Aus dem Schatten ins Licht

GeschichteSchmerz/Trost, Übernatürlich / P18 Slash
Ferb Fletcher OC (Own Character) Phineas Flynn
09.03.2016
09.03.2016
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Nebel. Dichter, wabernder Nebel umgibt mich, als ich zu mir komme. Benommen versuche ich, mich aufzusetzen und mich zu orientieren. Doch wohin ich auch blicke, überall hängen graue Nebelschwaden wie fein gesponnene Spinnweben in der Luft und versperren mir die Sicht. Lassen mir keine Möglichkeit dazu, in irgendeiner Weise zu erkennen, wo ich mich überhaupt befinde. Nur undurchsichtige Schatten, so weit mein Auge reicht.
Wo bin ich? Was mache ich hier? Und viel wichtiger: Wie bin ich überhaupt hierhergekommen? Was habe ich hier an diesem seltsamen und unheimlichen Ort zu suchen? Wer hat mich hierhergebracht?
Krampfhaft bemühe ich mich darum, mich an irgendetwas zu erinnern. An irgendetwas, das mir hilft, mich wieder zu orientieren. Doch mein Gedächtnis scheint wie ausgelöscht zu sein. Alles in meinem Kopf kommt mir genauso dunkel und undurchsichtig vor wie die Welt hier draußen. Da ist kein einziger Funke Erinnerung mehr, der mir irgendwie weiterhelfen könnte. Nur eine schwarze, unüberwindliche Wand. Ein Filmriss.
Ich kann spüren, dass Panik in mir aufsteigt und ich nervös werde. Tausende von Fragen tauchen vor meinem inneren Auge auf. Warum kann ich mich nur an nichts erinnern? Warum wache ich an einem Ort auf, den ich noch niemals zuvor gesehen habe? Wie komme ich überhaupt hierher? Wer bin ich eigentlich?
Diese Frage hallt mir wieder und wieder durch den Kopf. Wer bin ich? Wer bin ich? Kann ich mich daran noch erinnern? Kann ich mich an meinen Namen erinnern? Weiß ich noch, wie ich heiße? Ich hole tief Luft und denke angestrengt nach. Mein Name. Mein Name. Wie zum Teufel war mein Name? Warum fällt er mir nur nicht ein? Warum weiß ich nicht mehr, wer ich überhaupt bin? Warum bin ich hier? Warum ist hier außer mir keine Menschenseele? Wo gehöre ich hin? Wo ist meine Familie? Und wer ist meine Familie?
Warum muss ich nur ganz allein hier sein? Allein an einem Ort, den ich noch nie betreten habe. Mit keinerlei Erinnerung mehr an mein Leben oder an mich selbst. Warum ist niemand hier, der mir vielleicht helfen kann? Dabei helfen kann, herauszufinden, wer ich bin und wohin ich gehöre. Warum sehe ich weit und breit nichts als Nebel? Warum ist mein Leben wie ausradiert? Warum weiß ich nicht mehr, wer ich bin oder was ich mache? Wo mein Zuhause ist? Meine Freunde, meine Familie. Habe ich Freunde? Habe ich Familie und ein Zuhause? Ich weiß es nicht mehr. Ich weiß überhaupt nichts mehr.
Ich kann die Tränen in meinen Augen spüren, während ich verzweifelt darum kämpfe, ein klares Bild in den Kopf zu bekommen. Aber alles, woran ich denke, wirkt verschwommen und verzerrt, genau wie die endlose Nebelwelt ringsum mich. Ich muss hier raus, wird mir klar. Ich muss weg von diesem Ort und herausfinden, wer ich bin. Ich darf nicht länger an diesem unheimlichen Ort bleiben. Ich muss weg. Ich muss so schnell wie möglich hier weg.
Von Angst und Verzweiflung getrieben, fange ich an zu laufen. Schneller und schneller. Immer weiter in den dichten Nebel hinein, raus aus diesem schrecklichen Albtraum. Beim Laufen spüre ich die Kälte auf der Haut. Eine frostige Kälte, die mich bei jedem weiteren Schritt frieren lässt. Doch ich darf nicht stehenbleiben. Ich muss laufen. Weiter und weiter, bis ich endlich wieder klar sehen kann. Bis ich diesen dunklen Ort endlich hinter mir gelassen habe.
