Conversations in space

GeschichteAllgemein / P16
11.03.2016
21.04.2016
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11.03.2016 4.280
 
Sie strich sich ihr Haar über die Schultern nach hinten und prüfte noch einmal den Sitz ihrer Kleidung. Für den heutigen Abend hatte sie ein enges, dunkelblaues Kleid gewählt, das dennoch sittlich genug war, um nicht zu aufreizend zu wirken. Ihr Makeup war sorgsam aufgetragen wie üblich, roter Lippenstift, die Augen mit sanften Konturen betont. Auf dem Tisch dampfte frischer Tee in einer goldfarbenen Kanne. Überall im Raum brannten kleine Lichtquellen und erzeugten eine wohnliche Atmosphäre. Sie hatte den Raum genauso hergerichtet, wie sie es tun würde, wenn sie Besuch von einem ihrer Kunden erhielt. Doch heute sollte kein Abend werden, an dem sie mit ihrem Gegenüber das Bett teilte, nur ein etwas intimerer Rahmen für eine Unterhaltung.

Ihr Gast lugte durch die Tür das Shuttles.

„Hallo Simon. Komm herein.“

Der junge Mann betrat ihre Gemächer und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, der eine Gemütlichkeit ausstrahlte, die einen vergessen ließ, dass man sich eigentlich auf einem Raumschiff im Weltall befand. Inaras Einladung musste ihn wohl sehr überrascht haben, doch die Abende an Bord konnten lang sein, und so hatte er sie dankbar angenommen. Er hatte sich sogar umgezogen; anstatt des Pullovers, den er tagsüber getragen hatte, trug er nun ein frisches dunkles Hemd. Sie deutete ihm an, sich zu setzen, und er nahm auf ihrem roten Sofa Platz, die Hände auf die Knien gelegt.

„Also... da bin ich.“

Sie erwiderte sein Lächeln und deutete auf die Kanne auf dem Tisch. „Tee“, sagte sie. „Ganz frisch gebrüht, und noch sehr heiß. Man sagt, er habe eine beruhigende und anregende Wirkung zugleich. Mit einem intensiven Geschmack nach Babiblättern. Er ist eine Delikatesse in diesem Teil der Galaxis. Und er schmeckt köstlich.“ Sie nahm ein kleine Tasse zur Hand und schenkte ihm ein. „Bitte.“

Er nahm sie entgegen und trank einen Schluck. „Heiss“, nickte er. „Und... köstlich.“

„Hattest du eine angenehme Anreise?“

„Wie bitte?“

Inara lachte. „Entschuldige, das ist meine Standardbegrüßung. “

Simon hielt kurz inne, als überlege er, ob es angebracht wäre über diesen Spruch zu lachen. „Danke für die Einladung, Inara“, sagte er dann höflich, während sie sich zu ihm auf die Couch setzte.

„Ich freue mich, dass du sie angenommen hast. Wie geht es dir?“

„Ganz gut, glaube ich. River macht Fortschritte, momentan fühlt sie sich wirklich besser. Wir benötigen ein paar neue Sachen, Kleidung, vielleicht ergibt sich die Gelegenheit, wenn wir das nächste Mal auf einem Planeten landen. Ein paar Hosen, neue Schuhe für River. Nichts Besonderes. Aber sonst geht es mir... gut.“

„Das freut mich zu hören.“

„Worüber wolltest du denn mit mir sprechen?“

Sie lehnte sich auf dem Sofa zurück und brachte ihre Beine in eine bequemere Position. „Ganz ruhig, Simon, wir haben keinen Grund zur Eile“, sagte sie und neigte den Kopf lächelnd zur Seite. „Eigentlich wollte ich mit dir über dich und Kaylee reden.“

Die Irritation in seinem Blick war kaum zu übersehen. Seine Augen huschten umher, als frage er sich, was sie damit meinen könnte.

„Mir ist aufgefallen, dass unsere liebe Kaylee manchmal fluchend und frustriert durch das Schiff geistert, und dass du, mein lieber Simon, der Grund dafür bist.“

„Sie ist frustriert... wegen mir?“, fragte Simon verdutzt.

