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Blutsbrüder

KurzgeschichteFantasy, Freundschaft / P16 / Gen
OC (Own Character)
11.03.2016
11.03.2016
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Hallo meine lieben Leserinnen und Leser

Diese Kurzgeschichte spielt in der Welt des Weltenseele-Rollenspiels.
Im Südosten des Kontinents Than im düsteren und gefährlichen Land Orobor, das selbst unter seinen Bewohnern als gefährlich und tückisch gilt, spielt sich die Szene zwischen zwei langjährigen Freunden ab, das Schliessen einer Blutsbruderschaft.

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„Du wirst sterben, Freund" Die Stimme drang aus dem schattigen Dunkel des Waldes. Kein Knacken im Unterholz verriet den Unari, der von seinem Späherposten hoch oben in den Baumwipfeln zurückgekehrt war und nun auf die kleine Lichtung trat. Vor ihm, im dämmrigen Halbdunkel, saß Sirhan Durriken, ein Mensch, auf dem feuchten Waldboden und drehte einen kleinen, silbernen Dolch zwischen den Fingern hin und her.
„Alle müssen irgendwann sterben", lautete dessen verbissene Antwort. Hellgrüne Augen blitzen im fahlen Licht des Vollmondes auf, als der Blondschopf sein Gesicht zu seinem schwarzhäutigen Begleiter wandte. Dieser betrachtete sein Gegenüber eingehend. Das kantige Gesicht wirkte konzentriert und deutlich älter als der Mann eigentlich war. Ein ungepflegter Dreitagebart, manche Frauen nannten es auch abfällig Schmirgelpapier, zierte sein Gesicht und eine Narbe prangte auf der rechten Wange. Sirhan hatte sandblondes Haar, sonnengebräunte Haut und trug leichte Kleidung aus Baumwolle und Leinen.
All das wirkte an einem Ort wie diesem so unpassend wie ein Yia’nay in der Wüste. Sie standen in den Tiefen des Dschungels, Moskitos umsurrten ihre Körper, feuchte, schwüle Nachtluft legte sich als warmer Film auf ihre Haut, ließ das Leinenhemd am Körper seines so entschlossenen Begleiters kleben. Mit einer fließenden Bewegung, in der herrschenden Dunkelheit kaum auszumachen, wischte der Unari einen lästigen Schwarm der surrenden Blutsauger hinfort. Nicht, dass ein Moskito es jemals wagen würde ihn zu stechen, dafür waren er und vor allem sein Blut viel zu giftig, doch der Mensch war ein gefundenes Fressen.
„Und du hast entschieden, dass ich dein Todesbote sein werde?" Calvas di Tassristh war bei Moravis kein so kaltblütiger Mörder wie einige andere seiner Volksgenossen. Schon gar nicht, wenn es darum ging einem Freund den Tod zu bringen. Und nichts Anderes war dieser Mensch, sein Freund. Vielleicht einer der wenigen wahren, die er hatte, wenn nicht der Einzige.
„Lieber durch dich, als durch die Klinge irgendeines Halunken", knurrte der Mann, der noch keine 30 Jahre zählte in Anspielung auf eines ihrer gemeinsamen Abenteuer und sorgte somit für ein Kopfschütteln seitens Calvas. Der Unari konnte die Entschlossenheit, sein Leben schon jetzt zu beenden, absolut nicht nachvollziehen. Schon gar nicht, wo das menschliche Leben an sich schon nicht sehr lange währte.
Seufzend ließ sich der Schwarzhäutige auf einen bemoosten Stein sinken.
„Wenn mein Blut dich nicht umbringt, wird der Brandgeist darin dich über Stunden Qualen leiden lassen", warnte er zum gefühlt tausendsten Mal. Doch es half nichts. Was sich Sirhan einmal in den Kopf gesetzt hatte, war ihm nicht mehr auszutreiben. Das wusste Calvas nicht erst seit heute. Der Umstand, dass er und Sirhan Gefährten, ja sogar Freunde geworden waren, ging ebenfalls auf das Konto des dickköpfigen Bewohners der Oun’Hamir.
„Ich werde jede Minute wie einen alten Freund begrüßen", sinnierte der theoretisch bereits Todgeweihte und fuhr nachdenklich mit dem Finger über die polierte Klinge seiner Waffe. Darauf wusste selbst der Grauhaarige nichts mehr zu erwidern.

