Das Erwachen

von Eldeen
KurzgeschichteAngst, Schmerz/Trost / P12
OC (Own Character)
10.03.2016
14.03.2016
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Helden sind doch dafür da, um jene zu schützen, die sich aus eigener Kraft nicht verteidigen können, oder? Sie sind zur Stelle, wenn es brenzlig wird, setzen ihr Leben für die anderen aufs Spiel und versuchen aus jeder schlechten Situation das Beste zu machen. Ein anstrengender Job. Woran man einen Helden erkennt? Man fühlt sich sicher und geborgen in seiner Nähe. Egal wie schwierig es wird und wie tief man in der Scheiße steckt, wenn man bei seinem Helden ist, ist man sich sicher, dass es gut ausgehen wird. Man vertraut ihm blind.

In der Welt, in der ich lebe, gibt es nur wenige Helden.

Warum?


Vielleicht kennt ihr die Antwort, vielleicht auch nicht. Jedenfalls wurde mir die Antwort erst klar, als es bereits zu spät war.



Es war ein normaler Schultag im Sommer, als das Chaos ausbrach. Ich lief mit meinem besten Kumpel durch den Korridor, an eitlen Mädchen, knutschenden Pärchen und Lehrern vorbei, die versuchten, einen Turm aus Ordnern und Kopien von einem Raum in den nächsten zu tragen. Es kam mir so vor, als steckte ich ewig in dieser Hölle aus lauten Stimmen, klappernden Absätzen und Mathe-Arbeitsaufträgen fest. Mein einziger Lichtblick war Jack, der lustige, sportliche und treudoofe Typ an meiner Seite. Mit ihm machte der erdrückende Alltag in der Schule wenigstens etwas Spaß.

»Stelle dir vor«, begann dieser nachdenklich, während er am Wasserspender seine Flasche auffüllte, »dein Mathebuch würde lebendig werden und uns alle angreifen. Wie viele Erfahrungspunkte würde es wohl geben, wenn man es besiegt?« Das Wasser lief kurz über seine Hand, als er mir schelmisch grinsend in die Augen sah. Als er das bemerkte, zuckte er zusammen wandte sich schnell wieder dem Wasserstrahl zu.
»Man multipliziere alle darin befindlichen Zahlen«, meinte ich, als wäre es eine Selbstverständlichkeit.
Er schlug daraufhin so stark mit seiner nassen Hand auf meine Schulter, dass ich meinen grünen Smoothie beinahe ausspuckte. »Ich bin stolz auf dich! Wir sollten einen Club aufmachen! Den Spacken-Verein!«
Während ich immer noch gegen den aufkommenden Hustenanfall kämpfte, weil ekelhafte Stückchen in meinem Hals stecken geblieben waren, verschloss Jack etwas kleinlaut seine aufgefüllte Flasche und sah mir voller Mitgefühl dabei zu, wie ich um Luft ringend auf meiner Brust herumschlug.
»Sorry, das war keine Absicht! Ääh...« Etwas unbeholfen wirbelte er mit seinen Händen herum und versuchte vergebens eine Stelle an meinem Körper zu finden, auf die er hauen konnte, um mir beim Abhusten zu helfen.


Jack war ein Drecksack, aber ich liebte ihn genau so sehr wie Schokolade. An den Gerüchten, dass wir angeblich ein Paar seien, war nichts dran. War ja klar, dass man in einer Schule voller quatsch- und lästerfreudiger Mädchen, die abhängig von Make-Up und täglichem Workout waren, mit diesen Vorwürfen konfrontiert wurde.
Ich kannte die Hälfte von diesen Basic Bitches nicht halb so gut, wie ich es gern wollte und ich mochte weniger als die Hälfte von ihnen auch nur halb so gern, wie sie es verdient hatten. Ganz so, wie es Herr Beutlin zu sagen pflegte.


