Mickey sinniert

GeschichteSchmerz/Trost / P16 Slash
Ian Gallagher Mickey Milkovich
13.03.2016
13.03.2016
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Eine Oneshot zu einem meiner Lieblingscharaktere der Serie.

Schritte kamen die Treppe rauf. Ruhe. Dann wurde ein Schuss abgefeuert. Die Taube fiel im Flug zu Boden.

'Mistvieh. Verzieh dich einfach, dann muss ich dich nicht abknallen!'

Mickey kickte die tote Taube weg und ließ sich irgendwo an der Wand nieder. Er kramte seine Zigaretten hervor und zündete eine an.

'Tauben haben in Räumen nichts zu suchen. Svetlana muss eine Taube sein... nein, eher eine Kuh. Eine dumme Kuh. Leider meine dumme Kuh. Diese scheiß Hochzeit mit ihr. Und das alles nur wegen dieser dummen Schwuchtel. Ian... Gallagher. Wieso musste er auch zu mir kommen? Hätte bei seinem scheiß Freund Schrägstrich Fickpartner Schrägstrich Boss bleiben sollen.'

Er genehmigte sich einen großen Schluck aus der in braunem Packpapier eingepackten Flasche. Seine Zigarette war inzwischen zu Ende geraucht, aber er steckte sich bereits die nächste an; blies den Rauch langsam raus; genoss die Sichtbehinderung. Er hob die Pistole, taxierte das kaputte Fenster auf der anderen Seite des Raumes, entschied sich dann doch anders und ließ die Pistole sinken.

'Fuck! Ian, wo bist du? … Mandy... ich muss dir irgendwie danken. Hab ich wohl schon. Ich behandle dich nicht mehr ganz so scheiße wie früher. Zumindest denk ich das. Wenn nicht, ist auch egal. Du interessierst mich nicht. Aber immerhin hast du mir Ian näher gebracht. Eigentlich sollte ich ihn ja windelweich schlagen für dich. Schön in die Fresse rein... bis alle Zähne raus sind. Aber dann? Ja... dann hat mich Mandy doch davon abgehalten. Da wusste ich das alles noch nicht. Und dann... der eine Einbruch... hah! Einbruch... ich bin einfach hin und hab dem Arschficker die Pistole weggenommen. Gibt's dafür ein Wort? So was wie... sneak'n'gun. Oder... serve yourself on the gun.'

Mickey lachte laut. Witze waren in seinem Leben selten; so ist das nun mal auf der Southside. Stehlen und nicht lachen. Wer lacht, stirbt, weil er die Kugel nicht kommen sieht. Wer stiehlt, lebt.

'Und dann kam Ian. Hat ganz dreist die Pistole zurückverlangt. Als ob mich das gejuckt hätte. Meine Schublade war voll. Ich wollte doch nur zeigen, was für eine Pussy dieser Kash ist. Lässt sich einfach so seine Lebensversicherung abholen. Wer als Ladenbesitzer auf der Southside keine Waffe hat, ist eigentlich tot. Nein... ohne eigentlich. Der ist tot.
Und als er mich angesehen hat. Ich musste ihm doch eine Tracht Prügel geben, oder? Kommt einfach rein, stört mich beim Schlafen und will die Pistole zurück. Ian war mir doch gar nicht gewachsen, selbst mit der Brechstange oder was auch immer das war. Ein gezielter Fausthieb, schon hätte er da gelegen. Aber ich wollte meinen Spaß. Von so einem Schwächling wird man nicht alle Tage herausgefordert, also ein bisschen Gerangel und dann erst fertig machen. Als ich dann so auf ihm hockte, wie er sich kümmerlich unter mir wand, als hätte er je eine Chance gehabt. Ein Blick in seine Augen... ein einziger Blick und es war rum. Ich weiß nicht, wie ich es erkannt habe. Ein Blick, der irgendeine scheiß Verbindung irgendwo in unseren scheiß Köpfen herstellte. Ein Blick und ich wollte ihn. Ein Blick und ich zog mich einfach aus. Fast gleichzeitig hat er sich auch ausgezogen. Der beste Sex in meinem Leben. Mit einem... Mann. Dieses Gefühl... keine Frau konnte das. Woher auch? Die hab ich alle geknallt und wehe eine von denen hat sich gerührt! Dann hat's geknallt, aber anders. Wieso hab ich das eigentlich gemacht? Frauen... wollte ich nie. Nie. Hab trotzdem einen hochbekommen. Das ist wohl noch aus der Urzeit übrig geblieben: wenn Männer nackte Frauen sehen, müssen sie einen Ständer bekommen. Ja, so muss das sein. Wahrscheinlich gehört das einfach auf der Southside dazu: Männer ficken Frauen. Fertig. Und da ist es auch scheißegal, ob sie das jetzt wollen oder nicht. So sind die Gesetze hier.'