„Ja“, lächelte Inara.

„Also weißt du, ich... ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Es tut mir leid, wenn ich ihr irgendwie zu nahe getreten bin. Ich wollte nichts tun, was sie verletzt, oder frustriert. Ist es, weil ich das Schiff beleidigt habe? Es ist, weil ich das Schiff beleidigt habe.“

„Nicht nur das. Aber es ist schon möglich, dass du sie manchmal kränkst, auch wenn es nicht deine Absicht ist.“

„Du musst mir glauben, dass das niemals meine Absicht war. Hat sie dich gebeten, mit mir darüber zu sprechen und mir den Kopf zu waschen?“

„Nein, das hat sie nicht. Aber das Schiff hat gute Ohren, wie man so schön sagst. Wie stehst du denn zu Kaylee? Magst du sie?“, fragte sie.

Simon holte tief Luft und öffnete den Mund, als wolle er sprechen, doch die Worte kamen nicht über seine Lippen. In seiner Verlegenheit verschlug es ihm die Sprache, und er suchte nach der richtigen Antwort.

„Ja, schon“, presste dann er heraus.

„Das sehe ich, und es beruht, soweit ich weiß, auch auf Gegenseitigkeit, aber psst“, scherzte Inara. „Und magst du sie so, wie du deine Schwester magst, oder doch ein wenig mehr?“

„Äh... Ich liebe meine Schwester.“

Er blickte Inara an, als sei es für ihn das Selbstverständlichste auf der Welt.

„Okay, natürlich, ich verstehe. Vielleicht sollte ich es in deinem Fall anders formulieren.“ Sie hielt kurz inne und dachte nach. „Hattest du denn schon einmal eine Beziehung? Und verzeih mir diese Frage, du musst sie nicht beantworten, wenn sie zu indiskret ist.“

„Ich verstehe nicht ganz...“

„Hattest du schon mal eine Freundin?“

Er stellte die Tasse Tee zurück auf den Tisch, die er die ganze Zeit über in der Hand gehalten hatte. Ungläubig starrte er Inara an, erschrocken über die direkte Art, mit der sie ihn konfrontierte. Das war wohl nicht das, was er erwartet hatte, als er an diesem Abend in ihr Shuttle eingeladen wurde.
Das Gespräch schien sich in eine Richtung zu entwickeln, die ihm nicht wirklich gefiel.

„Du hast mich eingeladen, um mit mir über... meine Ex-Freundinnen zu sprechen?“

„Nein. Aber es interessiert mich. Du erzählst so wenig aus deinem früheren Leben.“

Nach all der Zeit, die sie gemeinsam auf diesem Schiff verbracht hatten, hatte Inara noch immer das Gefühl, Simon nicht wirklich zu kennen. Wahrscheinlich erging es ihm genauso mit ihr. Wahrscheinlich glaubte er, dass es hier sowieso niemanden interessieren würde, woher er kam und was er zu erzählen hatte. Und wahrscheinlich war sie zu forsch gewesen, und er zweifelte daran, dass er ihr vertrauen konnte.

„Willst du Kaylee davon erzählen und sie damit eifersüchtig machen? Ich glaube nicht, dass das eine so gute Idee ist.“

„Kaylee wird nichts vom Inhalt unseres Gespräches erfahren, es sei denn, du erzählst es ihr. Und entschuldige meine direkte Art, Simon. Du hast diesem Treffen zugestimmt, ich habe geglaubt, es wäre für dich in Ordnung, zu reden. Ich möchte mich nur mit dir unterhalten. Und Diskretion ist mein Geschäft, also musst du dir keine Sorgen darüber machen, dass ich mit deinen Gedanken hausieren gehe.“

Sie schenkte ihm noch einmal einen Tee nach, und wartete geduldig, bis er sich entschieden hatte, ob er diese Unterhaltung mit ihr weiterführen wollte oder nicht.