»Du lebst.« Zwei blaue Augen näherten sich meinem hochroten Gesicht von unten. Ich lächelte, weiteres Husten unterdrückend.
»Korrekt. Gehen wir? Wir haben gleich Mathe.«


***



»Jack..!« Ich flüsterte und lehnte mich weit über meinen Tisch, um ihn hektisch antippen zu können. Er war in seinem Buch vertieft und hörte meine Stimme kaum, weil die Lehrerin vorne an der Tafel ebenfalls sprach. Also warf ich einen Bleistift gegen seinen Kopf, damit er mich endlich beachtete. Jack sah sich verwundert um und strafte mich zuerst mit vorwurfsvollen Blicken. Dann erkannte er mein besorgtes Gesicht und zog seine Stirn in Falten. »Schau mal!« Ich nickte zum Fenster. Ein paar Mitschüler, die sich von mir ablenken ließen, folgten meinem Blick ebenfalls.
Draußen hing eine tiefgraue Wolkendecke in der Luft, wie ein gammeliger Lappen, der zu jeder Zeit Wasser verlieren könnte. Für den Sommer war es untypisch kühl draußen.
»Was?«, zischte Jack ungeduldig. Er zwang sich offensichtlich dazu, mir noch ein wenig zuzuhören.
»Da draußen. Siehst du das?« Ich deutete ein wenig energischer als vorher auf den Himmel und versuchte mich in sein Blickfeld zu begeben, um meinen Finger genauer positionieren zu können.

»Nimbostratus. Ich bin entzückt«, keifte Jack ironisch. Dann las er kopfschüttelnd weiter.

Ich setzte mich seufzend zurück und beobachtete den seltsamen Schatten auf der Wolkendecke. Da musste etwas sein – direkt über der grau-blauen Schicht. Etwas Großes. Manchmal meinte ich Bewegungen oder Formen zu erkennen.
»Holy Shit.« Ich verengte meine Augen und kaute nervös auf meinem Stift herum. Was die Lehrerin sagte, nahm ich gar nicht mehr wahr.

Dann begann es.
Ein unglaublich tiefer und lauter Ton dröhnte aus den Wolken wo der Schatten war, schwoll an und verstummte wieder, wie ein drohendes Horn als Zeichen für eine bevorstehende Schlacht. Die Fenster der Schule begannen zu vibrieren, wie bei einem Überschallknall. Ich bekam eine Gänsehaut und presse sofort meine Hände auf die Ohren, immer noch auf den Schatten starrend. Er wurde größer, dunkler, die Wolken schienen zu allen Seiten verdrängt zu werden. Nun wurden auch die Mitschüler aufmerksam und kamen alle wie die Motten zum Fenster gerannt um in den Himmel sehen zu können.

Jack blieb als Einziger sitzen und drehte sich langsam zu mir um. »Das hat sich ja angehört wie bei Krieg der Welten. Ist das eine Übung? E- Ist alles in Ordnung?« Er stand ohne zu zögern auf und nahm mich in den Arm. »Man, dass ein Mensch so schnell Farbe verlieren kann... Ganz ruhig, für diesen Scheiß gibt es bestimmt eine Erklärung!« Er strich über mein Haar. Ich versuchte meine Hände zu heben, damit ich ihn wegstoßen konnte, doch irgendwie hatte ich in diesem Moment keine Kontrolle mehr. Die Angst lähmte mich.

»Sie hat einen Schock«, hörte ich Jack rufen. Meine Lehrerin kam sofort und sagte, er solle mich ins Krankenzimmer bringen.

Als das nächste Horn ertönte, zuckten alle Schüler gleichzeitig zusammen, schrien kurz auf und hielten dann die Luft an, um das Szenario nicht zu verpassen, das sich dann abspielte. Von dem bekam ich nicht mehr viel mit, denn mit einem Mal schien ich keine Luft mehr zu bekommen, obwohl ich atmete. Mein Herz raste zu schnell. Schließlich verlor ich das Bewusstsein. Die plötzlichen Schreie aller anwesenden Schüler wurden immer leiser, meine Augen immer schwerer...


***



»Da bist du ja wieder..!«
Ich sah Jacks hektischen Gesichtsausdruck, zuerst verschwommen und unklar. Mit jeder Sekunde erlangte ich ein Stück meines Bewusstseins wieder und musste feststellen, dass Jack schwer atmete, verschwitzt war und Panik hatte. So hatte ich ihn noch nie gesehen. Es musste ernst sein.