Wieder erhöhe ich mein Tempo, kämpfe mich Stück für Stück vorwärts. Der Nebel scheint immer dichter zu werden und ich kann mittlerweile nicht einmal mehr meine eigene Hand vor Augen sehen. Trotzdem muss ich weiterlaufen. Solange weiterlaufen, bis die düsteren Schatten um mich herum endlich zu Ende sind. Angestrengt versuche ich, irgendetwas zu erkennen. Irgendwo muss es doch einen Weg aus diesem Labyrinth geben.
Hastig blicke ich mich nach allen Seiten um. Wohin jetzt? Wohin soll ich nur laufen? Nach links? Nach rechts? Nach vorne? Oder laufe ich die ganze Zeit in die falsche Richtung? Woher soll ich denn nur wissen, welchen Weg ich nehmen muss, wenn ich nicht einmal weiß, wo ich bin? Wie soll ich mich hier zurechtfinden? Wie soll ich nur je wieder hier rauskommen?
Ein deprimiertes Seufzen dringt aus meinem Inneren, als ich mir klar wird, dass es keinen Ausweg gibt. Ich weiß noch nicht einmal, wohin ich überhaupt laufen soll. Wie soll ich dann jemals einen Ausgang finden? Unzählige Tränen, die sich durch die Kälte wie Eis anfühlen, laufen meine Wangen hinunter, während mir endgültig bewusst wird, dass ich verloren bin. Verloren in einer Welt aus grauen, dunklen Schleiern. Entmutigt setze ich mich auf den Boden und fange an zu schluchzen. Es ist vorbei, geht es mir durch den Kopf. Ich werde niemals wieder hier rauskommen. Niemals wieder.
Ich schließe für einen kurzen Moment meine Augen und atme noch einmal tief durch. Als ich sie wieder aufmache, glaube ich zuerst, mich zu täuschen. Ich blinzle einige Male, um mich zu vergewissern, dass ich auch richtig sehe. Ja. Tatsächlich. Die Nebelstreifen scheinen Stück für Stück zu zerrinnen. Ganz langsam lösen sie sich vor meinen Augen auf, bis sie schließlich völlig aus meinem Blickfeld verschwunden sind. Noch einmal muss ich blinzeln, weil ich gar nicht glauben kann, was ich da vor mir sehe.
Eine Wiese. Eine tiefgrüne, endlos erscheinende Wiese, die sich zu beiden Seiten erstreckt. Einen Himmel. Einen tiefblauen, wolkenlosen Himmel, an dem eine märchenhaft glänzende Sonne steht. Und einen See. Einen kristallklaren See, der im hellen Sonnenlicht funkelt, als wäre er von tausend Diamanten bedeckt. Eine Landschaft wie aus einem Bilderbuch. Viel schöner noch als man es sich jemals vorstellen könnte.
Doch trotzdem weiß ich noch immer nicht, wer ich bin oder was ich hier mache. Wie komme ich an diesen Ort? Was soll ich hier? Zögernd laufe ich ein paar Schritte durch das frische Gras und versuche, eine grobe Orientierung zu bekommen. Ich muss meine Augen vor der grellen Sonne abschirmen, um zumindest halbwegs etwas erkennen zu können. Eilig schaue ich mich nach allen Seiten um, doch wohin mein Blick auch fällt, überall nur grüne Wiesen und märchenhaft-schillernde Seen.
War ich schon einmal hier? Habe ich diesen Platz früher schon einmal betreten? Wohne ich vielleicht hier in der Nähe? Ist hier der Ort, an den ich gehöre? Während ich versuche, mich daran zu erinnern, fällt mir plötzlich etwas ins Auge. Dort drüben, gleich hinter dem funkelnden See. Ist das ein Tor? Kann das wirklich ein Tor sein? Eilig fange ich an zu laufen, darum bemüht, es klarer und deutlicher zu sehen.
Tatsächlich. Als ich näher komme, kann ich es ohne Zweifel erkennen. Ein riesiges, goldenes Tor, inmitten dieser Bilderbuchlandschaft. Ich laufe darauf zu und bleibe schließlich davor stehen. Wie eigenartig, denke ich mir. Aber wenn ich es mir genau überlege, ist alles an dieser ganzen Sache merkwürdig. Zuerst dieser Nebel. Jetzt diese Landschaft. Und nun auch noch dieses goldene Tor.