„Okay, dann reden wir über meine Ex-Freundinnen. Also um ehrlich zu sein... eigentlich hatte ich bisher nur eine Freundin.“ Er kratze sich am Ohr, beinahe, als sei es ihm ein wenig peinlich. „Als Teenager habe ich viel Zeit mit River verbracht, und dann hatte ich meine Arbeit und... Was ich sagen will ist, ich hatte eine Beziehung. Mit einem Mädchen. Ich habe sie in einem Kurs auf der MedAcad kennengelernt. Sie war das absolut süßeste Mädchen in ganz Capital City.“

Ein Lächeln breitete sich beim Gedanken an sie auf seinem Gesicht aus. „Mit braunen Haaren, bis über den Po. Mit haselnussbraunen Augen. Und kleinen Pickeln auf der Haut. Wir hatten die gleiche Art von Humor. Sie hieß Margie. Margareta. Und auch wenn es jetzt wie ein schlechter Witz klingt, aber sie hieß... Margareta Cobb.“

Unwillkürlich musste Inara laut auflachen. Sie hielt sich erschrocken die Hand vor den Mund, fasste sich an die Brust und musste ihren Tee abstellen, um das Getränk nicht zu verschütten. „Ach du meine Güte.“

„Es muss ein wirklich weit verbreiteter Name in der Galaxis sein.“

„Oder ein böses Omen. Aber sie sind doch nicht verwandt?“

„Die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr gering. Ihre Familie stammte von Osiris. Und sie war klein. Und schlau.“

Sie schauten einander an und versuchten ein Grinsen zu unterdrückten, doch es gelang beiden nicht wirklich.

„Okay, Margie. Und wie hast du Margie Cobb dazu gebracht, mit dir auszugehen?“

„Also, so genau weiß ich das eigentlich auch nicht. Wir haben uns eine ganze Vorlesung lang über den Sinn von Beinamputationen unterhalten. Zwei Stunden lang haben wir kein einziges Wort davon mitbekommen, was der Professor erzählt hat. Danach hat sie mich auf einen Kaffee eingeladen, und ich hab ja gesagt. Eigentlich war sie sehr zurückhaltend, aber umwerfend“, erzählte er. „Jedenfalls, wir haben uns ein paar mal getroffen, waren zusammen in Restaurants, Schwimmen, im Museum, auf einer Med-Party, solche Sachen. Ich habe sie meinen Eltern vorgestellt, aber sie waren nicht so begeistert, wahrscheinlich weil sie Angst hatten, dass ich mich nicht mehr mit voller Kraft auf meine Ausbildung konzentriere. Naja, und dann begann mein Praktikum. Ich hatte viel zu tun, viel zu lernen. Jede Menge Arbeit. Irgendwann hat sie mich nicht mehr gewavt. Und eines Tages kam sie zu mir ins Krankenhaus und sagte, dass sie jetzt mit unserem Professor zusammen wäre. Und naja, das war es. Das Ende der Beziehung.“

Inara blinzelte ihn an. „Das klingt gut“, nickte sie zustimmend. Nicht sicher, ob sie die nächste Frage stellen sollte oder nicht, und so zögerte sie noch einen Moment. „Dann wart ihr sicher auch intim miteinander?“

„Intim“, wiederholte Simon, mit krächzender Stimme.

Inara musterte ihn, wie er so neben ihr auf dem Sofa saß, seine Augen, sein Gesicht, seine Hände, die er ineinander schlang. Er war so selbstbewusst, wenn es um seine Arbeit und sein Können ging, und im nächsten Moment nur ein übernervöser junger Mann. „Wenn es daran liegt, dass du nicht weißt, wie du dich Kaylee nähern sollst, dann kann ich dir ein bisschen Anleitung geben“, sprach sie weiter. „Du weißt, wir Companions können auf einen sehr langen Erfahrungsschatz zurückgreifen.“

Sie legte ihm sanft die Hand auf den Oberschenkel, und er starrte darauf wie auf einen Kuhfladen.