»Wir müssen weg hier! Alle anderen sind schon gegangen!«

Ich versuchte mich aufzusetzen. Eine heftige Explosion in der Nähe drückte mich wieder zurück auf die Liege und verursachte ein schrilles Piepen in meinen Ohren. Völlig perplex, halb blind und taub, tastete ich nach Jacks Händen und bekam sie endlich zu fassen. Mit seiner Hilfe konnte ich aufstehen.

»Wir werden von irgendwelchen Aliens angegriffen. Hört sich nach einem Scherz an, ist aber keiner. Du weißt ja, was ich von Alien-Witzen halte... Natalie, Erik und Jonas sind schon tot. Wir müssen uns beeilen-wirklich«, erklärte er mir relativ ruhig. Er versuchte mich vergebens durch den Korridor zum Ausgang zu schleppen. Es ging nicht. Ich fiel erschrocken auf die Knie und tastete mit zitternden Händen nach den Trümmern, die hier überall lagen. Das Dach war an dieser Stelle eingestürzt, Leitungen lagen offen, aus denen Funken sprühten, Staub und Rauchschwaden hingen in der Luft. Dieser Teil der Schule war komplett zerstört.

»Was...« Das war zu verrückt um wahr zu sein. Aliens? »Ich träume.«

»Nein! Komm jetzt!« Jack hatte Tränen in den Augen. »Ich habe extra auf dich gewartet, also versaue jetzt nicht alles, indem du hier bleibst und stirbst!« Er zog mich vor Anstrengung stöhnend hoch und schleppte mich weiter. Je mehr Zerstörung ich sah, desto mehr Adrenalin wurde durch meine Adern gepumpt.

»Hier.« Jack bückte sich, griff nach einer Metallstange und drückte sie mir in die Hand. »Ist zwar nicht viel, aber besser als nichts.« Mit einem aufgesetzten Lächeln auf den Lippen zog er mich weiter.

»Danke.«

»Keine Ursache. Du kennst doch den dritten Punkt unseres Plans für die Zombie-Apokalypse: Bewaffne dich! Nur, dass das hier keine Zombie- sondern eine Alien-Apokalypse ist!« Immer wenn er aufgeregt war, redete er sich in Rage. Typisch. Jack bemerkte nicht, wie fest er mein Handgelenk umklammerte. Vielleicht hatte er sogar mehr Angst als ich, aber ich wusste, dass er heute mein Held war, also spielte das irgendwie keine Rolle. Ich dufte ihm vertrauen, weil ich sonst niemanden hatte.

»Danke, dass du bei mir geblieben ist«, flüsterte ich heiser. Der Staub brannte in meinen Lungen.

Jack sah über seine Schulter und lächelte traurig.



***




»Scheiße! Scheiße-Scheiße-Scheiße!«, zischte Jack aufgebracht. Er zitterte am ganzen Körper, schob mich hektisch in den nächsten Klassenraum und sah sich noch einmal gründlich im Korridor um, bevor er ebenfalls im Türrahmen verschwand.

Wir hatten es nicht mehr bis nach draußen geschafft. Eines der Aliens stellte sich uns in den Weg und trieb uns zurück in das große Schulgebäude - über tote, verbrannte und zertrümmerte Körper hinweg. Zuerst war einem schlecht wenn man sie dort liegen sah und die Gesichter erkannte, doch wenn plötzlich von hinten auf einen geschossen wurde, zählt nur noch das eigene Leben. Wir rannten so schnell es ging und hofften, das Monster abgehängt zu haben.

Hektisch zog Jack die Tür hinter sich zu und schob ohne zu zögern einen Tisch davor. Einen zweiten stellte er gleich oben drauf, um neben das Gewicht unsere Chance zu vergrößern, unentdeckt zu bleiben. Ob dieses Gebilde den Geschossen standhalten würde, war jedoch fraglich.
»Was zur Hölle sind das für Dinger?« Jack stieß sich von den Tischen ab, stolperte haareraufend in den Raum hinein.

