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日本の夢 (Nihon no yume) - Okumuras Reisen zu den Grenzen des Vorstellbaren | Teil 4  - Die Gunst der Sterne

von Odras
GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P12 / Gen
14.03.2016
14.11.2017
56
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14.03.2016 1.094
 
« Teil 3 - Der Heilige Gral
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Mittwoch, 25. August 1920

Es ist etwa halb acht am Morgen, als ich heute in meinem Gästezimmer auf Highclere Castle erwache. Nach einer Runde Frühsport im Park des Castle – der Boden scheint heute besonders feucht und der Tiefnebel besonders dicht zu sein – und einer erfrischenden Dusche begebe ich mich zum Frühstück. „Ohayō gosaimasu!“, wünsche ich gut gelaunt, das Echo – vor allem seitens des Hausherrn – ist jedoch eher verhalten. Der Lord of Carnarvon zieht angestrengt die Stirn in Falten, während er sich durch einen Stapel Briefe und Nachrichten arbeitet. Eine Menge Dinge sind während unserer Gralssuche liegen geblieben und drängen nun auf Erledigung.
Auch die Tageszeitung hält nicht nur gute Nachrichten bereit. Die Verwüstung des Gartens der Winchester Hall wirft Fragen auf, eine Froschplage sucht Dartmoor heim, an der neuseeländischen Küste im Südpazifik häufen sich die Unwetter. Im Anzeigenteil wird eine Auktion angekündigt. Morgen soll der Nachlass eines Landhauses in Glastonbury unter den Hammer kommen. Und die Katze meiner Nachbarn, der Harringtons, ist weggelaufen.

Während ich gemütlich bei einer Tasse Tee die Zeitung durchstöbere, kommt Senchō zu mir. Er teilt mir mit, dass er in einer dringenden Familienangelegenheit nach Norwegen müsse. Er wolle versuchen, Mycroft zu überreden, ihn nach Trondhjem zu fliegen. Mir überreicht er den Stapel Bewerbungsbriefe, die auf mein Zeitungsinserat hin bei mir eingegangen waren. Er hatte die Briefe mit nach Highclere Castle gebracht, um hier eine Art „Eingangsbestätigung“ für die Absender zu veranlassen, bevor er uns dann ziemlich spontan zusammen mit Mare in die französischen Pyrenäen gefolgt war.

Er solle sich ruhig um seine Angelegenheiten kümmern, sage ich, und mir Bescheid geben, wenn er aufbrechen wolle. Gegen halb elf ist alles geregelt und wir machen uns mit dem Silverghost auf den Weg nach Curdridge.

Eren-san erwartet mich bereits, als wir ankommen. Er hat Neuigkeiten den Keller betreffend. William Harrington hatte mir erzählt, dass Curdridge Hill angeblich von seinen Vorbesitzer Reginald Fletcher aus Neuseeland abgetragen und hier in Curdridge wieder aufgebaut worden sein soll. Ich hatte Eren-san daraufhin gebeten, weitere Nachforschungen zu der Geschichte des Hauses anzustellen und ihm zu diesem Zweck ein Budget zur Verfügung gestellt, so dass er auch die professionelle Meinung von Fachleuten und Spezialisten einholen konnte.
Er hatte herausgefunden, dass der Aufbau des Hauses sehr wahrscheinlich wirklich aus Neuseeland stammte. Das verwendete Holz und die Verarbeitung seien typisch für diese Region. Das Fundament aber stamme aus Japan. Konkret sei es wohl das Fundament einer Burg aus dem 13. Jahrhundert – um welche Burg es sich dabei aber handelt, darüber kann Eren-san mir nichts mitteilen. Ich staune nicht schlecht, als ich das höre, kann es kaum glauben, aber Eren-san zeigt mir das Gutachten des archeologischen Institutes der Universiy of Exeter, das seine Aussage bestätigt. Fletcher, so berichtet mir Eren-san, hatte zu seinen Lebzeiten Geschäfte auf dem japanischen Immobilienmarkt getätigt. Vielleicht hatte er dort diese Burg erworben und das Fundament ins Ausland gebracht.  
Eren-san aufgrund der Grundrisspläne des Hauses nach wie vor auch davon überzeugt, dass es einen verborgenen Raum im Untergeschoss geben muss. Seiner Schätzung nach dürfte diese etwa drei Meter im Quadrat messen. Er zeigt mir und Senchō die Stelle, hinter welcher er diesen Raum vermutet. Die Wand ist massiv. Hier müssten wir schweres Gerät einsetzen, um durchzubrechen. Das bedarf gründlicher Vorbereitungen.