„Lektion eins: Schon kleinste Berührungen können viel bewirken und sehr sinnlich sein. Sie sind in vielen Situationen anwendbar. Deine Hand streift ihre Hand, beim Frühstück. Oder wie wäre es mit einer entspannenden Schultermassage für Kaylee, nach einem harten Tag im Maschinenraum?“

Voller Unverständnis schüttelte Simon den Kopf. „Inara, darum geht es doch gar nicht! Ich bin kein kleines Kind.“

Sie blickten einander direkt in die Augen, und er schien tatsächlich ein wenig verärgert. Inara nickte verständnisvoll, entfernte ihre Hand und brachte wieder ein wenig Distanz zwischen sich und ihn. Sie senkte den Kopf. „So habe ich das doch auch nicht gemeint. Ich wollte dir nicht zu nahe treten. Ich versuche nur herauszufinden, warum du dich so schwer tust, mit Kaylee. Wenn du sie doch so gern magst, wie du sagst.“

„Ich weiß es nicht“, erwiderte er gereizt.

„Lass den Dingen einfach ihren Lauf. Du bist jung, vielleicht solltest du einfach ein bisschen Spaß haben. Das Leben genießen.“

„Das Leben genießen? Wie soll ich denn das Leben genießen?“, sagte er mit einem sarkastischen Unterton in der Stimme. Er seufzte leise, legte die Hände an die Schläfen und kniff die Augen zusammen, als habe er eine plötzliche Attacke starker Kopfschmerzen.

,Es geht dir momentan doch nicht so gut, mmh?“

„Nein“, wiegelte er ab. „Nein, es ist nur...“

„Was bedrückt dich?“

Nach einer gefühlten Ewigkeit, der er mit gesenktem Kopf auf ihrem Sofa saß und auf seiner Unterlippe kaute, sprach er weiter. „Weißt du eigentlich, wie das für mich ist, hier? Es fällt mir schwer, hier klarzukommen. Ich habe noch nie auf einem Raumschiff gelebt. Wo ich herkomme, da fliegt man morgens zur Arbeit, normale, gut bezahlte Arbeit. Es ist alles sauber, und geregelt. Man hat Musik, Kultur, und Sport. Man geht Essen, und ich meine richtiges Essen, nicht dieses... Zeug, was wir hier zu essen haben. Mein Quartier – es ist ein schönes Quartier, aber manchmal kommt es mir vor wie eine Gefängniszelle. Ich weiß, dass es hier nicht anders geht. Aber ich... kann nicht sagen, dass mir diese Art von Leben gefällt. Verstehst du, was ich meine?“

Sie nickte.

„Ich hatte ein schönes Leben, mit dem ich bis dahin sehr zufrieden war. Ich hatte einen Beruf, Geld, keine Sorgen. Zumindest keine großen. Ein Zuhause. Ich habe das eigentlich nie zu schätzen gewusst, aber jetzt, wo das alles der Vergangenheit angehört, fehlt es mir sehr. Und mein Geld ist fort.“ Er seufzte und runzelte die Stirn. „Ich hätte nie gedacht, dass ich jemals etwas so Belanglosem wie Geld nachtrauere. Aber Geld bedeutet Sicherheit, das verstehe ich jetzt. Du glaubst gar nicht, was sich alles mit Geld bewirken lässt. Ich rede von Bestechung. Bestechung war ganz normal für meinen Vater, wen der alles bestochen hat... Um den besten Tisch im Restaurant zu bekommen, die besten Geschäftspartner, die beste Behandlung. Ganz zu schweigen von den vielen schönen Dingen, die man mit Geld kaufen kann.“

Er schüttelte den Kopf über seine eigenen Worte, fast schuldbewusst. „Das klingt so arrogant“, sagte er leise.

