Millennium - Nur ein Anruf weniger

von Miss-i
GeschichteDrama, Krimi / P16
Javier Esposito Kate Beckett OC (Own Character) Richard Castle
08.03.2016
29.09.2019
32
64023
5
Alle Kapitel
74 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 Datenschutzinfo
 
Verblendung: Teil 3


Am nächsten Morgen vernahm Kate ein unangenehmes Klingeln neben sich. Sie griff blind auf ihren Nachttisch und suchte nach ihrem Handy. Sie fand es und ging verschlafen ran.
„Beckett“, meldete sie sich.
„Wir haben einen Mord“, erwiderte die andere Stimme. Esposito.
„Wo?“. Er nannte ihr eine Midtowner Adresse und sie legte auf, mit dem Versprechen, sich so bald wie möglich auf den Weg zu machen. Seufzend erhob sie sich und sprintete ins Bad. Die morgendliche Übelkeit blieb ihr also nicht erspart. Super.
Gut fünfundvierzig Minuten später erreichte Kate das gelbe Absperrband und schlüpfte – nach dem Vorzeigen ihrer Marke – darunter hindurch.

„Wer ist das Opfer?“, fragte sie, als sie bei ihren Kollegen angekommen war. Tatort war eine kleine Hochhauswohnung im 10. Stockwerk. Leute von der Spurensicherung wirbelten auf dem engen Raum herum, am Kopf der Leiche hockte Lanie und machte sich Notizen.
„Gute Frage, noch wissen wir es nicht. Aber eines können wir bisher ganz sicher sagen: der Mörder war ein Profi“, antwortete Ryan und stellte sich neben sie in das kleine Wohnzimmer. Auch Esposito gesellte sich zu ihnen.

„Die Spurensicherung hat bisher nichts gefunden, und auch die Identifizierung unseres Opfers dürfte sich als schwierig erweisen. Nirgendwo Fingerabdrücke oder DNA, die nicht zu ihm gehören – wir ja gen sie gerade durchs System, bis jetzt ergebnislos. Außerdem wurden seine Fingerspitzen verbrannt, das Gesicht gehäutet und die Zähne gezogen“.
„Danke, das sehe ich“, entgegnete Beckett auf die ausführlichen Erklärungen ihres Kollegen.
„Lanie, wie sieht’s aus?“, fragte sie die Gerichtsmedizinerin und hockte sich neben sie.
„Das Opfer ist männlich, Mitte fünfzig, schätze ich. Als Todesursache vermute ich-“.
„Häutung!“, wurde sie von Espo unterbrochen.
„Nein. Vergiftung“.
„Vergiftung?“, fragte Beckett nach.
„Äußerlich sind keine Verletzungen zu erkennen, die zum Tod geführt hätten. Seine Haut wurde erst entfernt, als er schon tot war. Die genaue Todesursache kann ich erst später feststellen“.
„Okay“, Kate betrachtete die Leiche eingehend. „Wer war er und was hat er getan, um so zu enden?“, fragte sie.

„Mats? Mats!“, eine Frauenstimme kam von der Tür. Die drei Detectives drehten sich um und sahen eine große, blonde Frau schnellen Schrittes auf sie zukommen. Sobald sie den Toten auf dem Boden sah, hielt sie sich geschockt die Hand vor den Mund und fluchte. Tränen stiegen in ihre Augen.
„Entschuldigung, aber wer sind Sie?“, fand Beckett als erste die Worte.
Die Frau schluchzte und brauchte einen Moment, um sich zu fangen.
„Camilla Olofsson, und vor ihnen liegt mein Bruder“, antwortete sie schließlich unter Tränen, mit einem Singsang in der Stimme, ein nordeuropäischer Akzent. Kate tippte auf Norwegen.


Nur wenig später saß sie mit Camilla Olofsson auf dem Sofa in dem kleinen Wohnzimmer, die Leiche hatte man weggebracht. Die Schwester des Opfers hatte sich langsam wieder gefangen, hatte trotzdem noch ein Papiertaschentuch in der Hand und atmete unregelmäßig durch die Nase.

„Frau Olofsson, ihr Verlust tut mir sehr leid“, fing Beckett das Gespräch an.
„Muss es nicht. Sie haben ja keine Schuld daran, oder?“, Camilla brachte ein kleines, erzwungenes Lächeln zustande.
„Darum geht es. Wir wollen die Person finden, die Schuld daran hatte. Hatte ihr Bruder irgendwelche Feinde?“.