Wohin mag es wohl führen, frage ich mich im Stillen. An welchen Ort werde ich wohl kommen, wenn ich hindurchgehe? Komme ich dann vielleicht nach Hause? Fällt mir dann vielleicht alles wieder ein? Ohne zu zögern umfasse ich den Griff und ziehe das Tor auf. Es geht schwer, lässt sich nur mit größter Anstrengung öffnen.
Grelles Licht peitscht mir entgegen, als ich eintrete und wieder muss ich meine Augen abschirmen. Ich laufe ein paar Schritte, halte dann aber inne, als mich wie aus dem Nichts eine starke Energie durchströmt. Es fühlt sich an, als würden tausend Blitze auf mich einschlagen. Als stünde mein Körper unter Hochspannung. Ich sinke auf die Knie und schließe die Augen, während ich darauf warte, dass dieses Gefühl vorbeigeht.
Und plötzlich sehe ich es. Ein Bild taucht vor meinem inneren Auge auf. Ein Name. Mein Name: Ferb Fletcher. Unzählige Male geht mir dieser Name durch den Kopf. Ferb Fletcher. Das bin ich. Aber wie bin ich hierhergekommen? Wo sind Mom und Dad? Und wo ist Phineas?
Phineas. Wie konnte ich ihn nur vergessen? Wie konnte ich nur meinen eigenen Stiefbruder vergessen? Und wo bin ich eigentlich? Wie komme ich an diesen Ort? Und was ist das eigentlich für ein Ort? Ich gehe noch ein paar Schritte weiter. Es kommt mir vor, als würde ich durch einen langen, dunklen Flur laufen, auf der Suche nach dem Ausgang. Doch wohin ich blicke, ich sehe nur Schwarz in Schwarz. Überall nur Dunkelheit um mich herum.
„Ferb!“. Plötzlich höre ich eine Stimme, die laut meinen Namen ruft. Die wieder und wieder laut meinen Namen ruft. Eine Stimme, die mir so vertraut und nah vorkommt, als wäre sie direkt neben mir. „Ferb, nein!“. Ich beginne zu laufen. Folge ihr. Folge der Stimme, die nach mir ruft. Und plötzlich blitzt wieder ein Bild aus meiner Erinnerung vor mir auf. Scheinwerfer. Ich sehe zwei grelle Autoscheinwerfer, die sich mit hoher Geschwindigkeit auf mich zubewegen. Ich spüre Regen. Ich spüre kühlen Regen auf meinem Gesicht. Reiße den Lenker herum. Versuche, auszuweichen. Fühle, wie ich den Halt verliere und ins Schleudern komme. Höre den Aufprall. Warte auf den Schmerz.
Doch nichts passiert. Die Bilder verschwimmen und ein helles Licht taucht neben mir auf. Ein Licht, so grell und wärmend wie ich es noch niemals gesehen habe. Ein Licht, das mich magisch anzuziehen scheint. Ich laufe darauf zu. Laufe in den grellen Schein, der meinen ganzen Körper durchflutet. Schließe meine Augen und warte, wohin es mich führt.
Als ich sie nach kurzem Zögern wieder öffne, sehe ich mich selbst auf dem Boden liegen. Sehe mein Motorrad. Mein kostbares Motorrad, das wirkt, als hätte es unter der Schrottpresse gelegen. Ich sehe Dad, der Mom fest in den Armen hält und weint. Candace, die zitternd danebensteht und die Hände vors Gesicht geschlagen hat.
Und Phineas. Meinen über alles geliebten Phineas, der schluchzend neben mir kniet und nach mir ruft. Der mich bei den Schultern packt und mich mehrfach durchschüttelt. Mein Phineas. Mein wundervoller Phineas. Mein Engel. Ich kann sehen, wie er mir um den Hals fällt und schluchzt. Sehe die vielen kleinen Tränen, die über sein blasses Gesicht laufen. Höre seine unglücklichen Schreie. Höre, wie er immer wieder meinen Namen ruft.
