Und wenn ich das nicht tue,  arbeite ich als…muss ich dir das wirklich erzählen?“ Andi schmunzelte. „Ich kann es mir denken. Reeperbahn, richtig?“ Andi wackelte scherzhaft mit den Augenbrauen.
„Ja, richtig. Als Hausdame-nicht was du wieder denkst.“ Andi riss dennoch die Augen auf. „Hausdame?“ „Naja, klingt besser als Putzfrau, oder?“ gab ich zu bedenken. „Aber du wolltest doch immer Jura studieren?“ fragte Andi besorgt. „Wollte ich, aber da sind meine Eltern umgezogen, Bafög konnte ich somit vergessen, und meine zwei Jobs halten mich gerade so über Wasser. Außerdem“, ich zeigte auf meinen noch recht flachen Bauch, „werde ich bald Mama, da ist keine Zeit mehr für ein Studium.“ Andi schnappte sich meine Zigarette und drückte sie aus. „Und dann rauchst du? Bist du des Wahnsinns?“ Ich hob entschuldigend die Arme. „Hast ja recht. Aber heute war wieder einer dieser Tage. Krümels Papa will auf einmal nichts mehr davon wissen, dass er an der Zeugung beteiligt war, und mein Chef droht mir mit fristloser Kündigung, eben wegen Krümel.“
Andi umarmte mich erneut. „Aber jetzt erzähl mir, wie ist es dir ergangen? Neulich habe ich dich im Fernsehen gesehen, oder war das eine Fata Morgana?“ Andi grinste. „Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder, ein Restaurant, eine Kochschule und ja, das war ich im Fernsehen.“ „Du bist verheiratet? Seit wann und mit wem? Und warum hast du mich nicht eingeladen?“ „Seit 10 Jahren, mit Anna Huber aus der Rosenstrasse. Du weißt schon. Und ich hatte eine Einladung an eure alte Adresse geschickt, die kam aber als unzustellbar zurück.“
„Na dann verspätete Glückwünsche“, grinste ich. „Und was machst du hier in Hamburg?“ Andi schaute auf seine Uhr. „Verdammt, ich bin seit zehn Minuten mit meinen Kollegen Ole und Nils verabredet. Hast du Lust, mitzukommen? Sind zwei ganz liebe Jungs, und ich habe eine gute Entschuldigung.“ Ich brummte leicht, hakte mich aber bei meinem alten Freund unter. Das Restaurant, auf dessen Terrasse Andis Verabredung stattfinden sollte, war ganz in der Nähe, und wir nutzten die Zeit, um in Kindheitserinnerungen zu schwelgen. „Weißt du noch, als Anna und ich dich einmal zu Fasching als Frau zu Recht gemacht haben?“ Andi gluckste. „Ich hatte das halbe Dorf an den Hacken wegen euch, selbst die Elfi Bohnekamp wollte mich daten.“ Nun war es an mir, zu glucksen. „Elfi? Ernsthaft? Die ist seit 5 Jahren mit der Regina Franke liiert. Dass die mal auf Männer stand.“
Andi warf mir einen entrüsteten Blick zu. Ich knuffte ihn. „Dass Elfi nicht auf Jungs steht, war mir schnell klar." "Dann haben wir dich aber gründlich umgestylt.“ Andi verdrehte die Augen. „Drei Wochen lang hat sie mir aufgelauert!“ „Ach und ich? Mich hat der Huber Sepp, dein werter Herr Schwager, drei Monate lang mit seinem dauernden auftauchen beglückt. Was ist eigentlich aus dem geworden?“ „Der ist inzwischen Immobilienmakler. Verheiratet ist er nicht, aber er hat ein Kind mit der Cassie Schönborn.“ „Mit der? Na bravo“, amüsierte ich mich. Cassie war als die Dorfmatratze verschrien gewesen.
Wir kamen an dem Restaurant an, und zwei hochgewachsene Männer, der eine schwarzgrau meliert, und der andere rotblond, blickten Andi vorwurfsvoll an. „Sorry, das war meine Schuld, dass der Schweiger zu spät ist“, strahlte ich die zwei charmant an. „ich bin Lena, eine alte Freundin von ihm. Ich habe ihn wohl etwas aufgehalten.“ Der schwarzgraue zwinkerte mir zu. „Ich bin Ole, freut mich, mal jemanden aus Andis Vergangenheit kennen zu lernen.“ Er streckte mir seine Hand entgegen, und ich schüttelte sie artig. Der rotblonde erhob sich. „Ich bin Nils, freut mich ebenfalls.“ Ich streckte ihm meine Hand entgegen, aber er war auf mich zu getreten, und hab mir zwei Küsse auf die Wangen. „Du bist aber kein waschechtes Nordlicht?“ grinste ich. Nils schüttelte den Kopf. „Rheinländer.“ „Das merkt man. Du bist viel zu herzlich für einen Fischkopf.“ Ole schnaubte. „Wie, Fischkopf?“ Er ließ es sich nun auch nicht nehmen, mich auf die Wangen zu küssen. „Und ich? Mich ignoriert ihr komplett“, moserte Andi nun. Nils klopfte auf den Platz neben sich, und Andi setzte sich gespielt beleidigt. Ich hatte mich auf den Stuhl neben Ole fallen lassen.