„Das kann ich mir nicht vorstellen. Gott, er- er hatte ja noch nicht mal einen Job! Er ist erst vor wenigen Monaten nach New York gezogen. Er wollte es eigentlich nicht, aber ich habe ihn darum gebeten“, ihre Singsang-Stimme brach und die Tränen liefen wieder. Die Polizistin gab ihr kurz Zeit, dann nahm sie erneut das Gespräch auf.

„Weshalb haben sie ihn darum gebeten?“.
„Mein Mann ist vor kurzem verstorben. Ich habe zwar noch meine Töchter Viveca und Hjördis, aber- aber ich fühlte mich so schutzlos, ich war ja allein! Und da ist er mir als erstes eingefallen und jetzt ist er tot! Hätte ich ihn nicht gebeten, sein geliebtes Schweden zu verlassen, dann… wäre er jetzt nicht tot“, schluchzte sie. Okay, Schweden. Nicht Norwegen.

„Sie sagten, Ihr Mann ist verstorben?“. Camilla nickte.
„Herzinfarkt. Einfach so, mitten in der Nacht. Es war alles normal, aber er ist nicht wieder aufgestanden“.
Beckett nickte, in ihrem Kopf ratterte es, während sie sich Notizen machte. Familie Olofsson überprüfen.

„Wann haben Sie Ihren Bruder das letzte Mal gesehen?“.
„Gestern Abend, so gegen sieben. Wissen Sie, ich unterstütze ihn, wo ich kann. Egal ob finanziell oder sozial. Ich helfe ihm, eine Arbeit zu finden, bis dahin bekommt er wöchentlich Geld von mir, isst manchmal bei uns zu Mittag“. Kate machte sich wieder Notizen.

„Hat er sich irgendwie anders verhalten?“, fragte sie.
„Nein, es war alles wie immer“, antwortete die Schwedin.
Kate nickte und beschloss, die Frau erst einmal zur Ruhe kommen zu lassen. Sie übergab ihr eine Visitenkarte.
„Falls Sie noch Fragen haben, können Sie mich gerne kontaktieren. Wie können wir Sie erreichen?“.
„Warten Sie, hier“, Camilla nahm einen kleinen Block und schrieb eine Handynummer auf, riss das erste Blatt ab und gab es an Kate Beckett weiter.
„Danke. Wir melden uns“, versicherte Kate, verabschiedete sich und ging.


Im Revier angekommen machte sich Kate direkt daran, das noch weiße Mordfallbrett zu füllen. Nach einiger Zeit war sie fertig. Sie wussten wirklich noch nicht viel.
„Beckett“, Esposito kam auf sie zu, eine Akte in der Hand, dicht gefolgt von Ryan.
„Was gibt’s?“, fragte sie erwartungsvoll.

„Wir haben die Familie Olofsson überprüft. Alle unauffällig, bis auf eine“, fing Espo an.
„Viveca Olofsson existiert nicht mehr“, vollendete Ryan die Ausführungen seines Kollegen.
„Was? Aber Camilla Olofsson hat eindeutig von ihren beiden Töchtern geredet, die sie noch hat“, widersprach Beckett.
„Das lässt sich erklären: Viveca ist vor zwei Wochen spurlos verschwunden. Man hat die Leiche einer blonden Frau in ihrem Alter aus dem Hudson River gefischt und raten Sie mal, wie diese Leiche aussah“, erklärte Ryan.

Beckett sah sie erwartungsvoll an. „Gehäutetes Gesicht, verbrannte Fingerspitzen und gezogene Zähne“, führte Espo auf.
„Also genauso wie ihr Onkel Mats Olofsson“, überlegte Beckett laut.
„Genau. Doch wir haben und den Bericht von der Gerichtsmedizin geholt: der Mediziner wurde bestochen. Bei der Leiche handelte es sich nicht um Viveca“.

„Also ist Viveca abgetaucht. Vielleicht ist sie unser Täter“, vermutete Ryan.
„Alter, machst du gerade den Castle?“, fragte Espo grinsend.
„Ich mache was?“, fragte sein Partner nach.
„Den Castle. Du stellst verrückte Theorien auf. Hey Beckett, wann können wir wieder mit ihm rechnen?“.
„Übermorgen. Denke ich“, antwortete Beckett.
„Na Gott sei Dank, dann kann Ryan wieder er selbst sein“, meinte Esposito übertrieben theatralisch.

„Zurück zum Fall, was ist mit Hjördis?“, unterbrach Beckett das zunehmend in eine private Richtung gehende Gespräch ihrer Kollegen.
„Ein Musterbeispiel. Keine Strafakte, nichts auffälliges in ihrer Schülerakte, Schul- und Collegeabschluss mit Bestnote. Und ein Alibi hat sie auch. Sie ist momentan in ihrem Heimatland, mit ihrem Freund Robert Baker“, antwortete Ryan.