„Phineas“, sage ich zu ihm. „Phineas, ich bin hier. Es ist alles gut. Phineas!“. Er hört mich nicht. Er kann mich einfach nicht hören. Mehrfach versuche ich, ihn zu erreichen, doch egal was ich tue, er nimmt mich nicht wahr. Ich versuche, über seine Wange zu streicheln, doch auch das bemerkt er nicht. „Phin, mein Schatz, ich bin hier“, rufe ich. „Direkt vor dir“. Wieder hört er mich nicht. Er sieht einfach zu Boden und weint. Als wäre ich gar nicht da. Als würde ich nicht existieren.
Vielleicht existiere ich wirklich nicht, geht es mir plötzlich durch den Kopf. Vielleicht ist das der Grund, warum mir das alles so merkwürdig vorkommt. Aber kann das denn wirklich wahr sein? Ist das die einzige Erklärung für diese ganzen eigenartigen Geschehnisse? Bin ich wirklich nicht mehr da? Weint meine Familie deshalb so schrecklich? Weinen sie um mich? Weil ich gegangen bin? Weil ich aus diesem Leben gegangen bin?
Nein, schießt es mir durch den Kopf, während ich anfange zu zittern. Nein, das kann doch nicht sein. Das kann doch unmöglich wahr sein. Das... das muss doch nur ein böser Traum sein. Ein ganz böser Albtraum. Ich muss doch jeden Moment in meinem Bett aufwachen und alles ist gut. Ich kann doch nicht wirklich tot sein! Das ist doch gar nicht möglich! Nein! - nein! - NEIN!
Das ist nicht wahr, sage ich mir. Das ist einfach nicht wahr. „Phineas!“, brülle ich so laut ich kann. „Phineas! Mom! Dad!“. Ich schluchze. „Mom!“, rufe ich. „Candace! Mom! Dad! PHINEAS!“. Sie hören mich nicht. Sie können mich einfach nicht hören. Ich sinke auf die Knie und weine, als mich wieder dieses merkwürdige Gefühl überkommt und erneut dieses Bild aus meiner Erinnerung auftaucht.
Die regennasse Straße. Die grellen Scheinwerfer, die auf mich zurasen. Das Quietschen der Reifen, als ich versuche, auszuweichen. Der heftige Stoß, als ich von meinem Motorrad gestürzt bin. Der Aufprall. Der Schmerz. Wieder fühle ich nichts, als mir dieses Bild durch den Kopf geht. Nicht eine Faser meines Körpers schmerzt oder fühlt sich irgendwie komisch an. Ich empfinde alles wie immer. Kein stechender Schmerz, der mich durchzuckt. Absolut gar nichts.
Aber ich kann auch nichts mehr fühlen, geht es mir durch den Sinn. Ich kann keinen Schmerz mehr empfinden, weil es mich gar nicht mehr gibt. Ein lauter Schrei dringt aus meiner Kehle, als mir bewusst wird, dass es wahr ist. Dass es mich wirklich nicht mehr gibt. Dass mein Leben jetzt zu Ende ist.
Ich sinke erneut auf die Knie. Weine. Schluchze. Schreie. Mein Leben kann noch nicht vorbei sein, sage ich mir. Es gibt doch noch so viel, was ich noch erleben will. Mit Phineas erleben will. Wir haben doch noch so viele Pläne für die Zukunft! Wir wollten uns doch eine gemeinsame Wohnung suchen, um unser Glück ungestört genießen zu können. Wir wollten unseren ersten Jahrestag zusammen feiern. Den Tag, an dem vor genau einem Jahr unsere einmalige Beziehung zueinander begonnen hat. An dem ich zum ersten Mal gespürt habe, was es bedeutet, richtig verliebt zu sein. Was es heißt, geliebt zu werden.
Ich kann ihn doch jetzt nicht einfach alleinlassen, sage ich mir. Er braucht mich doch. Genau wie ich auch ihn brauche. Wir können doch gar nicht ohneeinander leben. Das geht einfach nicht, verdammt! Ich kann jetzt nicht gehen, ich muss bei ihm bleiben. Bei meiner Familie. Sie brauchen mich.