Ich bedanke mich bei Eren-san für die Auskünfte und gehe nach oben. Auf dem Sekretär im Foyer warten ein paar Briefe auf mich. Einer ist von meinem Vater. Auf vier dicht beschriebenen Seiten beschreibt er bildreich seine Erlebnisse mit seinen Enkelkindern und berichtet mir von den Ereignissen in seinem Leben. Yukio, Tsuki und die Kinder versuchten wenigstens zweimal im Monat nach Mito zu kommen und ihn zu besuchen.  „Es ist schön, die Familie um mich zu haben, auch wenn dein Bruder sich wie immer zu viele Sorgen macht“, schreibt er. Auf der vierten Seite berichtet er mir von einem Traum: „Seitdem deine Mutter verstorben ist, finden die Geister in diesem Haus keine Ruhe. In der letzten Nacht ist deine Mutter mir im Traum erschienen. Wir liefen mit dir zusammen als Kind den Pfad am Ufer eines Sees entlang. Du hast geweint und um dich geschlagen. Dann erschien ein Krieger, er könne helfen, sagte er. An dieser Stelle bin ich aufgewacht.“
Gegen drei Uhr am Nachmittag erscheint Mycroft, um Senchō abzuholen. Er will morgen zur Auktion in Glastonbury wieder da sein. Ich verbringe den Nachmittag damit, die Bewerbungsbriefe zu lesen und entscheide mich nach etwa zwei Stunden für zwei Kandidatinnen, die nach meiner Ansicht am besten für die Stelle als Reinigungskraft und Küchenhilfe in meinem Haus in Frage kommen. Für die anderen neun Bewerber verfasse ich jeweils ein kurzes Schreiben, in welchem ich mich für die Bewerbung bedanke und mein Bedauern darüber ausdrücken, dass jemand anderes in die engere Wahl gekommen ist. Mit diesen Briefen im Gepäck mache ich mich auf den Weg zum Postamt nach Portsmouth. Hier gebe ich die Briefe auf und lasse gleichzeitig an die beiden „Auserwählten“ jeweils ein Telegramm schicken, in welchem ich sie zu einem Vorstellungsgespräch am 2. September einlade. Elisa Newton aus Bishop’s Walton bitte ich, um 12:00 auf Curdridge Hill zu sein. Amanda Myers aus  Wickham lade ich zu 14:30 ein.

Bis dies erledigt ist, geht es schon auf 18:00 Uhr zu. Ich mache noch einen Spaziergang am Strand und kaufe fangfrischen Fisch direkt von einem Kutter ein, bevor ich zurück nach Hause fahre.
Nach dem Abendessen beantworte ich den Brief meines Vaters. Ich schreibe ihm von Eren-sans Entdeckungen, davon, dass das Haus, das ich hier in England gekauft habe, auf einem sieben Jahrhunderte alten Fundament aus Japan errichtet worden sei. Warum jemand so viel Aufwand betreibt, um ein paar alte Steine quer um die Welt zu transportieren, wüßte ich auch nicht, schreibe ich, aber in ihrer zuweilen überheblichen Exzentrik sei den Briten alles zuzutrauen. Während ich schreibe, glaube ich am Fenster einen Schatten vorbeihuschen zu sehen, als ich aber nachsehen, kann ich nichts Auffälliges entdecken.

Bevor ich mich schlafen lege, gehe ich noch einmal in den Keller. Jetzt, da der Boden weitgehend von Staub befreit ist und da ich ihn mir genauer ansehe, fällt mir auch auf, dass die Steinmetzarbeiten typisch für das 13. Jahrhundert in Japan sind. Auch der Grundriss des Kellers ähnelt tatsächlich dem einer frühmittelalterlichen, japanischen Festung. Nachdenklich betrachte ich die Wand, hinter der wir den verborgenen Raum vermuten. Prüfend gleiten meine Finger über das kühle Gestein. ‚Was verbirgst du hinter diesen Mauern? Und warum ist es hier, in England‘, frage ich stumm, aber das Haus antwortet mir nicht.
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