Ich musste beinahe loslachen.

»Was tust du da?! Wir sind gerade mitten auf dem Schlachtfeld! Überall Tote! Und du lachst?« Jack war offensichtlich kurz vor einem Nervenzusammenbruch, musste sich an einem Tisch festklammern, um nicht kraftlos auf den Boden zu fallen. Er konnte gerade noch so einen Finger heben, um damit verärgert auf mich zu zeigen. »Wir sind so gut wie tot! Aus irgendeinem Grund belagern diese Blechdosen die Schule! Also bitte: Höre auf zu lachen!«

»Das sind Daleks«, platzte es verwundert aus mir heraus. Jack hob eine Braue. »Und das weißt du woher?«, fragte er mit tiefer Stimme, lehnte sich erwartungsvoll blinzelnd an die Tischplatte.
»Na, das sind die bösen Wannabe-Salzstreuer aus Doctor Who! Die sind richtig gefährlich!«
»Ach nee! Sie haben unsere halbe Klasse umgebracht!« Er warf seine Hände über den Kopf und deutete auf die toten, imaginären Klassenkameraden.
»Vorhin sagtest du doch, es seien nur drei gewesen«, bemerkte ich verwirrt und sah verlegen auf meine Handinnenflächen.
»Vermutlich sind sie jetzt alle tot! Alle! Komm her. Na los, komm schon!« Er packte mich viel zu grob und schob mich an das Fenster. Meinen Kopf drehte er zuerst nach links und dann nach rechts, damit ich auch alles sehen konnte, was sich hinter dem dünnen Glas befand.
Nichts war mehr so, wie ich es kannte. Die kleinen Wälder zwischen den Häusern der Stadt wurden in Brand gesetzt, tiefe Gräben und Einschlaglöcher von Bomben durchzogen wie tausende Narben das Land. Straßen waren aufgebrochen, Brücken eingestürzt. Der Rauch von verbrannten Autos, Reifen und Häusern zog von etlichen Stellen aus in den Himmel hinauf und verdunkelte ihn zunehmend. Es waren bereits Kampfflugzeuge unterwegs, die durch halsbrecherische Manöver versuchten, gigantische Luftschiffe zu bombadieren.
»Siehst du das?! Es. Ist. Alles. Zerstört. Alles! Und diese krassen Raumschiffe da! Wie soll man da herumlatschen, ohne von ihnen gegrillt zu werden? Sag es mir!« Jacks Stimme schwoll an. Auf diese Frage konnte ich nicht antworten.
Ich zuckte erschrocken über seinen Wortlaut zusammen, bis ich plötzlich einen Dalek sah, der langsam über das Pflaster des Schulhofes glitt. Er war vielleicht zwei Meter groß, aus glänzendem Metall. Als wüsste es, dass ich ihn musterte, drehte er sich ganz langsam zu uns um und richtete seine Linse auf das Fenster im dritten Stock, hinter dem wir uns befanden. In dieser Position verharrte das Monster. Das blaue Licht in der Linse war selbst aus dieser Entfernung stark genug um uns wissen zu lassen, dass wir erkannt wurden. Der Dalek wusste, dass wir hier waren.

»Runter!« Ich zog Jack mit auf den Boden. Er fluchte laut und blieb sofort unten, obwohl er nicht nach unten auf den Schulhof gesehen hatte.

»Er hat uns bereits gesehen, Jack. Aber ich glaube, er wusste schon vorher dass wir hier sind.«