„Was ist mit ihrer Schwester? Auch gute Noten?“.
„Generell schon. Ebenfalls ein guter Abschluss, sowohl in der Schule als auch am College. Allerdings fand ich interessante Informationen in ihrer Schülerakte. Als sie 19 Jahre alt war – kurz nach ihrem Geburtstag – verschwand sie für eine Woche, kam danach vollkommen verändert wieder. Sie fing an, sich selbst zu verletzen, plante mehrfach Selbstmord, doch dank ihrer Freundin Alissa Morrey kam es nie dazu“, fasste Espo zusammen.

„Gut. Viveca und Mats hängen zusammen. Mehr als nur Onkel und Nichte, da bin ich mir sicher. Was wissen wir über den Tod ihres Vaters?“, fragte Beckett nach und notierte die Informationen auf dem weißen Brett.
„Normaler Herzinfarkt, wir haben die Krankenakte gesichtet. Nichts Unauffälliges“.
„Wenigstens eine normale Sache in dieser Familie. Holt noch einmal Camilla Olofsson her und sucht nach Alissa Morrey, sie könnte etwas wissen“.
„Wird gemacht“, antworteten Ryan und Espo im Chor und machten sich an die Arbeit.

Kates Handy klingelte, eine SMS von Lanie. Die Ergebnisse der Untersuchungen lagen endlich vor. Sofort machte Kate sich auf den Weg in die Gerichtsmedizin.


„Hallo Lanie“, begrüßte Kate ihre Freundin.
„Kate, da bist du ja. Unser Freund hier“, sie deutete auf Mats‘ Leiche, die vor ihr auf dem Tisch lag, „wurde tatsächlich vergiftet. Ich habe mir den Laborbericht angesehen und daraufhin seinen Mageninhalt überprüft. Ihm wurde eine große Menge eines muskellockernden Mittels verabreicht, sodass sein Herz einfach stehen blieb. Das war etwa gegen zwei Uhr nachts. Er müsste das Medikament gegen acht Uhr abends eingenommen haben; was seine Haut, die Finger und die Zähne betrifft…“, Lanie machte eine kurze Pause.

„Das ist alles erst heute Morgen geschehen. Ich denke zwischen fünf und sechs Uhr“.
„Also hat der Täter ihn abends vergiftet und morgens entstellt?“.
„Ja, euer Mörder ist wieder zurückgekommen, um es zu Ende zu bringen. Genug zum Fall. Wie geht es dir?“.
„Auch nicht anders als gestern. Ich bin ja nicht tot-krank“, stieg Kate lächelnd auf Lanies abrupten Themawechsel ein.
„Sicher? Weiß es schon irgendwer?“, fragte sie nach.
„Ja, ich bin mir sicher und nein, ich habe es noch keinem erzählt“, ihr Handy vibrierte.
„Und ich muss jetzt los. Langsam fühle ich mich wie ein Hund, den man ruft und der dann kommt“, mit diesem passenden Vergleich verabschiedete sich die Polizistin und machte sich wieder auf den Weg.


„Camilla Olofsson ist hier und der Bericht der Spurensicherung ist auch gerade angekommen. Der Tatort war komplett sauber, keine fremden Fingerabdrücke, keine Haare oder sonstiges. Auch an der Tür gibt es keine Spuren für gewaltsames Eindringen“, informierte Espo sie sofort über den Stand der Dinge, als sie das Revier betrat.

„Das heißt, der Täter hatte einen Schlüssel“, vermutete Beckett.
„Genau. Und wer bietet sich da besser an als die Familie?“.
Beckett warf ihm einen bedeutungsvollen Blick zu und betrat den Verhörraum.
„Frau Olofsson, wir hätten noch ein paar Fragen an Sie“, fing Beckett an.
Camilla nickte nur.

„Hatten Sie einen Schlüssel zur Wohnung ihres Bruders?“, kam sie direkt zur Sache.
„Ja natürlich. Ich habe ihn sogar bei mir, warten Sie…“, sie fing an, in ihrer Tasche zu wühlen und blickte dann erschrocken auf.
„Er ist weg“.
„Weil sie ihn letzte Nacht benutzt haben, um in die Wohnung zu gelangen und ihren Bruder zu töten“, Becketts Stimme wurde lauter.
„Was? Oh Gott, nein! Ich würde meinen Bruder nicht umbringen“, Panik war in Olofssons Augen zu sehen.
„Wo waren Sie dann zur Tatzeit? Sie müssten doch ein Alibi haben, nicht wahr?“.