„Es klingt nur ehrlich.“

„Jetzt, wo es River ein wenig besser geht, da liege ich manchmal nachts wach und langsam wird mir klar, was es eigentlich bedeutet, vielleicht für den Rest des Lebens ein Flüchtling zu sein. Und alles verloren zu haben. Diese ständige quälende Ungewissheit. Wir werden unsere Eltern wahrscheinlich niemals wiedersehen. Wir sind nirgendwo wirklich in Sicherheit, jeden Tag könnten die Feds uns ausfindig machen. Oder diese Dinger... Reaver. Sie könnten uns angreifen, und dann fressen sie uns auf. Vor ein paar Monaten wusste ich noch nicht mal, dass es solche Wesen wirklich gibt, und jetzt habe ich Alpträume davon.“

Sie beobachtete ihn stumm. Es schien, als sei bei ihm eine Barriere durchbrochen, und er sprach aus, was er die ganze Zeit niemandem mitteilen konnte. Seine Ängste, die er für sich behalten und mit sich selbst ausgemacht hatte. „Das sind die Risiken hier draußen, mit denen wir alle klarkommen müssen“, nickte sie ihm zu.

„Ja, ich weiß. Aber sie sind so real. Ich verstehe wirklich nicht, wie jemand freiwillig hier draußen am Rand der Galaxis leben kann, auf einem Raumschiff, wenn er die Wahl hat.“ Er hatte den Satz wohl einfach nur so dahingesagt, ohne weiter darüber nachzudenken. Vielleicht hatte er dabei sogar Mals Lebensweise im Sinn. Dann fiel ihm wohl auf, dass es auch auf Inara zutraf, und er wich ihren Blicken aus.

„Du hast dich doch auch dafür entschieden“, antwortete sie ihm.

„Nein... Doch, aber das ist etwas anderes. Es ging um River, ich hatte nie eine Wahl. Und auch nie Zweifel. Es war richtige Entscheidung.“

Er lächelte gequält, als etwas in seine Erinnerung schoss. „Weißt du, vor ein paar Tagen hat River ein Bild für mich gemalt. Meinen Namen, in hunderten kleinen, bunten Strichen, kunstvoll verziert. Sie hat zwei Nächte lang daran gemalt. Es sah aus wie ein kleines Meisterwerk und ich habe es über meinem Bett aufgehängt. Ein paar Stunden später steht Mal plötzlich vor mir, stößt mich praktisch gegen die Wand. Er fragt mich, ob ich besonders viel Wert darauf lege, mich und River höchstpersönlich an die Feds auszuliefern. Weil ich meinen Namen in großen Buchstaben im Mannschaftsquartier aufhänge. Er war so wütend, hänge Rivers Namen noch daneben, hat er gesagt, um alle Unklarheiten zu beseitigen, wo die gesuchten Flüchtlinge untergebracht sind. Hallo Allianz, suchen Sie bitte hier. Und dass er keine Lust hat, bei der nächsten Kontrolle durch die Feds wegen so einer Dummheit sein Schiff zu verlieren, und die Crew, und den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen. Und was soll ich dazu sagen, er hat ja Recht.“

Inara seufzte leise und drückte Simons Hand. „Vielleicht hat Mal etwas überreagiert. Du kennst ihn doch. Hast du das Bild wieder abgehängt?“

„Ja. Ich habe es verbrannt. Ich hoffe, River nimmt es mir nicht übel. Ich wollte es erst in meinen Koffer packen, aber auch das wäre zu riskant, wenn die Allianz irgendwann hier auftaucht.“

Er starrte eine Weile still vor sich hin. „Es war sehr unüberlegt von mir. Ich darf River nicht in Gefahr bringen. Ich habe doch nur noch sie.“

„Aber Simon. Du hast uns. Und die Serenity.“

„Ja, ich weiß. Ich weiß, dass alles viel schlimmer hätte kommen können. Die Serenity ist mehr, als ich für uns jemals erhofft habe. Sie ist zumindest eine Art... zu Hause. Und trotzdem fühle ich mich hier oft wie fehl am Platz. Ich will eigentlich nicht stehlen, und auch niemanden überfallen. Ich werde komisch angeschaut, wenn mich jemand beleidigt und ich ihm nicht gleich ein blaues Auge verpasse. Das gehört hier wohl zum guten Ton. Der Captain hält mich wahrscheinlich für den größten Trottel diesseits von Persephone. Und Jayne!“, schluckte er. „Ich sehe ihn schon triumphierend neben meinem Bett stehen, mit Vera und einem Bündel Geld in der Hand, nachdem er mir eine Kugel in den Bauch gejagt hat. Hinter ihm eine Handvoll Feds, die River mitnehmen.“