Jack war plötzlich ganz still und versuchte sein Kinn im Kragen zu verstecken. »Es tut mir Leid«, murmelte er völlig fertig. »Ich wollte nicht so grob zu dir sein, es ist nur-«
»Weißt du was, Jack?« Ich lächelte. Mein Herz schlug immer noch wie wild, aber die Tatsache, dass wir von Aliens angegriffen wurden, hatte auch seine guten Seiten. »Wenn es Daleks gibt, muss es auch den Doctor geben«, stellte ich begeistert fest.
Er schien ganz froh darüber zu sein, dass ich das Thema wechselte. »Doctor wer?«, fragte Jack und zog eine verwirrte Grimasse.
»Genau der!« Ich sprang motiviert auf und schnalzte mit der Zunge. Der Dalek auf dem Schulhof war bereits verschwunden. »Er wird kommen, da bin ich mir ganz sicher! Denn wo die Daleks sind, ist auch er. Der Doctor wird uns retten! Und er kann es mit einer ganzen Armee aufnehmen, oh ja! Er ist einfach unglaublich stark und intelligent! Es gibt nichts, was ihn aufhalten kann!« Das befreiende Gefühl der Hoffnung in mir war fast schon zu schön um wahr zu sein. Aber ich glaubte fest daran, dass er kommen würde, um uns und die anderen Überlebenden zu retten. »Jack, alles wird gut! Wir müssen nur auf ihn warten!« Ich setzte mich wieder an den Heizkörper, dümmlich lächelnd, und legte meinen Kopf auf Jacks Schulter.

»Von wem redest du da? Wer ist der Doctor und warum denkst du, dass er kommen wird?« Er klang verzweifelt und gestikulierte unwissend mit seinen Händen herum. Seine Schulter versuchte er so wenig wie möglich zu bewegen.

»Kennst du nicht diese britische Serie? Denn wenn es schon die Daleks gibt, muss auch der Rest wahr sein. Moment mal...« Ich kramte in meiner Hosentasche nach meinem Smartphone, entsperrte es und tippte auf das bunte Symbol für die Galerie. »Hier. Das ist seine TARDIS. Ein als Polizeinotrufzelle getarntes Raumschiff, dass durch Raum und Zeit reisen kann. Echt krass oder? Das wäre doch awesome, wenn alles wahr wäre! Und das hier ist der zehnte Doctor... Das ist der elfte... Und das hier ist sein Schallschrauber. Es ist sozusagen das Erkennungszeichen des Doctors! Damit kann er so ziemlich alles manipulieren, öffnen oder verschließen.« Ich hielt den Bildschirm vor Jacks Nase, dabei zappelte ich wie verrückt hin und her. Der Fakt, dass Zeitreisen möglich und der Doctor existent sein konnte, ließ mich die Zerstörung für vielleicht zwei Sekunden vergessen.
Umso schlimmer war es, nach zwei Sekunden wieder daran erinnert zu werden.

»Und diese Daleks spielen dort also eine Rolle? Aber was ist, wenn der Produzent nur den Dalek aus früheren Zeiten kannte, ihn in die Serie gesetzt und den Rest erfunden hat? Wer weiß, vielleicht spuken sie schon lange hier herum? Ich meine ja nur: Area 51 und so...« Diese berechtigte Frage ließ mein naives Lächeln augenblicklich verschwinden.

»Das ist möglich. Aber mehr als hoffen können wir nicht. Entweder der Doctor kommt, oder wir sterben. Wir können nichts tun.« Ich ließ das Smartphone auf meinen Schoß  fallen und seufzte niedergeschlagen. Auf dem Display war immer noch das Bild des Schallschraubers zu sehen.

»Schau mal, du hast gar keinen Empfang. Nicht einmal einen Balken. Das ist seltsam, wir sind mitten in der Stadt.« Jack hatte nun seinen Kopf in meinen Nacken gelegt und tippte unbeholfen auf dem Display herum. Ich fühlte mich durch seine Nähe ein wenig unwohl, wollte ihn aber auch nicht auf Abstand halten.
»Stimmt«, bemerkte ich. »Ob die Daleks etwas damit zutun haben?«


Plötzlich hörten wir ein Geräusch aus dem Korridor.
Es knackte verdächtig, als gebe sich jemand vergeblich die Mühe, kein Geräusch zu verursachen. Dann fiel etwas krachend zu Boden und schließlich folgte eine Explosion, die die Etage erzittern ließ. Die Tische, die wir vor der geschlossenen Tür gestapelt hatten, wackelten gefährlich. Der obere war mit seinem Beim schon über den unteren gerutscht und drohte nun laut scheppernd auf den Boden zu fallen. Das würde uns verraten. Das wiederum wäre unser sicherer Tod.