„Nein, ich habe keins… ich war allein zu Hause und wir haben keinen Pförtner. Aber ich war es trotzdem nicht. Denn da, wo ich herkomme, bedeutet Familie etwas“, antwortete sie leise.
„Ich glaube Ihnen. Trotzdem müssen wir das überprüfen. Ich möchte mit Ihnen über noch etwas reden“, Kate machte eine Pause, ihre Stimme war wieder sanfter geworden, „Viveca“.

Camilla Olofsson fiel fast vom Stuhl.
„Viveca? Sie ist tot“, sagte sie leise und unsicher, ihre Augen wurden von einem leichten Tränenfilm überzogen.
„Nein, ist sie nicht“. Hoffnung trat in den Blick der schwedischen Immigrantin.
„Nicht? Aber die Leiche… man sagte uns, Viveca wäre tot“, erklärte Camilla.
„Der Gerichtsmediziner wurde bestochen. Viveca ist untergetaucht. Es ist wichtig, dass sie mir jetzt die Wahrheit sagen. Hat sich Viveca bei Ihnen oder bei Hjördis gemeldet?“, fragte Kate Beckett eindringlich.

„Nein, ich dachte sie wäre tot. Und ich habe nie mehr etwas von ihr gehört, Hjördis auch nicht. Bitte, was haben wir der Welt getan, dass wir so leiden müssen?“, verzweifelt fing Camilla wieder an zu weinen.
„Das versuchen wir herauszufinden“.
„Bitte, wenn Viveca lebt, dann bringen sie mir mein Mädchen wieder zurück, bitte Detective“.


Es war bereits später Abend, als Kate Beckett nach Hause kam. In ihrem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Der Fall war verworren. Castle würde ihn lieben, da war sie sich sicher. Sie schloss die Tür zum Loft auf und trat ein, streifte sich die Jacke von den Schultern und schlüpfte aus den Schuhen.
Dann ging sie durchs Schlafzimmer ins Bad, um zu duschen. Wenig später kam sie in Jogginghose und Kapuzenpulli zurück ins Wohnzimmer.

Sie schaltete den Fernseher an, es lief gerade irgendeins von diesen Klatschmagazinen. Thema: Richard Castle. Er hatte es also mal wieder ins Fernsehen geschafft. Kate schmunzelte und war froh darüber, nicht berühmt zu sein.
Im Bericht ging es hauptsächlich um seine Buchtour, die heute zu Ende gegangen war. Dann erschien ein Bild von ihm und Gina. Darunter ein Schriftzug: Richard Castle wieder mit Ex-Frau liiert? Kate zog eine Augenbraue nach oben. Ja sicher. Castle konnte Gina nicht ausstehen, natürlich fing er eine Beziehung mit ihr an. Immer noch grinsend schüttelte Kate den Kopf und ging in die Küche, nahm sich ein Glas und trank etwas Wasser.

Ihr Handy klingelte, eine Nachricht von einer unbekannten Nummer. Sie öffnete die Nachricht.
Hallo, meine Schöne.
Kate runzelte die Stirn.
Wer bist du?, schrieb sie zurück.

Unwichtig. Lass uns verstecken spielen., kam die Antwort nur Sekunden später.
Kate bewegte sich nicht, ließ nur ihren Blick durchs Loft wandern, scannte jeden kleinen Winkel ab.
Du kannst mich nicht finden. Aber ich finde dich. Los, versteck dich, eine neue Kurznachricht.

Kate hörte einen Knall, instinktiv ging sie in die Hocke, hinter den Küchentresen. Ihre Hände wanderten zum Bund ihrer Hose, auf der Suche nach ihrer Waffe. Sie war nicht da. Verdammt, wo… im Bad! Sie hatte sie nach dem Duschen natürlich nicht wieder angelegt. Wieso sollte sie auch? Es war ja nicht normal, dass sie sie außerhalb ihrer Arbeitszeit brauchte.
Erneut kam eine Nachricht.

Mäuschen, mach mal piep.
Kate bewegte sich kein Stück, atmete so leise sie konnte und hoffte einfach, es wäre nur ein Traum. Gerade, als sie einen der unteren Schränke öffnen wollte, um sich einen Topf oder eine Bratpfanne zu schnappen, bekam sie noch eine Nachricht.

Das würde ich nicht tun.
Kate erstarrte.

GEFUNDEN!, sie empfing ein Bild von der Küchenzeile, und ehe sie es sich versah, drückte ihr jemand ein Tuch auf Mund und Nase und ihr wurde schwarz vor Augen.

_____

Ich danke euch für die neuen Favos und Aufrufe
Review schreiben