Beiläufig, ganz so als würde er nur den Sitz seiner Waffen überprüfen, tastete der Unari nach der kleinen Gürteltasche aus Leder. Darin befand sich etwas, das er mehr als alles andere hasste aber gleichzeitig als seinen größten Schatz bewahrte. Eine kleine Phiole mit dem Serum der Lys’flaval.
Er hatte sie bereits vor einiger Zeit einem unglückseligen Halunken abgenommen, der versucht hatte sich an ihm durch Diebstahl zu bereichern. Doch so selbstsicher sich der Räuber gegeben hatte, so leicht war er im Kampf zu besiegen gewesen. Auf diese Weise hatte sich Calvas selbst an diesem Dieb bereichert. Zunächst hatte er den Inhalt der Phiole allerdings nicht erkannt, hatte es einfach für irgendeinen Schnaps gehalten, doch als er das blaue Leuchten im Dunkeln gesehen hatte, war ihm bewusstgeworden, welch kostbare und zugleich für ihn sehr gefährliche Ware er da an sich genommen hatte.
Jahrelang hatte er sie mit sich herumgetragen ohne auch nur daran zu denken jemandem davon zu erzählen oder sie gar zu verkaufen. Aber als Sirhan plötzlich davon angefangen hatte unbedingt dieses lächerliche Menschenritual der Blutsbruderschaft mit ihm vollziehen zu wollen, hatte sich Calvas im Zuge ihrer Diskussion an das Fläschchen erinnert. Und nur die Tatsache, dass er das Leben seines Freundes vielleicht retten konnte, hatte ihn dieser irrwitzigen Idee überhaupt zustimmen lassen. Der Unari hatte dem Menschen von den Dächern des Al’Adim nie gesagt, welch teure Ware er mit sich herumtrug. Vielleicht hätte sich der Mensch sonst einen anderen Unari für seine lebensmüden Pläne gesucht. Was er ohne die Lys’flaval, die Calvas heute zum ersten Mal mehr als Segen denn Fluch erschien, ohnehin hätte tun müssen. Denn unter anderen Umständen hätte der Unari seinen Freund niemals so um dessen Leben gebracht.