Ich jaulte erschrocken auf, Jack drückte schnell seine Hand auf meinen Mund.
Es knartschte und wackelte vor der Tür.

Dann wurde es still. Der Tisch hörte auf zu wippen und blieb stehen, das Dröhnen aus dem Korridor ließ nach.

Das Einzige, was ich hörte, war mein eigener Herzschlag und das Blut, das stark pulsierend in meinen Ohren rauschte. Jack war ruhig und presste mich an sich, damit ich still blieb. Zusammen starrten wir auf den Türschlitz, unter dem man Rauchschwaden vorbeiziehen sehen konnte. Ich sah plötzlich jedes Detail. Meine Umgebung blendete ich aus.
Es gab nur noch das Licht und den Staub auf der anderen Seite der Tür.

Dann, ganz langsam, sah ich zunächst einen Schatten unter den Türschlitz kriechen, verstohlen und wohl wissend, dass wir uns in diesem Raum versteckten. Es folgten blaues Licht und schwarzes Metall. Staub wurde durch den Schlitz gewirbelt und verteilte sich im Raum. Ein sehr leises Geräusch war zu hören. Mechanisch, bedrohlich. Ich fühlte mich der Ohnmacht nahe, konnte nicht mehr denken, nur noch auf die Tür starren und hoffen, dass wir unbemerkt blieben. Aber das waren wir nicht. Sie wussten, dass wir hier waren.

Der Dalek blieb vor der Tür stehen und wartete. Ich presste meinen Kopf an Jacks Brust und versuchte keinen Laut von mir zu geben, doch das Atmen fiel mir so schwer, dass ich begann, hektisch nach Luft zu schnappen.

Jack fuhr durch meine Haare und strich ganz vorsichtig über meinen Rücken, bis ich mich halbwegs fangen konnte.

»Wir schaffen das«, deutete er lautlos mit seinen Lippen an.

Nach zehn qualvollen Minuten verschwand der Schatten unter der Tür beinahe lautlos. Nach weiteren zehn Minuten trauten wir uns, aufzustehen und liefen anschließend ratsuchend durch den Raum. Eine Lösung musste her, ein Fluchtweg oder Ähnliches. Aus dem Fenster zu springen wäre töricht, in den Korridor zu gehen ebenfalls. Kurzum: Wir saßen fest. Die Daleks hatten uns da, wo sie wollten.


***



»Die Daleks sind unkaputtbar und können fliegen. Sie schießen wie die Irren und haben es höchst wahrscheinlich auf die Menschen abgesehen. Außerdem scheinen sie aus einem bestimmten Grund die Schule zu belagern. Vielleicht hält sich der Doctor hier auf, anders kann ich mir ihr Interesse an diesen Ort nicht erklären.« Ich saß in der hinteren Ecke des Klassenraumes und zählte jeden Punkt an meinen Fingern ab, auch wenn das nicht sonderlich hilfreich war. »Wir wissen nicht, wie es mit dem Rest der Welt aussieht. Was ist mit unseren Familien?«

Jack lehnte sich mit einer Hand auf den Metallstab und starrte Löcher in die Luft. Jetzt schon zeichneten sich dunkle Ringe unter seinen Augen ab. »Also wir könn-«, begann er, wurde jedoch durch eine Explosion unterbrochen. Plötzlich pustete jemand die Tür weg, als wäre sie nichts als leichter Karton. Die Tische flogen auf Jack, rissen ihn zu Boden und brachen sofort sein Genick. Leblos und seltsam verrenkt blieb er liegen. Die Tische zerbarsten mit der Tür an den Wänden des Raumes. Einer flog durch das Fenster und riss einen Vorhang mit. Ich verschluckte mich an meinem eigenen Schrei und stolperte sofort zu Jack.
Sein Kopf war verdreht, lief blau an. Aus den Platzwunden überall am Körper floss eine Menge Blut, welches sich sofort am Boden verteilte und eine dunkelrote Lache bildete. Mein Gesicht spiegelte sich in ihr.
Mir wurde übel.