Sie schwiegen beide eine Weile. Simons Augen sahen plötzlich unglaublich traurig aus. „Aber ich will mich nicht beklagen“, murmelte er dann, wie eine Entschuldigung für die Worte, die er eben gesagt hatte. „Ich hab mich auch nie beklagt. Wenn es meiner Schwester gut geht, wenn sie in Sicherheit ist, dann war es das alles wert. Es ist manchmal nur... nicht so einfach.“

„Ich verstehe“, antwortete Inara leise. „Ich verstehe, dass du manchmal traurig bist. Du brauchst deswegen kein schlechtes Gewissen zu haben. Und du musst dich dafür nicht schämen. Das ist menschlich.“

Sie verstand ihn wirklich, verstand seine Situation. Sie selbst spielte nur, konnte jederzeit wieder in ihr altes Leben zurückkehren, wenn sie es wollte. Wahrscheinlich würde sie es sogar bald tun. Aber er konnte es nicht, und so hatte er ihren tiefen Respekt, seitdem er mit River an Bord gekommen war. Es gab eine tiefe Zuneigung zwischen den beiden Geschwistern, eine Art von Beziehung, die sie nicht nachvollziehen konnte. River hatte Schlimmes erlebt, und ihr Bruder opferte sein ganzes Leben, ein Leben, um ihr zu helfen. Und jetzt saß er hier, bei ihr im Shuttle, und fragte sich, wieso gerade ihm das alles passieren musste.

„Ist ein Kulturschock hier draußen, nicht wahr?“, schmunzelte sie, und er nickte still, froh, dass sie das ebenso sah wie er, oder es zumindest nachvollziehen konnte.

„Aber im Grunde genommen ist das völlig unwichtig. Reich und kultiviert oder arm und lebendig, das spielt keine Rolle. Es geht um die Menschen. Heute leben wir hier, und heute ist alles in Ordnung. Man weiß nie, was noch kommt. Hier auf der Serenity sind Leute, die dich mögen, Simon. Und - Kaylee mag dich.“

„Ich weiß, aber... die Situation ist schon so schwierig. Wenn ich jetzt etwas mit Kaylee anfange, dann wird alles noch komplizierter.“

Inara strich ihm aufmunternd über den Arm. „Oder alles wird dadurch einfacher. Also weg mit den trüben Gedanken.“

Simon blinzelte sie von unten herauf an. „Ja, vielleicht hast du recht“, murmelte er nachdenklich und ein schwaches Lächeln kehrte zurück auf sein Gesicht. „Kaylee mag mich, auch wenn ich sie frustriere und zum Fluchen bringe?“

„Ja, das tut sie.“

„Weißt du, manchmal, wenn ich morgens wach werde und in die Küche gehe, und Kaylee sitzt dort und strahlt mich ich an, mit ihrem wunderbaren Lächeln, da möchte ich am liebsten...“ Er sprach nicht zuende und lächelte verlegen, und wurde beinahe ein wenig rot dabei. „Um ehrlich zu sein, ich bin schon an ihr interessiert. Und ich habe es ja auch schon versucht, mit ihr... mehrmals. Es hat nicht funktioniert. Ich versuche etwas Nettes zu ihr zu sagen, und es endet damit, dass sie wütend davonläuft. Oder gar nicht mehr mit mir redet. Vielleicht war der Moment auch immer unpassend. Ich weiß nicht, was ich falsch mache.“

„Mmh, was du nicht sagst.“

„Verstehst du, Inara, ich kann Kaylee nichts bieten. Ich kann nur der sein, der ich bin. Aber wenn ich so bin wie ich bin, klappt es nicht.“