„Phineas!“, rufe ich ihm zu. „Phineas, bitte!“. Ich versuche, nach ihm zu greifen, kann ihn aber nicht erreichen. Weil er in einer anderen Welt ist. Weil ich nicht mehr in diese Welt gehöre. Weil man uns nicht einfach so trennen darf! Das geht nicht, verflucht! Das geht nicht!
Mit Tränen in den Augen beobachte ich, wie er mit seiner kleinen Hand nach meiner greift und sie zärtlich streichelt. Ich sehe, wie er sich an mein Gesicht heranbeugt und mir die Worte „Mach's gut“ ins Ohr flüstert. Wie er mir ein letztes Mal durch das Haar streift und mir einen liebevollen Kuss auf die Wange gibt. Dann steht er auf und geht zu Mom und Dad hinüber. Sie nehmen ihn fest in die Arme und klopfen ihm mehrmals auf den Rücken. „Es geht ihm jetzt besser“, höre ich Mom zu ihm sagen. „Er hat jetzt alles überstanden“.
Es geht mir nicht besser, Mom!, denke ich wütend und aufgelöst zugleich. Wie soll es mir denn bitte gut gehen, wenn ich euch verlassen muss? Wie soll es mir gut gehen, wenn ich euch niemals mehr umarmen kann? Wenn ich euch zwar sehen, aber nicht mehr mit euch sprechen kann?
Noch während ich aufgelöst darüber nachdenke, erscheint neben mir plötzlich ein helles Licht. Ein wärmendes Licht, das irgendetwas magisches an sich zu haben scheint. Wie hypnotisiert drehe ich mich zu ihm um und laufe darauf zu. „Ferb“, höre ich jemanden rufen. „Komm mit mir. Es ist an der Zeit“. Auch wenn ich versuche, mich dagegen zu wehren, ich schaffe es nicht. Das helle Licht scheint mich förmlich zu fesseln und ich laufe schließlich hinein, bis es mich durch und durch überflutet.
Als ich wieder zu mir komme, bin ich umgeben von unzähligen hellen Lichtern, die sich langsam auf mich zubewegen. „Willkommen, Ferb“, höre ich jemanden sagen. Hastig drehe ich mich um und erblicke eine Gestalt in einem langen, weißen Mantel, die mir freundlich entgegenlächelt. „Wo... wo bin ich?“, frage ich benommen, während ich versuche, zu begreifen, was gerade vor sich geht. Träume ich oder geschieht das gerade wirklich?
„Du bist daheim, Ferb“, antwortet mir die Lichtgestalt. „Du bist wieder daheim“. „Was...?“, fragte ich nach und versuche, meine Tränen zu unterdrücken. Die Lichtgestalt scheint langsam zu verblassen und aus ihrem Schein tritt eine junge Frau mit weißen Kleid hervor. Sie kommt auf mich zu und ich weiche verängstigt zurück.
„Keine Angst“, sagt sie mit ruhiger, sanfter Stimme und lächelt. „Alles ist gut. Du musst dich nicht fürchten. Ich bringe dich nach Hause“. „Nach... nach Hause?“, frage ich verwirrt, während Tränen über meine Wangen kullern. Die Frau kommt zu mir und legt ihre Hand an meine Wange. Meine Tränen scheinen sich im Nichts aufzulösen, als sie mich berührt und plötzlich weiß ich gar nicht mehr, weswegen ich überhaupt geweint habe.
„Du musst keine Tränen vergießen“, sagt die junge Frau zu mir. „Hier wird dir niemand etwas zuleide tun. Hier gibt es keine Angst. Hier regieren Frieden und Liebe“. „Wo bin ich?“, wiederhole ich meine Frage, während ich die Frau mustere. „Und wer bist du?“. „Ich bin dein Schutzengel“, antwortet sie mir. „Ich wurde gesandt, dich auf deinem Weg hinein zu begleiten“. „Mein... Schutzengel?“, frage ich nach und blicke sie mehr als ungläubig an. „Ja, Ferb“, antwortet sie ruhig. „Ich hatte die Aufgabe, dich im ersten Leben vor Gefahren zu schützen, dich zu begleiten auf deinem Lebensweg und dir beizustehen in schwachen Stunden“. „Im... ersten Leben?“, will ich wissen. „Aber wie...?“.