»Nein... Jack! Nicht sterben! Was zur-« Etwas schnürte meinen Hals zu, zerdrückte mein Herz, presste alles Gute aus mir heraus. Mit einem Mal. »Bitte nicht... Bitte bleibe bei mir, i-ich schaffe es nicht alleine! Ich bin zu schwach! Bitte warte noch eine Minute... Bis der Doctor kommt.. Jack...«

Hilflos musste ich dabei zusehen, wie zwanzig Daleks den Raum einnahmen, Jack zu Staub verarbeiteten und ihre Waffen auf mich richteten.



***




»Vernichten!«

Ich stand trotz des Schwindels auf und versuchte mich von dem Dalek fern zu halten, der sich mir mit erhobener Waffe näherte. Das metallene Gehäuse, die Rüstung des Wesens, war bis auf vereinzelte Blutspritzer sauber und glänzend. Mein Gesicht spiegelte sich im Dalek und wurde lediglich durch die eingearbeiteten Rillen und Beulen verzerrt.

»Vernichten!«, wiederholte das Monster. Es drückte einen Arm auf meine Brust, direkt auf das Herz.

»Bitte nicht«, winselte ich leise, hob aus Reflex beide Arme. Schnell wurde ich in die Mitte des Raumes gedrängt und von den scheinbar schwebenden Daleks umkreist. Sie positionierten ihre Waffen und nahmen mich skeptisch mit ihren blau leuchtenden Linsen unter die Lupe. »D-Der Doctor wird kommen und mich retten!« Es kostete mich großen Mut, das zu sagen.
Kaum hatte ich den Satz beendet, brachen die Aliens in Gelächter aus. Ihre verzerrten Stimmen schmerzten in meinen Ohren.

»Der Doctor!«, sang einer von ihnen schelmisch. »Den Doctor werden wir vernichten!« Die anderen stimmten mit ein, wiederholten das das Wort »Vernichten« immer wieder, bis ich schreiend auf den Boden fiel und mir beide Hände auf die Ohren presste. Es hörte einfach nicht auf, sie wurden immer lauter und kamen immer näher, bis ich einfach nur noch sterben wollte. Ich spürte all meine Angst, die Selbstzweifel und meine Ohnmacht. Ich ließ es zu, denn es war sowieso das Ende. Ein Schuss und ich würde zu Staub zerfallen. Aber aus irgendeinem Grund zögerten sie es hinaus. Wollten sie mich leiden sehen?

Plötzlich fiel etwas aus meiner inneren Jackentasche und rollte klappernd ein paar Zentimeter über den glatten Boden. Die Daleks verstummten mit einem Mal. Sie alle blieben still, waren wie festgefroren.
Ich löste ganz langsam meine Hände von den Ohren und legte sie am Boden ab, um meinen Kopf ein wenig heben zu können. Niedergeschlagen öffnete ich meine Augen, um feststellen zu können, was zur Hölle die Daleks verstummen ließ, was sie daran hinderte, mich zu quälen. Mein Blick fiel auf den länglichen Gegenstand aus meiner Tasche, direkt vor meiner Nase am Boden.

»Der Schallschrauber..?« Ich nahm ihn langsam in meine Hand und wog ihn locker hin und her. Ein seltsam vertrautes Gefühl...

»Ich...« Langsam stand ich auf, die Daleks waren immer noch still. »Ich bin der Doctor..?!«



In der Welt, in der ich lebe, gibt es nur wenige Helden.

Warum?

Weil die Menschen ewig nach ihnen suchen und aus diesem Grund niemals fündig werden. Sie suchen an der falschen Stelle. Sie suchen nicht bei sich selbst.

Wir können nicht immer auf Hilfe warten.
Manchmal müssen wir selbst das sein, was wir uns in anderen Menschen erhoffen. Selbst tätig werden, Mut zeigen, den ersten Schritt wagen, den Mund aufmachen, sich für andere einsetzen.

Wenn alle immer nur suchen, wird es nie einen Helden geben.




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ERNSTHAFT?! Und davon träume ich nachts! :O
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