„Wir haben ein Problem“, begann dieser auch direkt zu erzählen. „Fo ist mit von der Partie, und wir haben nur vier Stühle.“ Andi und ich wechselten einen kurzen Blick, und er rückte seinen Stuhl kurz nach hinten. Ich setzte mich auf seinen Schoss. „Problem gelöst, würde ich sagen“, feixte Andi. „Wenn Anna das wüsste“, murmelte Nils. Ich grinste breit. „Die würde sagen: Lenchen, mach mal Platz, ich will mich dazu setzen“, warf Andi ein. „Die zwei kennen sich ebenfalls schon ihr ganzes Leben.“ Da hörte ich eine Stimme hinter uns. „Andi, da lässt man euch mal ein paar Minuten alleine, und du bringst eine junge Frau mit-die NICHT Anna ist!“ Das musste dieser Fo sein. Ich drehte mich zu ihm um, und mich traf fast der Schlag. Ihn offensichtlich auch, denn er starrte mich an, als wäre ich nicht real. „Mäuschen! Dass man dich auch mal wieder sieht! Bei Nacht und Nebel verschwinden, das habe ich ja gerne!“ schimpfte er mit mir. Es klang aber ein bisschen lahm. „Chefchen!“ rief ich begeistert, und fiel meinem Lehrherren um den Hals. „Du hast Köchin gelernt?“ fragte Andi. „Ich und kochen? Nein, das wäre nicht gut gewesen. Restaurantfachfrau bin ich. Frank hat mich ausgebildet. Und ja, ich bin direkt nach meiner Gesellenprüfung verduftet“, erklärte ich.
„Warum eigentlich? Ich wollte dich eigentlich zur stellvertretenden Restaurantleitung machen“, jammerte mein ehemaliger Chef. „Chefchen, du weißt doch. Da kam dieses Angebot aus den USA, da konnte ich nicht nein sagen. Und nach den drei Jahren dort, habe ich mich auch nicht mehr in die Speisemeisterei getraut.“ Frank grinste mich breit an. „Du weißt aber, dass die Türen für dich immer weit offen stehen. Markus vermisst dich immer noch.“ Ich schaute fasziniert auf das Muster des Tisches. Markus war inzwischen Franks Küchenchef, damals war er einfacher Koch gewesen. Und er war meine erste große Liebe gewesen. Der dunkelhaarige Mann war alles für mich gewesen-bis ich von heute auf morgen in die USA verschwunden war, um für Walter Staib, einen deutschen Koch, in dessen Restaurant zu arbeiten. Wirklich getrennt hatte ich mich von Markus nie-geschweige denn, dass ich mich jemals mit ihm ausgesprochen hätte.
„Wie geht es Markus denn?“ fragte ich vorsichtig. Frank legte mir eine Hand auf die Schulter. „Wie gesagt, er redet immer noch über dich, und das obwohl es jetzt über zehn Jahre her ist. Eine andere Frau gab es in seinem Leben bisher nicht wirklich.“ Ich wurde feuerrot. „Ich wollte ihn nicht unglücklich machen“, murmelte ich betreten, und versteckte mich in Andis Halsbeuge. Dieser begann, mir beruhigend über mein braunes Haar zu streichen. „Melde dich einfach mal bei ihm“, meinte mein Ex-Chef und steckte mir einen Zettel zu, auf dem Markus‘ Handynummer notiert war.
Der Abend mit den vier Männern war äußerst lustig gewesen, Frank, Andi und ich hatten uns viel zu erzählen, und Nils und Ole fragten mich über meine Zeit in den USA aus. „Ich war drei Jahre dort, danach bin ich zurück nach Deutschland, dann habe ich zwei Jahre in der Traube von Harald Wohlfahrt gekellnert, und danach zwei Jahre in der Wielandshöhe. Seit vier Jahren bin ich hier im Biergarten.“ Mein Handywecker piepte. „Und jetzt muss ich leider los zu meinem Zweitjob. Hat mich gefreut, euch alle kennen  zu lernen, bzw. euch zwei hübschen wieder zu sehen“, meinte ich an die Jungs gewandt. Ich umarmte jeden der vier herzlich zum Abschied und machte mich auf den Weg in das Laufhaus, in dem ich nach meiner Kellnerschicht für Ordnung sorgte.
„Was genau ist denn ihr Zweitjob?“ fragte Nils, nachdem er sah, welche Richtung ich eingeschlagen hatte. „Hausdame, irgendwo auf der Reeperbahn.“ Fo rang nach Luft. Sein Mäuschen, die beste Auszubildende, die die Speisemeisterei je hervorgebracht hatte, sein ganzer Stolz, sollte in einem Bordell die Zimmer putzen? Auch Ole und Nils schauten schockiert drein. „Sie wird Mama“, ließ Andi eine zweite Bombe platzen.
Fo rang erneut nach Luft. „Auch das noch. Ist sie verheiratet?“ fragte er mit einer Mischung aus Neugierde und Besorgnis in der Stimme. „Nein, der Kindsvater hat sie wohl vor kurzem sitzen lassen, und der Chef des Biergartens will sie an die Luft setzen.“ Ole grinste teuflisch. „Das werden wir ja sehen. Ich suche gerade händeringend nach Servicepersonal. Und bei den Referenzen könnte sie morgen direkt anfangen. Diesen Chef kaufe ich mir“, verkündete er.
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