„Jeder von euch hat zwei Leben. Das endliche und das ewige“, antwortet sie mir. „Und es liegt an jedem von euch, ob ihr bereit seid, das ewige Leben zu nutzen“. „Ich... ich begreife das nicht“, erwidere ich durcheinander. „Das werde ich dir noch erklären“, meint sie lächelnd und legt ihre Hand auf meine Schulter. „Nun wird es Zeit, dich hineinzuführen. In das Reich des zweiten und ewigen Lebens“.
Sie fasst mich an die Hand, doch ich schrecke zurück. „Nein!“, rufe ich laut. „Nein, ich bin noch nicht so weit!“. „Doch“, entgegnet sie sanft. „Deine Zeit im ersten Leben ist um. Du bist nun bereit für die nächste Ebene“. „Nein!“, wiederhole ich und weiche ihr aus, als sie versucht, nach mir zu greifen. „Meine Familie braucht mich! Phineas braucht mich! Ich kann nicht gehen! Phineas!“. „Eines Tages wird er dir folgen“, antwortet sie weise. „Eines Tages wird auch er bereit sein, das nächste Leben anzutreten“. „Nein!“, wiederhole ich. „Das geht nicht! Du kannst uns nicht so einfach trennen! Er braucht mich! Bitte!“.
„Es ist alles gut, Ferb“, sagt sie sanft und legt mir beruhigend die Hand auf die Schulter. „Er wird dir folgen. Eines Tages wird auch er hier sein. Und dann seid ihr wieder vereint. Für alle Zeiten“. „Aber... aber ich liebe ihn doch!“, protestiere ich. „Wir hatten doch noch so viel zusammen vor. Weißt du überhaupt, wie nahe wir uns wirklich standen?! Hast du eine Ahnung, wie sehr ich ihn wirklich liebe? Wie viel mir unsere Liebe bedeutet?“.
„Ich weiß es, Ferb“, antwortet sie. „Ich weiß alles über eure Liebe. Deshalb bin ich mir auch sicher, dass sie nicht abreißen wird. Niemals. Auch wenn ihr jetzt in zwei verschiedenen Ebenen seid, eure innige Verbindung wird nie abreißen. Ihr werdet euch immer lieben. Und eines Tages, wenn die Zeit da ist, werdet ihr euch wiedersehen“. „Bist du sicher?“, hake ich noch einmal nach. „Ganz sicher“, antwortet sie mit ihrem sanften Lächeln. „Nun komm, ich führe dich hinein“.
„Warte“, sage ich und zögere. „Wenn du mein Schutzengel bist, darf ich dich noch um einen letzten Wunsch bitten?“. „Welchen?“, fragt sie knapp. „Darf... darf ich ihn noch einmal sehen?“, frage ich unter Tränen. „Bitte. Auch wenn er mich nicht hört. Ich möchte mich noch von ihm verabschieden. So lange, bis wir uns wiedersehen“. „Nun“, sagt sie nachdenklich. „Normalerweise ist das nicht üblich“. „Bitte“, flehe ich sie an. „Nur noch einmal. Ich möchte ihn noch einmal sehen. Bitte!“. „Nun“, wiederholt sie. „Wie ich sagte, normalerweise ist das nicht üblich. Aber wenn dir der Übergang dadurch erleichtert wird“.
Mit diesen Worten dreht sie sich um und lässt ihre Hand über eine Wolke gleiten. Kurz darauf erscheint Phineas darin, der weinend in unserem gemeinsamen Zimmer sitzt. „Mein Engel“, flüstere ich und greife nach ihm. Ich streichle sanft sein Gesicht und genau in diesem Moment blickt er kurz auf. „Er... er hat mich gespürt“, wird mir klar und ich drehe mich überrascht zu meinem Schutzengel um. „Er wird dich immer spüren“, antwortet sie mit einem Lächeln. „Er wird deine Nähe nie verlieren, auch wenn es ihm jetzt so scheinen mag“.