Mickey hob wieder die Pistole, taxierte wieder das Fenster. Er drückte ab und die Glasscheibe zerbrach komplett. Er starrte die Stelle lange an. Einen Schluck aus der Flasche, eine Zigarette. Eine weitere.

'Fuck, Ian! Komm zurück! Das kannst du mir nicht antun. Ich musste Svetlana einfach heiraten. Mein Vater hätte mich umgebracht! Das hatte ich ja schon bei unserem ersten Fick gedacht, als er an uns vorbei ist. Aber er hat gar nichts geschnallt. War wohl zu high oder voll oder sonst was. Hast dich ja dann ganz schnell verziehen können. Später war das ja anders. Da hat er uns mittendrin erwischt. Arschloch. Das hat mir Svetlana eingebracht. Dumme Kuh... wartet wohl daheim auf mich. Hat sonst nichts zu tun. Wer auch immer der Vater ihres Babys ist. Ich bin es bestimmt nicht. Die fickt doch mit so vielen rum. Ich bin nicht mal gekommen. Glaube ich. Soll sich verpissen, die Schlampe.
Ich will Ian zurück. Nach diesem ersten Treffen... hab ich gedacht, dass ich schwul bin? Ne... so was würde ich von mir nicht denken. Hätte es nicht von mir gedacht. Inzwischen ja wohl schon. Klar, ich wollte nie was von Frauen... wollte ich was von Männern? Glaube schon. Aber trotzdem, wenn ich mich selbst gefragt hätte, ich hätte niemals geantwortet, dass ich schwul bin. Ich will Sex mit Männern. Ja. Aber schwul, nein. Ich bin keine Schwuchtel. Schwuchteln sind nur die anderen. Ich bin... ich. Ich bin schwul. Ich will Ian... Ian, der auch schwul ist. Und einfach nur geil im Bett. Wobei... Bett... da haben wir's nie wirklich getrieben. Einmal... zweimal... nein, keine zwei Mal. Nur einmal. Ist halt nicht so einfach zu ihm oder zu mir zu gehen. >Wo gehst du hin?< >Ich geh zu Ian, der fickt mich dann in den Arsch.< So was geht nicht. Dann lieber irgendwo, wo niemand es mitbekommt. Bei Kash im Laden zum Beispiel, in der Kühlkammer. Oder nachts auf dem Baseballfeld. Das war geil. Der Kleine hat vielleicht eine Ausdauer. Fünfmal hat er's mir besorgt in der Nacht. Und er hätte noch häufiger gekonnt, wenn nicht die Bullen auf einer Streife vorbeigekommen wären und wir hätten fliehen müssen. Und jetzt? Jetzt ist der kleine Ausdauerficker, ist Ian bei der Army. Für vier scheiß Jahre. Fuck! Wie soll ich das durchstehen?'

Mickey nahm einen großen Schluck... einen zweiten. Eine Träne rollte an seiner linken Backe herunter.

„REISS DICH ZUSAMMEN! FANG JETZT BLOSS NICHT AN ZU FLENNEN!“

Er schoss zwei Mal wild in der Gegend herum. Eine Kugel traf ein weiteres, bereits beschädigtes Fenster, die andere prallte von der Wand ab und blieb etwa drei Meter von ihr entfernt auf dem Boden liegen. Mickey wischte sich über die Augen und nahm einen weiteren großen Schluck.

„IAN!“

Mickey brach in sich zusammen. Die Tränen standen ihm schon wieder in den Augen. Diesmal ließ er sie. Sie kullerten langsam die Backen runter.