„Das klappt schon noch“, zwinkerte Inara ihm zu. „Man selbst zu sein, ist ein guter Anfang. Das war noch nie verkehrt. Vielleicht... mit ein paar kleinen Verbesserungen.“ Sie überlegte kurz. „Ich glaube, ich habe da etwas. Ein Buch, in dem jede Menge Sprüche aus der gesamten Galaxie zusammengetragen sind, mit denen man eine Frau beglücken kann.“

„So wie, ich bin ein reicher Arzt von Osiris?“

Inara lachte. „So, oder so ähnlich. Vielleicht ein wenig romantischer. Mein lieber Simon, mit Flirttipps bist du bei einer Companion an der richtigen Stelle, es gehörte praktisch zu meiner Ausbildung! Lass mich nur schnell Ordnung schaffen und mein Buch holen.“

Sie erhob sich, um das Tablett mit Tee und Gläsern beiseite zu stellen. Ihre Hände bekamen das Tablett an einer Seite nicht richtig zu fassen, und die Teekanne rutschte mitsamt ihres Inhaltes vom Rand des Tabletts und kippte auf Simons Brust. Inara stieß einen erschrockenen Schrei aus.

„Ist halb so schlimm, Inara, aber ich muss...“ Simon war aufgesprungen und deutete an, dass er das Hemd ausziehen musste. Der Tee, der bis dahin auf einem Wärmepad gestanden hatte, war noch immer so heiß, dass er sich unangenehm durch die Kleidung auf die Haut brannte. So schnell er konnte knöpfte er sein Hemd auf, zog es aus und untersuchte seine Brust.

„Hast du dich verbrannt?“, fragte Inara ihn besorgt und untersuchte die leicht gerötete Stelle auf seiner Brust.

„Nein, ist halb so schlimm. Vielleicht sollten wir es vorsorglich kühlen.“

Sie lief los und holte zwei Pads aus einer ihrer Kisten. „Kühlpads“, sagte sie. „Ob du es glaubst oder nicht, aber sie gehören zur Standardausrüstung jeder Companion.“ Vorsichtig tupfte sie damit auf seine Brust.

„Aha“, presste er hervor, während er vor der plötzlichen Kälte zurückwich.

„Ich muss mich entschuldigen“, hauchte sie.

Sie tupfte noch einige Mal sanft mit dem Kühlpad auf seine Brust, bewegte es langsam von links nach recht, bis Simon die Kälte nicht mehr spürte. Sie stand direkt vor ihm, sehr nah, und diese Nähe ließ sie plötzlich einen langen, tiefen Atemzug nehmen. Sie konnte sich nicht erinnern, Simon schon einmal mit nacktem Oberkörper an Bord gesehen zu haben. Dabei wäre diese Art der Freizügigkeit nichts Außergewöhnliches. Jayne lief ihres Wissen nach des Öfteren nackt aus seinem Quartier in die Küche und wieder zurück, wenn ihm danach war, auch wenn sie ihm noch nie persönlich dabei begegnete. Und Simon war durchaus ein schöner junger Mann, wie sie ihn jetzt so vor sich sah. Sein Oberkörper war beinahe noch makellos. Der gesunde Lebenswandel und die nährstoffreiche Ernährung auf den inneren Planeten mussten ihren Teil dazu beigetragen haben. Doch auch jetzt noch, nach den Wochen und Monaten, die er auf dem Schiff verbracht hatte, gab er sich alle Mühe, ihn gepflegt zu halten, auch wenn das hier in den Ausläufern der Galaxis ein weitaus komplizierteres Unterfangen war.

Er war auf jeden Fall jünger als Mal.

Doch Mals Körper stand seinem mit Sicherheit in nichts nach. In ihrer Erinnerung sah er sogar noch viel besser aus. Männlicher, stärker, gereifter. Mit Muskelsträngen an den Oberarmen, wohlgeformten Oberschenkeln, einer leicht behaarten Brust und einem zarten kleinen Po.