„Du machst dir noch immer zu viele Gedanken Calvas", meinte Sirhan nach einer Weile des Schweigens und hob den Blick in die Augen seines Freundes. Er sucht nach Wut und Bitterkeit, nach dem Groll, den er erfahren hatte, nachdem er seinem Freund seinen Wunsch eröffnet hatte. Doch da war nichts. Und falls doch, verbarg der Unari seine Gefühle sehr gut.
Auch der Mensch war sich der bevorstehenden Risiken und der Möglichkeit des nahenden Todes durchaus bewusst. Doch in seiner Familie, hoch oben über den Jartas Al’Adim war es eine Tradition sich mit seinem besten Freund über den Austausch von Blut für immer zu vereinen.
„Ich hoffe du schätzt es, dass ich dein Henker sein werde", knurrte der Unari und richtete seinen Blick ins dunkelgrüne Dickicht. Das Zittern in seiner Stimme sprach von Wut… und Trauer.
„Calvas…", setzte der Blondschopf an noch etwas zu sagen doch eine harsche Handbewegung seitens des Unari ließ ihn verstummen.
„Es ist alles gesagt Sirhan… Du kennst meine Meinung und ich kenne deine… Weiter darüber zu streiten würde nichts bringen", er schwieg einen Moment, dann erhob er sich. Ein schwarzer Schatten vor dem grünstichigen Hintergrund der Nacht. Nur die orange flammenden Muster auf seiner Haut verrieten das angespannte Spiel seiner Muskeln, die Überwindung, die es ihn kostete auf Sirhan zuzutreten.
„Ich tue das hier, weil du mein Freund bist und weil ich deine Kultur respektiere", murmelte er und größter Widerwille lag in seiner Stimme. Doch er beherrschte sich. Der Mensch musste an die heftigen Worte denken, die sie beide gesprochen hatten, als er das Thema zu ersten Mal aufbrachte. Wie abweisend und aggressiv sich Calvas verhalten hatte, wie sie beinahe aufeinander losgegangen waren, blind vor Zorn und Enttäuschung.
„Und ich schätze das Opfer, welches du für mich bringst", entgegnete Sirhan im Gedanken an diesen, ihren bisher heftigsten Streit. In seinem Hals bildete sich ein harter Kloss, fast als hätte er in einem Sandsturm ausversehen durch den Mund geatmet. Er schluckte schwer.
Plötzlich fühlte er sich in die Geschichten versetzt, welche seine Mutter immer seiner kleinen Schwester zu erzählen suchte als sie beide noch Kinder waren. Diese romantischen Momente in denen sich das unsterblich verliebte Landmädchen ihre Liebe auf tragische Weise gestand und sich anschließend für ihren geliebten Prinzen opferte um dessen Leben und damit den Frieden im Land zu bewahren.
Lächerlich. Diesen merkwürdigen Gedanken damit abschüttelnd, dass hier und jetzt möglicherweise seine letzten Minuten angebrochen waren, hob er das Messer. Und obwohl er es nicht wollte, zitterte seine Hand, was dem aufmerksamen Unari natürlich nicht verborgen blieb.
„Wir müssen das nicht tun…" - „Aber wir werden!", hielt der Blonde entschieden dagegen bevor sich seine Entschlossenheit vor den Augen des Unari in Luft auflösen konnte. Seine grünen Augen blitzten als er den vor Schweiß und feuchter Luft klammen Stoff seines Leinenhemdes nach oben schob und somit seinen Unterarm entblößte. Mit fast schon akribischer Präzision setzte er das Messer an. Das Zucken seiner Mundwinkel und der kurze Unterbruch im Blickkontakt verrieten den Schmerz, als die Klinge durch sein Fleisch schnitt. Ein gut fünf Zentimeter langer Schnitt entstand. Rasch übergab der junge Mann das Messer an seinen Freund und presste die nun freie Hand auf die Wunde damit nicht zu viel Blut austreten konnte. Abwartend taxierte er seinen langjährigen Freund.
Calvas zögerte, doch als er das Messer an seine schwarze Haut setzte und sich eine identische Schnittwunde zufügte, verriet seine Mine nichts. Mit einem dumpfen „Plump" landete das Messer auf dem feuchten Moos des Waldbodens. Schweigend sahen sich die beiden Männer in die Augen.
„Das hier darf nicht zu lange dauern, ich hoffe das ist dir klar", schärfte der Unari seinem Gegenüber noch ein letztes Mal ein. Sirhan nickte schweigend, die Lippen konzentriert aufeinandergepresst.
„Tun wir es endlich", murmelte er und nahm die Hand von der Wunde. Calvas tat es ihm gleich und ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, reichten sie sich die Hände. Nur ein leises, schmatzendes Geräusch verriet den Moment, als sie ihre blutenden Wunden aufeinanderdrückten.
Die Mischung aus Schwarz und Rot lief zwischen ihren Armen hinab und benetzte den Waldboden. Seine freie Hand unauffällig in die Gürteltasche schiebend, beobachtete der Unari seinen Freund ganz genau. Es dauerte nur wenige Sekunden. Dann entfaltete das Gift in den Venen des Menschen bereits die grausame Wirkung des Brandgeistes.