'Fuck! Mein Leben ist einfach grad die größte Scheiße ever. Kein Ian, nur diese komische russische Nutte. Scheiß Gerechtigkeit! Ich habe mich doch schon gebessert seit ich Ian kenne! Er ist doch die erste Person gewesen, für die ich was empfunden habe. Ich hab's nie zugegeben. Aber irgendwie mochte ich ihn von Anfang an. Vielleicht war ich nicht direkt in ihn verliebt. Anfangs war wahrscheinlich dieses Neue, bis dahin Unerlebte. Sex, bei dem ich auf meine vollen Kosten komme. Die Nähe mit jemandem, der mir dieses Gefühl gibt. Und mit jedem Fick ist das irgendwie intensiver geworden. Aber zeigen konnte ich ihm das ja nicht. Typen haben keine schwuchteligen Ge-... keine Gefühle auf der Southside. Also ist Ian erst mal nur ein Fickpartner geblieben. Und irgendwann... mir haben die anderen Männer in seinem Umfeld was ausgemacht. Dieser alte Typ da. Wie konnte Ian nur Sex mit dem haben? Viel zu alt. Hat wohl keinen mehr hochbekommen; deswegen hat er sich nen jüngeren Stecher gesucht. Hätte ich natürlich auch nie zugegeben. Fuck! Vielleicht hätte ich es sollen. Dann wäre Ian jetzt noch hier. Dann könnte ich jetzt mit ihm hier sitzen. Dann könnte Svetlana sonst was machen.
Wie viel ist eigentlich in dieser Flasche drin? Ich müsste die doch schon zwei Mal leergesoffen haben. Umso besser. Mehr Alkohol.
Wäre es wirklich so schwer gewesen, offener zu Ian zu stehen? Ihm auch mal zu sagen, was ich empfinde? Fuck, ja! Natürlich! … nein... eigentlich nicht. Nur ihm. Sonst niemandem. Wem hätte ich das auch sagen sollen? Freunde, mit denen ich über so was reden kann, habe ich nicht. Aber halt seiner Familie nicht, meine hätte es schon nicht erfahren. Wahrscheinlich hätte ihm das schon gereicht. Dann wäre er noch hier.
Ich habe doch damals schon seinen Vater verschont. Frank hat uns in der Kühlkammer entdeckt... hat gemeint, er sagt nichts... aber es ist nun mal Frank! Wann kann der schon mal was für sich behalten? ... Bis heute hat er es aber anscheinend niemandem erzählt. Zumindest hat mich niemand drauf angesprochen. Und wenn jemand das gewusst hätte, dann hätte er das auf jeden Fall zur Sprache gebracht. Bin dafür extra in den Knast gegangen. Da war es fast geiler als daheim. Wenn du der Dominante bist, ist der Knast geil. Bekommst was zu essen, kannst die anderen rumschubsen, alle haben Respekt und natürlich fickt dich keiner. Schade. Das ist das Einzige, was ich vermisst hab. Aber auch das hab ich durchgestanden. Und dann erst mal wieder Ians Bitch.
Und als er dann zu mir gekommen ist... als er auf wiedersehen gesagt hat... auf nimmer wiedersehen? Oder tschüss? Fuck, ich hätte besser aufpassen müssen! Wenn es auf wiedersehen war und er nicht zurückkommt... dann muss ich ihn erst mal verprügeln. Bei allem anderen... vier Jahre! Als er da war... ich hätte nicht so einsilbig reagieren dürfen. Ich hätte mehr machen müssen. Aber was? Ian in unserem eigenen Haus vor Mandy, vor meinen Brüdern, vor meinem Vater anflehen sollen, er soll doch bitte bleiben? Scheiße ja! Ian ist mir wichtiger als alles andere. Wenn er zurückkommt, muss ich ihm das irgendwie zeigen. Aber das dauert ja noch ewig. Falls ich das erlebe. Der ganze Scheiß, scheiß Familie, scheiß Umgebung, scheiß Lebensbedingungen, scheiß Svetlana, scheiß Sehnsucht nach Ian. Ich weiß echt nicht, ob ich das aushalte. Fuck! Fuck! Fuck! Ob ich auch zur Army sollte? Die lassen mich doch gar nicht rein, mein Vorstrafenregister ist doch länger als die Verfassung. Da reicht es ja schon, wenn du mal nur ne Anzeige wegen Lärmbelästigung bekommen hast, um nicht in die Army zu kommen. Haben wahrscheinlich Angst, dass man dann verrückt wird und Amok läuft. Wenn ich ehrlich bin, ich glaube, ich würde das sogar machen. Aber nur weil Ian nicht da ist. Mit ihm zusammen... wäre das anders. Einfach schöner. Geiler. Ich hätte etwas, wofür es sich lohnt zu leben. Etwas, das mir eine Perspektive gibt.
Was hatte er damals noch gesagt, als er ich ihn gefragt habe, warum er den alten Sack fickt? Weil er keine Angst davor hat, ihn zu küssen. So einfach ist das? Ein Kuss und Ian ist zufrieden? Als wir mit meinen Cousins das Haus von dem Alten ausgeraubt hatten... das war kurz danach. Ich weiß nicht wieso, aber als wir ins Haus gestürmt sind, bin ich nochmal zurück, hätte meine Waffe vergessen – als ob mir das jemals passieren würde, Mickey Milkovich ohne Waffe, hah!, sieht man mal wieder wie dumm meine Familie ist – und hab Ian, der im Wagen gewartet hat, einen Kuss gegeben. Mitten auf den Mund. Das hat nur einen kurzen Moment gedauert. Ian wusste gar nicht, wie ihm geschieht, was da auf ihn zukommt. Und ich muss sagen, es hat sich toll angefühlt. Nichts im Vergleich zu Sex mit Ian, aber trotzdem... etwas. Ich hätte nie gedacht, dass ein Kuss so schön sein kann. War immerhin mein erster. Und dann mit Ian. Der Kuss hatte irgendwas von... ja... das kann ich gar nicht beschreiben. Es hat sich so richtig angefühlt. Ich war Ian körperlich ganz nah und das hat mir gut getan. Leider hat mir das auch ein bisschen den Kopf vernebelt. Ich war nicht so konzentriert wie sonst. Wahrscheinlich hat mich die Alte deswegen anschießen können, sie hätte doch sonst nie eine Chance gehabt. Und am Ende war ich dann doch froh, dass Ian diesen Doc gedatet hat. Wer sonst hätte mir die Kugel ausm Arsch entfernt?'