Sie verlor sich in einem viel zu realen Tagtraum. Sie schloss die Augen und spürte die Wärme ihres Gegenübers, spürte seine weiche Haut unter ihren Fingerspitzen, die noch immer auf seiner Brust ruhten. Sie ließ ihre Finger spielerisch über die nackte Haut gleiten, nur ganz sanft. Ein Kribbeln durchfuhr ihren Körper, so wie sie es lange nicht mehr gespürt hatte. Wie schön es wäre, wenn sie jetzt auf der Brücke stehen würde, Mal direkt vor ihr, ganz intim, nur sie zu zweit und die Sterne im Hintergrund. Wie schön es wäre, wenn Mals starke Hände sie jetzt halten würden. Wenn er zärtlich ihren Hals küssen würde, sanfte Schmetterlingsküsse bis hinauf zu den Ohren. Wenn seine starken Hände die Träger ihres Kleides vorsichtig von ihren Schultern lösen würden...

Ein leiser Seufzer kam über ihre Lippen. Sie öffnete ihre Augen wieder.

Es war Simon, der vor ihr stand und sich keinen Zentimeter bewegte. Er war so erstarrt, als würde ihm jemand ein Messer an die Brust halten. Sie hörte seinen Atem, spürte, wie seine Brust sich schneller hob und sank. So nervös.

„Ich... Ich muss mich jetzt nicht nackt ausziehen, oder?“, flüsterte er unsicher.

„Was? Nein... .“ murmelte sie gedankenverloren. Sie blickte auf und erhaschte seinen Blick. „Nein, natürlich nicht!“

„Gut“, entgegnete er, fast erleichtert, während er das nasse Hemd aufhob und an seine Brust presste. „Das hatte ich auch nicht geplant. Du bist auch keine Frau, mit der ich schlafen würde. Ich meine... so hab ich das nicht gemeint.“

Sie lächelte ihn an, so sanft und freundlich sie konnte. Doch innerlich ärgerte sie sich über sich selbst. Sehr sogar. Was für eine dumme Szenerie, peinlich, einer Companion unwürdig. Dieser verdammte Mal. Sie hatte gelernt, ihre Gefühle zu kontrollieren, und vergaß dieses Wissen binnen von Sekunden. Wie ein verträumtes Schulmädchen hatte sie sich benommen, und das auch noch beim falschen Mann. Natürlich war auch sie nur ein Mensch, redete sie sich ein. Aber am Ende war es doch sinnlos, von einem Verlangen zu träumen, das sich niemals erfüllen würde.

„Ich glaube ich habe die perfekte Lösung für dich und Kaylee gefunden“, sagte sie schnell, um der Situation zu entrinnen. „Es gibt da ein sehr altes Sprichwort, aber ich glaube, dass man es auch in unserer Zeit noch anwenden kann. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Du sagst also am besten gar nichts, wenn du mit Kaylee zusammen bist. Du lässt sie reden, den ganzen Abend, und dann gibst du ihr einen sanften Kuss, wie den eines... Schmetterlings.“ Sie klopfte dem verdutzten Simon freundschaftlich auf die Schulter.

„Okay, ich werde es mir merken.“

„Es ist spät. Es wird Zeit, den Abend zu beenden. Ich danke dir, dass du gekommen bist.“

Sie begann, das Tablett zur Seite zu stellen und die Tassen vom Boden aufzuheben. Simon stand noch kurze Zeit unschlüssig im Raum, bis er sich mit einer Handbewegung verabschiedete und das Shuttle verließ. Sie musste ihn sehr verwirrt haben. Er hatte es nicht einmal gewagt, sie noch nach dem Buch zu fragen.

Insgeheim war sie nur froh, dass er ihr keine persönlichen Fragen gestellt hatte. Über ihre Erlebnisse in ihrem Job als Companion würde sie ohnehin nicht sprechen, und sonst hatte sie momentan nichts Spannendes zu erzählen.
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