Sirhans Gesicht verzog sich schmerzerfüllt und er wand sich zusehends qualvoll. Sofort zog der Unari seine Hand zurück, löste diese tödliche Verbindung. Es war schwer zu sagen wie viel seines Blutes in die Blutbahn seines Freundes gelangt war, aber er wusste auch so, dass es keine Stunde dauern würde bis das Leben des jungen Mannes verwirkt wäre.
„Aaargh", hallte der Schrei seines Freundes durch den Wald, scheuchte sogar einen Schwarm Vögel auf, die bis eben wohl friedlich geschlafen hatten. Keuchend sank der Mensch auf die Knie. Schweiß rann über sein schmerzverzerrtes Gesicht. Seine eigene Wunde ignorierend fiel Calvas neben seinem Freund, nun seinem Blutsbruder, ebenfalls auf seine Knie. Ohne zu zögern riss er die Phiole mit dem Serum der Lys’flaval hervor und zog den Korken mit den Zähnen ab, während seine andere Hand den Nacken seines Freundes griff und fixierte.
Ein Blick aus glasigen, grünen Augen traf ihn. Trotz der unsäglichen Schmerzen, die er leiden musste, brachte der Blonde ein schwaches Lächeln zustande.
„Das war’s… dann wohl… mein Bruder", brachte der Mensch mühsam hervor und wand sich im nächsten Moment erneut unter Schmerzen.
„Nein!", schrie der sonst so gefasste Unari und führte mit zitternden Fingern die kleine Phiole an die Lippen seines Freundes, leere den Inhalt in dessen Mundhöhle und drückte das unrasierte Kinn nach oben um zu verhindern, dass die Flüssigkeit aus den Mundwinkeln wieder heraus lief.
„Schluck, Sirhan! Schluck es runter verdammt!" Leise Panik machte sich in Calvas breit während er beobachtete wie der Durriken mühsam runterschluckte, darauf wartete, dass sich die Wirkung dieser Wunderblüte zeigte. Einige Sekunden, die für ihn genauso quälend waren als würde er sich unter den Giftqualen umherwälzen, geschah nichts. Dann hörte Sirhan allmählich auf sich zu winden, schien immer mehr zur Ruhe zu kommen, verharrte schließlich mit verschlossenen Augen, schien anscheinend ohnmächtig geworden zu sein. Doch er atmete. Der Schmerz wich aus seinem Gesicht aber die Augen blieben geschlossen. Minuten verstrichen in denen sich nichts weiter tat, das Herz des Menschen jedoch auch nicht aufhörte zu schlagen.
Langsam begann der Unari sich zu entspannen. Vielleicht dauerte es einfach nur seine Zeit, bis das Gift aus dem Körper seines Freundes getilgt war. Die Lys’flaval war schließlich ein Heil- und kein Wundermittel.
Vorsichtig lehnte er sich an einen Baum in seinem Rücken, streckte die Beine aus und bettete den Kopf seines Freundes behutsam auf seinem Oberschenkel. Aus der Tasche Sirhans, die glücklicherweise in Reichweite lag, förderte er zwei Leinenverbände zutage. Zuerst verband er die Wunde seines Freundes, nicht ohne zuerst sämtliche Rückstände seines eigenen schwarzen Blutes sorgsam fortzuwischen. Erst als er sicher war, seinen Freund so gut wie möglich versorgt zu haben, legte er sich selbst einen Verband an.
Dann wartete er. Den Blick auf seinen besten Freund, seinen Bruder gerichtet, das schlafende Gesicht betrachtend. Obgleich er Sirhan nun schon Jahre kannte, viele Reisen mit ihm bestritten hatte, erschien ihm dessen Gesicht hier in diesem Moment anders, fast neu. Und wenn der Mensch dieses Unterfangen hier nun, dank der Lys’flaval, unbeschadet überlebte, war es vielleicht doch keine so hirnrissige Aktion gewesen wie er zunächst gedacht hatte. Sein Arm prickelte, dort wo das gewöhnliche Blut sich mit seinem gemischt hatte. Aber es war nicht unangenehm. Es war schließlich Sirhans Blut. Und nun war es ein Teil von ihm.
Ein kleines bisschen war er Sirhan doch dankbar so auf dieses Ritual bestanden zu haben, aber das würde er ihm niemals unter die Nase reiben. Der Blondschopf würde ihm sonst den Rest seines Lebens damit belagern, dass er doch Recht gehabt hatte. Nein, danke.
Mit einem müden Lächeln lehnte der Unari seinen Hinterkopf an den breiten Baumstamm in seinem Rücken. Seine Hand fand die noch immer schweißnasse Stirn des Menschen.

„Mein Blutsbruder" Ein Mensch.
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