Mickey setzte die Flasche wieder an und leerte sie. Dann blickte er durch das Fenster, das er kaputt geschossen hatte: Der Himmel begann langsam, sich zu verfärben. Er musste schon ewig hier sitzen. Er öffnete sein Zigarettenpäckchen und sah, dass sich nur noch drei darin befanden. Er nahm eine raus und steckte sie sich an. Dann kramte er in seiner Tasche und beförderte ein Bild von Ian hervor. Er blickte es sehnsuchtsvoll an.

'Das war unser erster großer Deal zusammen. Und jetzt? Jetzt bin ich alleine. Auf ewig. Brauch Sex. Aber nicht mit irgendwem. Mit Ian. Kein anderer Typ kann mir das geben, was Ian mir gegeben hat. Ich glaube das einfach nicht. Mit Ian war es was ganz Besonderes. Andere Typen könnten mir dieses Gefühl... – wird wohl Liebe sein – … nicht geben. Abgesehen davon würde ich auch keinem anderen Typen in der Gegend genug vertrauen, um ihm mich zu offenbaren. Das war mit Ian ja schon ein Risiko. Alles, was mir von Ian geblieben ist, ist dieses Foto. Versteckt in einem Magazin im Badezimmer.
Ich hoffe, ich kann auf dich warten. Ich hoffe, ich kann Svetlana so lange ertragen, ohne sie umzubringen. Ich hoffe, ich kann Spaß am Leben haben. Ohne dich. Bitte, Ian, wenn du irgendwie in dir fühlst, dass jemand dich vermisst, komm zurück! Ich bin's. Ich vermiss dich! Bitte. Komm zurück. Bald.'

Das Licht war schon fast ganz verschwunden und Mickey konnte auf dem Foto kaum noch etwas erkennen. Mit dem rechten Zeigefinger fuhr er über das Foto, wischte sich dann mit der Hand einmal durchs Gesicht. Er packte das Foto wieder in seine Tasche und stand auf. Die Flasche schmiss er in eine Ecke, in der schon ein Riesenberg ebensolcher Flaschen lag. Und morgen – spätestens übermorgen – würde eine weitere dazukommen.