„Oh Phineas“, flüstere ich und lächle unter Tränen. „Was soll ich dir jetzt nur sagen? Wie soll ich die richtigen Worte finden?“. Ich unterbreche mich kurz und wische die Tränen aus meinem Gesicht. „Ich liebe dich so sehr, Phin“, setze ich dann fort. „Ich werde dich immer lieben. Für alle Zeit. Ich weiß, dass du jetzt furchtbar traurig bist, weil ich dich einfach alleingelassen habe. Aber wir werden uns wiedersehen, Phineas. Wir werden uns irgendwann wiedersehen. Bis dahin wünsche ich dir von Herzen alles Gute für deinen Weg. Bleib so stark und mutig wie du bist. Und egal, was auch passieren wird, ich werde dich nie alleinlassen. Ich werde dich jeden Tag auf deinem Weg begleiten, wohin du auch gehst. Du kannst mich vielleicht nicht mehr sehen, aber ich weiß, dass du mich spürst. Ich bin immer in deiner Nähe. Ich begleite dich, bis wir wieder zusammen sind. Darum hab bitte keine Angst. Ich weiß, dass du eines Tages kommen wirst. Und ich verspreche dir, wenn dieser Tag da ist, werde ich am großen Tor auf dich warten. Mach es gut, mein Prinz. Ich liebe dich“.
Ich muss weinen, als ich mein Abschiedswort beendet habe, gleichzeitig schöpfe ich aber wieder neuen Mut, da ich jetzt genau weiß, dass dieser Abschied nicht für immer ist. Phineas wird eines Tages nachkommen. Und ich werde hier sein und auf ihn warten. Egal, wie lange es auch dauern mag.

Auch wenn es mir Leid tut, das sagen zu müssen, aber die Ewigkeit kann manchmal ziemlich langweilig sein. Natürlich ist es das Paradies, aber ohne meinen Phineas ist es hier trotzdem sehr eintönig. Er fehlt mir noch sehr. Viele meiner Freunde und Bekannten sind inzwischen hier angekommen, darunter meine Großmutter, meine Mom, mein Dad, meine Schwester Candace und meine Freunde Buford und Baljeet. Sie alle sind nun wieder mit mir zusammen und ich habe mich auch sehr gefreut, sie wiederzusehen.
Doch mein Phineas, der eine, auf den ich so sehnsüchtig warte, ist bisher leider noch nicht da. Seit ich hier bin, verbringe ich jeden Tag damit, ihm durch einen Spiegel zum ersten Leben zuzusehen und ich freue mich sehr, dass aus ihm ein erfolgreicher junger Mann geworden ist. Und auch wenn er mir fehlt, wünsche ich ihm trotzdem noch ein langes und gesundes Leben und noch viele reiche Stunden voller Glück. Ich werde geduldig warten, bis er uns eines Tages folgt. Bis ich ihn endlich wieder in die Arme schließen kann.

„Ferb? Ferb Fletcher?“. Ich schaue gerade den Wolken zu, die ganz nah an mir vorbeiziehen, als ich meinen Schutzengel nach mir rufen höre. „Ja?“, antworte ich überrascht, da ich nicht damit gerechnet habe, sie heute zu sehen. „Ferb, schön, dass ich dich gefunden habe“, sagt sie, als sie zu mir kommt und lächelt. „Was gibt es denn?“, will ich gespannt wissen und komme ihr entgegen. „Ferb, komm bitte mit zur Pforte“, antwortet sie. „Dort wartet jemand auf dich“. „Oh“, sage ich überrascht und zugleich bedrückt, da ich nicht darauf vorbereitet war, wieder jemanden aus meinem Bekanntenkreis hier zu empfangen, denn erst kürzlich ist mein Freund Baljeet hier angekommen.
„Folge mir“, sagt mein Schutzengel und führt mich den mittlerweile vertrauten Weg zur Pforte entlang. „Ich bin sicher, dass du dich freuen wirst“. Gehorsam bleibe ich dicht hinter ihr und trete dann gespannt vor die goldene Pforte, die auch ich vor langer Zeit einmal durchquert hatte.
Mit einer Handbewegung öffnet mein Schutzengel die Tür und eine neue Seele tritt ein. Doch als ich sie sehe, glaube ich fast, meinen Augen nicht zu trauen. „Hallo Ferb“, sagt die mir so vertraute Stimme und ein allzu vertrautes Gesicht lächelt mir entgegen. Ich muss mich stark zusammenreißen, um nicht in Tränen auszubrechen. „Phineas“, rufe ich bewegt und stürze überglücklich auf ihn zu. „Phineas... wie... wie kommst du denn hierher?“. „Meine Zeit ist abgelaufen“, antwortet er und streichelt mir durchs Haar, genau so wie früher. „Phin... ich... ich habe dich so vermisst“, rufe ich unter Tränen und klammere mich eng an ihm fest. „Ich dich auch, mein Prinz“, antwortet er, während er ebenfalls mit Tränen kämpft. „Ich habe jeden Tag an dich gedacht“.
„Oh... Phineas...“, rufe ich und weine so laut wie noch nie. Mein Schutzengel tritt neben uns und wir blicken zu ihr auf. „Kommt“, sagt sie zu uns. „Wir müssen unseren Neuankömmling einweisen“.

Ich weiß nicht, wie viele Tage, Monate oder Jahre auf der Erde mittlerweile vergangen sind, seit Phineas hier angekommen ist. Anfangs habe ich immer versucht, das umzurechnen, doch heute ist es mir offen gestanden egal. Er und ich – wir sind endlich wieder zusammen. Und dieses Mal wird es für immer sein, das haben wir uns beide fest versprochen.
Seit er hier ist, ist alles ganz anders für mich. Ich kann wieder lächeln und endlich den Frieden genießen, den jede Seele im Paradies finden soll. Weil er bei mir ist. Und weil ich weiß, dass er mich nie wieder alleinlassen wird.
„Phin“. Ich stupse ihn vorsichtig an, während wir zusammen auf einer Wolke liegen und die Ruhe genießen. „Ja, Ferby?“, will er wissen und lächelt. Ferby. Wie lange habe ich diesen Spitznamen schon nicht mehr gehört? Um ganz ehrlich zu sein: Eine Ewigkeit. „Phin, ich... ich muss dir etwas sagen“, antworte ich bedrückt und schlucke schwer. „Was ist los, mein Kleiner?“, möchte er wissen und setzt sich auf. „Phin... ich... ich habe das Gefühl, dass ich mich bei dir entschuldigen muss“, antworte ich zögernd. „Weil ich dich damals einfach alleingelassen habe“.
„Aber Ferb“, wehrt er ab. „Deswegen musst du dich nicht bei mir entschuldigen. Du konntest doch gar nichts dafür. Außerdem, das ist doch Vergangenheit. Wichtig ist, dass wir jetzt wieder zusammen sind, okay?“. „Ich habe dir jeden Tag zugeschaut“, erwidere ich, ohne auf sein Argument einzugehen. „Jeden Tag habe ich dich begleitet und dich beschützt. Und auch wenn das jetzt kaltherzig klingt: Ich habe sehnsüchtig auf den Tag gewartet, an dem du endlich kommst“.
„Das ist nicht kaltherzig“, versichert er mir und streichelt meine Wange. „Ich hatte ein gutes Leben da unten. Mehr konnte ich vom ersten Leben nicht erwarten. Ich habe jeden Tag an dich denken müssen und wie es dir wohl geht. Ich wusste, dass wir uns eines Tages noch einmal begegnen. Und ich habe geduldig gewartet. Nun, was soll ich sagen? Das Warten hat sich gelohnt“. Nur mit Mühe kann ich meine Tränen zurückhalten und er streichelt mir noch einmal über die Wange.
„Hey Ferby“, flüstert er mir zu. „Es ist alles gut. Nicht weinen, mein Kleiner“. „Entschuldige“, sage ich mit einem Schluchzen. „Schon okay“, erwidert er und streichelt mich. „Du bist emotional. Und genau das liebe ich ja so an dir“. Mit diesen Worten küsst er mich sanft auf den Mund und zieht mich näher zu sich heran.
Dann kuschle ich mich in seine Arme und wir blicken zusammen auf den Horizont hinaus, hinter dem gerade die rote Abendsonne versinkt. „Ich liebe dich, Phin“, flüstere ich ihm leise ins Ohr und lege meinen Kopf auf seine starke Schulter. „Ich dich auch, Ferby“, sagt er und streift zärtlich durch mein Haar. „Für alle Zeit“.
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